An der Pferderennbahn herrscht der Schockzustand

Der Entwurf zum Glücksspielstaatsvertrag versetzt den Galopprennsport in Aufruhr. Die Vereine fürchten um ihre Existenz.

Man spricht über Geld nicht, man gewinnt es. Manfred Ostermann sitzt in der obersten Etage des Kölner Rennvereins, die Lesebrille auf der Nase. Er studiert die Gewinnquoten. Gleich startet Scalo, sein bestes Pferd. Der Hengst hat Ostermann 2010 über 240000 Euro an Preisgeldern eingebracht. Einmal ein Pferd wie Scalo im Stall zu haben – das ist der Traum vieler Besitzer.

Quelle: Tsutomu Takasu auf Flickr.com (CC BY 2.0)

Doch dieser Traum ist bedroht. Durch die Neuregelung des Glücksspielstaatsvertrags könnte das Galoppgeschäft herbe Einnahmeverluste erleiden. Mitte April haben die Ministerpräsidenten der Bundesländer den ersten Entwurf vorgelegt. „Der hat uns alle in einen Schockzustand versetzt“, sagt Andreas Tiedtke, Geschäftsführer des Galopp-Dachverbands.

Das meiste Geld setzen die Vereine im Wettbereich um – 35 Millionen Euro sollen es nach Schätzungen des Verbands dieses Jahr werden. Davon sei fast die Hälfte gefährdet, fürchten Eigner wie Ostermann.

Seit die Weimarer Republik den Pferdesport 1922 mit einem eigenen Gesetz regelte, herrscht eine kuriose Situation. Während Wetten auf Pferde durch das Rennwett- und Lotteriegesetz liberalisiert sind, gibt es bei Fußballwetten oder Internetpoker ein staatliches Monopol, teilweise sogar ein Verbot. So regelt es der Glücksspielstaatsvertrag.

Das Steuerprivileg ist bedroht

Doch der läuft am Jahresende aus. Das neue Gesetz soll den Pferdewetten den Sonderstatus entziehen. Sie sollen auf acht Zeilen im Vertragsentwurf in die Landesgesetzgebung integriert werden. Die Folgen, fürchten Rennfunktionäre wie Tiedtke, wären enorm: kein Steuervorteil mehr, weniger Rennen und ein stark behindertes Auslandsgeschäft.

Die Quoten auf deutschen Rennbahnen sind bisher in gewisser Weise subventioniert. Der Staat erlässt den Vereinen die Glücksspielsteuer, etwa 16 Prozent der Einsätze. Das bringt der Branche eine Ersparnis von fünf Millionen Euro im Jahr – über die Hälfte der Roherträge, den Erträgen nach Auszahlung der Wettgewinne.

Dieses Privileg ist bedroht: „EU-rechtlich ist das gleichbedeutend mit einer Subvention“, sagt der Münchener Rechtsanwalt Wulf Hambach. „Sollte die Kommission das prüfen müssen, wird sie es mit Sicherheit beanstanden.“

Der Galopp-Rennverband überlegt bereits, wo sich Geld sparen ließe. „Es auf die Quoten draufzuschlagen, halten wir für unmöglich“, sagt Tiedtke. „Wir werden die Zahl der Rennen weiter reduzieren müssen.“ Rennen im Winter werde es dann wohl keine mehr geben. Die Preisgelder dürften zudem sinken.

Auch das Auslandsgeschäft, ein wichtiger Absatzweg für deutsche Buchmacher, ist durch den neuen Staatsvertrag bedroht. Allein nach Frankreich vermittelten sie laut einer Studie der Universität Linz 2009 Wetteinsätze von mindestens 26 Millionen Euro. „Ohne das Ausland wären wir nicht rentabel“, sagt Norman Albers. Der Buchmacher betreibt in Deutschland 18 Geschäfte und ist Vorstandsmitglied des Buchmacherverbands. Der neue Glücksspielstaatsvertrag mache seiner Zunft das Auslandsgeschäft „praktisch unmöglich“.

Dem Galoppverband fehlten dann nicht nur die vermittelten Umsätze, sondern auch TV-Gebühren, die die Buchmacher für die Übertragung der Rennen in ihren Läden bezahlen. Hier geht es um Erträge in Höhe von noch einmal fünf Millionen Euro. „Das würde uns das Genick brechen“, sagt Tiedtke.

In Köln setzt Hengst Scalo 100 Meter vor dem Ziel zum Überholen an und gewinnt. Eigner Ostermann freut sich über 40000 Euro – vielleicht einer seiner letzten großen Zahltage.

David Meiländer für das Handelsblatt

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