Stephan Althoff: „Wir machen mehr Druck“

Telekom-Manager und Sponsorenchef Stephan Althoff sorgt sich um einen sauberen Sport. Im Interview erklärt er, wie die Wirtschaft unterstützend eingreifen kann.

Die Sponsorenvereinigung S20 investiert 500 Millionen Euro im Jahr in den Sport – ein geeignetes Vehikel, um auch gesellschaftliche Ziele zu befördern? 

Stephan Althoff: Die S20-Mitglieder tragen ja alle Verantwortung, etwa gegenüber den Mitarbeitern und der Umwelt. Der Sport ist hervorragend geeignet, auch gesellschaftliche Probleme zu lösen. Wo funktioniert Schwarz mit Weiß, Moslem mit Christ, Arm mit Reich? Im Sportverein um die Ecke – spielerisch.

Quelle: PR

Aber Sie fördern den FC Bayern München ja nicht, um die integrative Kraft des Fußballs zu bestärken. 

Stimmt, die größeren Summen werden marketing- und vertriebsorientiert eingesetzt. Aber nehmen Sie die „Neue Sporterfahrung“, wo Schüler aktiv erleben, welche sportlichen Leistungen behinderte Menschen erbringen. Das tun wir nicht im Glauben, dadurch mehr DSL-Anschlüsse zu verkaufen. Wir kombinieren die Sponsorings: Wenn Uli Hoeneß zur Eröffnung eines Jugendzentrums in Moabit hinzukommt, nutzen wir die Strahlkraft dieser Partnerschaft, um wichtige gesellschaftliche Themen zu treiben.

Müssen Sie dabei Ihre Legitimation nachweisen – anders als der Staat? 

Die Wirtschaft kompensiert Leistungen, die früher öffentliche Institutionen erbracht haben. Mindestens von Großunternehmen darf das auch erwartet werden.

Ist Sportsponsoring Teil der CSR-Strategie der Deutschen Telekom? 

Wir wollen ein nachhaltiges Unternehmen sein und auch mit unseren Produkten dazu beitragen, dass der Energieverbrauch sinkt – etwa mit Videokonferenzsystemen, die Geschäftsreisen überflüssig machen. Unsere Events stellen wir klimaneutral.

Ist die Klimaneutralität von Sportevents auch eine Forderung der S20? 

Das wäre noch ein Schritt zu früh. Natürlich muss man als Verein schauen, wie man den Energieverbrauch in Stadien und Hallen reduziert. Aber es bleibt eine individuelle Betrachtung. Wir haben in der S20 natürlich ein Interesse, dass die Plattform Sponsoring sauber ist. Für mich umfasst Nachhaltigkeit im Sport auch ethische Aspekte wie die Dopingfrage, die Auseinandersetzung mit Betrug und Manipulation.

Kann man generell sagen, dass die großen Summen dem Vertriebsziel dienen, und die kleinen dem Rest, etwa dem Antidoping-Kampf? 

Kleine Summen sind das auch nicht. Die deutlich größere Teil der Summe ist bei den S20-Unternehmen markteting- und vertriebsorientiert. Aber wir haben den Trend, zunehmend in andere Felder reinzugehen. Aber sie können auch beide Dinge kombinieren. Etwa holt man einen Star aus dem Fußball zu einem Event aus der „Neuen Sporterfahrung“, um die mediale Strahlkraft zu erreichen. Oliver Bierhoff und Steffi Jones haben Blindenfußball gespielt mit einem Blindenfußballer aus der Nationalmannschaft. Die Strahlkraft der aus Vertriebsgründen engagierten Sportler können Sie nutzen, um die wichtigen gesellschaftlichen Themen zu treiben.

Bei Verbänden steht Nachhaltigkeit hoch im Kurs – es gibt Manifeste und Komitees. Wie sehr ist das Augenwischerei, wenn man sieht, dass dann doch eine Fußball-WM nach Katar geht und ein nachhaltiges Olympiakonzept von München scheitert? 

Es gibt Zielkonflikte. Bei den großen Sportverbänden ist zwar der Wunsch da, Nachhaltigkeitsaspekte zu berücksichtigen – aber auch der Wunsch, neue Märkte zu erschließen. Energieökonomisch ist es sicher nicht ideal, in einer Gegend zu spielen, wo 50 Grad herrschen. Ich nehme an, die Fifa hält an der Katar-Entscheidung fest, wird aber an einer anderen Stelle versuchen, das Thema Nachhaltigkeit zu fördern. Ein Feigenblatt ist das nicht.

Sind Sponsoren nicht aufgerufen, mehr Druck zu machen? Etwa: Dopt nicht! Macht eure Rennserien sauber, wirtschaftet in den Ligen so, dass es sie in fünf Jahren auch noch gibt! 

