Peter Peters: “Die beiden Lager sind unversöhnlich”

Schalkes Finanzchef über die Auswirkungen von Investoren, den Weg der fremdfinanzierten Unabhängigkeit und die 50+1-Regel.

Quelle: FC Schalke 04

Für Peter Peters, Finanzvorstand des FC Schalke 04, kaufen Geldgeber auch Einfluss. Er hält autarke Vereine im Wettbewerb der Systeme für überlegen.

Herr Peters, der FC Bayern München zieht wirtschaftlich davon. Dank Investor Allianz ist nun sogar das Stadion vorzeitig abbezahlt. Sind Sie neidisch?

Der FC Bayern macht hervorragende Arbeit. Ich muss mich aber mit der Wettbewerbsfähigkeit von Schalke 04 beschäftigen. Diese wollen wir als eingetragener Verein über die Fremdfinanzierung durch Banken sichern.

110 Millionen zahlte Allianz für 8,33 Prozent am FC Bayern. Schalke hatte vor allem wegen des Stadionbaus zuletzt knapp 180 Millionen Euro Schulden. Ab welcher Summe würden Sie schwach?

Unsere Aufgabe war es in den letzten zehn Jahren nicht, die Position eins zu verteidigen oder den Vorsprung auszubauen. Wir haben in den 90er Jahren einen durchschnittlichen Verein und sogar Abstiegskandidaten in vollständiger Unabhängigkeit dahin entwickelt, wo wir heute stehen: Immer im oberen Drittel der Bundesliga mit der Möglichkeit, regelmäßig Champions League oder zumindest Europa League zu spielen. Und das als eingetragener Verein.

Auch weniger erfolgreiche Klubs wie Hertha BSC und der HSV haben Anteile verkauft. Was spricht gegen Investoren auf Schalke?

Investoren wollen Geld verdienen und nicht Geld verlieren. Das ist legitim und gilt auch im Fußball. Ich glaube deshalb nicht daran, dass Unternehmen einsteigen, ohne sich nachhaltige Rechte zu sichern. Sie zahlen ja viel Geld für Ihre Anteile und erhalten teilweise Sitze in den Gremien. Wir haben uns entschieden, Investoren mit Mitspracherecht nicht zuzulassen. Beim Verein liegen alle Rechte und Pflichten – und die gesamte Entscheidungsgewalt.

Verzerren Investoren mit ihren Zahlungen den Wettbewerb?

Es gibt ein viel gravierenderes Problem. Die wesentlichen Gelder im System werden leistungsabhängig verteilt. Das ist auch richtig. Neu aber ist, dass der Abstand durch die exorbitanten Prämien in der Champions League größer geworden ist. Und das sind – im Gegensatz zum Investoreneinstieg – Summen, die jedes Jahr ausgeschüttet werden.

Ihr größter Rivale, Borussia Dortmund, kämpft trotz des Einstiegs von strategischen Investoren aktuell gegen den Abstieg. Schalke spielt um die Champions-League-Plätze. Ein Erfolg für Ihr Modell?

Unser bisheriger Saisonverlauf war nicht so von Glückseligkeit geprägt, dass wir mit geschwellter Brust auf Niederlagen von Konkurrenten schauen konnten. Ein Abstand von ein paar Punkten kann schnell weg sein – wir haben in der vergangenen Saison ja selbst noch Leverkusen überholt, die einen beträchtlichen Vorsprung hatten. Die größte Gefahr ist, Gegner zu unterschätzen. Dortmund gehört zu den Klubs, die im Kampf um die europäischen Wettbewerbe unsere Konkurrenz sind – ebenso wie Mönchengladbach oder Wolfsburg und Leverkusen.

VW und Bayer haben Werksklubs etabliert. Milliardär Dietmar Hopp darf 2015 die Stimmrechtsmehrheit in Hoffenheim übernehmen, Martin Kind strebt das in Hannover an. Ist die 50+1-Regel, die den Vereinen die Stimmenmehrheit sichern soll, am Ende?

