Deutschland hat das wertvollste WM-Team – für Versicherer

Mathematik macht es möglich: Ein Ranking des britischen Versicherungsmaklers Lloyd’s sieht die deutsche Mannschaft als heißesten Favorit auf den Titel

Foto: Adidas

Der Abgang von Mats Hummels weckte schlimmste Befürchtungen. Gestützt von Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt humpelte der deutsche Innenverteidiger im Spiel gegen Portugal nach 73 Minuten vom Platz – und sorgte für bange Mienen bei Bundestrainer Jogi Löw und Millionen Fußballfans vor den Bildschirmen. Würde der Dortmunder Abwehrhüne, der gerade noch mit einem spektakulären Kopfballtor verzückt hatte, das Turnier vorzeitig beenden müssen?

Schon wenige Stunden nach Abpfiff gab es Entwarnung. Nur einen Schlag auf den Oberschenkel habe er abbekommen, sagte Hummels. Ein Handtuch mit Bundesadler um die Hüfte geschlungen, zeigte er sich frisch geduscht beim Kabinenfoto mit Kanzlerin Angela Merkel schon wieder guter Dinge. „Es hätte mich schlimmer treffen können“, sagt Hummels, der nun auf einen erneuten Einsatz gegen Ghana am Samstag hofft.

Bei den Portugiesen dagegen bleibt die Stimmung gedrückt – nicht nur, weil nach dem 0:4 gegen Deutschland schon in der Vorrunde das WM-Aus droht: Abwehrspieler Fábio Coentrão und Stürmer Hugo Almeida, die ebenfalls den Platz vorzeitig verlassen mussten, droht eine längere Verletzungspause.

Ein Spiel mit drei verletzten Top-Spielern – auch Versicherern treibt das Sorgenfalten auf die Stirn. Falls die Blessur sich als so schwerwiegend erweist, dass ein mehrmonatiger Ausfall oder gar das Karriereende folgt, können hohe Zahlungen auf sie zukommen. Denn die meisten Spieler sorgen vor – über sogenannte Spielunfähigkeitsversicherungen. Solche Verträge laufen in der Regel über drei Jahre, das Fünffache des aktuellen Gehalts ist maximal versicherbar. Top-Verdiener der Bundesliga wie Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger, denen ihr Arbeitgeber FC Bayern München geschätzt an die zehn Millionen Euro pro Jahr überweist, könnten so bei einem verletzungsbedingten frühen Abschied vom aktiven Fußball auf Ansprüche von bis zu 50 Millionen Euro kommen.

Weltweit führender Anbieter in diesem Geschäft ist nach eigenen Angaben Lloyd‘s of London. Das englische Unternehmen agiert als Spezialversicherungsmarktplatz. Lloyd’s bringt über Makler Spieler und Versicherer zusammen. Die Verträge werden maßgeschneidert für Spitzenfußballer austariert, anschließend werden die Risiken auf mehrere Schultern verteilt. Mehrere Versicherer übernehmen beispielsweise je 20- oder 30-prozentige Anteile – und stehen dafür gerade, falls der Schadensfall eintritt.

Quelle: PR Nike

Zur WM wagt Lloyd’s den Blick über die tägliche Praxis hinaus – und hat die Versicherungswerte für alle 32 Teams ermittelt, die an der Endrunde in Brasilien teilnehmen. Basis dafür sind die während der gesamten Karriere zu erwartenden Einnahmen aus Gehältern, Prämien und Werbeverträgen. Bei Weltstars kann dieser Wert schnell zu einer hohen zweistelligen oder gar dreistelligen Millionensumme anwachsen. Der Portugiese Cristiano Ronaldo gilt als bestverdienender Fußballer der Welt und kommt laut „Forbes“-Liste etwa auf 60 Millionen Euro Einnahmen pro Jahr.

Dabei liegen im Lloyd’s-Ranking gar nicht einmal die Teams rund um die Superstars wie Ronaldo, Neymar aus Brasilien oder Lionel Messi aus Argentinien vorne. Platz eins belegt stattdessen mit einem Versicherungswert von 795 Millionen Euro die deutsche Nationalmannschaft – Lloyd’s erklärt die Deutschen damit auch zum heißesten Anwärter auf den Titel. Es folgen die Spanier mit 732 Millionen Euro vor England mit 682 Millionen Euro. Gastgeber Brasilien – bei den Buchmachern noch erster Aspirant auf den Cup-Gewinn – belegt beim Versicherungswert nur Rang vier mit 556 Millionen Euro.

Quelle: Lloyd’s

Für die Analyse hat das von Lloyd’s beauftragte Centre for Economics and Business Research anonymisierte Gehaltsdaten der 23-köpfigen Kader aller Teilnehmer verwendet. Weitere Faktoren sind das Einkommensniveau einzelner nationaler Ligen, ebenso anstehende Verhandlungen um TV-Verträge. Denn diese spülen den Vereinen regelmäßig zusätzliche Millionen in die Kassen, die rasch wieder auf den Konten der Spieler landen.

Um die Höhe von Werbeverträgen zu bestimmen, griffen die Forscher auf öffentliche Quellen wie die Forbes-Listen zurück. Die geschätzten künftigen Einnahmen wurden zudem zu einem Satz von zehn Prozent abgezinst, um Unwägbarkeiten bezüglich der tatsächlichen Gehaltssteigerungen abzufedern. Der aktuelle Verdienst erhalte so ein stärkeres Gewicht, schreiben die Autoren der Studie.

