Endspiel um den guten Ruf

Vom Sanierungsfall zum Angreifer: Der Handballbund und die Liga hoffen bei der WM in Katar auf neue Erfolge. Die Auftaktsiege ermutigen.

Frank Bohmann erlebte die Niederlage, als hätte er selbst auf dem Platz gestanden. Schweißgebadet sei er gewesen, als das entscheidende Spiel der Nationalmannschaft um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Katar abgepfiffen wurde, erinnert sich der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga. „Da ist eine kleine Welt zusammengebrochen.“ Gegner Polen siegte in Magdeburg. Fassungslos sanken die Handballspieler zu Boden. Das war im Juni.

Foto: Thomas Niedermüller, DHB

Eine WM ohne Deutschland, den wichtigsten Handballmarkt? So weit ließ es der Weltverband IHF nicht kommen. Noch im Sommer schusterte er dem Deutschen Handballbund (DHB) eine Wildcard zu. Nun durfte das Team doch zur Endrunde ins Emirat reisen, wo nach zwei Auftaktsiegen gegen Polen und Russland am heutigen Dienstag der nächste hochkarätige Gegner Dänemark wartet. Sportlich läuft es im Emirat bislang besser, als zu erwarten war.

Die Mannschaft steht unter hohem Druck: Die Verbandsspitze hofft auf Rehabilitation, nachdem Olympia 2012 und die Europameisterschaft 2014 verpasst wurden. Es gilt, Fans und Sponsoren bei Laune zu halten. Ein Endspiel um den guten Ruf: „Ich erwarte, dass sich die Mannschaft zerreißt“, sagt Bohmann. Denn auch die Liga brauche die Erfolge der DHB-Auswahl. „Wir sehen die Nationalmannschaft als Kohlewagen, der uns den Stoff gibt, um voranzukommen.“

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Die Lokomotive im deutschen Handball – das ist längst die Liga. Dreimal in Folge haben deutsche Klubs die Champions League gewonnen. Sie locken viele internationale Spitzenspieler an – und gewinnen so auch im Ausland Fans. 3,5 Millionen Euro pro Jahr nimmt die Liga über TV-Rechte ein. „Die Auslandserlöse übertreffen die aus der Inlandsvermarktung“, sagt Bohmann.

Doch die internationale Dominanz der Liga ging auf Kosten des Nationalteams. Schon früh warnte Heiner Brand, Weltmeistertrainer von 2007, dass junge deutsche Talente bei den Klubs auf der Bank zu versauern drohen. Mit Nachwuchsleistungszentren steuern die Klubs gegen. Laut Bohmann mit Erfolg. Die Einsatzzeiten der deutschen Spieler hätten sich seit 2007 um 40 Prozent erhöht.

Künftig wollen Liga und Verband enger kooperieren – stärkere gemeinsame Kommunikation ist ein Punkt in dem Konzept des DHB, das auch eine Strukturreform vorsieht. Das Ziel: „Gemeinsam zum Olympiasieg 2020.“

In einer Doppelrolle wirkt Bob Hanning. Der Manager des Bundesligisten Füchse Berlin ist Vizepräsident des DHB. Er hofft auf mehr finanziellen Spielraum. Aktuell werben AOK, Ergo und Deutsche Kreditbank auf den Trikots. „Es müssen mehr große Namen dazukommen, gerade auch vor dem Hintergrund der Heim-WM 2019“, sagt Hanning. In vier Jahren richtet Deutschland mit Dänemark die Endrunde aus.

Unterstützt wird der Verband vom Vermarkter Sportfive. Nach dem Ausstieg von Toyota vor einem halben Jahr wird eine Premium-Automarke als Sponsor gesucht. „Wir sind bestrebt, die Umsätze deutlich auszubauen“, sagt Senior Director Christian Hesselbach. „Vier Millionen Euro durch Sponsoring, das wäre ambitioniert – aber sollte unser Ziel sein.“

Foto: Sky Tilo Wiedensohler

Freilich wollen Werbepartner eine hohe Reichweite im Fernsehen erzielen. Für die WM aber scheiterten Verhandlungen von ARD und ZDF mit dem katarischen Rechtehalter beIN Sports im Dezember, Bezahlsender Sky sprang ein. „Das Gesamtpaket bei der Handball-WM stimmt für uns“, sagt Sky-Sprecher Ralph Fürther. „Wir können die Inhalte mit unseren Streamingangeboten sehr gut vernetzen.“

Es gebe Zeichen für einen Aufwärtstrend im deutschen Handball, sagt Hanning, der das Team im vergangenen Sommer als „Sanierungsfall“ bezeichnete – etwa den jüngst gewonnenen EM-Titel der Junioren. Er warnt jedoch vor Aktionismus: „Als Klubmanager entscheide ich heute und setze das morgen um. Beim Verband ist das anders: Veränderung braucht mehr Zeit.“ Auf dem Spielfeld darf es ruhig schnell gehen: „Die Mindestzielsetzung für die WM ist die K.-o.-Runde“, sagt Hanning. „Ich habe aber nichts dagegen zu träumen: auch vom Halbfinale.“

Thomas Mersch und Stefan Merx für Handelsblatt

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