Jérôme Champagne: „Ich mache mir Sorgen um den Fußball“

Er will Sepp Blatter 2015 als Fifa-Präsident ablösen. Im Interview erklärt der Franzose seine Reformideen für mehr Transparenz und Fairness auch im Klubfußball.

Foto: Mersch

Herr Champagne, Sie tragen ja gar keine Armbanduhr. Andere Funktionäre im Weltfußball lassen sich durchaus mal eine schenken …

Nein, ich mag keine Uhren. Zu meiner Kommunion mit zehn Jahren habe ich eine Uhr geschenkt bekommen, sie aber nie getragen. François Mitterand hat einmal gesagt: Mit jeder Sekunde, die ich ticken sehe, werde ich daran erinnert, dass auch meine Lebenszeit abläuft.

Was haben Sie gedacht, als Ihnen jüngst zu Ohren kam, dass Sepp Blatter – wie auch Dutzende andere Fifa-Funktionsträger – eine Luxusuhr erhalten hat als Geschenk vom brasilianischen Fußballverband anlässlich der WM?

Manches ist legal, aber zugleich moralisch verwerflich. 25.000 Dollar teure Uhren? Ich glaube, das ist etwas zu dick in Krisenzeiten. Wenn der brasilianische Fußballverband CBF 60 solcher Uhren verschenkt, hätte man von dem Geld genauso gut einen Kunstrasenplatz im Amazonasgebiet bauen können.

Aber es ist doch ein Verstoß gegen die Fifa-Regeln, oder?

Natürlich. Der neue Ethikkodex ist sehr klar, was den akzeptablen Wert von Geschenken angeht. Für mich ist die Fifa eine Regierung. Kein Unternehmen, kein Verein. Wenn der französische Präsident ein Geschenk erhält, muss er es selbstverständlich abgeben.

Der Kandidat

Der 56-jährige Franzose Jérôme Champagne kennt die Fifa genau. Nach 15 Jahren Tätigkeit als Diplomat in Oman, Kuba, den USA und Brasilien war der gebürtige Pariser von 1999 bis 2010 stellvertretender Generalsekretär des Weltfußballverbands und politscher Berater von Fifa-Präsident Sepp Blatter. Nach einem Vorstoß, der auf die Schwächung der mächtigen Kontinentalverbände abzielte, wurde er nach eigenen Angaben auf Drängen von Uefa-Präsident Michel Platini, der auch im Exekutivkomitee der Fifa sitzt, entlassen. Kommentatoren haben den Rauswurf auch als Reaktion der Fifa-Führung interpretiert. Diese habe den kritischen Champagne entmachtet. Nach dem Ende seiner Fifa-Tätigkeit hat Champagne die nationalen Verbände von Palästina, Zypern und des Kosovo beraten. In den Jahren 2012 und 2013 hat Champagne Reformideen in drei Schreiben unter dem Titel „Which Fifa for the twenty-first century?“ veröffentlicht. Er fordert unter anderem mehr Transparenz, eine Stärkung der Rolle der nationalen Verbände innerhalb der Fifa sowie einen Ausgleich von finanziellen Ungleichgewichten auf Klubebene durch eine stärkere Umverteilung. Den Plan für eine Bewerbung um das Amt des Fifa-Präsidenten gab er Anfang 2014 bekannt. Jérôme Champagne lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Zürich.

Sie fordern mehr Transparenz im Weltfußballverband – auch finanziell?

Ja, und das gilt auch für die Offenlegung der Bezüge des Fifa-Präsidenten. Ich weiß zwar nicht, wie viel ich als Fifa-Präsident verdienen würde. Aber ich weiß, dass ich das sofort offenlegen würde. Schließlich weiß man auch, wie viel der US-Präsident verdient und wie viel der norwegische König. Das Geld der Regierung Fifa ist für mich eine Art öffentliches Geld. Es muss gerechtfertigt und offengelegt werden, so weit wie möglich.

