„In Brasiliens Fußballbusiness herrscht Chaos“

Der Ex-Bundesligaprofi Thomas Kroth ist heute einer der führenden deutschen Spielerberater, unter anderem ist er für Nationaltorwart Manuel Neuer tätig. Im Interview erläutert er die Mechanismen des internationalen Transfermarkts, die Risiken der sozialen Medien – und warum er auch während der WM lieber in der Heimat arbeitet.

Quelle: PR

Herr Kroth, Sie sind nicht in Brasilien. Können Sie sich das als Spielerberater leisten?

Für Berater ist die Zeit nach der Saison die arbeitsintensivste Phase. Im Moment habe ich hier in Deutschland noch zu tun, mit einigen Transfers und Vertragsverlängerungen. Eigentlich habe ich geplant, ab dem Viertelfinale oder Halbfinale in Brasilien zu sein. Falls Deutschland ins Finale kommt, fahre ich definitiv hin. Die drei Tage, das bekomme ich in jedem Fall geregelt.

Fahren Sie dann als Fan oder als Berater?

Ein bisschen Berater ist immer dabei. Mit Manuel Neuer ist ein Spieler im Kader, den meine Agentur vertritt. Da will ich vor Ort sein, falls die Mannschaft weit kommt. Das war bei der WM in Südafrika so – und auch bei der letzten Europameisterschaft.

Müssten Sie nicht früher hin – und Spieler von Überraschungsteams wie Chile oder Costa Rica sichten?

Nein.

Andere gehen da offenbar offensiver vor. Von manchem afrikanischen Team wird berichtet, dass während der WM mehr Berater als Spieler in den Hotels sind.

Das ist eine Frage der grundsätzlichen Einstellung. Sie werden mich nie in einem Vorbereitungscamp sehen. Da haben wir nichts zu suchen. Bei einer Weltmeisterschaft im Hotel bei Nationalspielern aufzulaufen, das widerstrebt mir, es ist nicht meine Arbeitsweise. Und was etwa die südamerikanischen Spieler betrifft: Wir haben ein Netzwerk und Kontaktpersonen vor Ort – in Brasilien, Argentinien, Paraguay, das gehört bei einer guten Agentur dazu. An die können wir uns wenden, wenn ein Verein auf einen Spieler aufmerksam geworden ist. Wir müssen also gar nicht da sein. Aufs Blaue hin zu hoffen, dass man als Berater einen Chilenen an Land zieht, das kann man vergessen.

Costa Rica hat mit tollen Spielen überrascht. Wäre es nicht für einen Berater eine lukrative Strategie, sich aus möglicherweise unterschätzten Teilnehmerländern vor der WM Spieler zu sichern – in der Hoffnung darauf, dass sie sich in den Vordergrund spielen und es dann zu lukrativen Transfers kommt?

Das möchte ich nicht ausschließen. Ich aber konzentriere mich auf gewisse Bereiche, gewisse Spieler und Nationen, da habe genug zu tun. Man darf sich nicht verzetteln. In Südamerika ist es nötig, die Mentalität zu kennen, das muss man bedienen können. Wenn ich einen Spieler transferiere, dann will ich ihn gesehen haben, ein paar Mal mit ihm gesprochen haben. Ein Spieler muss auch charakterlich passen.

Sind Sie für Spieler aus Südamerika tätig?

Nein. Mein Schwerpunt sind deutsche Nachwuchsspieler. Im Ausland haben wir einen Schwerpunkt auf Japan und Korea gelegt. Wir hatten auch schon zwei, drei afrikanische Spieler – aber im Moment ist es nicht so, dass wir da eine große Basis aufbauen wollen.

Vor allem der brasilianische Spielermarkt produziert häufig Negativschlagzeilen. Oft ist unklar, wer Transferrechte hält, junge Spieler sollen ausgebeutet und mit falschen Versprechen angelockt werden. Wie sehen Sie die Lage?

