Ethik-WM: Endspiel für die Fifa

Die Verwirrung um Korruptionsvorwürfe im Weltfußball richtet immer größeren Schaden an. Erste Sponsoren wenden sich ab, der Reinigungsprozess gerät zur Farce.

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Es war eine der letzten Wohlfühloasen für Joseph Blatter: Anfang September beim „Stanglwirt“ schien die Fußballwelt noch intakt. Blatter wurde hofiert im „Camp Beckenbauer“, einem informellen Gipfeltreffen der wichtigsten Sportfunktionäre. In den Kitzbüheler Alpen durfte sich der Präsident des Weltfußballverbands Fifa gemocht und verstanden fühlen. Mit weißem Hemd saß er Seite an Seite mit dem deutschen Fußball-Kaiser. Versöhnt mit sich und der Welt. Die Akten in Zürich – Lichtjahre entfernt.

Im Camp der alten Vordenker war es wie in guten Zeiten: Adidas sorgte mit anderen „Gold“-Partnern für die Finanzen, die versammelte Mannschaft sagte kurz vor dem gemütlichen Teil des Abends ein klares „Ja“ zu einem „Supersportjahr 2024“ in Deutschland. Und zu ganz vorgerückter Stunde sang Schalke-Boss Clemens Tönnies noch ein großes Udo-Jürgens-Medley. Mehr Harmonie geht nicht.

Doch die Fußballgemeinde feierte auf einem Pulverfass. Der ehemalige US-Staatsanwalt und Mafia-Jäger Michael Garcia war als Leiter eines Fifa-Untersuchungsausschusses gerade dabei, einen brisanten Bericht zu vollenden. Das Ziel war die Aufarbeitung von Korruptionsvorwürfen rund um die WM-Vergaben nach Russland (2018) und Katar (2022). Auch Blatter will das – allerdings so intern wie möglich. Ein lautloser Selbstreinigungsprozess, das war der Plan.

Knapp zwei Monate später herrscht helle Aufregung im Weltfußballverband, Blatter steht mit dem Rücken an der Wand. „Die Integrität und Ehrlichkeit des Weltfußballs stehen auf dem Spiel, und damit auch die Fußball-Weltmeisterschaft als weltgrößtes Sportereignis. Wir könnten dieses große Fest nicht in dem gegenwärtigen Ambiente belassen“, sagte Jérôme Champagne im Gespräch mit JP4 . Es müsse endlich ans Licht kommen, wer im Dezember 2010 bei der Abstimmung des Fifa-Exekutivkomitees für welches Land die Hand hob, fordert der Franzose, der im Mai als Gegenkandidat zu Blatter um die Fifa-Präsidentschaft antreten will.

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„Ich erwarte, dass man die Wahrheit darüber erfährt, wie das Abstimmungsergebnis von 14 zu 8 zugunsten Katars zustande gekommen ist“, sagt Champagne. „Einige der Fifa-Exekutivkomitee-Mitglieder, die im Dezember 2010 bei der entscheidenden Wahl über die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 mit abgestimmt haben, sind mittlerweile wegen Korruptionsfällen nicht mehr im Amt. Wir müssen wissen, was da wirklich passiert ist.“ Die Fifa brauche einen radikalen Veränderungsprozess – nicht bloß eine Institution stehe auf dem Spiel, sondern der gesamte Fußball in seiner Glaubwürdigkeit. „Das organisierte Verbrechen freut sich zu sehen, was gerade geschieht“, stellt Champagne fest.

Blatter-Konkurrent: Fifa-Gremien sind zu schwach

Der französische Diplomat, der selber elf Jahre in der Fifa tätig war, mahnt eine tiefgreifende Strukturreform an, um das ramponierte Image wiederherzustellen, aber vor allem zeitgemäße Regeln aufzustellen – Good Governance ist sein Stichwort. „Glücklich sind heute all jene, die keine strenge Regulierung wünschen. Jene, die den Fußball für politische oder wirtschaftliche Zwecke missbrauchen wollen, weil die verantwortlichen Gremien schwach sind.“

Blatters große Selbstreinigungs-Show ist zu Ende, bevor sie richtig begonnen hat. Das vermeintliche Ethik-Dreamteam mit Garcia und dem deutschen Richter Hans-Joachim Eckert als Vorsitzendem der Untersuchungskammer der Ethikkommission ist zerrüttet. Garcia hatte Proteste angekündigt, nachdem Eckert in der vergangenen Woche in seinem Abschlussbericht eine offenbar zu wohlwollende Interpretation seiner Recherchen geliefert hatte. Den mehreren hundert Seiten langen Garcia-Bericht hält der Verband so hartnäckig geheim wie Fifa-Sponsor Coca-Cola die Rezeptur seiner Brause.

