Marcus Höfl: „Wir wollen Task Forces gründen“

Der Initiator des Camp Beckenbauer heißt Marcus Höfl. Wie er das Berg-Event zu einem dauerhaften Think Tank umkrempeln will, erklärt der Beckenbauer-Berater im Interview.

Foto: Camp Beckenbauer

Herr Höfl, am Montag gehen Sie das zweite „Camp Beckenbauer“ an. Stimmt es, dass das erste Camp eine Art Testballon ohne unbedingte Aussicht auf Wiederholung war?

Das erste Camp war im Juli 2013. Insbesondere der Fifa-Präsident und der IOC-Präsident haben uns ermutigt, es auf größere Beine zu stellen. Wir haben seitdem buchstäblich jeden Tag dran gearbeitet.

Das Forum wird künftig ergänzt um eine Juniorprofessur an der WHU in Düsseldorf. Zudem gibt es einen Camp-Beckenbauer-Index als Trendindikator. Sie expandieren – mit welcher Erwartung?

Wir hatten schon die Intention, es jährlich zu machen, aber mehr als Einmalevent, bei dem wir die wichtigsten Entscheidungsträger zusammenbringen. Dass es jetzt ein Ganzjahresprojekt wurde, auch mit einem wissenschaftlichen Fundament, das hat sich erst nach dem Erfolg im letzten Jahr entwickelt.

Die Zusammenkunft in den Bergen mutet ein bisschen an wie eine Kopie des Davoser Weltwirtschaftsforums – auf den Sport gemünzt. Ist das Ihr Vorbild?

Ich weiß es nicht, ich war noch nie in Davos. Wir haben uns Gedanken gemacht, wie man einen Beitrag leisten kann, dass sich Dinge verändern. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir versuchen müssen, das ganze Jahr über Aktivitäten zu entfalten. Wenn die wirklich etwas bewegen sollen, benötigen die ein wissenschaftliches Fundament.

Es ist ein Ganzjahresprojekt zur Zukunft des Sports. – Marcus Höfl

Sehen Sie es als ein Sportbusiness-Forum?

Es ist ein Ganzjahresprojekt zur Zukunft des Sports, das zwei Schwerpunkte hat: Sportgroßveranstaltungen und Innovationen.

Welche sind aus Ihrer Sicht die großen Herausforderungen, die der Sport annehmen muss und die jetzt im Camp thematisiert werden?

Gerade bei Großveranstaltungen haben wir erlebt, welchen unwahrscheinlichen Stellenwert der Sport eingenommen hat – allem voran der Fußball. Teilweise hat man das Gefühl, es ist eine Ersatzreligion. Während der Fußball-Weltmeisterschaft hat sich vier Wochen lang alles nur um dieses Thema gedreht, in allen Medien rauf und runter.

Freut Sie das als Berater von Franz Beckenbauer nicht?

Das ist per se eine positive Entwicklung, sie führt beispielsweise aber auch zu dem, was wir im letzten Jahr beim Confederations Cup erlebt haben: Dass der Sport zu einer Plattform wird für Menschen, die mit ihm gar nichts zu tun haben. Weil sie wissen, sie kriegen auf diese Weise große Aufmerksamkeit.

Sie meinen die Demonstranten in Brasilien?

Genau. Es gibt sicher viele Themen, die von den Demonstranten zu Recht thematisiert wurden. Aber wenn sie unterm Jahr thematisiert worden wären, kriegt es nicht so viel Aufmerksamkeit wie während der Sportveranstaltung. Da muss sich der Sport Gedanken machen, inwieweit kann man transparenter werden, Dinge besser kommunizieren. Und vor allem: die Veranstaltungen auch nachhaltiger organisieren.

Die Zeit ist vorbei, in der man ohne Rücksicht auf alles Spätere planen kann. – Marcus Höfl

In Brasilien wurden auch binnenpolitische Themen auf die Plattform gehoben, aber es gibt ja auch durchaus berechtigte Kritik – etwa, was die Vergabepraxis von Großveranstaltungen angeht.

Wir werden uns beim Camp mit dem Vergabeprozess beschäftigen, weil der ja der Startpunkt für alles ist. Da wird festgehalten, was Bewerber einhalten sollen. Gerade habe ich wieder Bilder gesehen von den verwaisten Wettkampfstätten der Sommerspiele in Athen 2004, auch die Olympiabauten von Sotschi machen jetzt schon einen recht unbewohnten Eindruck. Ich glaube, dass die Zeit vorbei ist, in der man ohne Rücksicht auf alles Spätere solche Dinge planen kann. Man muss sich dazu umfangreichere Gedanken machen.