Das tun wir ja. Wenn es um Dopingfragen geht, Manipulation oder Betrug, haben Sponsoren die Pflicht, sich zu Wort zu melden. Aus sportlichen Dingen sollten wir uns raushalten.

In England spielt der Fußballverband gerade eine unrühmliche Rolle bei der Aufklärung von Dopingfällen. Glauben Sie, dass im Fußball ein Auge zugedrückt wird, weil das Geschäft so wichtig ist? 

Letztlich ist der Sport Abbild der Gesellschaft, auch was Medikamentenmissbrauch angeht. Auch im Fußball wird es Doping geben, weil ich nicht glaube, dass sich die Fußballer von anderen Sportlern unterscheiden. Bis heute haben wir hier aber keine signifikanten Fälle gehabt. Dass es im Fußball eine stillschweigende Tolerierung gibt, kann ich mir nicht vorstellen. Da macht die Nada (Nationale Anti-Doping-Agentur) ihren Job und wird nichts unter den Tisch kehren. Sie ist unabhängig.

Die Zuwendungen der Wirtschaft an die Nada betrugen 570000 Euro, es spielt sich also im Promillebereich ab – gemessen am Sponsoringvolumen. Die Telekom gibt 200000 Euro. Reicht das denn? 

Die Nada muss eigentlich sponsorenfrei sein, es ist eine Behörde wie das BKA. Da verbietet sich ein auch nur möglicher Einfluss von Sponsoren. Ich plädiere sehr dafür, dass die Nada über Zuwendungen von Bund und Ländern finanziert wird. Oder die Stiftung braucht entsprechendes Kapital. Das eigentliche Problem ist, dass die Bundesländer sich verweigern, obwohl sie über ihre Landessportverbände von der Nada profitieren. Was die Telekom angeht: Wir sind in Gesprächen, ein Rückzug ist nicht ausgeschlossen.

Das Thema Compliance wird wichtiger. Sie haben unlängst eine Loge bei Bayern München zurückgegeben. Warum? 

Es wurde zunehmend schwierig, bei uns Topmanager zu finden, die bereit waren, andere Gäste einzuladen – wissend, dass der Wert dieser Einladung bei rund 1000 Euro pro Ticket liegt. Und es war immer schwieriger, Gäste zu finden. Anders verhält es sich in unserer Lounge für 160 Gäste, wo die Einladung vom Wert her deutlich darunter liegt.

Ziehen Sie weitere Konsequenzen? Es war zu hören, dass im Vorstand der Telekom über eine Wertobergrenze von Einladungen nachgedacht wird. 

Das stimmt, wir werden in absehbarer Zeit bei uns eine Obergrenze in Höhe eines mittleren dreistelligen Euro-Betrags einführen, um den Aufwand von vielen Einzelprüfungen zu reduzieren und mehr Klarheit zu schaffen. Die übrigen Einladungsregeln bleiben bestehen. So laden wir seit 2006 grundsätzlich keine Amtsträger mehr ein. Und rund um eine Einladung darf kein vertraglicher Abschluss anstehen oder getätigt werden.

Sollte nicht besser der Gesetzgeber eine Obergrenze festlegen? 

Das wäre wunderbar, aber er wird es nicht tun. Wir haben es versucht, aber eine Lex Sponsoring ist illusorisch. Ob der richterlichen Freiheit im Strafrecht kann man das nicht abschließend regeln. Und aus Brüssel droht ja eher eine Verschärfung des Korruptionsrechts.

Ihr Vorstandschef René Obermann wird mit – sagen wir mal – 500 Euro vielleicht nicht auskommen, wenn er einlädt. Argumentieren Sie dann mit Sozialadäquanz? 

Nein, hier erfolgt immer eine Einzelfallbetrachtung. Vorstandseinladungen laufen immer über den Compliance-Desk.

Herr Althoff, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Sponsorenlobby

Stephan Althoff leitet das Konzernsponsoring der Deutschen Telekom und verantwortet so ein Sponsoringvolumen von geschätzten 50 Millionen Euro im Jahr. Seit 2010 ist der 50-Jährige zudem Chef der 2006 gegründeten Sponsorenvereinigung S20.

S20 Der Verein ist ein Zusammenschluss von 20 Großsponsoren im Sport. Als Interessengemeinschaft repräsentiert die S20 nach eigenen Angaben rund 500 Millionen Euro Sponsoringgelder. Dem Vorstand gehören neben Althoff auch Joachim Strunk von der Deutschen Postbank und Ines Rupprecht von Coca-Cola an. Hauptanliegen sind der Kampf für einen ethisch sauberen Sport, das Etablieren einer Erfolgsmessung von Sponsoring und mehr rechtliche Klarheit im Umgang mit Einladungen in VIP-Logen.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Handelsblatt

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