Stadiongeld “Justpay”: Geparkt auf den Britischen Jungferninseln

Das Bezahlsystem Justpay hat schwere Jahre hinter sich. Mit tiefroten Zahlen wurde die Betreiberfirma in die Karibik verkauft. Jetzt griffen neue Investoren zu.

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Mehr Drama geht nicht: Fußballfans in Köln haben am Sonntag das Derby gegen Gladbach vor der Brust. Kein Duell im Rheinland ruft stärkere Emotionen hervor, in Minuten war es ausverkauft. An den Ticketschaltern des Stadions werden sich absurderweise erst nach Abpfiff Schlangen bilden – wie schon nach dem vorherigen Heimspiel gegen den HSV.

Es ist Zahltag. Die Fans dürfen zum letzten Mal vor Ort ihre Bezahlkarten der Marke „Justpay“ zurückgeben – und das einst eingezahlte Bargeld zurückverlangen. Denn der 1. FC Köln hat das System zur neuen Spielzeit abgeschafft, Fans können nun am Bierstand wieder in ihren Portemonnaies wühlen.

Justpay – mit diesen RFID-Karten hatte Köln 2007 eine Vorreiterrolle im Bundesliga-Catering übernommen: Wer eine Wurst essen wollte oder ein Bier trinken, der musste zuvor bei grellgrün bemützten Promotern eine Prepaid-Karte kaufen. Vom Mindestaufladebetrag zehn Euro wurden zwei als Kartenpfand abgezogen, der Rest wurde als virtuelles Guthaben auf der Karte gespeichert.

Die Parallelwährung aus Plastik sollte die Prozesse beschleunigen und Fehlgriffe durch Mitarbeiter in der Halbzeithektik vermeiden. Der Betreiber zahlt nach jedem Spieltag die Wurstbräter aus und kassiert für die Abwicklung eine Provision.

„Das heißt im Prinzip: Der Betreiber wird eine ´kleine Bank´, die lediglich das Geld ihrer Kunden verwaltet“, erklärte der damalige Vorstand der Payment Solution AG, Heinz-Peter Strömsdörfer, das Geschäftsmodell in einem Interview mit dem Magazin „Stadionwelt“. Was mit den verbuchten Einnahmen geschieht, interessiert die Fans herzlich wenig. Solange sie mit ihrem Restguthaben am nächsten Spieltag wieder ein Bier bekommen. „Wir wickeln jedes Jahr einen größeren Millionenbetrag an Transaktionen ab. Jeder bekommt sein Geld“, sagt Sascha Busse, heutiger Geschäftsführer der Payment Solution Services GmbH – jener Hamburger Firma, die innerhalb der Payment Solution für das operative Geschäft zuständig ist. Mit ihr geht jeder Fan – ob er es weiß oder nicht – mit der Nutzung einer Justpay-Karte einen Vertrag ein.

Nicht nur das Geld der Fans geht durch verschiedene Hände, sondern auch die Zahlungsabwicklungsfirma selbst verzeichnete Besitzerwechsel. Die „kleine Bank“, die auf die Fanguthaben aufpasst, hatte sich selbst über Jahre in tiefrote Zahlen gewirtschaftet – und wurde offenbar zum Spekulationsobjekt. Im Dezember 2013 wurden 93,7 Prozent der Anteile an der Payment Solution AG für einen Schweizer Franken an eine Sandpiper Assets S.A. auf den Britischen Jungferninseln verkauft. Die restlichen 6,3 Prozent hält bis heute ein Insolvenzverwalter im Rahmen der Insolvenzmasse des früheren Anteilseigners OFC.

