Eine Liga steigt ab

Die Primera División galt stets als das Maß der Dinge. Doch die Finanzkrise trifft auch den Sport: Spaniens Fußball verliert seine Herrschaft über Europa.

Der Hamburger Sportverein erhielt diese Woche unerfreuliche Post aus Spanien. Der Fußballklub Málaga CF meldete: Hamburg muss sich noch gedulden bis es die volle Zahlung für den Verteidiger Joris Mathijsen erhalten würde. Auf 500.000 Euro wartet der HSV noch. Das Fristende wurde schon mehrmals verschoben, nun soll das Geld spätestens am 27. August fließen. HSV-Sportchef Frank Arnesen reagierte gelassen: Man brauche zwar das Geld, werde den Spaniern aber auch ein bisschen helfen.

Quelle: Jan S0L0 auf Flickr.com (CC BY-SA 2.0)

Málaga ist nicht der einzige Verein in der Primera División, der Hilfe gut gebrauchen könnte. Die Wirtschaftskrise auf der Halbinsel trifft auch immer stärker den Fußball. „Die finanzielle Lage der spanischen Vereine ist äußerst prekär“, sagt Wirtschaftsprofessor José María Gay de Liébana von der Universität Barcelona, der seit Jahren die finanzielle Entwicklung der Klubs beobachtet. In diesen Tagen ist er ein viel gefragter Mann – und beantwortet sogar noch Anfragen von seinem Boot vor der Ferieninsel Menorca. Denn statt die Probleme gemeinsam anzugehen, tobte in der Liga bis Donnerstagnacht ein heftiger Kampf um Anstoßzeiten und die Verteilung der Fernsehgelder.

Dabei ist die Lage ernst: Über vier Milliarden Euro Schulden haben die spanischen Klubs laut Gay de Liébana angehäuft. In der Krise sind keine neuen Geldgebern für die Teams in Sicht und der Staat verlangt, dass die Vereine endlich ihre Steuerschulden begleichen. Als einziger Ausweg bleibt ein radikaler Sparkurs. Vor allem kürzen sie beim größten Kostenblock eines Vereins: dem Kader.

Noch in der vergangenen Saison saugten die spanischen Vereine trotz der Schuldenberge die europäischen Topprofis auf. Doch kurz vor dieser Spielzeit zeigt sich eine drastische Trendumkehr. Laut den Daten des Fachportals Transfermarkt.de ist Spanien zum Netto-Fußballer-Exporteur geworden: 51 Millionen Euro kassierten die Vereine unter dem Strich bei Transfers für die Saison 2012/2013. In der Vorsaison stand bei diesem Posten noch ein Minus von 66 Millionen Euro. Rekordverdächtig war die Saison 2009/2010 – damals gaben die Vereine netto mehr als 250 Millionen Euro für neue Spieler aus. Jetzt wendet sich das Blatt: „Die spanischen Klubs können nicht mehr investieren. Sie haben kein Geld und niemand leiht ihnen mehr etwas“, sagt Fußballexperte Gay de Liébana. „Die Spieler zu verkaufen ist eine absolute Notwendigkeit für sie.“

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Damit könnte die lange Herrschaft des spanischen Fußballs nun beendet sein sein: Noch in der vergangenen Saison kamen fünf der acht verbliebenen Halbfinal-Mannschaften in den europäischen Wettbewerben aus Spanien. Doch auch die sportlich erfolgreichen Teams der Liga gehen jetzt auf Sparkurs: So verkauft Europa-League-Finalist Athletic Bilbao seinen Mittelfeldstar Javi Martínez laut Medienberichten für 40 Millionen Euro an die Bayern. Eingekauft wird dagegen kaum noch: Unter den 50 teuersten Neuverpflichtungen in Europa für die kommende Saison findet sich lediglich der FC Barcelona – mit einem einzigen Transfer.

Der Abschied vom Thron des europäischen Fußballs ist kein stolzer Abgang, sondern ein Ausverkauf unter chaotischen Bedingungen. Noch bis zu diesem Dienstag war unklar, ob die Saison überhaupt rechtzeitig beginnen kann oder verschoben werden muss – so wie bereits im vergangenen Jahr. In ihrer Not hatten 13 Vereine, darunter auch wichtige Klubs wie der FC Sevilla, Atlético Madrid und Athletic Bilbao, mit einem Boykott gedroht. Schon seit Jahren fühlen sich die Vereine gegenüber den Ligagrößen FC Barcelona und Real Madrid benachteiligt.

Zwei Vereine verdienen das halbe Fernsehgeld

In der spanischen Fußballliga vermarkten die Klubs ihre Fernsehrechte immer noch einzeln. Barça und Real nehmen dadurch mit insgesamt knapp 300 Millionen Euro rund die Hälfte aller Fernseherlöse ein – die anderen 300 Millionen müssen sich die 18 restlichen Teams teilen. Die kleinsten Teams erhalten weniger als ein Prozent der gesamten Einnahmen.

