Tim Bagger: “Zu wenige Klubs gehen gegen die Verursacher vor”

Der auf Sportrecht spezialisierte Rechtsanwalt über die Möglichkeiten der Klubs, Randalierer in Regress zu nehmen.

Quelle: Lentze Stopper Rechtsanwälte

Tim Bagger ist Rechtsanwalt bei der Kanzlei Lentze Stopper Rechtsanwälte in München.

Herr Bagger, kaum ein Wochenende vergeht ohne Berichte über Ausschreitungen rund um Fußballspiele in Deutschland. Sehen Sie eine Tendenz zu einer weiteren Radikalisierung im Fanlager?

Davon würde ich kaum sprechen, auch wenn aktuell mehr Einzelfälle in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Es ist ein bestehendes Problem im deutschen Fußball. Wenn ein Spiel wie beim DFB-Pokal in Osnabrück nach einem Feuerzeugwurf abgebrochen wird, fällt das natürlich stark auf.

Bleiben wir bei dem Beispiel: Osnabrück führte in der 71. Minute gegen Leipzig mit 1:0. Es geht – ein Weiterkommen Osnabrücks unterstellt – um einen Verlust von einigen Hunderttausend Euro. Der Werfer wurde ermittelt. Kann der Klub ihn in Regress nehmen?

Ja, man kann einen identifizierten Täter in Haftung nehmen. Zum einen für den Schaden, der dem betroffenen Klub wegen einer Strafzahlung an den DFB entstanden ist. In der Regel wird der Klub ja in einem solchen Fall vom DFB-Sportgericht zur Kasse gebeten. Das kann man sich grundsätzlich 1:1 vom identifizierten Zuschauer wiederholen. Dazu kommt: Gerade bei Pokalspielen können einem Klub immense Mehreinnahmen entgehen. Diese Summen vom Verursacher zu bekommen, ist jedoch nicht so einfach. Denn man kann nicht mit Sicherheit sagen, ob ein Klub tatsächlich weitergekommen wäre und dann der dicke Fisch Bayern München in der nächsten Runde gewartet hätte. Da wird sich ein Richter nicht leicht tun, Stichwort Kausalität.

Nehmen wir an, es hätte 4:0 in der 90. Minute gestanden. Ist es denn Aufgabe des Richters, eine Wahrscheinlichkeitsrechnung anzustellen?

Grundsätzlich ja. Als Maß gelten gesunde Lebenserfahrung und der ordnungsgemäße Lauf der Dinge. Dann müsste man wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Klub die nächste Pokal-Runde erreicht hätte. Der Schaden, also entgangener Gewinn, müsste ersetzt werden. Generell gilt: Zu wenige Klubs gehen im Regresswege gegen die Verursacher vor. Klubs könnten sich sogar aus Blocksperren oder Geisterspielen resultierende Einnahmeverluste von den eigentlichen Tätern zurückholen. Die meisten Klubs verzichten aber darauf.

Man tut sich schwer, gegen die eigenen Fans vorzugehen.

Warum wird das von den Klubs kaum durchgezogen?

Es ist eben eine sensible Fanthematik: Der Verein sieht sich in einem Boot auch mit jenen Fans, die über die Stränge schlagen. Man tut sich schwer, gegen die eigenen Fans vorzugehen. Dazu kommt: Die Gerichte, die solche Fälle entscheiden, liegen nicht immer auf einer Linie. Wir sind jedoch der Meinung, dass solche Regressnahmen eigentlich durchführbar sind.

Wenn es um Verbandsstrafen geht von 10.000 Euro, ist es ja vielleicht noch zu regeln. Aber wenn richtige Vermögensschäden entstehen durch ein Ausscheiden im DFB-Pokal oder einen Abstieg infolge von Punktabzug, ist ja ein Fan schnell privatinsolvent. Ist es überhaupt praktikabel, vom Schädiger solche hohen Summen zu verlangen?

Das hat man im Wirtschaftsleben sehr oft, dass Schuldner nicht für das gerade stehen können, was sie verursacht haben. Der Fan, der in der Kurve steht, wird oft nicht über diese finanziellen Mittel verfügen. Ob man deswegen aber von einer Regressnahme generell Abstand nehmen sollte, ist eine andere Frage.

Ein erfasster Schädiger steht erst mal für den gesamten Schaden gerade.

Wenn man nur einen Täter aus einer Gruppe identifiziert, kann man sich alleine an ihm schadlos halten. Richtig?