Sie wollen weitreichende Reformen anstoßen – wo brennt es besonders?

Ich will fünf große institutionelle Änderungen herbeiführen. Erstens: Die Zusammensetzung des Exekutiv-Komitees (ExCo). Ein gewählter Fifa-Präsident muss wie ein gewählter Regierungschef in die Lage versetzt werden, sich sein Kabinett – also das Exekutiv-Komitee – selber zusammenzustellen. Derzeit wird es von den Konföderationen, den Kontinentalverbänden, zusammengestellt – sie spielen eine große Rolle, sind aber gar keine Mitglieder der Fifa. Es wäre so, als würde Barack Obama nach der Wahl John McCain in seinem Kabinett vorfinden, den er gerade in der Wahl geschlagen hat. Und der würde dann alles blockieren, was Obama vorhat. Science Fiction? Nein – das ist Fifa-Realität.

Was schlagen Sie vor?

Ich schlage vor, dass die Mehrheit der Sitze im ExCo den Präsidenten der 209 Landesverbände vorbehalten ist. Sie sollen parallel zur Präsidentschaftswahl auf dem Fifa-Kongress gewählt werden. Warum? Weil die Fifa im Grunde dem Deutschen Fußball-Bund gehört, dem botswanischen Fußballverband und den 207 übrigen Verbänden. Wir müssen vom zentralistischen Gedanken abrücken, dass an der Spitze der Fußballpyramide die Fifa steht, darunter die Konföderationen und ganz unten die nationalen Verbände und Klubs. Es muss genau auf den Kopf gestellt werden. Die Fifa ist nur eine Serviceeinheit. Man gibt den wahren Anteilseignern der Fifa die Macht zurück: den Klubs und Nationalverbänden.

Sie monieren auch die Sitzverteilung im Exekutiv-Komitee?

Ja, denn sie repräsentiert längst nicht mehr die Verhältnisse unserer Zeit. Europa hat 53 Landesverbände und hat acht Sitze inne. Afrika hat 54 Landesverbände und vier Sitze. Mein zweiter Punkt: Das Verhältnis muss neu ausbalanciert werden, indem wir mehr Sitze schaffen. Es ist ja fast wie im UN-Sicherheitsrat: Man verweigert Deutschland noch immer den ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat – wie 1949. Als französischer Diplomat sage ich: Das kann ich nicht mehr nachvollziehen.

Man muss die kommerziellen Aktivitäten sauber trennen von den Regierungsaufgaben.

Welche weiteren Anachronismen machen Sie aus?

Heute geht es im bezahlten Fußball immer öfter um Fragen, die indirekt mit arbeitsrechtlichen Themen zusammenhängen: Transferregulierung, Schutz von Minderjährigen, Schutz der ausbildenden Klubs. Wie kann man diese Themen diskutieren, ohne die Beteiligten – nämlich Klubs und Spieler – und ihre Interessenvertreter an den Tisch zu holen? Also: Organisationen wie die Spielergewerkschaft Fifpro müssen als Mitglieder des ExCo mitreden können. Die Protagonisten müssen eine Stimme bekommen.

Was noch?

Viertens sehe ich ein Problem darin, dass bei der Fifa eine Trennung zwischen politischen und kommerziellen Interessen nicht stattfindet. Die politische Autorität trifft heute die wirtschaftlich relevanten Entscheidungen, indem sie die TV-Verträge und Sponsoringverträge abzeichnet. Als die Fifa in den 80er-Jahren noch kein Geld hatte und sich bei der Bank Geld leihen musste, um die Mitarbeiter zu bezahlen, war das noch kein Problem. Heute schon. Man muss die kommerziellen Aktivitäten sauber trennen von den Regierungsaufgaben. Eine solche Chinese Wall würde auch das Image verbessern helfen. Weiter muss man innerhalb der Fifa eine neue Division für Profifußball aufbauen. Denn die Fifa hat für mich vier Aufgaben: die nationalen Verbände unterstützen, die Entwicklung des Spiels, die Wettbewerbe organisieren und viertens: Profifußball. Bisher sind die Aktivitäten, die den Profifußball berühren, verteilt. Man muss professionelle Dienstleistungen anbieten.