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Am Donnerstag trafen sich die zerstrittenen Ethik-Fachleute und beschlossen, so eine Fifa-Meldung, dass nun der Vorsitzende der Audit- und Compliance-Kommission der Fifa, Domenico Scala, vollständige Kopien aller Berichte der Untersuchungskammer erhält, „damit er entscheiden kann, wie viele dieser Informationen dem Fifa-Exekutivkomitee offengelegt werden sollten“. Parallel reichte die Fifa bei der Bundesanwaltschaft in Bern eine Anzeige ein – es geht um angeblich fünf verdächtigte Einzelpersonen.

Aussitzen, abwarten, weitermachen? Jahrzehnte lang war das die Standardantwort der Fifa auf Skandale aller Art. Nun jedoch könnte der Bogen überspannt sein. Das scheint schwer zu verstehen, war doch das Geschäftsmodell bislang so robust, dass keine Bewegung nötig war: „Die Fifa ist Monopolist auf einem sogenannten zweiseitigen Markt“, erläutert Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. „Sie ist alleiniger Anbieter von Fußball-Weltmeisterschaften und somit alleiniger Anbieter von Vermarktungsrechten.“ Ein Freifahrtschein für die Verbandsführung – so lange nur der Fan mitspielt.

Skandale kosten bisher keine Zuschauer

Hauptsache, das telegene Premiumprodukt stimmt: die Fußball-WM. „Durch ihre Skandale verliert die Fifa kaum Zuschauer“, sagt Vöpel. „Somit bleibt der Werbemarkt im Fußball für Sponsoren attraktiv. Das ist der Grund, weshalb auch die Sponsoren kaum auf die Skandale der Fifa reagieren. Das begründet die nicht nur ökonomisch, sondern fast schon ethische beziehungsweise unethische Marktmacht der Fifa.“

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Aber reichen Sepp Blatter sein Machtinstinkt und das Old-Boys-Netzwerk tatsächlich auch 2014 noch? Möglicherweise ist der Taktiker mit seiner Art der Unternehmensführung bald am Ende, was eine Kettenreaktion auslösen könnte. „Es ist denkbar, dass ein großer Sponsor, der als erster aus diesem stabilen Kartell austritt, sich dadurch große Aufmerksamkeit und einen Reputationsgewinn sichern könnte“, sagt Vöpel. „Dieser Punkt, an dem das Ganze kippt, könnte schon bald erreicht sein. Dann würde die Reputation der Fifa schnell erodieren, wie man das von Skandalen kennt, die eine unkontrollierbare Dynamik entwickeln.“

Was kommt besser an beim Fan: Augen zu und durch oder Abbruch der Beziehungen zur Fifa? Das ist die Frage, vor der die Sponsoren stehen. Denn es wird langsam klar, dass die Ethik-Kapriolen des Weltverbands den Werbepartnern schaden könnten. „Wir sind immer besorgt, wenn negative Berichte um die WM und die Fifa aufkommen“, sagte Amber Steele, die beim Fifa-Sponsor Coca-Cola das Fußball-Sponsoring verantwortet, Anfang Oktober mit Blick auf die Garcia-Ermittlungen. Sie sei aber zuversichtlich, dass der Verband die Vorwürfe ernst nehme und ausreichend untersuche. „Wir glauben, dass die Fifa transparent damit umgehen und bei Bedarf auch die notwendigen Maßnahmen ergreift.“

Die Garcia-Proteste zeigen deutlich: Glauben hilft nicht. Ganz offenbar kommen die Sponsoren mit sanftem Druck nicht weiter. Coca-Cola, das ebenso wie die Automarken Hyundai/Kia und der Kreditkartenanbieter Visa bis zur WM 2022 in Katar mit der Fifa verbandelt ist, verfolgen auch die bislang größte Fifa-Posse, ohne groß zu zucken. Vom Sportartikelhersteller Adidas, der vor einem Jahr gar bis 2030 mit der Fifa verlängerte, ist ebenfalls keine Kritik zu hören. Man bleibt auf Linie: „Die WM ist die ultimative Plattform für unsere Marke“, sagte Thomas Van Schaik, globaler Markenchef von Adidas, am Donnerstag auf einem Forum des Magazins „SportsPro“. „Es ist nicht nur eine schöne Plattform, um unsere Produkte zu zeigen. Es ist auch eine schöne Plattform, um das zu zeigen, wofür wir stehen: die Ambition, die Besten zu sein und hervorzustechen.“

Sony und Emirates beenden ihre Fifa-Partnerschaft

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Schöne Plattform hin oder her: Zwei langjährige Werbepartner wollen sich den Kommunikations-Eiertanz künftig ersparen. Laut einem Bericht von „Spiegel-Online“ werden sich der japanische Elektronikhersteller Sony und Emirates zum Jahresende verabschieden. Als Nachfolger der Fluglinie mit Sitz in Dubai wird Konkurrent Qatar Airways gehandelt. Wie würde die staatseigene Gesellschaft des WM-Gastgebers 2022 als Sponsor reagieren, wenn Katar aufgrund von möglicher Korruption bei der Vergabe die Endrunde wieder entzogen würde?

