Jérôme Champagne: „Herr Rauball, ein Fifa-Austritt ergibt keinen Sinn“

Jérôme Champagne will 2015 Fifa-Präsident werden. Zur Bewältigung des Ethik-Skandals setzt er auf Hilfe von DFL und DFB und befürwortet auch ein Einschalten des FBI.

Foto: Mersch

Herr Champagne, wie beurteilen Sie die entstandene Verwirrung innerhalb der Fifa rund um den Garcia-Report? Sind die von Herrn Blatter ergriffenen Maßnahmen zunächst ausreichend?

Was in den letzten Wochen passiert ist, zeigt nur, dass wir die Wahrheit wissen müssen. Entweder durch das Veröffentlichen des Garcia-Berichts oder durch polizeiliche Ermittlungen etwa des FBI oder anderer Behörden. Die Integrität und Ehrlichkeit des Weltfußballs stehen auf dem Spiel, und damit auch die Fußball-Weltmeisterschaft als weltgrößtes Sportereignis. Wir könnten dieses große Fest nicht in dem gegenwärtigen Ambiente belassen.

Was fordern Sie?

Wir müssen das Image der Fifa neu aufbauen. Ich erwarte, dass wir die Wahrheit darüber erfahren, wie das Abstimmungsergebnis von 14 zu 8 zugunsten von Katar zustande gekommen ist. Einige der Fifa-Exekutivkommiteemitglieder, die im Dezember 2010 bei der entscheidenden Wahl über die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 mit abgestimmt haben, sind mittlerweile wegen Korruptionsfällen nicht mehr im Amt. Wir müssen wissen, was da wirklich passiert ist.

Denken Sie, dass Szenarien realistisch sind, dass die  Weltmeisterschaften in Russland und Katar nicht in den betreffenden Ländern stattfinden könnten? Durch eine Absage oder eine Verlegung in andere Staaten?

Mir ist wichtig, dass auch hier die Unschuldsvermutung gilt. Genau deshalb können wir auch nicht in der Sphäre der Verdächtigungen verharren, sondern müssen die Wahrheit erfahren. Was Russland betrifft, habe ich wenige Kontroversen gehört. Die Diskussionen kreisen alle um Katar. Wenn man ein Katari ist und nichts Böses getan hat, ist das unfair.

Der deutsche Ligapräsident Reinhard Rauball hat jüngst ins Spiel gebracht, die Uefa müsse darüber nachdenken, sich von der Fifa zu lösen, wenn die Krise nicht glaubwürdig gelöst werde. Können Sie das nachvollziehen?

Ich erkenne keinen Sinn darin. Die Fifa wurde 1904 in Paris von sieben Verbänden gegründet. Noch in der Nacht schickten die Deutschen einen Aufnahmeantrag und wurden so das achte Fifa-Mitglied. Deutschland hat in der Geschichte der Fifa eine große Rolle gespielt. Was Herr Rauball richtigerweise anmerkt: Wir müssen die Fifa verändern: das bewahren, was in den letzten Jahren korrekt gemacht wurde, aber die Fifa auch in die Realität des 21. Jahrhunderts überführen. Also: Ich appelliere an den DFB und die DFL, sich der Bewegung der Veränderung anzuschließen. Denn: Was auf dem Spiel steht, ist nicht die Fifa, sondern der Fußball.

Wo sehen Sie Widerstände?

Man muss einmal gucken, wer sich aktuell freut: Glücklich sind all jene, die keine strenge Regulierung wünschen. Jene, die den Fußball für politische oder wirtschaftliche Zwecke missbrauchen wollen, weil die verantwortlichen Gremien schwach sind. Auch das organisierte Verbrechen freut sich zu sehen, was gerade geschieht. Ich sage: Fußball braucht Unternehmensführung („Governance“) auf Weltniveau. Wenn nicht, ist der Fußball verloren. Also bitte, Herr Rauball, unterstützen Sie die Bemühungen. Wir brauchen den deutschen Fußball und die DFL, wir brauchen alle Qualitäten, die sie einbringen können. Die Fifa zu verlassen, ergibt in meinen Augen keinen Sinn.

Wie beurteilen Sie es, dass erste Großsponsoren ihr Engagement beenden oder sich erstmals – wie Coca-Cola – kritisch äußern über die Krisenbewältigung der Fifa? Können die Sponsoren Druck aufbauen oder besteht das Risiko, große Einnahmeverluste hinnehmen zu müssen?

Es steht ja nicht nur bei der Fifa der Ruf des Fußballs auf dem Spiel. Auch in meinem Heimatland Frankreich wurden gerade Präsidenten von Zweitligisten verhaftet, weil man ihnen Spielmanipulation vorwirft. Auf der ganzen Welt gibt es solche Schwierigkeiten. Ich verstehe sehr gut, wenn Unternehmen, die ihren Namen und ihre Marken mit Fußball assoziieren wollen, dann auch möchten, dass der Fußball perfekt ist. Aber ich bin gleichzeitig sehr sicher, dass die Unternehmen, die Abschied nehmen, sehr schnell durch andere ersetzt werden.

Werden diejenigen Sponsoren, die nachrutschen, dann weniger interessiert sein an Good Governance im Fußball und Compliance-Fragen?

Eine berechtigte Frage, aber ich kann sie nicht beantworten. Ich weiß sicher nur vom Abschied der Airline Emirates, aber ich weiß nicht, wer neu reinkommt.

Sie möchten nicht spekulieren…

Spekulationen über Spekulationen werden ja nichts verändern. Wir müssen wissen, wer wofür gestimmt hat. Fifa hat die schweizerische Bundesanwaltschaft gebeten zu überprüfen, ob sie Ermittlungen aufnehmen will gegen fünf Offizielle. Wir müssen abwarten, wer diese fünf sind – und erfahren, für wen sie gestimmt haben. Das Problem ist doch: Wir können nicht die fraglichen Personen von ihrem Abstimmungsverhalten von Dezember 2010 entkoppeln. Wenn wir das – wie schon seit vier Jahren – machten, würden wir das Problem nur weiter vor uns her schieben.

Denken Sie, dass Sie im Mai 2015, wenn Sie um die Fifa-Präsidentschaft kandidieren, gegen Joseph Blatter antreten werden? Bleibt Blatter bei seiner Kandidatur?

Einmal mehr: Ich kommentiere keine Spekulationen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Stefan Merx für JP4.

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