Die Suche nach dem Faktor X

Selten lagen Wettanbieter so daneben wie bei dieser WM. Vor den Achtelfinals hat das HWWI die Prognosen erneut überprüft. Neuer Top-Favorit ist Deutschland.

#GERALG. Dieser Twitter-Hashtag wird bis zum WM-Achtelfinale am Montagabend die Online-Diskussionen dominieren – in ganz Fußballdeutschland und ganz Fußballalgerien. „Dass die Algerier unbequem sind, haben sie bewiesen“, warnte Bundestrainer Joachim Löw mit einem gut geölten Reflex, nachdem feststand, dass die Nordafrikaner das erste Mal in ihrer WM-Historie die Gruppenphase überstanden hatten. Zehntausende strömten allein in der Hauptstadt Algier auf die Straßen, um den größten Fußballerfolg ihres Landes zu feiern.

Screenshot: mx

Bei der Weltmeisterschaft 1982 trafen Deutschland und Algerien schon einmal aufeinander – am Ende hieß es sensationell 2:1 für Algerien. In Gijon machten sich die Torschützen Madjer und Belloumi zu Volkshelden. Nur eine unsportliche Schiebepartie zwischen Deutschland und Österreich im Anschluss verhinderte das Fortkommen der Algerier im Turnier – einer der dunkelsten Momente in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bunds (DFB).

32 Jahre später können die Algerier sich im direkten Duell revanchieren. Fragt man die Buchmacher, ist das anstehende Achtelfinale am Montag in Porto Alegre eine klare Angelegenheit. Bei keinem der acht K.o.-Spiele fallen die Erfolgsquoten der beiden Teams weiter auseinander. Wer beim Online-Anbieter Bwin zehn Euro auf einen deutschen Sieg wettet, bekommt nach Abzug der fünfprozentigen Wettsteuer im Erfolgsfall gerade einmal 2,35 Euro Reingewinn ausgezahlt. Gewänne Algerien, würde dies andersherum satte 80,25 Euro einspielen.

Nüchtern betrachtet: Es könnte sich lohnen, auf den Außenseiter zu setzen. Denn der bisherige WM-Verlauf hat vor allem eines bewiesen: Die Vorab-Quoten der Buchmacher lagen überraschend weit daneben – ebenso wie viele Experten-Prognosen. Und bei den privaten Tippspielen finden sich oft jene Mitspieler vorne, die sich zuvor als absolute Laien geoutet hatten.

Für die Buchmacher sind eigene Fehleinschätzungen kein nachhaltiges Problem: Da sie ihre Marge vor dem Berechnung der potenziellen Auszahlungen abziehen, münzen sie Wettumsätze mit der Präzision einer Maschine in Gewinne um – ganz unabhängig von den Ereignissen auf dem Platz. Das breite Angebot – auch über einzelne Sportarten hinweg – macht die Kalkulation am Ende immer sicher.

Costa Ricas Titelquote lag anfangs bei 1.501 : 1

Diese WM gilt schon jetzt als ein Turnier der Favoritenstürze und Zwergenaufstände. Das frühe Ausscheiden von Spanien und Italien hat Millionen europäische Fans eiskalt erwischt. Auch Englands und Portugals schwaches Abschneiden war – gemessen an den Buchmacherprognosen – eher unwahrscheinlich. Ins Rampenlicht gespielt haben sich dagegen Teams wie Chile, Nigeria, Griechenland – und insbesondere Algerien und Costa Rica. Die beiden letztgenannten galten laut Bwin-Quoten vom 1. April als die größten Außenseiter. Wer vor Beginn der WM auf Costa Ricas oder Algeriens WM-Sieg wetten wollte, bekam jeweils für einen Euro Einsatz einen Bruttogewinn von 1501 Euro versprochen. Inzwischen wurden die Quoten auf 201 Euro im Falle Algeriens und sogar 51 Euro für Costa Rica gestutzt – extreme Korrekturen also.

