Peter Jackwerth: „Alle sagten: Jetzt spinnt der total“

Peter Jackwerth, Präsident des Zweitliga-Herbstmeisters FC Ingolstadt, über Aufstiegsambitionen, Anteilseigner Audi und die Rivalität mit Bayern München.

Foto: Merx

Herr Jackwerth, Glückwunsch zur Herbstmeisterschaft. Planen Sie schon für den Aufstieg in die erste Liga?

Das ist mit einem Wort beantwortet: Quatsch. Wir haben in den letzten vier Jahren immer das Problem gehabt, dass wir schlecht gestartet sind oder nach einem guten Start eine schlechte Phase hatten. Und wir haben jedes Jahr bis kurz vor Schluss zittern müssen. Dass wir so einen Start hatten wie jetzt, ist unglaublich für uns. Wir genießen das. Und wenn es bis zum Ende hält, dann habe ich auch nichts dagegen. Aber das ist mit Sicherheit kein Druck, den wir aufbauen.

Vita Peter Jackwerth

Peter Jackwerth, 58, ist ein erfolgreicher Unternehmer in der Zeitarbeitsbranche und der Macher des FC Ingolstadt 04. Auf seine Initiative fusionierten vor zehn Jahren die Fußballabteilungen der lokalen Sportvereine ESV und MTV. Als Mäzen und Sponsor führte Jackwerth den neuen Klub binnen vier Jahren in die zweite Bundesliga. Seine Anteile am der Profi-GmbH des Klubs (19,94 %) sowie an der Stadionbetreiber GmbH (100 %) hat inzwischen der in Ingolstadt ansässige Autobauer Audi übernommen, der auch Hauptsponsor des Klubs ist. Im Jahr 2007 kaufte Adecco Jackwerths Zeitarbeitsfirma Tuja kaufte für 800 Millionen Euro. Über die JR Holding ist er weiter an Zeitarbeitsfirmen beteiligt. Der gebürtige Schwabe lebt in Ingolstadt und auf Mallorca.

In der vergangenen Saison wurden Sie Zehnter. Gab es eine Vorgabe für dieses Jahr?

Wir haben gesagt, dass wir im Vergleich zum Vorjahr auf jeden Fall besser werden und uns weiter in der Liga etablieren wollen. Das heißt: einstelliger Tabellenplatz. Das ist bis jetzt eindrucksvoll gelungen. Schauen wir am Ende, was rauskommt.

Wären Sie für den Aufstieg gerüstet?

Wir sind ja ein junger Club, haben aber mit dem Trainingsgelände und auch dem neuen Stadion alle Möglichkeiten, in der ersten Liga zu spielen. Und dass es funktioniert, sieht man in Paderborn. Die Größe des Vereins und des Stadions, das ist vergleichbar.

Sie haben schon immer von der ersten Liga als Ziel gesprochen. Gibt es eine Roadmap?

Das kann ich in einem Unternehmen, in einem großen Wirtschaftsbetrieb machen. Aber im Fußball kann man so nicht planen. Da gibt es 17 andere Mannschaften, die da auch hin wollen. Wenn die Chance da ist, wollen wir sie nutzen – egal ob in diesem Jahr oder in fünf Jahren.

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Es geht auch ambitionierter: Ihr Aufsichtsratsmitglied Martin Wagener, Chefjurist bei Audi, hatte schon einmal 2014 als Aufstiegsjahr ins Auge gefasst, wenn auch wohl eher scherzhaft. Mussten Sie ihn bremsen?

Als ich mit meinem Unternehmen vor gut zehn Jahren beim ESV Ingolstadt als Trikotsponsor eingestiegen bin, spielte der in der Bezirksoberliga. Die waren pleite. Damals war die Intention: Wir wollen einen reinen Fußballklub haben, und der soll irgendwann mal Bundesliga spielen. Das war ein Traum, und der ist 2004 geboren worden. Diesen Traum hat er damals geäußert, das war alles.

Schon 2008 gelang Ihnen mit dem FC Ingolstadt, der vier Jahre zuvor durch die Fusion der Fußballabteilungen von ESV und MTV Ingolstadt entstanden war, der erste Aufstieg in die zweite Liga. Lassen sich Erfolgsstrategien eines Unternehmers einfach auf den Fußball übertragen – und dann läuft es?