Nun werden einige Spiele auch noch erst um 23 Uhr angepfiffen – natürlich die Partien der unpopuläreren Mannschaften. Gleichzeitig warten viele Vereine immer noch auf Zahlung des Rechtevermarkters Mediapro, der sich wiederum im Streit mit der Mediengruppe Prisa befindet. Erst in der Nacht zum Freitag konnten sich die Parteien einigen, wer welche Spiele überträgt. Eine sichere Planung sei kaum noch möglich, beschwert sich der Geschäftsführer des FC Sevilla, José María Cruz: „Es ist unglaublich, dass wenige Tage vor Anpfiff des erstens Spiels immer noch nicht klar ist, wer die Rechte eigentlich besitzt.“

Ein Boykott konnte zwar dank Eingreifen des Sport-Staatssekretäres Miguel Cardenal erst einmal verhindert werden – gegen die strukturellen Probleme der Liga wurden jedoch keine Maßnahmen beschlossen. Sevilla-Geschäftsführer Cruz ist mit den Ergebnissen bleibt unzufrieden: „Meiner Meinung nach hat sich nichts geändert. Wir sind immer noch nicht auf dem Weg, der zu einer Lösung der Probleme des spanischen Fußballs führt.“ Genau wie Liébana sieht er die Lösung des Problems in einer zentralen Vermarktung der TV-Rechte – das würde die Gesamteinnahmen erhöhen und gleichzeitig das Chaos auflösen.

Abhängigkeit von TV-Erlösen steigt in der Krise

Mehr Fernsehgelder wären gerade in Krisenzeiten besonders wichtig für die kleineren und mittelgroßen Vereine. Rund 50 Prozent ihrer Einnahmen stammen aus dem TV-Geschäft – und die Bedeutung steigt, da sich während der Krise sonstige Einnahmen stark reduzieren. „Sponsoren ziehen sich zurück, die von der Krise geplagten Fans können sich immer seltener die teuren Tickets leisten“, sagt Wirtschaftsprofessor Liébana. Zudem ist der Fußball mit der Baubranche in Spanien traditionell eng verbunden – doch gerade die Baubranche leidet unter der Krise. Jetzt räche sich die jahrelange Misswirtschaft, sagt Philipp Grothe, Gründer der internationalen Sportvermarktungsagentur Kentaro. „Abgesehen von den großen spanischen Klubs waren viele Vereine von Baufirmen quersubventioniert. Doch angesichts der Immobilienkrise stellt sich jetzt die Frage, wer die Zeche zahlt.“

Zusätzlich machen die Vereine eine ganz neue Erfahrung: Seit ein paar Wochen müssen sie konsequent Steuern zahlen. Im Frühling wurde bekannt, dass die Vereine beim Staat mit über 750 Millionen Euro in der Kreide stehen. Dazu kommt ein fast genau so hoher Betrag an Sozialabgaben. Doch der Druck im Ausland und auch auf Seiten der Bevölkerung wächst, diese Schulden endlich zurückzubezahlen: „Die Spanier akzeptieren nicht mehr, dass sie immer stärker belastet werden und die Vereine eine Sonderbehandlung genießen“, sagt Wirtschaftsprofessor Gay de Liébana.

Klubs müssen Steuerschulden begleichen

Bis 2020 sollen die Vereine die Verbindlichkeiten schrittweise zurückzahlen. Außerdem müssen sie ab 2014 30 Prozent ihrer Fernseheinnahmen beim spanischen Staat als Sicherheit hinterlegen. Klubmanager, die weiterhin zu wenig Steuern zahlen, sollen künftig schnell ausgetauscht werden, versicherte die Liga der spanischen Regierung. Zusätzlich kündigte die EU Kommission an, die Steuerzahlungen der spanischen Vereine genau unter die Lupe zu nehmen.

Aus diesem Sumpf ragen weiterhin zwei Vereine heraus: Keine Steuerschulden haben die beiden Klubs Real und Barcelona. Zwar lasten auf ihnen noch andere Verbindlichkeiten in Höhe von rund jeweils etwa einer halben Milliarde Euro, aber dank üppigen Einnahmen gilt ihre finanzielle Situation als weitgehend stabil. Sportmanager Grothe plädiert deswegen für eine gerechtere Aufteilung: „Wäre ich ein spanischer Funktionär würde ich dafür plädieren, dass das Solidarprinzip bei der Verteilung der TV-Gelder ein bisschen aufgewertet wird.“ Die Liga drohe sonst, immer langweiliger zu werden. Geschäftsführer Cruz warnt: „Die Lücke zwischen den zwei Großen und den 18 restlichen Vereinen wird sonst immer größer werden, vor allem in der Krise.“

Diese Lücke zu schließen hatte auch Málaga versucht – mithilfe von Ölmillionen des Scheich Al Thani ging der Verein auf Einkaufstour und holte Spieler wie Martin Demichelis oder Ruud van Nistelrooy. Insider vermuten, dass der Scheich den Verein vor allem als Brücke für Immobiliengeschäfte in der Region nutzen wollte. „Der Fußball in Spanien ist eine hervorragende Möglichkeit mit Politikern in Kontakt zu kommen“, sagt Gay de Liébana. Doch mit der sich immer weiter verschärfenden Krise verlor der Multimillionär das Interesse und zieht sein Geld jetzt wieder ab. Die Spieler müssen gehen – unter den verkauften Kickern ist auch der noch nicht einmal bezahlte Joris Mathijsen. Er verlässt Spanien und geht zu Feyenoord Rotterdam.

Frederic Spohr für das Wall Street Journal Deutschland

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