Wer kann sie noch stoppen?

Ratlos stehen Verbände und Klubs der Fangewalt im Fußball gegenüber. Randale gefährdet die Vermarktbarkeit, der Dialog mit Fanvertretern ist gescheitert.

 

Quelle: Merx

Juli 2015, Prügelszenen im Salzburger Land, Verletzte werden vom Feld getragen, Polizisten nehmen 25 Hooligans fest: Das Trainingslager der Frankfurter Eintracht nutzen auch die hessischen Fan-Schlägertrupps intensiv zur Saisonvorbereitung. Nach dem entgleisten Test gegen Leeds auf einem Dorfplatz in Eugendorf geht Heribert Bruchhagen, Vorstandschef der Frankfurter Fußball AG, pikiert auf Distanz: „Es erschließt sich mir nicht, was das mit Fußball zu tun hat.“

Nur viereinhalb Monate später: Derby gegen Darmstadt in der Bundesliga. In der Frankfurter Commerzbank-Arena brennen Banner des Gästeteams, Rauchbomben qualmen, Chaoten wollen in den Innenraum stürmen. Verletzt werden zwei Kameraleute, zwei Polizisten und drei Fans. Die Polizei bilanziert dennoch, das Einsatzkonzept sei aufgegangen. Dem Klub droht eine Geldstrafe durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB), auch ein Teilausschluss von Zuschauern ist möglich.

Hätte schlimmer kommen können, denkt wohl Frankfurts Vereinspräsident Peter Fischer. „Das sind Dinge, die muss man ein Stück weit akzeptieren, und da muss man auch Fankultur akzeptieren“, sagte er nach den Übergriffen. Sein Fußball-AG-Chef Bruchhagen sieht das anders: „Wir müssen im Fußball insgesamt darüber nachdenken, wie wir dieser Dinge Herr werden. Das versuchen wir seit vielen Jahren.“ Zuversicht klingt anders.

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Frankfurter Hooligans reklamieren für sich den Titel „Randalemeister“. Doch die Lust am Ausrasten zeigt sich dieser Tage im gesamten deutschen Fußball. Allein der vorletzte Spieltag dient als Indiziensammlung: Auswärtsfans von Hannover 96 beschießen am Bahnhof Polizisten mit Signalmunition und verwüsten einen Regionalexpress. 300 Anhänger des Drittligisten Hansa Rostock zerlegen einen Zug bei Oranienburg und prügeln sich mit der Polizei. Im November zettelten Hooligans von Bayern München gemeinsam mit Bochumer Fans Schlägereien auf Schalke an, brachen Kiefer und schlugen Zähne aus – unbeeindruckt von den Terroranschlägen in Paris acht Tage zuvor. Es gab 196 Festnahmen, der NRW-Landtag befasste sich im Dezember mit den Vorfällen.

Die Veranstalter des Spektakels Profifußball haben sich ein Reaktionsmuster antrainiert, das weiter greift: Klub- und Verbandsvertreter äußern sich angewidert, weisen Verantwortung für Chaoten und Gewalt von sich, verweisen auf die Mehrheit der Vernünftigen – und setzen auf Dialog mit den Unvernünftigen. Allein: Der Glaube an Bekehrung schwindet, die Gräben werden tiefer.

Immer öfter entzündet sich Frust an der alten Frage: Wem gehört das Spiel? Bislang schien eine Symbiose möglich zwischen den Stimmungskanonen auf den subventionierten Stehplätzen und den zahlenden Genießern und Geschäftemachern im VIP-Bereich. Nun kommen Zweifel auf. Sind die bisherigen Ausraster erst der Anfang, leidet das telegene Familienspektakel der Deutschen Fußball Liga (DFL) nachhaltig? Möglicherweise treffen die Hools mit ihren Exzessen den wunden Punkt – nämlich die Vermarktungsfähigkeit des Kernprodukts im In- und Ausland.

Viel Arbeit wird auf Ansgar Schwenken zukommen, der in diesem Monat bei der DFL das neue Amt „Direktor Fußball-Angelegenheiten und Fans“ übernommen hat. Sein Vorgänger war Andreas Rettig, der noch im Rang eines Geschäftsführers tätig war. Er ließ sich auf Fankongressen sehen und schaffte es mit seiner nahbaren Art, zumindest im Gespräch zu bleiben über den Spagat zwischen Kommerz und Tradition.

Der schwerfällige Instanzenweg im Verband verstärkt den Frust an der Basis. – Andreas Rettig

Rettig ist heute Geschäftsführer bei Zweitligist FC St. Pauli und hält einen kontinuierlichen Fandialog für zentral: „Es macht keinen Sinn, sich mit den Fans nur an den Tisch setzen zu wollen, nachdem es geknallt hat.“ Überführte Straftäter rund um ein Fußballspiel müsse man verurteilen – „so wie jeden Straftäter, keine Frage“. Auf Verbandsseite erwartet Rettig mehr Beweglichkeit: „Wir brauchen Strukturen im Fandialog, um künftig schneller zu Entscheidungen kommen“, sagt er. „Der schwerfällige Instanzenweg im Verband verstärkt den Frust an der Basis. Da wird sich etwas tun müssen, aussitzen lässt sich das nicht. Dies scheint jetzt auf den Weg gebracht, wie wir von der DFL auf der letzten Mitgliederversammlung erfahren haben.“

Interview zum Thema mit dem Sportrechtsanwalt Tim Bagger: “Zu wenige Klubs gehen im Regresswege gegen die Verursacher vor.”

Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) laufen die Fäden in Sachen Fandialog bei Hendrik Große Lefert zusammen. Der Ex-Polizist war als DFB-Sicherheitsbeauftragter regelmäßiger Teilnehmer der „AG Fanbelange“, die mehrmals im Jahr in Frankfurt tagte. Bis zum 14. Oktober – dem Tag, an dem die Fanvertreter enttäuscht aufstanden. Man habe „keinen dauerhaften und ernsthaften Willen des Verbandes DFB erkennen können, mit Fußballfans einen transparenten und zielführenden Dialog etablieren zu wollen“, begründeten die Fanorganisationen den Schritt.

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„Der Ausstieg aus dem Fandialog war ein Warnschuss, den nehmen wir ernst“, sagt Große Lefert. Gefragt nach seiner Interpretation des Scheiterns, sagt der DFB-Mann: „Es mangelte gefühlt an Anerkennung, Wertschätzung und Außendarstellung. Weil so bei den Fanszenen an der Basis nicht ankam, was die AG Fanbelange schon Positives bewirkt hat. Das war in der Tat ein Fehler.“ Seine Hoffnung: Es wird sich wieder einrenken. „Der Fußball und seine Fans leben auch ein Stück weit von dieser Protestkultur.“

„Der Dialog ist gescheitert, wir wollen ihn in dieser Form nicht weiter fortführen“, sagt dagegen Tobias Westerfellhaus, Vertreter der Fanorganisation „Unsere Kurve“. „Der DFB hat eine lähmende Struktur.“ Selbst ein vermeintlich einfacher Beschluss wie ein für alle Profiklubs einheitlicher Katalogs zu erlaubten Fanutensilien habe sich über eineinhalb Jahre hingezogen. Tatsächlich gebe es bei den Klubs individuelle Vorgaben etwa für Länge von Fahnenstangen. Wie will man da einem brisanten Thema wie Fangewalt beikommen?

Es gebe viele Anhänger, die sich nicht ernstgenommen fühlen von den Chefs in Klubs und Verbänden, sagt Westerfellhaus. Für Unmut etwa sorgten die von der DFL geäußerten Pläne, in der ersten Liga ein Montagsspiel einzuführen, auch um die TV-Erlöse zu steigern. „Viele müssen Urlaub nehmen, um dann die Auswärtsspiele zu sehen.“ So könnte die Kommerzialisierung durchaus den Konflikt verschärfen. „Die Frustration in der Fanszene ist schon jetzt enorm. Das führt dazu, dass einige Leute das Rad überdrehen.“

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Ob die Vertreter der AG Fanbelange aber Zugriff haben auf die Bahnhofsprügler, stellt auch DFB-Mann Große Lefert in Frage: „Die Verbindlichkeit der Zusagen ist die große Unbekannte. Es gibt zwar den Vertretungsanspruch. Aber da hat man auch Splittergruppen, die sich an nichts halten.“ Auch wenn mit ProFans eine klassische UItravertretung am Tisch saß.

Droht eine Radikalisierung im deutschen Fußball? Thomas Schneider, bei der DFL Leiter Fanangelegenheiten, glaubt noch nicht daran. Zu viel hat er in 27 Berufsjahren schon erlebt. „Es gibt nichts Besseres als den Dialog, aber er muss belastbar sein“, sagt er. Schneider warnt vor Überreaktionen, es brauche weiterhin Fingerspitzengefühl. Dass die Fanorganisationen aus den DFB-Strukturen ausbrechen, versteht er zum Teil. „Es ist wichtig, alles zu tun, um zu deeskalieren. Die Probleme werden nur im Zusammenspiel aller Beteiligten vor Ort gelöst.“ Seit anderthalb Jahren analysiert die DFL den Fandialog der Klubs. „Wir sind dabei, für die Klubs Leitplanken zu definieren, wie dieser Fandialog aussehen müsste. Es geht um Erwartungsmanagement.“

Die Austrittserklärung der Fanorganisationen kann Schneider zum Teil verstehen. „Leider ist es nicht gelungen, deutlich zu machen, wie wichtig auch diese Fanarbeit ist. Gerade nach Paris hätte ich mir jedoch mehr Fingerspitzengefühl von einigen Fangruppen gegenüber den Ängsten anderer Fans gewünscht. Pyro- und Randaleaktionen sind in solchen Situationen erst recht völlig unangebracht. “

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Handelsblatt

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