Der kleine FC Bayern

Der FC Ingolstadt erstaunt mit seinen Erfolgen sogar seinen Anteilseigner Audi. Hat der Autobauer bald zwei Klubs in der Bundesliga?

Foto: Audi

Eine Verletzung stoppte die späte Karriere des Martin Wagener. Gerade hatte sich der Chefjurist des Autobauers Audi in der Seniorenmannschaft (Ü40) des FC Ingolstadt 04 eingespielt, da war es mit dem Kicken schon wieder vorbei. Doch Wagener sollte seine zweite Chance bekommen, sich beim Klub verdient zu machen – als Funktionär.

Vereinsboss Peter Jackwerth kam auf ihn zu. Wie es denn mit einem Vorstandsposten aussähe? Das war 2007. „Jackwerth fragte mich, ob ich Interesse hätte, mich zu engagieren“, erinnert sich Wagener im Interview. „Ich bin wirklich Fan dieses Vereins. Ich glaube nicht, dass Audi der Grund war.“ Die Mitglieder des damaligen Regionalligisten stimmten der Personalie zu.

Heute sitzt der Mann aus der Autobranche im Vereinsvorstand. Und er ist Vizechef des Aufsichts‧rats der ausgegliederten Fußball GmbH, an der Audi mit fast 20 Prozent beteiligt ist. Wenn alles glatt verläuft, spielt dieser FC Ingolstadt 2015 sogar Erste Liga – derzeit führen die Fußballer aus der Donau-Stadt die Zweite Liga an. Dann würde der FC Ingolstadt gegen den FC Bayern München antreten – beim Rekordmeister hält Audi 8,3 Prozent. Und Vorstandschef Rupert Stadler, Wageners Chef, ist hier Aufsichtsrat.

Audi drückt als jeweiliger Großsponsor und Anteilseigner beiden Klubs die Daumen.

Der FC Bayern ist internationales Renommierobjekt, der FC Ingolstadt – der kleine FC Bayern – bislang vor allem ein Faktor der Standortwerbung. Jeder vierte der 130 000 Ingolstädter arbeitet für die VW-Tochter. Audi will als Arbeitgeber eine Show bieten.

Die gibt es nun: Mit drei Punkten Vorsprung auf Verfolger Düsseldorf überrascht der FC Ingolstadt – wohl auch die Planer im Autokonzern Audi. Nur drei neue Spieler hatte Trainer Ralph Hasenhüttl geholt, doch das Team der No-Names gewinnt die meisten Partien ganz abgeklärt.

FC Ingolstadt: Die Macher

Peter Jackwerth, Gründer 2007 verkaufte er seine Zeitarbeitsfirma Tuja für 800 Millionen Euro an Adecco. Heute hält der 58-Jährige weiter Anteile an Zeitarbeitsfirmen und pendelt zwischen Mallorca und Ingolstadt. 2004 formte er aus MTV und ESV den FC Ingolstadt 04. Er investierte Geld und als Klubchef Zeit. Als gebürtiger Stuttgarter ist Jackwerth auch Fan des VfB.

Martin Wagener, Aufseher Der promovierte Chefjurist der Audi AG startete dort 1987 seine Karriere. Nach Stationen in Personal und Vertrieb ist er seit 2000 Chefsyndikus. Der 56-jährige dreifache Vater bezeichnet Golf als Hobby, Fußball als Leidenschaft. Als gewählter Vereinsvorstand des FC Ingolstadt gehört er auch dem Aufsichtsrat der ausgegliederten Fußball GmbH an.

Auf den ersten Blick ist die Sache klar: Wer soll hier den Turbo gezündet haben, wenn nicht Audi? Doch der Autobauer ist zwar massiv mit dem Klub verwoben, hält sich aber mit finanziellen Zuwendungen zurück. Der Spieleretat von etwa 8,5 Millionen Euro ist nur Zweitliga-Mittelmaß.

Foto: Audi (2012)

„Hier wird nichts nachgeschenkt oder nachgeschüttet. Wir holen als Audi nicht den Geldsack raus, wenn der FC Ingolstadt neue Spieler benötigt“, erklärt Wagener. Er kennt die Sponsoringsummen, kann die bis 2018 datierten Verträge von beiden Seiten des Tisches lesen. „Generell ist das Sponsoring deutlich geringer, als immer vermutet wird.“ Experten nennen zwei Millionen Euro im Jahr.

