Martin Kind: „Fußball ist nicht interessant für den Kapitalmarkt“

Der 96-Chef Martin Kind spricht über Details der Übernahme von Hannover 96 und erklärt, wie er Spekulation vermeiden will.

Quelle: Kind Hörgeräte

Martin Kind ist Präsident des Hannoverschen Sportvereins von 1896 e.V., Geschäftsführer der Hannover 96 Sales & Service GmbH & Co. KG und Geschäftsführer der Profifußball-Einheit Hannover 96 GmbH & Co. KGaA (sowie weiterer H96-Gesellschaften)

Herr Kind, Sie haben mit der Sales & Service GmbH & Co. KG (S&S) die restlichen Anteile der Profigesellschaft vom Verein übernommen. Für 15,66 % der Anteile wurden 3,25 Millionen Euro bezahlt. Wie haben Sie den fairen Unternehmenswert ermittelt?

Wir haben durch zwei unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaften die Bewertung durchführen lassen. Beide lagen unter dem dann tatsächlich ausgehandelten Verkaufspreis.

Wer saß am Tisch? Sie hätten ja doppelt Platz nehmen können.

Ich habe an den Verhandlungen nicht teilgenommen. Zwei Gesellschafter der S&S haben die Verhandlungen geführt. Und bei 96 zwei Mitglieder aus dem Vorstand.

Sie haben den Prozess aber schon eingeleitet…

Das gehört zu meiner Verantwortung, aber nachdem ich die Aufträge an die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften vergeben habe, habe ich mich aus dem Prozess rausgenommen.

Die Bewertung der Anteile bezog sich nur auf die erste Mannschaft. Sie ist mehr als gut.

Waren Sie überrascht vom Ergebnis? Hochgerechnet ist die Hannover 96 GmbH & Co. KGaA nur 21,9 Millionen Euro wert…

Man muss wissen, dass die Stadiongesellschaft nicht berücksichtigt ist, weil die Investoren die schon finanziert haben. Die HDI-Arena gehört einer 100-prozentigen Tochter der S&S. Und auch die Markenrechte wurden bereits 1997/98 erworben, um damals die Insolvenz abzuwenden. Deshalb lassen sich die Dinge nicht vergleichen. Hier hat sich die Bewertung ausschließlich auf die erste Mannschaft reduziert. Und es ist nach unserer Einschätzung eine mehr als gute Bewertung dieser Mannschaft.

Hertha BSC hätte einen Wert von 185 Millionen Euro, wenn man die Zahlen aus dem Verkauf an KKR hochrechnet. Das Stadion spielte da auch keine Rolle.

Ich kenne die Verträge nicht. Bei Hannover 96, wenn man es hochrechnen würde mit Stadion und Markenrechten, wären wir auch bei über 100 Millionen.

Die Kritik, die von Mitgliedern kam, …

… war vollkommen unberechtigt. Die Bewertung ist professionell und korrekt.

Alle Anteile besitzen Sie ja nun mit ihren sechs Mitgesellschaftern der S&S. Mit welchen Schritten und wann soll die Übernahme von Hannover 96 abgeschlossen werden?

Hannover 96 hat die Rechtsform der GmbH & Co. KGaA gewählt. Der Mutterverein kann, muss aber nicht, an dem Kommanditkapital auf Aktien beteiligt sein. Die Komplementär-GmbH ist jedoch eine 100%-Tochter des Muttervereins. Und hier kann die Übernahme erst nach der 20-Jahres-Frist erfolgen. Bei der GmbH oder AG wäre dieses Verfahren, das wir gewählt haben, nicht möglich.

Wir werden die Komplementär-GmbH noch erwerben.

Was würden sie also konkret noch übernehmen?

Wir werden die Komplementär-GmbH noch erwerben.

Also die Hannover 96 Management GmbH, deren Geschäfte Sie ebenfalls führen. Hätte die einen hohen Wert?

Nein, die hat eigentlich gar keinen Wert, weil sie nicht für das operative Geschäft verantwortlich ist, sondern nur für die Berufung der Geschäftsführung.

Nach den DFL-Statuten müssen Sie 20 Jahre erheblich gefördert haben. Die S&S wurde am 8. Juli 1998 gegründet. 2018 wäre alles durch?

Ja. Nach unserer Einschätzung ist mit der Übernahme der Komplementär-GmbH alles geregelt. Karenzfristen sind mir nicht bekannt.

Der Ligavorstand, so hieß es im Falle Hopp in Hoffenheim, behält sich in der Übernahmefrage eine Einzelfallentscheidung vor. Erwarten Sie einen Vorbehalt durch die Deutsche Fußball Liga?

Wir müssen einen Antrag stellen. Da kann, was ich nicht weiß, aber auch nicht ausschließe, die DFL noch ergänzende Fragen haben oder ergänzende Informationen benötigen. Soweit ich informiert bin, soll es so bleiben, dass der Ligavorstand die Entscheidung treffen kann – auch als Einzelentscheidung. Ich persönlich glaube, dass sie es irgendwann strukturieren und reproduzierbar machen sollten. Aber ja, vom Grundsatz ist das so.

Fürchten Sie diese Hürde?

Nein.

