Katar: Was kostet die Fußballwelt?

Katar setzt beim Streben nach geopolitischem Einfluss auf das sportliche Spektakel. Bei der Vergabe der Fußball-WM könnte das Emirat zu hoch gepokert haben.

Hat Katar Funktionäre bestochen, um die Fußball-WM zu bekommen? Jérôme Valcke, der Generalsekretär des Weltfußballverbands Fifa, könnte die Antwort auf den Dollar genau kennen. In einer privaten E-Mail an Fifa-Vize Jack Warner schrieb der Franzose, das Emirat Katar habe die WM 2022 „gekauft“. In dieser Woche bestätigte Valcke die Wortwahl, ruderte aber zugleich ein Stück zurück: Nicht illegale Bestechungshandlungen der Katarer habe er andeuten, sondern deren Finanzkraft loben wollen.

Quelle: adifansnet (Adidas) auf Flickr.com (CC BY-SA 2.0)

Valcke versucht nicht, witzig zu sein. Er will seinen Kopf retten – nach Art des Hauses. Denn der mächtigste und reichste Sportverband der Welt steht vor seiner Implosion. Konkrete Korruptionsvorwürfe in Bezug auf die WM-Vergaben 2018 und 2022 sowie die zur Farce gewordene Präsidentenwahl erschüttern die Fußballwelt. Die zerstrittenen Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees erheben gegenseitig massive Bestechungsvorwürfe, alte Seilschaften zerfallen, frühere Gelübde des Schweigens bröckeln.

Fifa-Präsident Joseph Blatter schreitet dessen ungerührt heute in Zürich seiner Inthronisation für weitere vier Jahre Amtszeit entgegen.Blatters größter Widersacher, der Katarer Mohamed Bin Hammam, taumelt. Der Chef des asiatischen Fußballverbands AFC hat den Plan, seinen Ex-Verbündeten Blatter zu stürzen, am Wochenende aufgeben müssen. Bin Hammam zog seine Kampfkandidatur gegen Blatter über Nacht zurück, als er bemerkte, sie könnte ein viel höheres Ziel gefährden: die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2022 im reichsten Zwergstaat der Welt – in Katar. 

Das Emirat am Golf, nur halb so groß wie Hessen, setzt alles daran, die wichtigsten Events im globalen Sport in die Wüste zu holen. Auch wenn Bin Hammam seinen Machtkampf verloren hat: Katars Aufstieg zu einem der wichtigsten Märkte im internationalen Geschäft mit dem Sport ist nicht mehr aufzuhalten. 

Als im Dezember 2010 die Wahl der Fifa-Granden auf das Emirat fiel, reichten die Reaktionen von Kopfschütteln bis Entsetzen. Insider wie Tilman Engel, Chef der Beratung Sport Business Consulting International, waren kaum überrascht: „Ziel der Katarer ist, sich über den Faktor Sport geostrategisch aufzuwerten und auf internationaler Bühne zu positionieren. Diese Strategie ist auf höchster politischer Ebene zementiert.“ 

„Sport ist für die Führungsschicht ein Vehikel, Geld spielt keine Rolle“
Tilman Engel, Sportbusiness-Berater und Katar-Experte

Engel ist sich sicher: „Katar wird sich wohl auch um die Olympischen Spiele 2024 bewerben, sobald das IOC den Korridor öffnet.“ Um Touristen gehe es nicht einmal. Der regierende Emir Hamad bin Khalifa Al-Thani, dank Gasexporten mit einem Handelsbilanzüberschuss von mehr als 60 Milliarden Dollar pro Jahr gesegnet, betreibt die politische Emanzipation von der benachbarten Großmacht Saudi-Arabien. „Sport ist für die Führungsschicht ein Vehikel, Geld spielt keine Rolle“, sagt Engel, der zwei Jahre als Direktor des katarischen Fußballverbands tätig war. 

Einen spektakulären Coup landete die staatlich kontrollierte Qatar Foundation, als sie bekanntgab, für den Rekordwert von jährlich 30 Millionen Euro das Trikotsponsoring des weltbesten Fußballvereins FC Barcelona zu übernehmen. Lionel Messi & Co. werben ab Juli für die Bildungsstiftung, die das Wüstenemirat als Wissenschaftsstandort vorantreibt. Die Stiftung zahlt freundlicherweise für das volle Kalenderjahr, auch wenn der Name nur sechs Monate zu sehen ist. Es gibt Vermutungen, das Votum Spaniens für die WM 2022 könnte beim Sponsoring eine Rolle spielen. 

Paris St. Germain wird von Katarern beherrscht

Gestern erwarben Investoren aus Katar 70 Prozent der Anteile des Pariser Traditionsvereins St. Germain. Fast als Fußnote wirkt es, dass man um die Leichtathletik-WM 2017 kämpft und die Handball-WM 2015 ins Land kommt. Organisatorisch falle das kaum ins Gewicht, sagt Engel. „Für die Fußball-WM investiert man rund neun Milliarden Dollar in reine Sportprojekte“, sagt Engel. Selbst das seien nur Peanuts, gemessen an den 180 Milliarden, die bis 2016 im Rahmen des Plans „Katar National Vision 2030“ an Infrastrukturinvestitionen anstehen. 

Firmen wie Hochtief, an der Katar als Großaktionär beteiligt ist, bauen auf gute Geschäfte. Repräsentanten Katars machen unverhohlen Druck, wenn es darum geht, deutsche Sportfunktionäre in die Pflicht zu nehmen. Die deutsche Industrie sei privilegierter Partner, äußerte jüngst Handelskammer-Chef Khalifa bin Jassim Al-Thani. „Aber es gibt sehr viele, die das auch werden wollen“, sagte er vieldeutig im Vorfeld der Fifa-Abstimmung.

Was Bestechung angeht, gilt Katar als gemäßigt: Auf Platz 19 des Antikorruptionsindex von Transparency International rangiert man als sauberstes Land des Mittleren Ostens noch vor Großbritannien. „Es würde mich sehr wundern, wenn die Katarer das Risiko eingegangen wären, für die WM 2022 zu bestechen, weil das dann ja nicht auf eine Einzelperson geschoben werden kann“, sagt Transparency-Vorstand Sylvia Schenk. „Wenn da noch etwas hochkommt, wäre das für die Katarer wirklich ein Gau.“

Kür des Fifa-Chefs

Einziger Kandidat Um den Posten des Fifa-Präsidenten bewirbt sich nur der seit Juni 1998 amtierende Joseph Blatter. 208 Vertreter der Landesverbände sollen am heutigen Mittwoch beim Fifa-Kongress in Zürich zur Wahl antreten. Wegen des Bestechungsverdachts gegen Mitglieder der Exekutive des Weltverbands hat unter anderem der britische Premier David Cameron gefordert, die Abstimmung zu verschieben.

Sponsoren-Kritik „Enttäuscht über die Vorfälle“ äußerte sich Emirates. Adidas beklagte: „Der negative Tenor der öffentlichen Debatte ist weder gut für das Ansehen des Fußballs noch der Institution Fifa noch der Partner.“ Ein Coca-Cola-Sprecher nannte das Führungschaos „beunruhigend und schlecht für den Sport“. Visa erklärte, man habe die Fifa aufgefordert, alles zu tun, um die Vorwürfe aufzuklären.

Stefan Merx für das Handelsblatt

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