Einige Mannschaften wurden offenbar fundamental falsch bewertet. – Henning Vöpel, HWWI

Doch woran liegt es, dass die Buchmacher viele Außenseiter bisher so stark unterschätzt haben? „Eigentlich sollte in den Wettquoten die gesammelte Intelligenz des Marktes stecken“, sagt Henning Vöpel, Professor für Volkswirtschaftslehre am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). „Doch nach dem bisherigen Verlauf der Fußballweltmeisterschaft muss man angesichts der Wettquoten teilweise von Marktversagen sprechen. Einige Mannschaften wurden offenbar fundamental falsch bewertet.“ Gemeinsam mit der Berenberg Bank hat Vöpel vor Beginn der WM die Erfolgsindikatoren der 32 teilnehmenden Mannschaften analysiert – und ein Modell zur Schätzung von Titelwahrscheinlichkeiten entwickelt.

Foto: Nike

Ein statistisches Regressionmodell zeigte dabei: „Die Titelwahrscheinlichkeiten basieren zu 85 Prozent auf dem Marktwert der Mannschaften und dem Südamerika-Heimvorteil“, so Vöpel. Die Analyse der Wettquoten ergab statistisch signifikant, dass die Buchmacher den südamerikanischen Ländern eine um drei Prozentpunkte höhere Titelwahrscheinlichkeit beigemessen hatten. Tatsächlich blieb mit Ecuador bislang nur ein einziger WM-Teilnehmer des Kontinents auf der Strecke.

Jetzt hat Vöpel das Rechenmodell für das Wall Street Journal Deutschland nach Ende der Gruppenphase erneut genutzt, um Erkenntnisse über die veränderten Wahrscheinlichkeiten des WM-Ausgangs zu gewinnen. Die klarste Nachricht betrifft die deutschen Fans: Nach der neuen Auswertung hat sich Deutschland zum Top-Titelkandidaten gemausert – gleichauf mit Gastgeber Brasilien.

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20 Prozent beträgt laut HWWI aktuell die jeweilige Titelwahrscheinlichkeit für Deutschland und Brasilien, wobei das Löw-Team gegenüber dem Turnierstart um 6,5 Prozentpunkte zulegte und die Heimmannschaft nur einen. Argentinien darf sich nun mit 15,6 Prozent (zuvor 13,5) die drittgrößten Hoffnungen machen, Shootingstars sind die Niederlande mit 11,2 Prozent (3,5) und Frankreich mit 10 Prozent (4,7).

Algerien liegt noch immer ganz am Ende des 16er-Feldes mit nur 0,4 Prozent Titelchancen – das Team war nur unwesentlich schlechter mit 0,1 Prozent Titelchancen an den Start gegangen. Mehr zugetraut von den Wettanbietern wird nach der fulminanten Vorrunde neuerdings Costa Rica. Die Bezwinger Uruguays und Italiens haben ihre Titelchancen auf 1,8 Prozent (zuvor 0,1) erhöht und liegen aktuell laut HWWI-Wahrscheinlichkeitsrechnung vor den USA, der Schweiz und Griechenland.

Belgien siegt – doch die Titelwahrscheinlichkeit sinkt

Normalerweise sollte man davon ausgehen, dass bei der Halbierung des Feldes auf 16 Teilnehmer die Titelchance jeder Mannschaft zumindest ein wenig klettert. Doch mit Blick auf die Wettquoten vor dem Start der Achtelfinals ist dem in drei Fällen nicht so: Das früh als Geheimfavorit gehandelte Belgien wurde trotz dreier Siege abgewertet – die Titelchance sank laut HWWI von 5,9 auf 4,3 Prozent. Auch Uruguay, das nun ohne den bissigen Stürmer Luis Suárez auskommen muss, büßte um 1,3 Prozentpunkte ein und liegt nun bei 2,2 Prozent. Dritter Kandidat mit rechnerisch nun schlechteren Aussichten ist die Schweiz: Die Titelchance sank von 1,4 auf 1,1 Prozent.