In der Karibik geparkt für einen Spottpreis? „Ein Schweizer Franken als Verkaufspreis spricht sicher nicht für die Profitabilität der Payment Solution“, sagt der Bilanzexperte Raphael Eichenlaub im JP4-Interview. Der Wissenschaftler am Centrum für Bilanzierung und Prüfung an der Universität des Saarlandes merkt an, dass über die Käuferfirma mit Sitz in der Karibik kaum Informationen zu finden seien. Die Firma Payment Solution Services GmbH, mit der die Vereine und Fans ihre Verträge haben, sei laut Handelsbilanz zum 31.12.2012 „hoch bilanziell überschuldet“. Eichenlaub weiter: „Aufgrund dieser bilanziellen Überschuldung kann zwar nicht zwingend auf eine Insolvenzantragspflicht geschlossen werden, allerdings zählt es als Indiz für eben jene.“

Bilanzanalyse Raphael Eichenlaub (CBP): Bei Justpay hängt alles am neuen Gesellschafter.

Bei der Mutterfirma, die über eine Patronatserklärung die schützende Hand über die Tochter hält, war der Zustand ebenfalls nicht rosig. Auch die Payment Solution AG sei nach der im Juni 2014 eingestellten Bilanz „alles andere als solide“, so Eichenlaub: „Sie weist ebenfalls negatives Eigenkapital aus, ist bilanziell überschuldet.“

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Die Fans, die Justpay-Karten in der Tasche haben, werden in den seltensten Fällen von der Exkursion ihrer Guthaben in die Karibik etwas geahnt haben. Payment Solution schwieg über die Deals in eigener Sache. Details findet man in den Unterlagen der US-Börsenaufsicht SEC, denn der veräußernde Zwischenbesitzer – die Bluehill ID AG aus der Schweiz – war über seine US-Mutter, die Identive Group Inc., berichtspflichtig.

“Jetzt treten wir in die Ertragsphase ein”

Auf die Frage, wie eine scheinbar prosperierende Firma rote Zahlen schreibt, sagt Geschäftsführer und Mitgründer Sascha Busse: „In den ersten Jahren sahen wir erhebliche Wachstumspotenziale im Stadionmarkt, es folgte aber nach drei Jahren eine Abschwächung der Nachfrage, auf die wir durch Anpassung in unserem Unternehmen reagierten. Wir haben erhebliche Mittel investiert, zum Beispiel in die Betreibersysteme und die dafür nötige Infrastruktur. Es war uns immer klar, dass die Erträge erst später realisiert werden können. Die Verluste wurden zuletzt von Jahr zu Jahr kleiner. Jetzt treten wir in die Ertragsphase ein.“

Infolge der WSJ-Recherchen in Sachen Karibik meldete sich in dieser Woche auch Daniel Wenzel, Delegierter des Verwaltungsrates der Mountain Partners AG, einer internationalen Investmentholding aus St. Gallen. Gemeinsam mit Busse versuchte er, die Vorgänge um Sandpiper transparenter erscheinen zu lassen. Das Karibik-Konstrukt sei nur eine Zwischenlösung gewesen – man habe im September 2014 alles in die Schweiz zurückgeholt, „Sandpiper hat die Bilanz der Payment Solution AG restrukturiert“, sagt Wenzel. „Nach der Abspaltung von ihrem Altgesellschafter wurde die Payment Solution AG von einer Zweckgesellschaft auf den Britischen Jungferninseln geparkt. Dies lag daran, dass der Erwerb schnell und flexibel abgewickelt werden sollte. Es hatte keine steuerlichen Gründe.“

Konkret hätten sich die Dinge in den letzten Tagen so zugetragen:  „Das Firmen-Portfolio der Sandpiper Assets S.A. wurde im September 2014 nach Durchführung der Hauptversammlung 1:1 auf die Sandpiper Digital Payments AG übertragen. Dabei handelt es sich um eine ganz normale Schweizer Aktiengesellschaft. Im Rahmen dieser Transaktion hat die Sandpiper Digital Payments AG unter anderem auch die Payment Solution AG zu 93,7 Prozent übernommen. Schon zuvor wurden Altverbindlichkeiten gegenüber Dritten (Nicht-Gesellschaftern) abgefunden“, teilt Wenzel mit.

Aus Wenzels Sätzen spricht ein Wort: Entwarnung. Wirklich alles in bester Ordnung?

