Deutschland-Rallye: Show ohne Helden

Rund um Trier setzten sich die Automobilherstellern bei der Rallye in Szene. Ein wichtiges Element fehlt für den Durchbruch in Deutschland.

Quelle: Manuel Heckel

Zur Römerzeit war sie das Bollwerk gegen Eindringlinge, an diesem Augustwochenende war jede Belagerung dagegen willkommen: Dicht an dicht drängten sich die Zuschauer um die Porta Nigra, das historische Stadttor von Trier. Eine Lichtshow tauchte das Gemäuer abwechselnd in Blau und Rot. Und unter dem Jubel tausender Fans durften die führenden Rallyesportler von einer Rampe durch die Innenstadt rollen – der Auftakt der ADAC Rallye Deutschland 2015 im Rahmen der FIA World Rally Championship (WRC) sorgte für strahlende Gesichter bei Fahrern, Fans und Marketingverantwortlichen der beteiligten Autohersteller.

Vier Tage später, nach 21 Wertungsprüfungen und 350 Kilometern durch die Region, blieb das Fazit auf Herstellerseite positiv: „Mit der Entwicklung in Deutschland sind wir bislang ganz zufrieden, auch wenn wir sicher sind, dass das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist“, sagt VW-Motorsportdirektor Jost Capito. Denn eine große Herausforderung bleibt, ist von allen Herstellern zu hören: Über die eingeschworene, aber überschaubare Rallye-Community in Deutschland hinaus sorgen Veranstaltung und Disziplin nur für wenig Aufmerksamkeit – für die Massenwirkung fehlt ein deutscher Spitzenfahrer.

Marketing zwischen Weinbergen und Servicepark

Neben VW sind auch Hyundai und Citroën in der WRC sowie Škoda und Opel in der WRC2 mit Werksteams in der Weltmeisterschaft vertreten – und alle nutzten die deutsche Traditionsveranstaltung ausgiebig zur Präsentation. Hoch über den Weinbergen der Mosel hatte etwa Škoda ein Hospitality-Zelt errichtet, auf den Absperrungen zahlreicher Spitzkehren prangte das Opel-Logo. Andere Hersteller fuhren in zahlreichen Kleinbussen und Limousinen VIP-Gäste, Händler, Kunden und Journalisten zwischen den abgelegenen Wertungsprüfungen hin und her. Dreh- und Angelpunkt war der Servicepark in Trier – in dieser temporären Boxengasse konnten auch Fans ganz nah ran an Autos und Fahrer.

Vollgas auf allen Kanälen

Rallyefahrer rasen mal über Asphalt, mal über Schotter, mal über Waldboden. Auch bei der medialen Verwertung der WRC wird diese Vielfalt immer sichtbarer: Pünktlich zur Deutschland-Rallye brachte das Multimedia-Unternehmen Laola 1 eine neue App für Smart-TV auf den Markt, die exklusiv über Amazon angeboten wird. Über das Programm können Fans auf das umfangreiche Bezahlangebot rund um die Rallye-Weltmeisterschaft zugreifen. Man führe die digitale Strategie fort, um das „Paid-Content-Modell WRC+ langfristig im Markt zu etablieren“, sagt Jona Siebel, Managing Director der WRC Promoter GmbH. Neben den 220000 Zuschauern vor Ort in Trier verfolgten in Deutschland zudem noch 90000 Menschen vor dem Fernseher das Event. So viele schalteten im Durchschnitt in die Highlight-Berichterstattung von Sport 1 ein. In der Kernzielgruppe Männer zwischen 14 und 49 Jahren reichte es dafür nach Senderangaben für einen Marktanteil von 1,0 Prozent. Der Heimspieleffekt blieb damit aus – Zuschauerzahl und Marktanteil lagen nur ganz kn knapp über dem Schnitt der sonstigen Rallye-Berichterstattung des Senders und sogar unter dem Zuschauerschnitt im August (1,6 Prozent). Dennoch sei die Übertragung ein wichtiges Element für Sport 1, sagt Olaf Schröder, Vorsitzender der Geschäftsführung: „Mit den Rechten an der FIA WRC bis einschließlich 2016 unterstreichen wir unsere Positionierung als der Motorsportsender in Deutschland.“ Flankiert wurden die Sendungen im Free-TV mit Live-Übertragungen auf dem Pay-TVAbleger Sport 1+ und einem umfangreichen Angebot in den Online-Auftritten.