Werden Sie also auch diskutieren, Katar die Fußball-WM 2022 wieder zu entziehen? Führen Sie solche Gespräche im Camp in aller Offenheit mit Herrn Blatter?

Ob es Sinn macht, Katar die WM zu entziehen oder nicht, entscheidet ja vor allem, ob nachgewiesen werden kann, dass es bei der Vergabe Unregelmäßigkeiten gab. Das muss man abwarten. Aber beim Camp Beckenbauer werden wir uns sicher damit beschäftigen, wie bei zukünftigen Vergaben Dinge transparenter und Kriterien klarer gemacht werden könnten.

Man könnte auch drüber nachdenken, ob auch zwischen dem Zeitpunkt der Vergabe und der Ausrichtung – oft ja eine Spanne von vielen Jahren – das Verhalten des Kandidaten eine Rolle spielen sollte…

Absolut. Darüber sollte man sich in jedem Fall Gedanken machen und Dinge festlegen. Wenngleich man auch alles unter dem juristischen Gesichtspunkt sehen muss. Die Fifa oder auch das IOC können die Gesetze in den Ländern nicht beeinflussen. Aber es müssen im Vorfeld der Vergabe entsprechende Kriterien aufgestellt werden. Damit werden wir uns sicher beschäftigen.

Foto: Camp Beckenbauer

Wird das Thema Korruption im Sport bei Ihnen eine Rolle spielen?

Korruption gibt es ja leider in allen Bereichen des Lebens. Es ist vor allem die Frage, wie man am besten Transparenz in solche Großverbände und Vergaben hineinbringen kann. Das wird auf jeden Fall auch ein Thema sein.

Ist Michael Garcia als unabhängiger Chefaufklärer der Fifa auch eingeladen? Die Fifa will ja nun nach eigenem Bekunden gegen Mauscheleien durchgreifen.

Dazu sind wir noch in der Abstimmung, aber neben Sepp Blatter wird Domenico Scala, der Vorsitzende der Audit- und Compliance Kommission, anwesend sein.

Man kann vielleicht offener diskutieren, wenn es nicht komplett öffentlich ist. – Marcus Höfl

Also der Chefaufklärer nicht zwingend?

Was die anderen Teilnehmer betrifft, da lassen Sie sich mal überraschen.

Zwangsläufig, ja. Man wird nicht viel mitbekommen von den Debatten. Es findet alles hinter verschlossenen Türen statt. Selbst die Gästeliste hüten Sie als Geheimnis…

Man kann vielleicht kritischer und offener miteinander diskutieren, wenn es nicht komplett öffentlich ist. Wir werden aber zu den Sessions Informationen herausgeben in Pressekonferenzen. Und wir haben Top-Medienvertreter eingeladen, die nicht für die Berichterstattung, sondern für strategische Beiträge im Raum sein werden.

Was meinen Sie mit den strategischen Beiträgen? Was sollen die eingebundenen Chefredakteure leisten? Ist gemeint, dass sie ihre Medien einschwören auf wichtige Ziele – wie die Olympiabewerbung 2024?

Nein, die sollen mitdiskutieren. Auch die Medien stehen unter Druck – und häufig redet man übereinander und nicht miteinander. Ich glaube, dass der Sport ein Zusammenspiel ist zwischen Klubs und Verbänden, Wirtschaftsvertretern und den Medien.

Das klingt ein wenig wie zu Zeiten der Griechenlandkrise, als Frau Merkel die Chefredakteure zu sich gebeten hat, um sicherzustellen, dass sie mit ihren Berichten keine Panik in der Bevölkerung schüren.

Die Medien sind ja ein wichtiger Bestandteil des Ganzen. Die TV-Anstalten leisten einen Großteil zur finanziellen Absicherung von Großevents und bestimmen viel mit. Die Medien sind Partner und haben ihre Wünsche. Es sind Keyplayer.

Das Verhältnis von Sepp Blatter und Franz Beckenbauer schien im Sommer angespannt gewesen zu sein, als die Fifa gegen Beckenbauer einen 90-Tage- Bann verhängt hatte und ihn von allen Fußball-Aktivitäten ausschloss. Grund: Herr Beckenbauer hatte sich zunächst geweigert, an der Aufklärung der WM-Vergaben an Russland und Katar teilzunehmen. Nun ist alles entspannt?