Sie ist so wie beschrieben. Im dortigen Fußballbusiness herrscht Chaos, es ist schwer durchschaubar. Ich war einmal in Sao Paulo, einmal in Rio und auch in Argentinien, in Buenos Aires, um ein paar Spiele anzuschauen. Es hat mich nicht gereizt, dort aktiver zu werden. Dort gibt es verschiedene Rechtsauffassungen. Bei Verhandlungen tauchen plötzlich drei Parteien auf, die alle mitreden wollen. Zudem sind in Südamerika, vor allem auf den Hauptmärkten Brasilien und Argentinien, die Preise derartig explodiert, dass man nur noch mit wenigen Vereinen über Spieler sprechen kann. Aber diese großen Klubs wie Bayer Leverkusen mit der Bayer AG im Hintergrund, Bayern München oder Borussia Dortmund, die haben ein Netzwerk, das ich gar nicht aufbauen kann. Es sei denn, man ist bereit, jedes Jahr mehrere Monate in Brasilien zu leben. So hört man es von Roger Wittmann, der in Brasilien von Anfang an dabei war. Da habe ich nicht den Draht, auf den Zug muss ich nicht aufspringen.

Haben Sie gezählt, wie viele Spieler im Turnier aus wie vielen Ländern Klienten von Ihnen sind?

Es sind Spieler aus drei Ländern: Deutschland, Japan, Griechenland – und das teilweise über Kooperationspartner.

Selbst wenn Kevin Volland, den Sie vertreten, es am Ende nicht in den Kader schaffte – erhöht schon die Nominierung in den erweiterten Kader das Interesse?

Nein. Das Interesse ist ohnehin groß. In den Schwerpunktländern Deutschland, Italien, Spanien und England kennt man ihn sowieso.

Aber wenn man das Beispiel David Odonkor, der nicht ihr Klient war, nach der WM 2006 sieht. Da hatte man schon das Gefühl, dass nur die Flanke zum Siegtor im Spiel gegen Polen seinen Marktwert vervielfacht hat. Er wechselte anschließend für mehrere Millionen Euro zu Betis Sevilla – aber so richtig erfolgreich war er nie.

Damit würde man dem Spieler nicht gerecht werden. Er hat schon Qualität gehabt über seine herausragende Schnelligkeit. Und das wusste in Deutschland auch jeder. Durch dieses Spiel hat er sich auch international in Szene gesetzt. Das wurde schon dick angestrichen. Aber es auf eine Flanke zu reduzieren, das wäre zu wenig.

Was heißt denn eine WM-Teilnahme generell für den Marktwert?

Bei gestandenen Spielern gibt es weniger einschneidende Veränderungen als bei einem jungen Spieler, der erstmals richtig ins Rampenlicht treten kann. Ich bin überzeugt, dass so ein Spieler relativ schnell eine ganz andere Wertigkeit nach sich zieht. Viele Klubs warten während einer WM auch erstmal ab und schauen: Was geschieht da. Sie spekulieren teilweise darauf, dass sie einen jungen Spieler, der auf Top-Niveau auftritt, noch verpflichten können.

Foto: Adidas

Ein gestandener Spieler ist Manuel Neuer. Heißt das, es gibt in puncto Marktwert keine Ausschläge mehr – ganz unabhängig von der Leistung?

Manuel ist Welttorhüter. Ob er irgendwann 30 Millionen Euro wert ist oder dann 80 Millionen – das könnte alles sein, ist aber Spekulation. Es läuft doch in der Praxis so. Wenn fünf Vereine einen Spieler haben wollen, dann geht sein Marktwert nach oben. Wenn keiner ihn will, dann geht er nach unten. Es ist immer die Frage, ob es ein wirkliches Interesse gibt.

Einige Klubchefs kritisieren: Wer zur WM fährt, will anschließend sofort mehr Geld. Läuft das Spiel so?

