Bilanzanalyse: Bei Justpay hängt alles am neuen Gesellschafter

„Justpay“ ist vielen Fans bekannt. RFID-Karten, mit Bargeld aufgeladen, sind Zahlungsmittel in Stadien. Die Betreiberfirma indes schreibt bislang rote Zahlen.

Wie steht es um die finanzielle Stabilität der Bezahlkartenfirma Payment Solution, die in sechs Erst- und Zweitligastadien* aktiv ist? JP4 hat einen Experten gebeten, die letzten verfügbaren Bilanzen der Payment Solution Services GmbH und ihrer Mutter Payment Solution AG unter die Lupe zu nehmen. Das Centrum für Bilanzierung und Prüfung (CBP) an der Universität des Saarlandes ist tiefer eingestiegen. Raphael Eichenlaub, wissenschaftlicher Mitarbeiter am CBP und Experte für insolvenzrechtliche Fragestellungen im Konzernverbund, stellt die gewonnenen Erkenntnisse im Interview vor.

Hinweis: Das Gespräch mit Raphael Eichenlaub wurde am 12.9.14 geführt. Fragen und Antworten beziehen sich auf die zu diesem Zeitpunkt verfügbare Quellenlage. Im Zuge der JP4-Recherchen teilte das Management der Payment Solution Services und der Investorengesellschaft Mountain Partners AG am 17.9. telefonisch mit, die Payment Solution AG sei im September 2014 zu 93,7 % von der neuen Schweizerischen Aktiengesellschaft Sandpiper Digital Payments AG übernommen und entschuldet worden. Die karibische Sandpiper Assets S.A. sei eine Interimslösung gewesen, eine Veröffentlichung im Handelsregister werde in Kürze erfolgen.

Foto: privat

Herr Eichenlaub, die Firma Payment Solution Services ist tausenden Stadionbesuchern bekannt über die Marke „Justpay“. Man lädt Guthaben auf eine Bezahlkarte und kann damit bargeldlos eine Wurst kaufen. Wie beurteilen Sie die letzten vorliegenden Jahresabschlüsse der Hamburger Zahlungsabwicklungsfirma und ihrer Münchener Muttergesellschaft, die 2014 veröffentlicht wurden?

Das Konstrukt ist etwas undurchsichtig. Die Hamburger Payment Solution Services GmbH ist laut Handelsbilanz zum 31.12.2012 hoch bilanziell überschuldet, das heißt nur durch die bilanzierten Vermögensgegenstände können die Ansprüche der Fremdkapitalgeber (also auch die der Stadionbesucher) nicht annähernd vollständig befriedigt werden, sofern bei einer Vermögensveräußerung nur Erlöse in Höhe der Buchwerte erzielt werden können. Aufgrund dieser bilanziellen Überschuldung kann zwar nicht zwingend auf eine Insolvenzantragspflicht geschlossen werden, allerdings zählt es als Indiz für eben jene. Konkret wird ein negatives Eigenkapital von 7 Millionen Euro bei einer Bilanzsumme von 8,4 Millionen Euro ausgewiesen – das spricht jedenfalls für sich. Bilanzierten Schulden in Höhe von 8,4 Millionen stehen damit lediglich bilanzierte Vermögensgegenstände in Höhe von 1,34 Millionen Euro gegenüber. Die Muttergesellschaft, Payment Solution AG in Ismaning, hat eine Patronatserklärung abgegeben. Das bedeutet, dass sie für bestimmte Verpflichtungen (wie solche aus dem Vertrag mit dem 1. FC Köln) einsteht. Voraussetzung für eine tatsächliche Stützung ist jedoch, dass das Mutterunternehmen selbst über ausreichend Liquidität verfügt.

Wie steht es denn bilanziell um die Muttergesellschaft, die die schützende Hand über die Tochter hält?

Auch die Payment Solution AG ist nach der vorliegenden Bilanz alles andere als solide. Sie weist ebenfalls negatives Eigenkapital aus, ist bilanziell überschuldet und könnte daher die Ansprüche der Fremdkapitalgeber durch eine Vermögensveräußerung in Höhe der angegebenen Bilanzwerte nicht vollständig befriedigen. Laut Geschäftsbericht geht die Geschäftsführung aufgrund von Finanzierungszusagen von einer Fortführung des Unternehmens aus. Danach scheint die Gesellschaft ohne diese Zusagen nicht fortbestehen zu können. Wie die Finanzierungszusagen konkret aussehen, weiß man als Außenstehender allerdings nicht. Wenn diese vom neuen Gesellschafter abgegeben wurden, hängt das gesamte Konstrukt der Payment Solution an der künftigen Zahlungsfähigkeit des neuen Gesellschafters und Gläubigers – der Sandpiper Assets S.A.