Dass es dann so schnell ging, haben wir selber nicht geglaubt. Es ist relativ einfach mit einer gewissen Summe in der Landesliga oder der Bayernliga. Dafür holt man ein paar gestandene Spieler mit dem Ziel: Wir wollen in einem Jahr Regionalliga spielen. Bis dahin geht es noch. Aber in der Regionalliga ist das nicht mehr so einfach. Das ist Kampf, Entwicklung. Glück gehört auch dazu. Und Sie müssen die richtigen Leute am richtigen Ort haben.

Wie sind Sie vorgegangen?

Der größte Schritt war, dass ich einen Manager verpflichtet habe, damals im März 2007 mit Harald Gärtner, der jetzt Geschäftsführer ist, da sagten alle: Jetzt spinnt der total, in der Regionalliga einen bezahlten Manager. Aber das war notwendig. Sie können nicht ein Unternehmen leiten, eine Familie haben und nebenbei einen Klub komplett neu entwickeln. Auch die Verwaltungsstrukturen, die man braucht, sind enorm. Ich habe das auch erst nicht geglaubt – aber es ist so.

Ursprünglich hielten Sie 49 Prozent der Anteile an der ausgegliederten Kapitalgesellschaft für die Fußballprofis. Ein Geschenk des Klubs?

Wir haben unsere Leistungsmannschaften im Dezember 2007 ausgegliedert. Das notwendige Stammkapital betrug eine Million Euro. Der Verein brachte 510.000 Euro ein und ich 490.000. Es wäre sowieso niemand anders dagewesen, der es gemacht hätte. Deshalb habe ich die nötige Investition eingebracht.

Die Beteiligung sank dann auf unter 20 Prozent – warum?

Wir haben eine Kapitalerhöhung beim Aufstieg in die zweite Liga gemacht, weil die Deutsche Fußball Liga dann 2,5 Millionen Euro Stammkapital verlangt. Da bin ich nicht mehr mitgegangen, meine Anteile reduzierten sich auf 19,94 Prozent. Dennoch war es bis 2013 zumindest von der gesellschaftsrechtlichen Seite eine One-Man-Show. Es waren meine Anteile bis vor eineinhalb Jahre. Auch das 2010 eröffnete Stadion hat die Stadionbetreiber GmbH, die mir zu 100 Prozent privat gehört hat, gebaut.

Sie haben Ihre Anteile an Audi verkauft, auch das Stadion hat der Autobauer übernommen. Ein gutes Geschäft für Sie?

Ich war nie darauf aus, aus dem Unternehmen FC Ingolstadt 04 Geld zu ziehen oder ein Unternehmen aufzubauen, um Geld zu verdienen. Das war reines Herzblut. Als das Angebot von Audi für das Stadion kam, war ich heilfroh. Die Finanzierung war extrem hoch. Audi nutzt das Stadion und das Gelände auch für eigene Veranstaltung. Beim Stadion haben wir auch keine Kostenersparnis, wir zahlen das Gleiche wie zuvor als Mieter. Aber das Risiko der Verschuldung ist weg. Das waren 20 Millionen.

Wenn Sie den Strich drunter machen würden: Wie viel haben Sie insgesamt in den Klub investiert?

Das war Einiges, aber die Zahl will ich nicht nennen. Man könnte davon eine Zeit lang gut leben.

Aber die Anteile am Klub zumindest müssen doch im Wert gestiegen sein durch die Aufstiege?

Nein, wie gesagt: Ich habe kein Geld verdient, das war nie meine Intention. Sondern ich habe höchstens Geld verloren in den letzten Jahren, richtig Geld. Aber das war kein Verlust, sondern eine Investition in einen Verein – als Mäzen mit Herzblut.

Dann hat Audi also sehr günstig zugegriffen?

Ja, natürlich. Die Audi Quattro GmbH hält nun 19,94 Prozent der Anteile, somit hat der Verein mit über 80 Prozent immer noch die bestimmende Mehrheit in der Fußball GmbH.

Besetzung des Aufsichtsrats der FC Ingolstadt Fußball GmbH

Peter Jackwerth (gewählter Vereinsvorstand, Unternehmer)
Martin Wagener (gewählter Vereinsvorstand, Audi)
Andreas Schleef (gewählter Vereinsvorstand, Ex-Audi)
Frank Dreves (berufen, Ex-Audi)
Alfred Lehmann (berufen, Ex-Oberbürgermeister)
Wendelin Göbel (berufen, VW)

Allerdings ist Audi über aktuelle und frühere Führungskräfte im Klubvorstand und auch im Aufsichtsrat der GmbH sehr stark vertreten. Mit Wendelin Göbel ist im letzten Jahr sogar ein enger Vertrauter von VW-Chef Martin Winterkorn in den Aufsichtsrat eingezogen. Sitzt da nicht eigentlich ein Autohersteller am Steuer?