Wenn jemand 28 oder 29 Jahre alt ist, dann ist das anders als bei einem jungem Spieler – etwa Matthias Ginter oder Shkodran Mustafi. Wenn sie dann noch mehrere Einsätze haben und sich ins Rampenlicht spielen, dann kann es sein, dass der Verein den Vertrag verlängern möchte. Dann ist auch ein höheres Gehalt gerechtfertigt. Davon profitiert ja auch der Verein. Das ist nicht immer in exakten Zahlen messbar. Aber bei Freundschaftsspielen bekommen die Klubs auch ein höheres Matchhonorar, wenn sie mehr Nationalspieler haben.

Sie arbeiten mit vielen japanischen Nationalspielern zusammen. Haben Sie schon mit ihnen nach dem enttäuschenden Ausscheiden in der Vorrunde gesprochen?

Ich habe schon mit dem einen oder anderen Spieler gesprochen. Dass man da aber die WM aufarbeitet, das ist am Telefon nicht möglich. Es ging mehr um organisatorische Dinge: Wann geht es in den Urlaub und wie lange? Wann muss der Spieler wieder beim Verein sein? Über die WM sagt man: Das war nicht so gut – aber beschäftige dich damit nicht zu lange. Es geht immer weiter im Leben.

Drohen Interessenkonflikte, wenn ein Berater so viele Leute aus einem Team vertritt?

Aus dem aktuellen Kader vertrete ich nur drei Spieler allein: Shinji Kagawa, Makoto Hasebe und Hiroshi Kiyotake. In den anderen Fällen sind noch japanische Kollegen mit im Boot. Da gibt es keine Interessenkonflikte.

Im Vorfeld der WM gab es die sogenannte Pinkel-Affäre um Kevin Großkreutz. Jetzt wurde der Stürmer Luis Suárez nach dem Biss gegen den italienischen Abwehrspieler Chiellini für vier Monate gesperrt. Wie gehen Berater mit solchen Vorfällen um?

In der Form habe ich das bei einem Spieler, für den ich arbeite, noch nicht erlebt. Es hängt auch von der Tragweite ab und läuft dann so, dass man vom Verein oder Verband angesprochen wird. Dass es ein Problem gibt, über das man reden muss. Suárez ist nicht nur ein Problem für den Klub, sondern für das Nationalteam. Und das im Weltfenster WM, man ist in diesem riesigem Blickfeld.

Rasant breiteten sich Bilder von Suárez als Vampir oder Hai in sozialen Netzwerken aus. Was bedeutet der mediale Wandel für die Spieler generell?

Es ist manchmal erschreckend. Heute haben Spieler alle ihre Homepage und twittern, da muss man dreimal überlegen, was man schreibt. Man kann sich als Spieler kaum noch frei bewegen. Überall lauern Leute mit Handykameras. In meiner Zeit als Spieler ging es noch anders zu. Ich beneide die Spieler heute nicht. Man ist immer mal gefrustet, hat schlechtes Spiel gemacht. Da sagt man schon mal einen Satz, der nicht druckreif ist. Heute geht das sofort überall rum.

Müssen Sie die Social-Media-Accounts der Spieler kontrollieren?

Die Agenturen kümmern sich darum, weil die Spieler gar keine Zeit dazu haben. Es wird von auch von einzelnen Leuten immer wieder Müll reingeschrieben. Da bereinigen wir die Seiten auch.

Sind Sie als Berater also froh, dass das deutsche Team im Quartier so abgeschottet ist?

Als Ex-Spieler finde ich es absolut richtig, dass das so ist. Der DFB sorgt ja immer wieder für Zeitfenster, in denen die Spieler Interviews geben können. Aber sie müssen ja nicht nur 90 Minuten spielen, das Turnier ist mit großen Reisestrapazen verbunden. Es ist keine Spaßveranstaltung, es geht um viel zu viel.

Thomas Mersch für das Wall Street Journal Deutschland

Kommentar hinterlassen


− 1 = eins

© 2012 Pressebüro JP4

Nach oben scrollen