Martin Stopper: „Die Macht eines Investors lässt sich zurückfahren“

Die Reform der 50+1-Regel wird zum Drahtseilakt, sagt Sportrechtler Martin Stopper. Die geplante Einzelfallbetrachtung des Ligaverbandes sei heikel, das zeige auch der Fall Hannover 96.

Foto: Lentze Stopper Rechtsanwälte

Dr. habil. Martin Stopper ist Gründungspartner von Lentze Stopper Rechtsanwälte.

Herr Stopper, die Deutsche Fußball Liga (DFL) nimmt sich auf ihrer Mitgliederversammlung des Themas der Einflussnahme von Investoren an. Müsste man auch gleich über Einflussnahme von Sponsoren nachdenken?

Einem Sponsor wird bisher kein Einfluss zugerechnet. Man muss schon ein Instrument haben, das funktionsfähig ist. Deswegen setzt man am besten bei Geschäftsanteilen an einer Gesellschaft an.

Bei RB Leipzig handelt es sich – soweit man bisher weiß – nur um einen Sponsorenvertrag von Red Bull…

Es geht um die Bewertung von Einflussmöglichkeiten. Und um die Frage: Ab wann ist die Integrität des Wettbewerbs gefährdet? Dabei ist es grundsätzlich faktisch egal, ob es sich um einen Sponsor oder einen Anteilseigner handelt. Denn ein Sponsor, der für relativ viel Geld in einem Klub engagiert ist, hat relativ viel Einfluss – nicht rechtlich, aber faktisch. Der Schutz von Wettbewerbsintegrität müsste beiden Einflussformen entgegenstehen.

Dennoch plädieren Sie dafür, Sponsoren hinsichtlich Mehrfachbeteiligungen unberücksichtigt zu lassen?

Ja, das ist juristisch wohl geboten. Als Satzungsgeber bin ich gehalten, konkrete und damit justiziable Regelungen zu schaffen. Würde man sich auch noch auf die  Sponsoren konzentrieren, wird es zu vage. Da sind Anteilsgrößen die besseren Regelungsinstrumente.

Anderes Beispiel: Ingolstadt. Wir behaupten: Dort hätte Audi auch ohne die knapp 20 Prozent Anteile denselben Einfluss auf die Sport-GmbH – als wichtigster Sponsor, Eigentümer des Stadions etc. Da hinkt es doch schon, oder nicht?   

Das Problem wird es immer wieder geben. Auch die UEFA hat bei den Financial-Fairplay-Regularien diese Unebenheit in Kauf genommen, um an dieser Stelle Regelungen mit Willkürverdacht zu vermeiden. So darf ein Sponsor grenzenlos Geld zur Verfügung stellen, ein Investor als Related Party, also als Anteilseigner, hingegen nicht. Wenn man sich am Begriff Einflussnahme aufhängen möchte, müsste man eine ganz dezidierte Compliance-Prüfung machen. Dazu ist ein Verband schwerlich in der Lage. Dass man so ein Thema nicht konkretisieren kann, sieht man ja an der gesamten Compliance-Diskussion, die hier in Deutschland ganze Wirtschaftszweige lahmlegt.

Es geht hier um Integritätsschutz im Rahmen der Liga

Die Mehrfachbeteiligungen von Investoren will die DFL eindämmen, aber sie wird vermutlich auch einen Bestandsschutz einführen wollen. Man kann ja nicht VW zu einer Desinvestition in Ingolstadt und Bayern München zwingen – oder doch?

Das wird ein Drahtseilakt. Entweder man muss das Bestehende tolerieren oder eine Übergangszeit zur Verfügung stellen, um dann rechtssicher eine Veränderung der Struktur darzustellen, und zwar ausnahmslos. Man hat damals bei 50+1 Leverkusen und Wolfsburg einen Bestandsschutz gewährt und gesagt: Ihr seid ein Ausnahmebereich. Das jetzt wieder zu tun und für alle Zeiten zu lassen, ist nicht glaubwürdig. Bei der Bewertung von Einflussmöglichkeiten kann es schwerlich unterschiedliche Kennzahlen geben, da muss man dann auch einmal überlegen, sich rückwärtig anzupassen, um Gleichheit zu erzeugen. So wie auch das Bundeskartellamt zu Marktteilnehmern sagt, Ihr habt zu viel Macht, Ihr müsst euch entflechten. Das ist, zumindest im Kartellrecht, eine zulässige Auflage.

Wäre eine solche Verbandsregel rechtlich haltbar, etwa unter dem Gesichtspunkt des freien Kapitalverkehrs? 

Es geht hier um den Integritätsschutz im Rahmen der Liga. Wenn man die gewachsene Macht eines Investors Stück für Stück weiter zurückfährt, weil man die Gefahren anders bewertet als vorher, halte ich das rechtlich für möglich.

Läuft es Ihrer Ansicht nach darauf hinaus, dass VW im deutschen Fußball Anteile wieder abgeben muss?  

Zu einer Prognose lasse ich mich nicht hinreißen. Wichtig ist eine Absichtserklärung der Liga, dass Integrität eine ganz große Rolle spielt. Und dass die Einflussnahme vermindert wird. Wie man mit dem Status quo umgeht, ob er unter die Integritätsregeln fällt, wird man dann sehen, je nachdem, was in der Liga beschlossen wird.

Auch die 50+1-Regel soll und muss präzisiert werden. Das soll auf der Mitgliederversammlung geschehen. Wie hängt das Thema zusammen mit den Integritätsregeln?