Das schweizerische Sportmarketingunternehmen Infront Sports & Media ist Dienstleister für den Weltverband. Im JP4-Interview betonte Infront-Chef Philippe Blatter, Neffe des Fifa-Präsidenten, jüngst die hohe Bedeutung von Compliance in seinem Geschäft: „Wir haben Checklisten, bevor wir mit Sponsoren neue Verträge abschließen. Wenn alle Punkte erfüllt sind, steht der Partnerschaft nichts im Wege. Falls nicht alles klar ist, wird mit dem Compliance-Desk gesprochen – es werden eventuell Zusatzinformationen eingefordert. Wenn wir einen Verdacht haben, dass ein Partner gegen unsere Compliance-Auflagen verstößt, arbeiten wir nicht mit ihm zusammen.“

Steht nun die Zusammenarbeit mit der Fifa auf dem Prüfstand? Infront lege „höchsten Wert darauf, dass alle unsere Partner die gemeinsamen Verträge und dabei das anwendbare Recht in diesem Zusammenhang (und folglich auch die Antikorruptionsbestimmungen) einhalten“, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. „Selbstverständlich analysieren wir auch laufende Partnerschaften genau, damit alle Verpflichtungen eingehalten werden. Gegenwärtig haben wir keine Anhaltspunkte, dass sich die Fifa nicht an ihre Verpflichtungen halten würde. Es liegt deshalb nicht an uns, interne Diskussionen und Vorgänge bei Fifa zu beurteilen und öffentlich zu kommentieren.“

Die Compliancesysteme der Geschäftspartner sind heute so ausgefeilt, dass die großen Verbände und Sponsoringanbieter kaum noch anders können, als sauber zu agieren. Eine schmerzhafte Lektion für manchen, der vor allem die Show genossen hat.

Lutz Thieme, Professor für Sportmanagement an der Hochschule Koblenz, sieht die Sponsoren in Erklärungsnot: „Werbe- und Vermarktungspartner der Fifa, deren Produkte und Dienstleistungen sich an eine Zielgruppe mit hoher Affinität zu sozialen, ökologischen und ethischen Standards wenden, werden zunehmend Schwierigkeiten haben, ihren Kunden das Engagement bei der Fifa zu erklären.“

Dem Fußball droht ein teurer Imageverlust

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Mit Blick auf die Zielgruppe und das eigene Firmenimage könnte so der Nutzen einer Partnerschaft mit der Fifa immer geringer werden. „Für solche Unternehmen wird sich die Frage des Ausstiegs stellen“, sagt Thieme. „Wenn anstelle dieser Unternehmen andere Unternehmen treten, deren Fokus weniger auf gesellschaftliche Verantwortung und Nachhaltigkeit gerichtet ist, kann dies Folgen über die Fifa hinaus für den ganzen Fußball haben.“ Darin ist er sich mit Jérôme Champagne einig.

Für den Fußball könne dieses Worst-Case-Szenario zu einem deutlichen Imageverlust führen. Mögliche Folge: „Menschen, die heute Fußball-Weltmeisterschaften verfolgen, aber keine Fußballfans sind, würden dann nicht mehr einschalten.“ So sänke auch die „soziale Reichweite“, sagt Thieme. „Auch der sich daraus für die Menschen, die noch zuschauen, ergebende Nutzen würde geringer werden.“ Die Nachfrage-Spirale im überhitzten Fußball-Business würde nach dieser kalten Dusche nach unten drehen.

Doch selbst wenn sich die auf Compliance getrimmten multinationalen Konzerne abwenden sollten: Auch für eine Fifa, der die Selbstreinigung misslingt, gäbe es noch Hoffnung. Sportmanagement-Experte Thieme nennt die letzten Adressen für die Beschaffung von Werbemillionen: „Oligarchen oder Staatsfonds autoritärer Staaten beziehungsweise die von ihnen beherrschten Unternehmen könnten schon einspringen.“

Es geht schließlich um den Fußball.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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