Genau so: Mitgefangen, mitgehangen. Wenn mehrere Schädiger deliktsrechtlich auffällig werden und davon nur einer erfasst wird, steht der erst mal gegenüber dem Klub für den gesamten Schaden gerade. Er kann sich dann aber bei den anderen Schädigern anteilig sein Geld wiederholen.

Glauben Sie, dass Ihr Appell zu etwas härterem Durchgreifen fruchtet?

Es gibt zwei Facetten. Was die Erfolgsaussichten angeht, könnte ich mir schon vorstellen, dass der eine oder andere Klub sagt: Wir versuchen es. Die andere Facette ist die fanpolitische. Da ist es schwer, in die Klubs reinzuschauen, wie hart sie gegen ihre eigenen Fans vorgehen wollen.

Inwieweit sind DFB und DFL gefordert?

Hinter den Kulissen passiert extrem viel in der Fanarbeit. Dialoge, Arbeitspapiere – da sind die richtigen Leute am Zug.

Mit gemischtem Erfolg: Der sogenannte „Fandialog“ wurde jüngst abgebrochen. Man habe keinen dauerhaften, ernsthaften Willen des DFB erkennen können, einen zielführenden Dialog mit Fans zu etablieren. So die Erklärung der Fanorganisationen.

Das hat uns schwer gewundert. Wir waren immer der Auffassung, man hätte ein gutes gegenseitiges Verständnis, etwa beim Thema Pyrotechnik.

Pyrotechnik ist ja verboten, auch Baubehörden könnten einschreiten. Was ist mit der Idee mancher Fans, in kontrollierten Zonen Pyrotechnik abzubrennen.

Nach geltender Rechtslage: Nein. Eine kontrollierte Öffnung würde nur schwer funktionieren, die Verbände wollen den Dammbruch vermeiden. Aus unserer Sicht ist ein striktes Verbot der richtige Weg. Die Verwendung von Pyrotechnik birgt nicht nur immenses Verletzungspotenzial, sie verstößt auch gegen geltendes Recht.

Die Ultrakultur ist ein wichtiger Gegenpol. Aber es hört auf, wo es gefährlich wird.

Nun stehen in der ganzen Diskussion die Fans oft da als die unverständigen, unbelehrbaren, vielleicht sogar stupiden Leute. Muss man nicht Verständnis aufbringen, wenn sich speziell die Ultras nur als Jubelperser in einem kommerzialisierten Spiel missbraucht sehen?

Ich habe vollstes Verständnis für jeden Fan, der Maßnahmen gegen die fortschreitende Kommerzialisierung setzen will. Die Ultrakultur ist ein sehr wichtiger Gegenpol, um das Spiel geerdet zu halten. Allerdings hört es auf, wo es gefährlich wird. Das ist eben bei Pyrotechnik der Fall. Das Zeug kann wahnsinnige Verletzungen hervorrufen.

Der DFB hat ja nun festgelegt, dass Klubs in bestimmten Fällen Tickets personalisieren müssen. Das war Gegenstand einer großen Aufregung beim Derby Köln gegen Gladbach. Da haben sich beide Fanlager sogar solidarisiert in einem Stimmungsboykott. Werden personalisierte Tickets künftig der Regelfall sein?

Ich kann mir vorstellen, dass die Personalisierung immer mehr kommt. Zur Bekämpfung des Ticketschwarzmarktes und aus Sicherheitsaspekten wäre das sehr wirksam. Aber das braucht noch Zeit. Das Problem sehe ich vor allem in der organisatorischen Umsetzung: Personalisierung ohne stichprobenartige Kontrollen bringt ja nichts. Aber solche Kontrollen müssen effizient und verhältnismäßig sein. Die Schlangen an den Stadioneingängen sollen überschaubar bleiben, die Fans weiterhin in einem angemessenen Zeitraum durch die Sicherheitskontrolle gelangen.

Haben die Fans einen Punkt, wenn sie bemängeln, es werde mit zweierlei Maß gemessen? Der VIP-Fan trinkt normales Bier, der Ultra bekommt alkoholfreies? Gladbach-Fans müssen ihren Namen angeben, die Rückläufer-Tickets werden in Köln frei verkauft?

Ich verstehe die Fans. Aber die Verantwortlichen machen das ja nicht aus Gutdünken, sondern der Sicherheitsaspekt steht im Vordergrund. Immerhin sind die Klubs als Veranstalter dafür verantwortlich, sämtliche Zuschauer in den Stadien zu schützen und deren Sicherheit zu gewährleisten.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Stefan Merx für das Handelsblatt

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