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Die Payment Solution AG mitsamt all ihren Werten und Verpflichtungen wurde im Dezember 2013 an die Sandpiper Assets in die Karibik verkauft – für einen Schweizer Franken.

Der Kaufpreis ist ein Indiz für das hohe Risiko, das mit dem Kauf verbunden sein kann. Ein Schweizer Franken als Verkaufspreis spricht sicher nicht für die Profitabilität der Payment Solution. Auch weist die Bilanz allein für das Geschäftsjahr 2012 einen Verlust in Höhe von über 1 Million Euro aus. Die konkrete Gewinn- und Verlustrechnung ist jedoch nicht einsehbar.

Nun ist also eine Gesellschaft mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln Inhaberin der bilanziell überschuldeten Payment-Firma. Können die deutschen Fans sicher sein, was ihr eingezahltes Guthaben und das Kartenpfand betrifft?

Die Payment Solution hat laut der vorliegenden Bilanz nicht genügend bilanziertes Vermögen, um die ausgewiesenen Schulden zu decken, was auch die Kundengelder umfasst. Insgesamt bedarf es zur Rückzahlung der Schulden der Finanzierungshilfe Dritter, weshalb – sofern diese von der Gesellschafterin geleistet wird – es in diesem Konstrukt entscheidend auf die neue Gesellschafterin Sandpiper Assets ankommt. Über diese Firma mit Sitz in der Karibik sind jedoch kaum Informationen zu finden. Es ist bei solch einer bilanziellen Überschuldung grundsätzlich ein enormes Risiko, das getragen wird von einem Dritten, der Geld zur Verfügung stellen müsste.

Für die Fanguthaben und das Kartenpfand wurden unter anderem Rückstellungen von gut zwei Millionen Euro in die Bilanz der Payment Solutions Services eingestellt. Ist sichergestellt, dass die Summen reichen? Das System ist allein in der Fußball-Bundesliga in Dortmund, Frankfurt, Hoffenheim und Kaiserslautern im Einsatz – und wird in Köln gerade abgewickelt, was Liquidität erfordert.

Wie die Firma diese Rückstellungen in Bezug auf die eingezahlten Fanguthaben konkret ermittelt hat, kann man nicht beurteilen. Die Rede ist, dass die Rückzahlungsverpflichtungen „mit dem nach vernünftiger kaufmännischer Beurteilung notwendigen Erfüllungsbetrag“ auf der Passivseite angesetzt worden seien, wobei die Bewertung nach dem „Nutzungsverhalten der Karteninhaber“ erfolgt. Überdies wird mit der Rückstellungsbildung nicht unmittelbar Liquidität zurückgelegt. Mit der Bildung erfolgt zunächst lediglich ein Aufwand in der Gewinn- und Verlustrechnung, der – für sich genommen – eine bereits zuvor bestehende bilanzielle Überschuldung weiter verstärkt.

Die berichtigten Jahresabschlüsse für 2012 wurden erst im Mai bzw. Juni 2014 veröffentlicht. Ist es normal, dass es so lange gedauert hat?

Die Jahresabschlüsse für 2012 waren bis Ende 2013 beim Betreiber des Bundesanzeigers einzureichen. Eine Veröffentlichung erfolgt dann in der Regel im Januar oder Februar 2014. Mitunter zögern Unternehmen die Veröffentlichung hinaus, speziell, wenn in der Bilanz eine schwierige Fortführungsprognose zu erwarten ist. Da nehmen sie eine Strafzahlung für die Verzögerung gegenüber dem Bundesanzeiger als kleineres Übel in Kauf.

Vielen Dank für das Gespräch.

Stefan Merx für JP4

* Involvierte Stadien: Augsburg („Karopay“), Berlin, Dortmund, Frankfurt, Kaiserslautern, Sinsheim (alle „Justpay“).

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