Man solle es so sehen: „Die Payment Solution AG und ihre Schwestergesellschaften werden gestützt von den renommiertesten und erfahrensten Unternehmern der Branche.“ Zu den neuen Geldgebern zählen laut Wenzel vermögende Privatpersonen wie die Unternehmer und RFID-Pioniere Cornelius Boersch und Manfred Rietzler sowie weitere institutionelle Investoren. „Die Sandpiper Digital Payments AG ist durchfinanziert. Das Eigenkapital beläuft sich auf über 30 Millionen Schweizer Franken“, sagt Wenzel.

In Köln im Rückwärtsgang

Auch das Thema Mobile Payment solle nun angepackt werden: „Die beteiligten und engagierten Unternehmerpersönlichkeiten wollen den Markt des bargeldlosen Bezahlens aufrollen, auch international. Man kann das als Neustart auf Basis eines etablierten Unternehmens wie der Payment Solution AG interpretieren“, sagt Wenzel – man sei „voller Optimismus“.

In Köln muss Payment Solution den Rückwärtsgang einlegen. Doch angesichts der internationalen Pläne etwa im Festival-Geschäft und im Retailsektor sei das zu verschmerzen, findet Wenzel.

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Es ist das erste Mal, dass Justpay eine Rückzahlung in so großem Stil zu stemmen hat – auch eine Nagelprobe für die Kundenfreundlichkeit. Die AGB sehen vor, dass die Karten nach einem Jahr und einem Tag ungültig werden und das Restguthaben lediglich zwei weitere Jahre zurückgefordert werden kann. Ältere Restguthaben verfallen, so steht es im Kleingedruckten, und werden von Payment Solution als Windfall Profits vereinnahmt. „Wir glauben an die Vorteile des bargeldlosen Zahlens in Stadien. Wenn wir darauf aus wären, Schlummergroschen abzuschöpfen, hätten wir die stadionübergreifende Nutzung der Karte nicht ermöglicht“, sagt Busse.

Auch in Dortmund, Berlin, Sinsheim, Kaiserslautern und Frankfurt ist Justpay der einzige Weg, an ein Stadionbier zu kommen – längst nicht überall zur Freude der Fans.

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Ob die Art der Abwicklung in Köln zu Irritationen führt, bleibt abzuwarten. „Wir rechnen insgesamt mit einem Rückzahlungsvolumen im mittleren sechsstelligen Bereich“, sagt Frederik Herr, Prokurist der Payment Solution Services. Nach dem Spiel der Kölner gegen den HSV zumindest knirschte es logistisch. Die bereitgehaltenen Bargeldbestände waren an einigen Kassen rasch alle, kurz darauf gingen auch die Formulare aus, berichten Beobachter. „Natürlich sind wir kulant! Wir zahlen jede Karte aus, die in den letzten drei Jahren genutzt wurde“, sagt Marketingchef Herr.

Wer mit Herr und Busse dieser Tage über ihr Geschäft spricht, bekommt das Gefühl vermittelt, der Ausstieg des 1. FC Köln aus dem System sei für die Payment Solution nur ein kleiner Schönheitsfehler. „In manchen Stadien wird das System besser angenommen als in anderen. Köln funktionierte sehr gut. Die Mehrumsätze durch das System waren signifikant und lagen im zweistelligen Prozentbereich. Das liegt einerseits an der Beschleunigung im Catering, aber auch an einem geringeren Schwund“, sagt Busse. Das Geschäft sei auf weiteres Wachstum ausgelegt.

Hertha verspricht jederzeitige Rückzahlung

Doch in der Fußball-Bundesliga, dem Geschäftsfeld, aus dem die einst von früheren Managern des Vermarkters Sportfive gegründete Firma stammt, steht es nach dem Köln-Ausstieg Spitz auf Knopf. Bargeld oder offene Systeme wie die Sparkassen-Card sind Alternativen. Ein Domino-Effekt, von Teilen der Dortmunder Fans herbeigesehnt, könnte zum herben Rückschlag für Justpay werden.