Fußball ist, was das angeht, kein Wunschkonzert. Es geht ja um die Frage, in wie weit kann die Verbandsautonomie die Freiheit des Kapitals begrenzen. Es ist ein spannender Wettbewerb der Systeme. Die beiden Lager, die dafür oder dagegen sind, sind ja eigentlich unversöhnlich. Dass es damals Sonderregelungen für Wolfsburg und Leverkusen gab, hat nun dazu geführt, dass auch Investoren nach 20 Jahren maßgeblicher Förderung mehr als 50 Prozent übernehmen dürfen – aus Gründen der Gleichbehandlung. Das ist jetzt der Kompromiss, der am Ende die Selbstbestimmung des Fußballs sichert.

Was rechtfertigt denn, dass der Fußball sich eigene Regeln gibt?

Anders als in der freien Wirtschaft ist im Fußball die Zahl der Marktteilnehmer begrenzt. Niemand kann zur Deutschen Fußball Liga gehen und sagen: Hier sind 100 Millionen Euro, ich möchte gerne einen 19. Platz in der Bundesliga haben. Es gibt also eine Notwendigkeit, den Spielbetrieb nicht nur zu organisieren, sondern auch zu reglementieren – etwa, indem die Freiheit des Kapitalverkehrs eingeschränkt wird.

Wäre nicht besser, das Geldausgeben einzuschränken über Deckelung der Spieleretats wie in vielen US-Sportarten? Auch Bayern-Chef Rummenigge hat das ja schon einmal vorgeschlagen.

Solch ein Salary Cap funktioniert nur in geschlossenen Ligen, in denen es keinen Abstieg gibt. Sie können keinem abstiegsgefährdeten Klub Investitionen verbieten, mit denen er den Klassenerhalt schaffen kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Handelsblatt

Kommentare (1)

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    Libero

    Man kann nur davor warnen, zu glauben, dass Investoren wie Apostel von ganz oben in die Vereine kommen um das Gute zu verkünden oder gar um Geld zu verschenken. Man sollte sich klarmachen, dass diese Investoren – wenn sie nicht gleich schon wie bei der börsennotierten BVB KGaA türkische Waffenhändler (Sadettin Saran) und flüchtige Wirtschaftskriminelle (Florian Homm) sind – in der Regel selbst Aktiengesellschaften sind, die ausschließlich wiederum ihren (i.d.R. ausschließlich auf Profit und Rendite ausgerichteten) Aktionären verpflichtet sind.
    Dann nutzt auch die 50 + 1-Regel der DFL nichts mehr, wenn diese Investoren z.B. mit der Rendite oder Dividende nicht zufrieden sind und von ihren Rechten nach Aktienrecht und HGB Gebrauch machen und z.B. über diverse Sperrminoritäten die Fußballkapitalgesellschaft in ihrer Handlungsfähigkeit lahmlegen (i.d.R. wird die Drohung damit im Hinterstübchen schon reichen um eigene Interessen und Forderungen durchzusetzen!).

    Ich hoffe sehr, Schalke hält noch 5 Jahre durch ohne sich selbst und seine Seele zu verkaufen, bzw. die Mitglieder verhindern eine Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft oder gar einen Börsengang wie beim Nachbarn, wo man überhaupt nicht mehr kontrollieren kann, wer sich als Anteilseigner/Eigentümer enkauft!

    Spätestens in fünft Jahren wird man nämlich anderswo beobachten können, dass man sich dort keine Apostel ins Boot geholt hat.
    Spätestens dann wird z.B. auch Evonik nicht mehr von (dem BVB wohlgesonnenen) politischen Lobbyisten geführt, die auf Kosten der Steuerzahler und auf Kosten der eigenen Gesellschaft Geld in den BVB stecken.
    Und spätestens dann werden z.B. bei Evonik andere Großaktionäre (insbes. Großbanken, US-amerikanische Heuschrecken usw.) das Sagen haben und fordern, beim BVB finanziell alles, was geht, abzuschöpfen.
    Und spätestens dann wird sich beim BVB auch rächen, dass man sich selbst unwiderruflich an den eigenen Ausrüster (Puma), Stadionsponsor (Signal Iduna) und den eigenen Hauptsponsor (Evonik) verkauft hat, während Schalke sich seine Hauptsponsoren und Ausrüster dann noch selbst aussuchen kann, weil keine Abhängigkeiten bestehen.

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