Tennis hübscht sich fürs TV auf

Tennis hat im Fernsehen an Reiz verloren. Jetzt erwägen die Verantwortlichen eine Verjüngungskur – mit neuen Regeln und Angeboten im Internet.

Bei Tennisübertragungen von Eurosport übernimmt der Zuschauer die Regie – zumindest online. Wer den „Eurosport Player“ von der Internetseite des Spartensenders herunterlädt, kann nach Belieben zwischen mehreren Partien wechseln. Erprobt wird das Web-Zapping bei den French Open in Paris, wo die Topstars noch bis Sonntag um Millionenprämien spielen.

Quelle: noviceromano auf Flickr.com (CC BY-ND 2.0)

Eurosport kassiert pro Monat rund fünf Euro für das neue Angebot – es umfasst das gesamte Programm. Genaue Angaben zur Nutzerzahl macht der Sender nicht. Es seien „mehrere Zehntausend“.

Mehr Drama, schneller zum Punkt

Mit der Internet-Abspielstation haben die Fernsehexperten auf ein Dilemma bei Liveberichten vom Tennis reagiert: Es dauert oft Stunden, bis bei den Duellen richtig Spannung aufkommt. „Die Leute wollen, dass es schneller dramatisch wird“, sagt Gerard Tsobanian, Präsident der Mutua Madrid Open. Der Turnierchef fordert Reformen: Neue Regeln sollen das Spiel rasanter und fernsehtauglicher machen. 

Massiv hat Tennis zuletzt in der Gunst der TV-Macher verloren. Im Gegensatz zu Eurosport, das außerhalb des deutschsprachigen Raums ein Bezahlsender ist, haben frei empfangbare Stationen ihre Berichterstattung deutlich eingeschränkt. Europaweit fuhren sie in den vergangenen fünf Jahren den Umfang von Tennisübertragungen um 30 Prozent zurück – Fußball konnte seine Präsenz im gleichen Zeitraum verdoppeln. 

Alarmierende Zahlen, die Eurosport während der French Open präsentierte. Den TV-Sendern fällt es schwer, gerade jüngere Zuschauer zu locken: Zwei Drittel des Fernsehpublikums beim Tennis sind heute älter als 50 Jahre. Kritiker monieren, dass Verbände und Veranstalter es versäumt hätten, den Sport medienwirksamer zu inszenieren – in der trügerischen Hoffnung, dass die Stars allein genug Sogwirkung entfalten. Tsobanian geht hart ins Gericht: „Keine Sportart ist weniger innovativ als Tennis. Und wer heute nicht innovativ ist, ist bald Geschichte.“ 

Regeländerungen für mehr Spannung

Wie Regeländerungen eine Sportart spannender machen können, zeigt sich im Tischtennis. Einzelne Gewinnsätze werden nicht mehr bis 21 Punkte gespielt. Heute reichen elf Punkte. Ins Tennis übersetzt hieße das: Statt sechs Spiele genügen vier für den Satzgewinn. Auch kürzere Aufwärmphasen, langsamere Bälle und sogar der Abschied vom zweiten Versuch beim Aufschlag sind in der Diskussion. 

„Tennis muss sich der neuen Lebensgeschwindigkeit anpassen“, sagt Tsobanian. Und die wird zunehmend von Internet und sozialen Medien geprägt. Wie wichtig diese sind, um über Sportereignisse auf dem Laufenden zu sein, zeigt eine Erhebung der Sponsoringberatung Sport+Markt. Sie hat 15- bis 35-Jährige in Italien, Spanien, England und Frankreich befragt. 76 Prozent von ihnen informieren sich über Tennis im Internet, 39 Prozent nutzen dafür Facebook. 

„Der Zuschauer von heute ist der Programm-Manager von morgen“, sagt Simon Papendorf, Seniorberater bei Sport+Markt. „Er verfolgt Inhalte dann, wenn er Zeitpunkt und Ort selbst bestimmen kann. Hierauf müssen Rechteinhaber reagieren.“ Als gelungenes Beispiel nennt er den „League Pass“ der US-Basketballliga NBA. Nutzer können Spiele online auch nach Abpfiff schauen – und entscheiden, dass sie zum Beispiel nur eine Zusammenfassung der erzielten Körbe sehen. 

Facebook-Freunde gesucht

„Wir müssen weiter am Produkt arbeiten, um es attraktiver zu machen“, sagt Jean-Thierry Augustin, Managing Director bei Eurosport. Schließlich sei Tennis für den Sender „eine der Programmsäulen“. Neben dem Internet-Player solle auch der vor einem Monat gestartete Facebook-Auftritt Sportfans überzeugen. Gut 170000 Freunde im sozialen Netz hat Eurosport schon gefunden. 

Im Alleingang kann der Sender das Tennisrevival nicht schaffen. „Die Zusammenarbeit von Verbänden, Turnierveranstaltern und TV-Anstalten ist unabdingbar“, sagt Papendorf. Dass dies rasch gelingt, ist fraglich: „Es gibt zu viele Leute mit zu vielen unterschiedlichen Meinungen“, sagt Tsobanian. „So kann es keinen Wandel geben.“ Zumal sich die Spieler gegen neue Regeln sperren – 90 Prozent von ihnen lehnen laut Umfragen Neuerungen ab. 

Eurosport-Direktor Augustin tritt beim Thema Regeländerungen dezent auf. „Wir sind Beobachter.“ Getestet hat er Varianten am eigenen Leib – bei kleinen Turnieren, die er mit Freunden spielt. Begeistert habe ihn das nicht. „Ich liebe das Spiel, wie es ist“, gesteht der TV-Manager. „Aber ich werde ja auch nicht im Fernsehen gezeigt.“

Thomas Mersch für das Handelsblatt

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