Die Wahl

Am 29. Mai 2015 werden die 209 Fifa-Mitgliedsverbände auf ihrem Kongress in Zürich zur Wahl des Präsidenten zusammenkommen. Wer um das Präsidentenamt kandidiert, muss nachweisen, in den vorausgehenden fünf Jahren zumindest zwei Jahre lang professionell im Fußball tätig gewesen zu sein und von mindestens fünf nationalen Verbänden unterstützt werden. Jérôme Champagne will seine Unterstützer im Januar bekanntgeben. Sein bisher prominentester Fürsprecher ist der brasilianische Fußballstar Pelé. Bislang ist Champagne der einzige Herausforderer von Amtsinhaber Sepp Blatter, der seit 1998 Fifa-Chef ist. Erst in diesem Sommer gab der 78-jährige Schweizer seine Ambitionen auf eine fünfte Amtszeit bekannt. Zuvor wurde spekuliert, dass er 2015 abtritt und Platz macht für den Chef des europäischen Verbands Uefa, Michel Platini. Platini teilte jüngst mit, dass er nicht gegen Blatter antreten wird.

Alle sagen, Sie hätten keine Chance. Sepp Blatter werde zum fünften Mal gewählt werden. Wie gehen Sie damit um?

Abwarten. Die Wahl findet am 29. Mai statt, es sind noch acht Monate. Das Leben lehrt doch: Nichts läuft wie geplant. Ich stelle mich nicht mit einer Kampagne gegen irgendjemanden, etwa Herrn Blatter. Sondern ich trete für meine Ideen an. Ich glaube daran, dass im Fußball und in der Fifa Veränderungen nötig sind. Ein solcher Wahlkampf ist ein dynamischer Prozess, und am Ende kommt es auf 209 nationale Verbände an.

Welche Verbände oder Regionen werden Sie unterstützen?

Sie sitzen überall. Ich habe mich aber entschlossen, nicht zu früh über die Verbände zu sprechen. Auch wenn ich nicht an Verschwörungstheorien glaube, will ich niemanden unter Druck setzen, indem ich ihn als meinen Unterstützer bekanntgebe. Außer bei Pelé – das ist öffentlich. Pelé kann niemand etwas wollen.

Weil ich die Organisation von innen kenne, weiß ich, dass einige Dinge verändert werden müssen.

Herr Blatter sieht sich ja nun auch als Reformer. Haben Sie ihm Ihre Ideen persönlich nähergebracht? Was hält er davon?

Ich habe ihn, weil ich ein höflicher Mensch bin, wenige Tage vor meiner Ankündigung der Kandidatur um ein Treffen gebeten. Es ist keine Überraschung, dass wir einige generelle Ansichten teilen. Die Fifa sieht sich als proaktiver Robin Hood – es ist die Aufgabe der Fifa, Dinge auszubalancieren. Ich habe ja auch elf Jahre lang für Herrn Blatter gearbeitet, Reden geschrieben und Programme entwickelt. Aber gerade, weil ich die Organisation von innen kenne, weiß ich, dass einige Dinge verändert werden müssen.

Screenshot mx, Twitter @JChampagne2015

Sie haben den CSR-Claim der Fifa „Football for Hope“ umgedreht für Ihren Wahlkampf. Sie treten an mit „Hope for Football“ – eine Spitze?