Foto: Hamburgisches WeltWirtschafts Institut (HWWI)

Wirtschaftsprofessor Vöpel erkennt nach der statistischen Analyse in den veränderten Quoten neue Muster: „Jetzt in den K.o.-Spielen kommt es offenbar wieder mehr auf fundamentale Qualitäten und Erfahrung an.“ Dagegen trage der Südamerika-Heimvorteil nicht mehr zur Erklärung der Wettquoten bei. Ein naheliegender Grund: Vier südamerikanische Teams – Brasilien, Chile, Kolumbien und Uruguay – müssen sich in dem kommenden Runden gegenseitig aus dem Turnier werfen. Nur eines von ihnen kommt ins Halbfinale.

Vöpel spricht vom entscheidenden „Faktor X“ – und meint damit die schwer greifbaren Einflüsse wie Teamgeist, Fitness und Zufälle im Spielverlauf, die in einem Turnier den entscheidenden Unterschied ausmachen können. Der Faktor X habe zu nur 15 Prozent in die frühen Quoten Eingang gefunden. „Der reine Blick auf den Marktwert der Einzelspieler wurde von den Buchmachern möglicherweise überschätzt. Es war mit 85 Prozent vor Turnierbeginn sehr hoch eingeflossen.“ Eindrucksvoll zeigte sich das am frühen Ausscheiden hochbezahlter Mannschaften – allen voran Titelverteidiger Spanien, dazu England, Italien und Portugal.

Experimentelle Ökonomie soll das Rätsel lösen

„Prinzipiell sind immer jüngste Ergebnisse und die Form ein sehr wichtiger Bestandteil der Wettquoten“, sagt Hartmut Schultz, Sprecher von Bwin. „Sehr wichtig für die Erstellung von Quoten für das Achtelfinale ist jetzt vor allem die Performance in der Vorrunde.“ So hat sich ein großer Außenseiter wie Costa Rica im Achtelfinale gegen Griechenland zum leichten Favoriten gemausert.

Auch der Spielort wird berücksichtigt. Unterstellt wird, dass physisch starke Mannschaften mit den teilweise extremen Wetterbedingungen – etwa der großen Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit in Manaus – besser klarkommen.  Doch die Auswirkungen auf die Quoten sind marginal. „All diese Sachverhalte machen letztendlich nur einen kleinen Unterschied“, sagt Schultz. „Am wichtigsten ist immer die Teamperformance der jüngsten Vergangenheit sowie die Frage, ob Spieler wegen einer Sperre oder Verletzung fehlen.“ So kann der Ausfall eines Top-Stars wie Luis Suarez, der nach seiner Beißattacke im Spiel gegen Italien vom Weltverband Fifa gesperrt wurde, relevant sein.

Lässt sich die Teamperformance schon im Vorfeld abschätzen – und zu einer kalkulierbaren Größe machen? Wäre es möglich gewesen, die schwachen Auftritte der Spanier vorauszusagen? „Nach der Antwort auf diese Frage suchen alle Trainer dieser Welt“, sagt Vöpel. „Wir kennen die Gesetzmäßigkeiten nicht.“

Dennoch wollen sich die Wirtschaftswissenschaftler zumindest an eine solche Variable heranpirschen. In der experimentellen Ökonomie gebe es Versuche, zu belastbaren Aussagen zu kommen. Mehr als ein Einkreisen aber wird es nie geben. „Schon ein Pfostenschuss oder eine falsche Entscheidung des Schiedsrichters kann im Fußball einem Spiel die entscheidende Richtung geben“, sagt Vöpel. „Wenn die Endrunde zehn Mal hintereinander gespielt würde, gäbe es garantiert mehr als einen Weltmeister.“

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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