Es nervt mich, dass alle meinen, wir sind ein Werksklub oder von Audi gesteuert. Audi ist ein Super-Partner, wir sind heilfroh, dass wir ihn haben. Sie engagieren sich in allen Bereichen und bauen in Ingolstadt und der Region enorm viel auf. Was Audi jetzt macht bei der Infrastruktur, wäre für mich nicht mehr zu stemmen gewesen als alleiniger Gesellschafter der Stadionbetreiber GmbH. Natürlich tun wir uns schon etwas leichter, als wenn wir die Last, die Audi schultert, jetzt auf vier, fünf Sponsoren verteilen müssten. Aber jeder weitere Sponsor ist bei uns willkommen, um den Verein voranzutreiben ­– ausgenommen Wettbewerber.

Foto: Audi (2012)

Wie groß die Nähe ist, sieht man ja auch an den Mannschaftsfotos – da ist ja gerne mal ein Audi mitten drauf.

Die Spieler leben das, sie fahren die Marke gerne, denn sie symbolisiert einen sportlichen Touch.

Hat Audi denn, als es 2004 mit dem FC Ingolstadt losging, gar nicht gezuckt?

Audi hat sich bis 2007 kaum bei uns engagiert. In der Regionalliga, da haben wir für kleines Geld Werbeflächen an sie verkauft. Dann ging es schnell in die zweite Liga, da braucht man etwas mehr. Es wird nachverhandelt, man kümmert sich unter anderem um infrastrukturelle Anliegen. Der entscheidende Beschluss war dann die Übernahme der Stadionbetreiber GmbH.

Haben Sie die Kontakte zu Audi hergestellt?

Ingolstadt ist nicht so groß, hier kennt sowieso jeder jeden. So ist es mit den Kontakten zu Audi auch, die mein Freund und Vorstandskollege Andreas Schleef damals forciert hat. Aber es war ein Entwicklungsprozess über Jahre. Wir sind heute im Vorstand zu dritt, mit Martin Wagener, mit Andreas Schleef und mir. Jeder von außen meint, dass Martin Wagener als entsandter Audi-Vertreter bei uns im Vorstand ist. Genau das ist falsch. Er ist von der Mitgliederversammlung in den Vorstand gewählt und muss daher in der Öffentlichkeit sicherlich hin und wieder einen Spagat hinbekommen. Und Andreas Schleef ist schon seit einigen Jahren nicht mehr bei Audi angestellt.

Die Deutsche Fußball Liga erlaubt jetzt, dass Unternehmen nach 20 Jahren erheblichen Engagements auch die Mehrheit von Profiklubs übernehmen können. Erkennen Sie schon Interesse bei Audi?

Es gibt eine klare Absprache im Vorstand: Wir werden keine Mehrheitsanteile verkaufen. Ich bin jetzt 58 und ich weiß nicht, was nach mir kommt, und wie lange ich das noch mache. Aber Fakt ist: In meiner Zeit wird es das nicht geben.

Es gibt auch Fußballmanager, die das Vereinswesen als hinderlich ansehen, weil es Investoren ausbremst …

Für mich ist es keine Behinderung. Ich bin Präsident eines e.V. und dieses Amt muss ich ausfüllen. Wir alle im Vorstand leben dieses Amt und versuchen nicht unter der Hand, aus dem Klub ein Wirtschaftsunternehmen zu machen. Die GmbH ist das sicherlich, aber daran haben wir 80 Prozent Anteil, die müssen wir rechtfertigen gegenüber den Mitgliedern. Wir haben sogar unsere Satzung geändert, um einen Fanvertreter und die beiden Geschäftsführer der GmbH in den Vorstand zu holen. Das zeigt doch ganz klar, dass es nur gemeinsam geht.

Foto: Merx

Im Falle eines Aufstiegs wären Sie nach Wolfsburg und Bayern der dritte Erstligaklub, an dem VW direkt oder über eine Tochter beteiligt ist. Drohen da nicht Interessenkonflikte, wenn es um den Abstieg oder um Titel geht?

Ich fände das verwerflich wenn es irgendwelche Absprachen geben würde. Sportliche Auseinandersetzungen werden einzig und alleine auf dem Rasen ausgetragen.

Zu den Traditionsklubs werden Sie nicht gerechnet – wo sehen Sie sich selbst?