Zuletzt konnte Busse immerhin in Berlin Vollzug melden – vor einem Jahr, wenige Monate vor dem Verkauf auf die Britischen Jungferninseln. Der von Sportfive vermarktete Hauptstadtklub half dabei, die ins stockende geratene Story weiterzuschreiben. Als der Klub zur Saison 2013/14 „Justpay“ einführte, wurde zur Feier des Tages sogar ein Werbevideo gedreht, in dem Herthas Geschäftsführer Ingo Schiller freimütig die Rückzahlung der Fanguthaben versprach – und zwar „jederzeit“, was angesichts der AGB eine überraschende Nachricht war.

Heute sagt Schiller dem Wall Street Journal Deutschland: „Nach uns vorliegenden Rückmeldungen ist mittlerweile – nach einer Zeit der Eingewöhnung nach der Einführung – eine breite Kundenzufriedenheit in diesem Thema eingetreten.“ Er bleibt bei seinem Versprechen – und scheint gewillt, zur Not auch Vereinsmittel zu nutzen: „Die jederzeitige Rückzahlung ist – auch über den in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen genannten Zeitraum hinaus – durch „Justpay“ beziehungsweise Hertha BSC gewährleistet.“

Keine Aussage trifft Schiller auf die Frage, wie er die wirtschaftliche Stabilität seines Zahlungsdienstleisters einschätzt – mit Verweis auf die „mit unseren Partnern vereinbarte Vertraulichkeit“. Auch in Dortmund möchte man sich zum Thema nicht äußern – dort zahlen die Fans ebenfalls fleißig seit 2010 auf den „Stadiondeckel“ – so der Justpay-Kartenname beim BVB – ihre Guthaben ein. Frühere kritische Nachfragen seiner Fans in Bezug auf die Vertrauenswürdigkeit des Anbieters beantwortete der BVB auch mit Verweis auf externe Kontrollinstanzen. „Das auf den Karten vorhandene Guthaben wird zudem treuhänderisch verwaltet und es darf mit diesem Geld nicht gearbeitet werden“, so das offizielle BVB-Schreiben aus 2010 an einen Fan. „Außerdem ist das System von der BaFin geprüft und überwacht.“

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Kontrolle durch die BaFin? Das stimmt heute nicht mehr. Zwar weist auch Payment Solution darauf hin, dass man sich im Rahmen des Full-Service-Pakets um die Genehmigung der Finanzbehörden kümmere und nennt hier explizit die BaFin.

Tatsächlich werfen die Kontrolleure aber schon seit Jahren keinen Blick mehr auf die Geschäfte der Payment Solution. Die Firma agiert wegen einer Gesetzesausnahme „aufsichtsfrei“, erklärt ein Sprecher der BaFin auf WSJ-Anfrage. „Das von dem Unternehmen betriebene Geschäft war nach Überführung des E-Geldgeschäftes in das Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz (ZAG) nicht mehr als E-Geld-Geschäft erlaubnispflichtig, sondern wurde durch eine neu eingeführte Ausnahme von Gesetzes wegen aufsichtsfrei“, teilt der Sprecher mit. Die Änderung sei am 30.4.2011 eingetreten. Kurz gesagt: Die „kleine Bank“ hatte große Freiheiten.

Die fehlende Kontrolle durch eine unabhängige Instanz sei kein Problem, argumentiert Busse. Man habe einfach alle Prozesse so gelassen wie bisher, versichert er.

Wer als Fan trotz aller Erfolge der Kartenfirma sein Guthaben in voller Höhe zurückhaben möchte, hat freilich mehrere Möglichkeiten. Entweder man aktiviert seine Karte durch eine erneute Aufladung in einem der Partnerstadien – dann dürfte man laut Justpay erneut drei Jahre Zeit für eine unverminderte Auszahlung haben. Oder man lässt sich das Bargeld in Berlin bei der Hertha auszahlen. Das geht immer.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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