Quelle: obs/Hannover 96 GmbH & Co. KGaA

Sie werden oft in einem Zug genannt mit den Einzelinvestoren Klaus-Michael Kühne und Dietmar Hopp. Sehen Sie sich in dieser Reihe?

Nein, das sind vermögende Leute. Wir in Hannover sind sieben Gesellschafter und nicht einer. Ich wollte immer Mitgesellschafter haben, die wirtschaftlich in der Lage und auch Willens sind, diesen Prozess mitzutragen. Mit langem Atem, das ist besonders wichtig. Es sind ausschließlich Unternehmer oder Unternehmen aus der Region Hannover. Ich habe immer darauf hingewiesen, dass dieses Engagement Risikokapital bedeutet und sie machen es für die Stadt, die Region und Hannover 96. Die Zusammenarbeit ist unheimlich zielgerichtet, vertrauensvoll und konstruktiv.

Sie haben in Hannover nie erlebt, dass sich die Gesellschafter zu operativen Fragen geäußert haben.

Klaus-Michael Kühne lässt in Hamburg deutlich vernehmen, was er für den HSV richtig findet. Ist der Stil vertretbar?

Das muss jeder Verein für sich entscheiden. Vom Grundsatz sind für die Außendarstellung immer der Vorstand oder die Geschäftsführung verantwortlich, nicht die Gesellschafter. Sie haben in Hannover auch noch nie erlebt, dass sich die Gesellschafter zu operativen Fragen geäußert haben. Das war immer nur ich, da ich gleichzeitig auch Geschäftsführer bin.

Dietmar Hopp hat die Stimmrechtsmehrheit in Hoffenheim auch übernommen, um alles geordnet an seinen Sohn zu übergeben. Wie ist in Hannover der Generationswechsel gedacht?

Anders. Wir werden hauptamtliche Geschäftsführer einstellen, wenn ich aufhöre. Wenn die Neuordnung von 96 abgeschlossen ist, also 2017/2018, wird das geschehen. Meine Söhne werden nicht bei 96 tätig werden. Der eine soll im Unternehmen Kind Hörgeräte arbeiten, der andere arbeitet im Musikgeschäft in Amerika und Berlin.

Welche Rolle nehmen die Miteigentümer nach Ihrem Ausscheiden ein?

Die sind dann als Gesellschafter überwiegend auch im Aufsichtsrat vertreten und entscheiden die grundsätzliche Ausrichtung, Strategie, Haushalt und Investitionen. Und natürlich liegt auch die Berufung des Geschäftsführers in diesen Händen.

Ihr Sohn Alexander hat über Ihre gemeinsame Investmentfirma Marniccam dennoch jetzt schon Anteile an Hannover 96.

Trotzdem wird er da nicht arbeiten. Das ist entschieden.

Mein Sohn kann theoretisch nur an die bestehenden Gesellschafter verkaufen – zum Anschaffungswert. Es kann nicht spekuliert werden.

Wenn er aber kein Interesse mehr an den Anteilen hat, kann er sie veräußern?

Das kann er theoretisch, aber nur an die bestehenden Gesellschafter. Und wenn die das nicht wollen, dann geht es vom Grundsatz nicht. Im Gesellschaftsvertrag haben wir das sauber geregelt. Im Übrigen wäre es wirtschaftlich uninteressant, weil es zu Nominalwerten verkauft wird – also zum Anschaffungswert. Es kann also nicht spekuliert werden, wir wollen jede Spekulation vermeiden. Klar: Ich weiß natürlich nicht, was in 50, 30, 20 Jahren ist. Aber wir haben versucht, mit Verstand alle möglichen Risiken zu vermeiden. Es geht um die Identität von Hannover 96.

Viel diskutiert wurde um Mehrfachbeteiligungen im deutschen Fußball von VW, die nach dem Ligabeschluss Bestandsschutz genießen. Sehen Sie da Probleme?

Man kann natürlich immer Konfliktsituationen theoretisch herstellen. Ich glaube aber, dass Volkswagen ein so professionelles Unternehmen ist, dass man solche Risiken erkennt und vermeidet. So wie ich Herrn Winterkorn kennengelernt habe, wird er mit Sicherheit keinen Einfluss nehmen auf die operativen Entscheidungen.

Mittel- und längerfristig werden alle Vereine der Bundesliga als Kapitalgesellschaften aufgestellt sein.

Wird uns das Investorenthema in der Bundesliga in Zukunft mehr beschäftigen?

Nein. Insgesamt wird der Fußballmarkt nicht attraktiv für den Kapitalmarkt sein. Mittel- und längerfristig werden zwar alle Vereine der Bundesliga als Kapitalgesellschaften aufgestellt sein, was viele Vorteile hat. Aber ich sehe nicht, dass das Thema Investoren deswegen eine andere Qualität bekommt. Das Risiko ist sehr groß, der Kapitalbedarf ist hoch, der Markt volatil. Ich glaube nicht an eine hohe Attraktivität des Fußballmarktes. Es wird immer Ausnahmen geben, wo strategische Partner sehr viel Geld zuführen wie Red Bull in Leipzig. Oder auch bei Bayern München. Deren drei strategische Investoren haben über 300 Millionen Euro gebracht, das ist deutlich hilfreich. Aber das bleiben Einzelfälle.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Stefan Merx für JP4.

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