Exakt. Ich bin besorgt um das Spiel. Werden die Fans wegbleiben, wenn die Wettbewerbsintensität verloren geht und damit die Spannung? In der französischen Liga ist es damit aus: Paris St-Germain ist ein katarischer Klub, AS Monaco ein russischer, der nicht mal in Frankreich sitzt und allein deshalb 50 Millionen Euro Vorteil genießt, weil er keine Steuern zahlt. Früher hat die Fifa mit ihrer CSR-Arbeit versucht, aus dem Fußball heraus Wohltaten für andere Lebensbereiche zu leisten. Jetzt mache ich mir Sorgen um den Fußball an sich – hier muss man eingreifen. Kleines anderes Beispiel: Ich habe einen neunjährigen Jungen. Wie soll der ein respektvolles Verhalten lernen, wenn er sieht, wie erwachsene Männer den Schiedsrichter anbrüllen?

Das Scheckbuch hat vielerorts die Trainingsarbeit ersetzt.

Auch bei Ihrem Vortrag gerade auf dem International Football Summit der Sponsoringberatung Repucom haben Sie  kritisch angemerkt, dass katarisches Geld bei Paris St.-Germain dafür sorgt, dass kein spannender Wettbewerb mehr zustande kommt. Wie stehen Sie generell zu Investoren im Fußball?

Ich habe nichts gegen das Geld aus Katar in Paris. Ich habe aber etwas dagegen, wie es ausgegeben wird. Paris St.-Germain hatte eine der besten Jugendakademien, aber selbst die besten Spieler  sind fortgegangen, wurden teilweise zu Stars im Ausland, weil sie keine Chance mehr haben, ins Pariser Team zu kommen.

Was Sie da kritisieren, betrifft ja die internen Klubentscheidungen. Was aber könnten Sie strukturell als Fifa-Präsident ändern?

Das Scheckbuch hat vielerorts die Trainingsarbeit ersetzt. Und ich denke, wir müssen den Klubs vorschreiben, dass eine Mindestanzahl von einheimischen Spielern auf dem Platz stehen muss. Als Herr Blatter die 6+5-Regel, wonach sechs einheimische Spieler zur Pflicht werden sollten, gegenüber der EU-Kommission verteidigt hat, habe ich ihn mit voller Überzeugung unterstützt. Große Klubs kaufen heute doch alle guten Spieler vom heimischen Markt – nicht, um sie spielen zu lassen, sondern, damit sie die Konkurrenz nicht bekommt. Es liegt in der Verantwortung der Fifa, das zu korrigieren.

Den Versuch, solche Entwicklungen mit entsprechenden Regeln zu stoppen, gibt es schon länger.

Ja, aber sie haben nichts bewirkt. Wenn die Regel besagt, dass ein Spieler, der im Alter von 15 bis 21 drei Jahre lang im Land gespielt hat, als Einheimischer gilt, dann verstärkt das nur einen Trend: Dass die großen Klubs diese Jungs in noch jüngerem Alter unter Vertrag nehmen.

Ungleichgewichte im Fußball zeigen sich besonders in der Champions League. Das ist doch aber Sache der Uefa.

Die Fifa hat durchaus Kompetenzen für den europäischen Fußball – und sie ist auch eine politische Macht. Die Champions League ist ein hervorragender Wettbewerb, aber jeder weiß doch: Sie wird erst ab den Viertelfinals wirklich spannend. Wir haben ein Problem mit der Verteilung der Gelder, weil der sogenannte Marktpool zu starken Einfluss hat. Als die beiden deutschen Klubs München und Dortmund das Finale der Champions League gespielt haben, bekamen sie jeweils rund 55 Millionen Euro aus dem Wettbewerb. Doch die meiste Kasse gemacht hat Juventus Turin mit 65 Millionen – wegen des Marktpools. Das sind Wettbewerbsvorteile, die überhaupt nicht sportlich begründet sind.

Was können Sie denn tun?