Man muss zunächst einmal sauber trennen: Bei 50+1 geht es nur in der Horizontalen um die Einflussnahme auf den Verein. Also: In welche Abhängigkeiten sollte sich ein Verein begeben oder nicht? Das andere Thema der Mehrfachbeteiligungen ist auf vertikaler Ebene zu sehen: Wie ist mein Gesamtwettbewerb beeinflussbar? Und da muss man – klare Kante – gegen solche Tendenzen anarbeiten. Das ist rechtlich völlig unzweifelhaft möglich.

Eine Prüfung nach Augenschein wird nicht funktionieren.

Bei 50+1 argumentiert der Ligaverband mit Einzelfallentscheidungen. Motto: Ich gucke dem Mann in die Augen und stelle mir vor, ob er integer ist oder nicht. Ob er also übernehmen darf oder nicht. Ist das stichhaltig?

Augenschein wird nicht funktionieren, es ist kein justiziables Instrument. Wer soll die Prüfung glaubwürdig und objektiv vornehmen?

Der Ligavorstand will sich aber – so offenbar der Plan – die Entscheidung vorbehalten, ob man der Übernahme von Mehrheitsanteilen nach 20 Jahren zustimmt oder nicht.

Das wäre nach meiner Ansicht ein falscher Ansatz. Die Liga würde sich ja selbst regulieren. Es gibt ja keine obere Instanz. Die dort vertretenen 36 Klubs entwickeln ja ihre Macht aus sich heraus, sie gucken sich selber auf die Finger. Es geht also in Frankfurt um die Frage: Wollen wir eine Regel erlassen, die uns etwas vorschreibt? Da werden die 36 Klubs sitzen und jeder für sich überlegen: Hilft mir das oder schadet mir das? Es wird ja keine Sachentscheidung getroffen, sondern es geht um eine wichtige Strukturfrage: Kann ich eigenverantwortlich entscheiden, ob ich einen strategischen Investor oder einen Finanzinvestor aufnehme – oder muss das von einer bevollmächtigten Instanz entschieden werden?

Was wäre Ihr Rat? 

Ich bin für die Eigenverantwortung. Die Idee von 50+1 ist eine gute. Aber sie sollte in Eigenverantwortlichkeit betrieben werden. Nur Exzessen muss man Grenzen setzen.

Was wäre ein Exzess für Sie? 

Wenn ein Klub zum Beispiel kurzfristig Anteile mit einem halben Jahr Haltefrist an X verkauft, und sich so über die generierten Einnahmen die Lizenz sichert. Und kurz danach ist er schon wieder pleite. Vor Kamikaze-Aktionen muss ihn die Liga – und damit auch sich selbst – schützen. Denn nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung wäre ein Klub wohl nicht langfristig lizenzfähig, wenn er durch kurzfristige Anteilsveräußerungen die Kontrolle über sich und seine Handlungen verliert.

Das Ziel eines Investors und eines Vereins ist deckungsgleich.

Haltefristen könnten helfen, oder? Martin Kind, Präsident von Hannover 96, spricht seit Jahren davon.   

Ja, sie wären ein gutes Mittel. Aber nicht für jeden Kleinanteil, sondern nur für Großanteilseigner. Man könnte zum Beispiel für einen Anteil, der über zehn Prozent liegt, eine Haltefrist von etwa zehn Jahren einführen. Das hielte ich für vernünftig.

Fanvertreter gewinnen an Einfluss – und sehen häufig den Einstieg von Investoren skeptisch. Wie sollten Klubs damit umgehen?

Das Rad zurückdrehen ist schwierig, man kann nicht mit einem Appell rausgehen, das hat euch nicht zu interessieren. Ich würde aber eine andere Denkkultur begrüßen: Warum nimmt man immer an, dass der Investor andere Ziele haben sollte als der Verein? Nehmen wir das Gebilde in Hannover rund um Martin Kind: Beide – Verein und Herr Kind – wollen irgendwann in die Champions League. Das Ziel ist deckungsgleich. Oder Hertha BSC: Warum soll ein Anteilseigner wie KKR andere Vorstellungen haben als der Verein?

Zum Beispiel, weil ein Finanzinvestor normalerweise immer gleich seine Exitstrategie mitbedenkt.

Das muss man eben regulieren mit Haltefristen.

Die DFL interessiert sich auch nicht dafür, wer Aktionär bei der Bayer AG ist.

Wird es am 4.12. ein großer Tag für Herrn Kind? Er hat mit dem schiedsgerichtlichen Verfahren zu 50+1 alles in Bewegung gebracht – und den Weg auch in eigener Sache freigekämpft.

Für Herrn Kind wird noch interessant sein: Was passiert mit meiner Gruppe, die über die Sales & Service GmbH die volle Übernahme anstrebt? Das wird noch spannend – wenn die Liga solche Bewegungen unter einen Beschlussvorbehalt stellen will. Wie weit und wie tief will man da als Liga reingucken in diese Gesellschaft, die Hannover 96 übernehmen will? Die 50+1-Regel ist ein Drahtseilakt. Und dieses Drahtseil wird immer dünner – siehe Hannover 96. Das erodiert immer weiter.

Wo genau liegen zum Beispiel in Hannover die Knackpunkte?

Die Sales & Service GmbH, an der Kind und einige weitere Gesellschafter aus der Region die Anteile halten, hat sich demnächst 20 Jahre lang engagiert. Als Investitionsadresse wird die S&S plötzlich viel interessanter – weil diese Einheit bald auch etwas gestalten kann. Nämlich die Zukunft von Hannover 96. Wenn Herr Kind nun sagt, ich will das am Ende weiterveräußern– was passiert dann? Will ich mich als DFL dagegen wehren, will man Konsequenzen ziehen? Wie man das lösen will, das stelle ich mir sehr schwierig vor. Die DFL interessiert sich ja auch nicht dafür, wer Aktionär bei der Bayer AG ist.

Stefan Merx für JP4

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