Die Szenarioplanung des Vereins – die Basis für das Audi-Sponsoring – sieht aktuell Platz neun bis vier vor. „Im Moment und auch in der kommenden Saison ist ein Aufstieg nicht geplant“, sagt Wagener. Klubchef Jackwerth ergänzt: „Die Zielsetzung ist und bleibt, irgendwann dort oben zu spielen. Am besten zu meiner Amtszeit. Aber ohne Druck.“

Foto: Merx

Eine Diskussion können sie in Ingolstadt jetzt schon nicht mehr hören: „Wir lassen uns nicht in die Schiene der Werksklubs drängen, denn das sind wir definitiv nicht“, sagt Peter Jackwerth. Aus seiner Sicht verständlich. Der Millionär aus der Zeitarbeitsbranche war es, der den Verein vor zehn Jahren gründete und aufpäppelte. Zwei Traditionsklubs, ESV und MTV, beherbergte die Stadt. Beide kämpften in unteren Ligen um ihre Existenz – und wandten sich verzweifelt an den erfolgreichen Unternehmer. Fusionieren oder eingehen, das war seine Antwort.

2004 nahm der neue FC Ingolstadt in der Bayernliga den Spielbetrieb auf – Jackwerth investierte als alleiniger Gesellschafter, seine Firma Tuja besetzte die Spielerbrust. Audi war bis 2006 lediglich ein Bandensponsor von vielen. „Bis 2012 war das zumindest von der gesellschaftsrechtlichen Seite eine One-Man-Show“, erinnert sich Jackwerth.

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Auch die Stadion-Betreibergesellschaft gehörte Jackwerth komplett. Sie hat den 2010 eröffneten Audi Sportpark gebaut. Ein 25-Millionen-Euro-Projekt mit 15 750 Sitzplätzen. „Dass es sportlich so schnell nach oben gehen würde, haben wir ja selber nicht geglaubt.“

Je höher der Klub stieg, desto stärker sah Audi Pflicht und Chance. Der Weltkonzern machte das prosperierende Fußballexperiment vor den Werkstoren zu seinem eigenen. Heute ist man Hauptsponsor, besitzt den Audi Sportpark sowie das acht Millionen Euro teure Nachwuchszentrum samt Verwaltungsbau. Der Klub ist Ankermieter. Infrastruktur und Jugendarbeit sind erstklassig, schon heute.

Jackwerth verkaufte seine Anteile an der Fußball GmbH, die sich nach einer Kapitalerhöhung auf 19,94 Prozent reduziert hatten, natürlich an Audi. „Ich habe sicher kein Geld verdient, im Gegenteil: richtig Geld verloren. Das sehe ich aber als eine Investition in einen Verein als Mäzen. Herzblut, mehr nicht.“

Die Übernahme der Anteile und den Kauf der Stadionbetreiber GmbH bezeichnet Wagener als Gesamtdeal. „Wir haben das damals gemacht, weil Herr Jackwerth sich etwas zurückziehen wollte.“ So wurde Audi 2013 nach Bayern München zum zweiten Mal Anteilseigner im deutschen Profifußball.

Eine gute Idee? „Hätten wir auch nicht machen müssen“, sagt Wagener. „Wir wollen diesen Verein möglichst autonom lassen.“ Nicht nur im Sport gelte bei Audi: „Wir lassen einige Gesellschaften lieber selbstständig arbeiten, weil sie es besser und schneller hinbekommen und wir das Know-how nicht haben.“ Jackwerth betont: Der Verein muss auch künftig das Sagen haben. „Es gibt eine klare Absprache, wir werden die Anteilsmehrheit nicht verkaufen.“

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Das Fußball-Unternehmen, das kein Werksklub sein will, hat in seine Gremien viele bekannte Gesichter aus dem VW-Konzern berufen. Im Aufsichtsrat sitzen neben Jackwerth, Wagener und dem früheren Oberbürgermeister auch Audis einstiger Personalvorstand Andreas Schleef, Ex-Produktionsvorstand Frank Dreves und seit 2013 auch Wendelin Göbel. Der Mann muss aus Wolfsburg anreisen. Hauptberuflich ist er VW-Generalbevollmächtigter – die rechte Hand von Konzernchef Martin Winterkorn. Der weiß jetzt auch, was beim FC Ingolstadt gespielt wird.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Handelsblatt

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