Man kann diskutieren, die Sachen beim Namen nennen und Entscheidungen treffen. Die Premier League und die Bundesliga sind doch gerade deshalb so erfolgreich, weil sie die TV-Gelder unter den Klubs viel gleichmäßiger verteilen als die anderen Ligen. Doch zwischen den 32 Klubs, die in die Gruppenphase der Uefa Champions League einsteigen, liegt die Schere bei eins zu 6,5.

Ich möchte, dass die WM künftig in demokratischen Ländern stattfindet.

Foto mx, Bildschirmoberfläche ARD

Ihre wichtigste Einnahmequelle als Fifa-Präsident wäre die WM. Wie wären Ihre Pläne?

Die Weltmeisterschaft hat kumuliert 20 Milliarden Zuschauer. Sie wird meiner Meinung nach noch zu billig verkauft. Sie muss weiter entwickelt werden – aber nicht weiter aufgebläht wie die Europameisterschaft. Ich möchte bei 32 Teams bleiben. Meiner Ansicht nach ist es auch nicht Aufgabe der Fifa, einem Ausrichterland vorzuschreiben, einen Flughafen zu bauen. Wir sollten weniger Dinge verlangen. Und ich persönlich möchte, dass die Weltmeisterschaft künftig in demokratischen Ländern stattfindet.

Wie stehen Sie dann zur Weltmeisterschaft 2022 in Katar?

Meine erste diplomatische Abordnung war in das Sultanat Oman. Ich habe Arabisch studiert, ich  liebe die Kultur der Leute dort, die Wüste und Perlentaucher, ich liebe die Region. Ich glaube, es ist gerecht, dass wir in einer so komplizierten Welt die Weltmeisterschaft in diese Region bringen. Wir müssen betonen, was uns verbindet – anstatt das herauszustellen, was uns teilt. Allerdings: Es gibt drei Hauptprobleme. Eines sind die Todeszahlen beim Bau der Stadien. Hatte eigentlich Deutschland Todesopfer zu beklagen?

Soweit ich weiß, nein.

In meinem Land, Frankreich, sind leider ein oder zwei tödliche Unfälle passiert, als wir 1998 die Weltmeisterschaft ausgerichtet haben. In Brasilien waren es sieben. Wir wissen: Wenn man solche Projekte baut, kann so etwas passieren. Das Problem in Katar ist aber ein systemisches, nämlich die Ausbeutung von Arbeitern vom indischen Subkontinent. Wir können mit diesem Wissen nicht in ein Land gehen, um das zu feiern, worum es im Fußball geht – diesen Moment, in dem wir alle zusammen sind. Ich weiß, wie dort Arbeiter vom indischen Subkontinent behandelt werden können. Ich unterstütze (den Ex-DFB-Präsidenten, Anm. d. Red.) Theo Zwanziger komplett, wenn er sagt: Wir können unter diesen Voraussetzungen nicht nach Katar gehen.

Es ist nicht das einzige Problem…

Das zweite Problem ist die Änderung des Austragungszeitraums. Wir haben über eine Weltmeisterschaft im Juni und Juli abgestimmt. Im technischen Report hieß es, es ist gefährlich zu dieser Zeit an diesem Ort zu spielen – ich weiß das, weil ich dort gelebt habe. Manchmal ist es dort zwischen 45 und 50 Grad Celsius heiß, noch schlimmer ist aber die Luftfeuchtigkeit von bis zu 90 Prozent. Das wirft natürlich die Frage auf: Warum haben die das gewählt?

Wenn man an Katar festhält: Muss man in den Winter verlegen?

Falls es die Einsicht geben sollte, im Winter zu spielen, ist das auch eine rechtliche Frage. Stellen Sie sich vor, es gibt einen Vertrag, eine Autobahn zwischen Hamburg und Kiel zu bauen und dann kommt jemand und sagt: ‚Übrigens, wir bauen jetzt in Bayern.’ Die Bewerbung für die Weltmeisterschaft lautete auf Juni und Juli. Außerdem würde eine Winter-WM in den nationalen Ligen Chaos für drei Spielzeiten verursachen, nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Foto: mx

Wie schätzen Sie die Sauberkeit des Vergabeprozesses ein?

