Frisches Geld, neue Risiken

Investoren pumpen Millionen in die Bundesliga. 250 Millionen Euro flossen 2014 in die Kassen. Kritiker bemängeln: Die Klubs opfern ihre Unabhängigkeit.

Gelsenkirchen gegen Hannover – da spielt nicht nur Ex-Pütt gegen Ex-Expo. Im deutschen Fußball steht dieses Duell, das Anfang Februar mit 1:0 für Schalke ausging, auch für einen Kampf der Systeme. Hinter den Klubs stehen zwei starke Männer mit gegensätzlichen Vorstellungen davon, wie sie ihr Profiteam als europäischen Großklub etablieren wollen.

Foto: Mersch

Investoren auf Schalke? Nein danke, findet Clemens Tönnies, Schalke-Boss und Fleischunternehmer, noch immer. „Wir sind der letzte Dino, der ein Verein ist“, sagte Tönnies dem „Westfalen-Blatt“ mit Blick auf Topklubs. Eine Kapitalspritze durch Gesellschafter lehnt er bisher eisern ab. Tönnies geht lieber zur Bank, hat über eine Mittelstandsanleihe 50 Millionen Euro eingeworben und baut auf Sponsoringmillionen etwa von Gazprom.

Auf der anderen Seite Martin Kind. Der Hörgeräteunternehmer hat nach langem Kampf die Tür für Investoren in der Bundesliga endgültig aufgetreten. Mit Ligabeschluss im Dezember ist es amtlich: Potente Geldgeber dürfen in deutschen Profiklubs auch das Kommando übernehmen, sofern sie 20 Jahre lang erheblich und kontinuierlich gefördert haben.

Kind will 2018 von der Regel Gebrauch machen und mit sechs Gleichgesinnten Hannover 96 voll übernehmen: „Investoren tragen zur Professionalisierung bei. Es gibt einen Know-how-Transfer, einen Verantwortungstransfer – und einen Geldtransfer.“

Quelle: Kind Hörgeräte

Braucht die Liga neue Regeln? Um Blender und Hasardeure auszubremsen, plädiert Kind für mehrjährige Haltefristen. Der Münchener Sportrechtsanwalt Martin Stopper schlägt vor: „Man könnte für einen Anteil, der über zehn Prozent liegt, eine Haltefrist von etwa zehn Jahren einführen. Das hielte ich für vernünftig.“

Es scheint, als sei der Damm gebrochen, die Stimmung kippt zugunsten seriöser Geldgeber. Immer mehr Bundesligaklubs stärken ihre Kapitalbasis, indem sie Gesellschafter und strategische Partner an Bord nehmen: „Gut 250 Millionen Euro sind seit 2014 über Beteiligungen in die Kassen der Bundesligisten gespült worden“, hat Niels Gronau, Gründer der Sportbusiness-Beratung Die Edelhelfer berechnet.

Der HSV wurde überdurchschnittlich bewertet. – Niels Gronau, Die Edelhelfer

Das Vorbild ist England, wo alle 20 Mannschaften der Premier League als ausgegliederte Kapitalgesellschaften firmieren. 2014 haben auch der Hamburger SV und der VfB Stuttgart eine Aktiengesellschaft gegründet. Der klamme HSV überließ dem Logistik-Milliardär Klaus-Michael Kühne im Januar 7,5 Prozent der Anteile für 18,75 Millionen Euro. Damit habe sich der Klub gut verkauft, sagt Gronau: „Gemessen an seiner derzeitigen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit wurde der HSV im nationalen Vergleich sogar überdurchschnittlich bewertet.“

Quelle: Merx

Hertha BSC war ein Jahr zuvor bereit, für den ähnlichen Kaufpreis von 18 Millionen Euro 9,7 Prozent der Anteile abzugeben – an den Finanzinvestor KKR. Weitere Nachrichten dürften folgen: Beim HSV laufen Gespräche mit potenziellen weiteren Partnern. Und auch der VfB Stuttgart will beschließen, bis zu 25 Prozent der neuen AG an „zwei bis drei strategische Partner mit Heimatbezug“ zu vergeben, so der zuständige VfB-Klubdirektor Stefan Heim.

Der Verkauf der Anteile sei nur verschoben, angesichts der sportlichen Lage, sagte Heim auf dem Sportbusinesskongress „Spobis“ in Düsseldorf: „Wenn man Tabellenachtzehnter ist, fehlen einem die Argumente.“ Er wolle möglichst viele Fans überzeugen, dass der Weg der Kapitalzufuhr der richtige sei. „Wenn wir angreifen wollen, brauchen wir PS von außen“, sagte der designierte Finanzvorstand der Stuttgarter Fußball-AG. „Im ersten Schritt werden wir vielleicht nur 25 Prozent der Anteile verkaufen“, sagte Heim. Mehr als 50 Prozent werde man nicht veräußern.

Weitere Klubs befassen sich intern mit Investoren

Heim schilderte die mühsame Überzeugungsarbeit, um die Hürde von 75 Prozent der Stimmen bei der entscheidenden, noch anstehenden Mitgliederversammlung zu nehmen. Mit einem verdienten Fan aus dem Fanausschuss – „einem harten Brocken“ – habe er sehr lange über das Thema Ausgliederung gesprochen. Am Ende habe der gesagt: „Stimmt ja alles, aber ich will es trotzdem nicht.“ Heim habe erwidert: „Aber glaubst du, dass ich nicht auch das Beste will für unseren VfB?“ Die Replik: „Wenn ich das dächte, hätte ich dir längst auf das Maul gehauen.“

Ein emotionales Thema eben. Die öffentliche Absichtserklärung, Anteile verkaufen zu wollen, gleicht einem gewagten Outing. Andere Vereinsmanager bekunden ebenfalls Interesse an Investoren – noch allerdings nicht öffentlich. Auch eine Frage des Timings: Wenn es sportlich rundläuft, steigt der Preis.

Den Trend bei der Einbindung strategischer Investoren setzte Bayern München: Zwischen 2002 und 2014 flossen dem Rekordmeister über Anteilsverkäufe an Adidas, Audi und Allianz rund 275 Millionen Euro zu – die Sponsoren zementierten ihre werbewirksame Bindung nicht zuletzt über Sitze in den Gremien.

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Das bayerische Muster, Großsponsoren zu Investoren zu machen, kopierte 2014 der einzige börsennotierte deutsche Klub: Bei Borussia Dortmund ist nach Kapitalerhöhungen der Essener Chemiekonzern Evonik nicht mehr nur Hauptsponsor, sondern auch größter Einzelaktionär. Für gut 61 Millionen Euro deckte sich Evonik mit Fußballaktien ein. Stadionsponsor Signal Iduna sowie Ausrüster Puma investierten gemeinsam 44,7 Millionen Euro.

Mit dem Einsatz sichern sich Industrievertreter auch Einfluss und exklusiven Zugang. Im Herbst schickten die neuen Großaktionäre ihre Leute in den Aufsichtsrat. Zwar könnten die BVB-Partner ihre Pakete leicht auch wieder abstoßen. „Doch warum sollten wir das tun“, sagt ein Insider. „So haben wir ganz anders den Fuß in der Tür.“

Nur: Schwächt der Klub nicht seine Verhandlungsposition bei künftigen Sponsoringdeals, wenn er Werbepartner zu Teilhabern macht? Kurzfristig scheint das nicht zu drohen. Evonik stockte 2014 seine Basissumme für die Brustpräsenz beim BVB sogar auf rund 18 Millionen Euro auf, berichten Experten. Gazprom überweist Schalke nur 15 Millionen.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Handelsblatt

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