Im Großen und Ganzen sind wir ein ganz normaler Verein – allerdings wesentlich jünger als andere Vereine, ohne diese lange Tradition. Da sind wir vergleichbar mit Greuther Fürth oder dem SSV Jahn 2000 Regensburg, die ja auch eine Fusion hinter sich haben. Dennoch haben wir auch erhebliche Tradition aus dem MTV und dem ESV. Beide Klubs haben schon einmal zweite Bundesliga gespielt. Übrigens: Der MTV ist 25 Jahre älter als Schalke.

Viele sehen Sie also zu Unrecht als eine Art Werksklub?

Ja, sicher. Aber ich bin es mittlerweile leid. Wir haben unsere Ansprüche für Ingolstadt erfüllt. Andere Vereine haben mehr Investoren und mehr Anteile abgegeben, als wir. Uns ist egal, was die anderen reden. Wir gehen unseren Weg.

Der Umsatz betrug zuletzt 23,7 Millionen Euro. Könnte der FC Ingolstadt, falls Audi einmal aussteigen sollte, mit einem ähnlichen Etat weiterwirtschaften?

Wir haben auch über Fernsehgelder, Zuschauer- und weitere Sponsoreneinnahmen einen gewissen Sockel. Und wenn ein Sponsor wegbricht, dann müssen wir versuchen, ihn zu ersetzen. Und wenn er nicht zu ersetzen ist, dann musst du den Etat zurückfahren. Was diesen betrifft, da bin ich auch etwas empfindlich, wenn man die Zahlen so nennt. Die stehen natürlich in der Bilanz, aber die haben auch einen ganz anderen Hintergrund, wenn man sieht, was wir an Miete für die Infrastruktur zu leistenhaben. Das ist ein großer Block im Etat: Stadion, Trainingsplätze, Funktionsgebäude und Jugendhaus. Der reine Spieleretat ist Durchschnitt in der zweiten Liga. Da sind uns andere Vereine etatmäßig weit voraus.

Den Herbstmeistertitel haben Sie am vergangenen Wochenende mit einem Sieg gegen den von Red Bull aufgepäppelten Klub RB Leipzig geholt. Wie bewerten Sie das dortige Fußballprojekt?

Ich finde das Konzept in Leipzig gut – und es fließt Geld in den Fußball. Der Name des Vereins, RB, das ist überragendes Marketing. Was ich nicht ganz so gut finde, ist die Möglichkeit, dass zwischen Salzburg und Leipzig Spieler hin und her getauscht werden.

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Viele Ingolstadt-Fans sind anderer Meinung – und haben zum Boykott des Spiels aufgerufen.

Ich verstehe auch die Grundangst. Aber letztendlich ist es so, dass Leipzig bis zu 30.000 Zuschauer im Stadion hat. Die Leipziger sind dankbar, denn dort war fußballtechnisch auch nichts mehr. Und ich finde es toll für Leipzig und den Osten, dass sich dort wieder ein Klub etabliert und dass es eine Weiterentwicklung gibt.

In Ingolstadt kamen zuletzt 7.000 bis 9.000 Fans ins Stadion. Sehen Sie noch Luft nach oben?

Ja. Wenn man oben mitspielt, kommt auch diese Sensationsgier und die Zahlen steigen. Trotzdem: Die Zahlen sind in etwa so wie in Paderborn in der Vorrunde letztes Jahr. Als sie dann um den Aufstieg gespielt haben, gingen sie weiter nach oben. Jetzt, in der Bundesliga, ist jedes Spiel ausverkauft. Diese Entwicklung können wir sicherlich auch machen.

In Ihrer Nachbarschaft haben Sie mit dem FC Bayern und 1860 München, mit dem 1. FC Nürnberg und dem FC Augsburg starke Konkurrenten. Können Sie denen Fans abjagen?

In Ingolstadt findet man heute noch mehr Bayern-Fans als FC-Ingolstadt-Fans. Das ist auch völlig normal: Wer mit 30 oder 40 Bayern-Fan ist, der wechselt nicht, bloß weil da ein neuer Klub ist. Wir haben hier auch einen Fanklub von den 60ern, wir haben einen Fanklub des 1. FC Nürnberg. Die Leute schauen schon mal zu bei uns. Aber die eigentlichen Fans sind die, die uns seit Beginn begleiten oder jetzt schon in der Schule FC Ingolstadt schreien und ins Stadion wollen. Es ist eine Generationenfrage und eine Frage der Zeit: In 20 Jahren wird unser Stadion voll sein. Bei jedem Spiel.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland.

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