Das ist das dritte Problem. All die Anschuldigungen: Stimmenkauf, Kollaborationen zwischen den Bewerbern für 2018 und 2022, die mittlerweile verboten wurden, und auch der politische Einfluss. Wir müssen wissen, was da dran ist. In Diktaturen ist man schuldig, bis man bewiesen hat, unschuldig zu sein. In Demokratien gilt die Unschuldsvermutung. Dieses Prinzip sollte auch auf Katar angewendet werden. Aber wir müssen den Vorwürfen nachgehen. Wir müssen die Unantastbarkeit, die Heiligkeit der WM bewahren.

Der Untersuchungsbericht zur möglichen Korruption ist fertig, doch die Öffentlichkeit weiß nicht, was drinsteht. Chefermittler Michael Garcia ist für eine Offenlegung, Blatter nicht.

Mir geht es wie Ihnen: Ich weiß nicht, was drin steht. Ich bin ein Bürger des Fußballs. Wenn Sie mich fragen, müssen wir den Report veröffentlichen. Und wir müssen Entscheidungen treffen, wie sie der Inhalt des Reports verlangt. Wissen Sie, es gibt da so viele Gerüchte. Man muss das juristisch betrachten. Wenn Sie jemanden für 20 Jahre hinter Gitter stecken wollen, brauchen Sie in einer Demokratie Beweise, die über jeden Zweifel erhaben sind. In ethischen Fragen müssen wir nicht so weit gehen, es genügen Indizien. Im Strafrecht darf der Zweifel nur dem Beschuldigten helfen. Hier das anders.

Nach einem Bericht der „Handelszeitung“ heißt es mit Verweis auf einen Insider, Herr Garcia habe keinen rauchenden Colt finden können. Er konnte nicht beweisen, dass es Korruption gab.

Aber was ist gemeint mit „rauchendem Colt“? Zu glauben, dass jemand den Briefumschlag aus dickem Papier mit Fotos und Banknoten findet – kommen Sie! Es ist deutlich ausgeklügelter als das. Wir müssen den Report abwarten. Danach kennen wir vielleicht nicht die Farbe des Umschlags und wir haben auch kein abgehörtes Gespräch, aber vielleicht haben wir etwas anderes. Ich weiß es nicht.

Der Ex-Funktionär Mohamed bin Hammam aus Katar, inzwischen lebenslang von der Fifa gesperrt, hat mit Millionensummen geschmiert, das wurde doch bewiesen.

Ja.

Nun sagen Leute entschuldigend, diese Bestechung fand vielleicht nur für seine eigene Präsidentschaftskandidatur statt und nicht für die Bewerbung Katars. Können Sie der Argumentation folgen?

Nein. Nein. Diejenigen, die glauben, Herr bin Hammam habe bei der Bewerbung keine Rolle gespielt – also bitte, das ist fantastisch.

Aber ist das nicht Beweis genug, jemanden zu haben, der Geld…

…hören Sie, ich bin wie Sie. Ich bin ein Bürger des Fußballs. Der Unterschied ist, Sie sind Journalist, Sie können schreiben, was Sie wollen. Ich kann nur sagen: Ich will sehen, was im Report steht.

Sie sagen, dass bin Hammam auch eine Rolle dabei gespielt hat, als sie 2010 von der Fifa entlassen wurden. Wollen Sie Fifa-Präsident werden, um es Ihren Gegnern zu zeigen?

Ich trete nicht aus Rache an. Man kann sich auch zu Hause einschließen und alle Missstände ignorieren. Aber wenn man etwas verändern will, muss man sich dem Risiko stellen, seinen Mut zusammennehmen und antreten. Ich bin jedenfalls nicht pessimistisch.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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