Zwei Faktoren bringen der deutschen Mannschaft den Spitzenplatz ein: Das schon heute hohe Einkommen der Spieler und laut Lloyd’s das niedrige Durchschnittsalter von 26,3 Jahren. Damit hat die Löw-Elf beim Verdienst mehr Potenzial als Titelverteidiger Spanien. Denn die Iberer sind mit einem Altersschnitt von 28,2 Jahren dem Fußballer-Rentenalter, das bei Feldspielern bei Mitte 30 liegt, schon deutlich näher.

Die Engländer profitieren auch davon, dass sie ein vergleichsweise junges Team haben (26,5 Jahre) und dass in ihrer Heimatliga, wo die meisten Spieler aktiv sind, mit die besten Gehälter gezahlt werden. Der Durchschnittswert eines einzigen englischen Spielers ist so höher als der des gesamten Teams von Gruppengegner Costa Rica. Auch die im Schnitt älteren Italiener, die bei gerade einmal 244 Millionen Euro Versicherungswert liegen, lassen die Engländer weit hinter sich. Sie spielen ebenfalls überwiegend in der Heimat, wo jedoch die Gehälter deutlich niedriger sind als in der Premier League.

In Deutschland ist der wichtigste Partner von Lloyd’s Dieter Prestin – als Fußballprofi war er in den 1970er und 1980er Jahren für damaligen Spitzenklub 1. FC Köln aktiv. Der 57-Jährige ist für eine Reihe von Bundesligisten tätig und betreut etwa 400 Fußballer über sein Unternehmen, die Dieter Prestin Sportversicherungsmakler GmbH. Prestin ist einziger Coverholder von Lloyd’s in Deutschland. Das heißt: Er besitzt eine Zeichnungsvollmacht und darf damit unmittelbar Deckungszusagen machen. Auf 100 Spieler kämen jährlich zwei bis drei Fälle, in denen eine Spielunfähigkeitsversicherung in Anspruch genommen wird, sagt Prestin.

Auch Fußballklubs zählen zur Kundschaft von Prestin, um bilanzielle Probleme im Fall einer schweren Verletzung eines Kickers zu vermeiden. „Sie sind zunehmend als Kapitalgesellschaften organisiert und sichern den Buchwert der Spieler ab.“ Selbst die Fifa hat vor zwei Jahren eine Spielerversicherung eingeführt. Im Anschluss an die WM 2010 gab es Proteste von Bayern München, nachdem sich Arjen Robben im Turnier schwer verletzt hatte und anschließend monatelang ausfiel – ohne, dass der Klub eine Entschädigung erhielt. Für solche Fälle kommt nun die Versicherung des Weltverbands auf. Wer schon mit einer Blessur anreist, muss sich – wie vor wenigen Tagen Bastian Schweinsteiger – vor Turnierstart noch einmal untersuchen lassen. So sollen Streitereien vermieden werden, wer für einen möglichen Schaden später zu zahlen hat.

Im deutschen WM-Team sind mehrere Spieler aus Prestins Kundenkreis dabei. So kümmert er sich um die Absicherung aller Profis von Bayern München, die im Kader stehen. Die schlagzeilenträchtige Versicherung einzelner Körperteile – so soll die Sängerin Jennifer Lopez ihr Hinterteil millionenschwer versichert haben – gebe es im Fußball normalerweise nicht, sagt Prestin. „Es kommen ganzheitliche Policen zum Einsatz.“

Auf rund 0,8 Prozent der Versicherungssumme pro Jahr veranschlagt Prestin die Prämie für aufstrebende jüngere Spieler. Auch das kann schnell in die Hunderttausende gehen. Gestandene Kicker Ende zwanzig müssten um die 1,2 Prozent zahlen. Teurer wird es, wenn sich ein Spieler schon einmal schwerere Verletzungen – etwa im Knie – zugezogen hat. Ein bereits gerissenes Kreuzband wird dann gegen Aufpreis in die Police einbezogen.

„Ein einzelner Versicherer kann nie das Know-how erwirtschaften, um selber im Markt aktiv zu werden.“ – Versicherungsmakler Dieter Prestin

Versicherer, die am Ende die Risiken schultern, seien in Spezialmärkten wie dem Fußball auf externe Experten angewiesen, die die Regeln in einzelnen Fußballmärkten kennen, sagt Prestin. „Ein einzelner Versicherer kann nie das Know-how erwirtschaften, um selber im Markt aktiv zu werden.“ Es sei auch für globale Anbieter wie Swiss Re schlicht unwirtschaftlich, für solche Nischenmärkte eigene Produkte zu entwickeln.

In der Studie hat Lloyd’s nicht nur die Teams betrachtet, sondern auch nach Spielpositionen differenziert. Auf die höchsten Summen kommen dabei im Schnitt die Stürmer mit 14,6 Millionen Euro. Torhüter und Abwehrspieler erreichen 7,7 Millionen Euro, im Mittelfeld sind es 11,7 Millionen.

Was aber hat der Versicherungswert, also das geschätzte künftige Einkommen, mit den tatsächlichen sportlichen Fähigkeiten zu tun? England etwa unterlag den Italienern im ersten Gruppenspiel mit 1:2. Spanien holte sich bei den deutlich niedriger bewerteten Holländern gar eine 1:5-Klatsche ab. Die Lloyd’s-Experten lassen sich davon nicht beirren.

Auf Basis der Versicherungswerte haben sie auch das gesamte Turnier durchgespielt – das jeweils höher bewertete Land setzt sich durch. Deutschland räumt danach als Gruppenerster im Achtelfinale erst Russland aus dem Weg und gewinnt anschließend gegen Frankreich und im Halbfinale wird auch Belgien besiegt. Im Finale treffen die Löw-Kicker dann auf die Spanier – und revanchieren sich für die Niederlagen bei den zurückliegenden Turnieren. Versicherungsmathematisch betrachtet halten die Deutschen den WM-Pokal also schon in den Händen.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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