Ich glaube nicht, dass das Verhältnis Blatter-Beckenbauer das Thema war. Denn nicht Blatter hatte die Sperre ausgesprochen. Sie kam von der Ethikkommission. Also, es hatte nichts mit dem persönlichen Verhältnis der beiden zu tun. Die provisorische Sperre hatte ja nur damit zu tun, dass er die Fragen nicht beantwortet hat. Wir waren ja der Meinung, dass er das nicht musste. Und die Fifa-Kommission war einer anderen Meinung, hat ihn provisorisch gesperrt. Dann hat er wenige Tage später alle Antworten geliefert, damit ist der Fall bereinigt.

Mit „Fall bereinigt“ meinen Sie sicher den Nebenaspekt der Sperre. Wissen Sie, was mit Beckenbauers Aussagen gemacht wurde? Kennen Sie den Stand der Dinge beim eigentlichen Fall – den Ermittlungen der Ethikkommission?

Nein. Der eigentliche Fall hat mit Franz Beckenbauer direkt ja nichts zu tun. Es geht darum, ob es irgendwelche Unregelmäßigkeiten bei der WM-Vergabe 2018 und 2022 gab. Mehr gibt es zu dem Thema aus meiner Sicht nicht zu sagen.

Ist Franz Beckenbauer eigentlich noch in Brasilien zur WM geflogen?

Nein, er war nicht in Brasilien, weil wir das ja auch irgendwann mal planen mussten. Wir hatten dann schon umgeplant. Es ist aber nicht so, dass da irgendwelche Ressentiments wären.

Wir haben nicht die Intention, mit dem Camp Beckenbauer Geld zu verdienen. – Marcus Höfl

Wer trägt das Camp Beckenbauer als Partner finanziell?

Es gibt eine Gold-, Silber-, Bronze-Staffelung. Wir haben mehrere Partner, zum Beispiel 21st Century Fox, den FC Bayern München, Sportfive, Adidas und EA Sports. Insgesamt ist es eine umfangreiche Gruppe von unterschiedlichen Institutionen aus dem Sport und eng mit ihm verbundener Bereiche. Die Fifa und das IOC bringen sich inhaltlich mit ein.

Wie viele Partner sind es insgesamt?

Wir haben 250 Kandidaten definiert. Von drei Kriterien sollte eines erfüllt sein: Die Institution soll entweder einen globalen Einfluss auf den Sport haben. Oder sie soll in ihrem Bereich Marktführer sein. Oder: Wer eine führende Position einnimmt in einem anderen Bereich wie Nachhaltigkeit oder sozialem Engagement, kann auch dazu gehören. Da kommen Sie schnell auf die großen Partner der Fifa, des IOC, der relevanten Vereine.

Haben Sie Exklusivität versprochen? Darf Nike also niemanden schicken, weil Adidas kommt?

Nein, wir haben keine Exklusivität. Das sieht man schon daran, dass neben dem FC Bayern auch der BVB Dortmund mitmacht. Das ist ja genau die Idee, dass alle zusammenkommen, es soll keine Sponsorenveranstaltung sein. Keine Firma wird werblich auftreten, es wird beim Summit auch keine Logopräsenz geben. Aber es entstehen natürlich Kosten: Die Veranstaltung selbst, das wissenschaftliche Kompetenzteam an der WHU in Düsseldorf, dann die weiteren Veranstaltungen wie der internationale Ideenwettbewerb, der Young Leaders in Sports Summit, die wir machen wollen. Die Gelder, die reinkommen, werden für diese Ganzjährigkeit verwendet.

Wieso die Zurückhaltung der Financiers? Beim WEF in Davos sagen die Firmen mit Stolz, dass sie dabei sind. Oder sie nehmen einen Sitz im Stiftungsrat. Bei Ihnen ist gar nicht geplant, mitzuteilen wer das Geld gibt?

Wir sind noch ganz am Anfang, aber wir werden auch Gremien einführen. Das wollen wir mit den Partnern beim Camp nächste Woche besprechen. Und wir wollen uns zur Transparenz verpflichten.

Können Sie angeben, mit welchem Jahresbudget Sie kalkulieren?

Dazu möchte ich mich nicht äußern. Ich kann nur sagen, dass die Gelder verwendet werden, um die Kosten zu decken. Sollte es Überschüsse geben, die wir in den ersten Jahren sicher nur begrenzt haben werden, dann werden wir die für soziale Zwecke stiften. Wir haben nicht die Intention, mit dem Camp Beckenbauer Geld zu verdienen, bringen aber sehr viel Zeit und Energie ein. Wir wollen diese neutrale Plattform aufbauen, von der alle profitieren, und den Rest sozial anlegen.

Sie sind ja normalerweise Geschäftsmann. Was ist für Sie – als Kopf dieser Geschichte – der Antrieb?