Quelle: Manuel Heckel

Selbstbewusst hatte hier Volkswagen seinen Auftritt mit dem Slogan „Easy to follow, hard to beat“ betitelt. Dabei war der Konzern mit einem besonderen Makel angereist: Der Hersteller, der mit überragendem Erfolg vor drei Jahren in die Serie einstieg, hatte ausgerechnet das Heimspiel bislang noch nie gewinnen können. „Dementsprechend groß war die Erwartungshaltung, gerade bei uns zuhause, in diesem Jahr vor heimischer Kulisse zu überzeugen“, sagt Capito – und in der Tat konnten die Rallye-Polos diesem Anspruch gerecht werden. Die VW-Piloten belegten direkt das gesamte Podium. Auch für Hyundai, dessen Fahrer sich mit der Rallyeversion des i20 als „best of the rest“ hinter VW in der Schlusswertung einreihten, hat die deutsche Rallye einen besonderen Stellenwert. Die Motorsport-Tochter des koreanischen Konzerns hat ihren Sitz im deutschen Alzenau, zudem sitzt die Europazentrale in Frankfurt. Das 2014 aufgenommene Engagement in der WRC war die richtige Entscheidung, sagt Stefan Ph. Henrich, der das Marketing von HHyundai-Motorsport verantwortet: „Der Fan kann sich einfach mit den seriennahen Fahrzeugen identifizieren. Und wir können bei Themen wie Begehrlichkeit oder Spaß dazulernen, die man noch nicht so sehr mit uns assoziiert.“

Suche nach dem nächsten Röhrl

Das große Manko für alle Hersteller: Egal in welchem Fabrikat – aktuell fährt kein deutscher Fahrer ganz vorn um den WM-Titel mit. In und um Trier reichte es für Škoda-Pilot Fabian Kreim als bestem Deutschen nur für Platz 21. Hyundai konnte immerhin den Belgier Thierry Neuville aufbieten, der fließend deutsch spricht und im letzten Jahr die Deutschland-Rallye gewinnen konnte. Für die begeisterten Fans in Trier reichte das, für den großen medialen Durchbruch keineswegs. „Wir brauchen wieder einen deutschen Rallyefahrer von Weltformat. Gerne von der Güteklasse eines Walter Röhrl“, sagt Opel-Motorsportdirektor Jörg Schrott. Mit Argusaugen beobachten die Hersteller daher den Motorsport-Nachwuchs – und fördern ihn.

Die Fahrer beim ADAC Opel Rallye Cup etwa durften im Rahmen der Deutschland-Rallye starten, auch vor den 40000 Zuschauern bei den Wertungsprüfungen auf der legendären „Panzerplatte“: „Hier fahren zu können, und das vor den Augen der Weltelite, das ist schon etwas ganz Besonderes – für die Teams, aber auch für die Marke Opel“, sagt Schrott. Auch Citroën – in der WRC im engen Duell mit Hyundai um Platz 2 in der Herstellerwertung – setzt in mehreren Ländern auf Nachwuchsserien im Rallyesport. In Deutschland fahren in der Rallye-Trophy in dieser Saison 17 Fahrzeuge mit und messen sich auf Strecken quer durch Deutschland und Österreich.

Um ein Gefühl für die übernächste Fahrergeneration zu bekommen, nutzte Citroën in diesem Jahr auch den Rahmen der Deutschland-Rallye. Gemeinsam mit „Auto Bild-Sportcars“ hatte der Hersteller nach rennsportunerfahrenem Nachwuchs für den Wettbewerb „Sportpilot 2015“ gesucht. 14 ausgewählte junge Fahrer reisten nach Trier und durften einen Tag WRC-Luft schnuppern – mit Stippvisiten im Servicepark und bei einzelnen Wertungsprüfungen. Einen Tag später durfte sich der Nachwuchs selbst in einem Fahrsicherheitszentrum beweisen. Der Gewinner wird jetzt auf einen Lizenz-Lehrgang geschickt – und wird im Oktober bei der Rallye Baden-Württemberg seine Motorsport-Premiere feiern.

Manuel Heckel für Horizont

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