Ja, ich bin normalerweise Geschäftsmann, habe aber auch die letzten Jahre das Glück gehabt, mit Franz Beckenbauer unterwegs gewesen zu sein. Wir haben sehr stark die Brille aus dem Land auf, in dem wir leben. Die Sichtweisen sind teilweise völlig unterschiedlich. So sind manche Institutionen und Personen, die bei uns imagemäßig angeschlagen oder ramponiert sind, anderswo absolute Größen.

Wie meinen Sie das?

Wenn zum Beispiel die Fifa in Westeuropa oder Deutschland scharf kritisiert wird, so gibt es in Afrika oder Asien viele, die das anders sehen. Und da der Sport immer globaler wird, habe ich bei den vielen Reisen Interesse bekommen, da einen Austausch herbeizuführen. Ich finde es auch wichtig, dass man Dinge macht, die sich nicht nur an persönlicher Wirtschaftlichkeit orientieren.

Wollen Sie eine politische Agenda setzen mit dem Camp Beckenbauer?

Können Sie mir politische Agenda definieren?

Ich nenne ein Beispiel: Werden Sie sich jetzt in Kitzbühel unterhalten, dass es für Deutschland sinnvoll wäre, die Olympiabewerbung für die Sommerspiele 2024 einzureichen?

Das muss der DOSB mit seinen Partnern entscheiden. Unsere Zielgruppe ist international, wir wollen keine rein deutschen Themen setzen, sondern uns mehr mit übergeordneten Themen beschäftigen. Etwa: Womit hängt es zusammen, dass es einen Bewerberschwund für 2022 gibt, und wie kann man das ändern? Oder: Ich habe das Gefühl, es gibt eine Diskrepanz zwischen Sommer- und Winterspielen. Bei den Sommerspielen reißen sich alle drum, bei den Winterspielen stimmen erstmals die Bürger einiger Länder dagegen…

Wir wollen Task Forces gründen. – Marcus Höfl

Aber es soll kein reiner Debattierklub werden, sagt auch der involvierte Professor Sascha Schmidt. Sie wollen sogar Studien anschieben, etwas bewegen. Nur was?

Stimmt, wir wollen unseren Partnern nahelegen, dass wir Task Forces gründen, in denen auch kritische Köpfe von außen mitarbeiten. Mindestens zwei Themen wollen wir definieren, es soll konkrete Ergebnisse geben. In einem Ideenwettbewerb werden die rund 200 Partneruniversitäten der WHU teilnehmen. Wir rufen die Studenten auf, zu relevanten Themen Lösungsvorschläge zu schicken. Da wird es eine Jury geben, die besten Ideen werden dann nächstes Jahr im Camp vorgestellt. Wir wollen auch eine Brücke bilden zwischen der jungen Generation und den heutigen Leadern im Sport.

Quelle: Camp Beckenbauer

Welche konkreten Themen könnten das sein?

Ich kann mir vorstellen, dass das Thema Ausschreibungen und Bewerbungen angegangen wird. Aber die Themen werden letztlich in Abstimmung mit den Partnern definiert. Wir wollen erst einmal intern diskutieren, und dann, wenn es Ergebnisse gibt, kommunizieren.

Welche Rolle spielt der Namensgeber? Beim ersten Camp fiel mir Franz Beckenbauer vor allem auf, weil er rote Socken anhatte. War der Dresscode Ihre Idee? Sollte man das mit dem Camp assoziieren?

Stimmt, die hat er sehr viel angehabt. Aber das hatte damit nichts zu tun. Ich habe ihn auch schon mit blauen und grünen Socken gesehen. Wenn er Ihnen nur dadurch auffiel, müssen wir uns dieses Jahr was Neues einfallen lassen.

Aber im Ernst: Ist Beckenbauer nur Namenspate?

Die Idee ist bei uns entstanden, vielleicht auch ein Stück weit bei mir. Aber er ist derjenige, der dazu inspiriert hat. Durch die ganzen Reisen vor allem im Vorfeld der WM 2006 ist ein Netzwerk entstanden. Und auch eine gewisse Art entstanden, wie man mit Themen umgeht. Deutschland 2006 war ein Beispiel für eine sehr nachhaltige Großveranstaltung, von denen es danach nicht mehr so viele gab. Das sehe ich auch als Inspiration für das Camp an: Dass man versucht, diese Dinge, wie sie in Deutschland 2006 gelaufen sind, ein Stück weit auf zukünftige Großveranstaltungen zu übertragen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Stefan Merx für JP4

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