Vollgas für den Standort

Die Formel 1 auszurichten, ist teuer. Doch das Gastspiel am Hockenheimring bringt den gesamten PS-Sport im Land nach vorne.

Wenn die Formel 1 nach Deutschland kommt, ist kein Platz für Bescheidenheit. Eingeladen wird wahlweise zum Motorsporthighlight, Sportereignis oder sogar Event des Jahres. Die Veranstalter geben ein vollmundiges Versprechen ab: „Der Hockenheimring zelebriert seine Fans und bietet Formel 1 zum Anfassen.“ Morgen beginnt das einzige deutsche Grand-Prix-Rennen in diesem Jahr mit dem freien Training.

Quelle: matze_ott über Flikr.com (CC BY 2.0)

Gescheiterter Börsengang hin, Gerichtsprozesse um den Verkauf der Formel 1 her: In der Königsklasse kann es noch so sehr rumoren. Selbst wenn gegen ihren Chef Bernie Ecclestone Korruptionsvorwürfe laut werden – das Interesse von Herstellern und Sponsoren ist ungebrochen. Experten sind überzeugt, dass sich der Grand Prix in Deutschland für alle Rennserien lohnt: „Wenn es gut in der Champions League des Motorsports läuft, dann profitiert davon auch die Kreisklasse“, sagt Hans-Joachim Stuck, Ex-Formel-1-Fahrer, Motorsport-Repräsentant von VW und seit April Präsident des Deutschen Motor Sport Bunds (DMSB).Zahlen des ADAC zeigen einen klaren Aufwärtstrend. In verschiedenen Konstellationen ist der Verband jährlich an rund 3 400 Veranstaltungen beteiligt – von Nachwuchs-Kartrennen über eigene Rennserien mit Formel- und Sportwagen bis zum Sponsoring in der Tourenwagenserie DTM. 2011 habe es über alle Segmente hinweg ein zweistelliges Wachstum beim Budget pro Sponsor gegeben, sagt Lars Soutschka, Leiter ADAC Motorsport: „In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Betrag fast verdoppelt, es entwickelt sich insgesamt sehr positiv.“

TV-Präsenz entscheidet

Es gibt eine Vielzahl von Serien – alle kämpfen um einen Platz im Fernsehen. Denn erst damit lassen sich zahlungskräftige Sponsoren überzeugen. Die Rennen der GT Masters etwa sind seit 2010 live bei Kabel 1 zu sehen. In der Zeit wuchs das Fahrerfeld der „Liga der Traumsportwagen“, in der unter anderem Lamborghini Gallardo, Porsche 911 und Audi R8 an den Start gehen, von 16 auf 40 Fahrzeuge. „Die Rennteams können ihren Sponsoren jetzt einen höheren Werbegegenwert bieten“, sagt Soutschka.

Auch die Tourenwagenserie DTM erlebt einen Höhenflug, nachdem BMW in dieser Saison als drittes Team neben Mercedes-Benz und Audi zurückgekehrt ist.

Obwohl Taktgeber für den Motorsport, bleibt die Formel 1 in Deutschland umstritten. Die Rennserie lässt sich Schätzungen zufolge den Antritt – im jährlichen Wechsel zwischen Nürburg- und Hockenheimring – mit 20 Millionen Euro vergüten. Die Summe will Georg Seiler, Geschäftsführer am Hockenheimring, nicht bestätigen. Jedoch sei das Formel-1-Wochenende kostspielig: „Natürlich wäre ein Überschuss wünschenswert, doch wir reden eigentlich nicht von einem gewinnbringenden Geschäft unterm Strich.“

Der Große Preis von Deutschland 2008 brachte dem Hockenheimring laut baden-württembergischem Wirtschaftsministerium ein Minus von 5,3 Millionen Euro ein, für 2010 rechnete der Veranstalter mit etwa sechs Millionen Euro Verlust. Immerhin gelang es, die Abhängigkeit zu verringern: Zur Jahrtausendwende war das Formel-1-Wochenende für zwei Drittel des Umsatzes verantwortlich, inzwischen ist es nur noch die Hälfte. Dank anderer Motorsportveranstaltungen sowie Konzerten, Tagungen und vor allem der Buchung durch Automobilfirmen ist an bis zu 340 Tagen Betrieb auf oder an der Strecke.

Die Formel 1 bringe aber „ein gewisses Image“, das laut Seiler wichtig für die Vermarktung der Rennstrecke südlich von Heidelberg sei. Zudem profitiert die regionale Wirtschaft: Nach Abzug aller Kosten sei eine Nettowertschöpfung von neun Millionen Euro übrig, rechnete das Wirtschaftsministerium im Jahr 2008 aus. Denn die Motorsport-Fans sind eine kaufkräftige Zielgruppe: Auf 1,27 Milliarden Euro schätzen Forscher der Uni Mainz die Summe, die Motorsport-Anhänger pro Jahr investieren, um ihren Sport zu erleben. Nur Fußball-, Handball- und Tennisfans gaben mehr aus. „Die Formel 1 hat ihren Preis“, fasst DMSB-Präsident Stuck zusammen, „aber sie ist auch ein bedeutender Faktor für die Region.“

Zusätzlich sorgen die Rennen dafür, dass die Fans ihre Idole live erleben können. „Hier sind die Helden am Start, mit denen die Fans mitfiebern und mittrauern“, sagt Soutschka. Ein Weltmeister wie Sebastian Vettel sorgt dafür, dass Kinder bei Kart-Serien Schlange stehen. Experten ziehen gerne Parallelen zu Steffi Graf und Boris Becker, die für einen Boom des Tennissports sorgten. Im Motorradsport gibt es ein ähnliches Phänomen, ausgelöst vom 22-jährigen Sandro Cortese, der aktuell die Moto3-WM-Wertung anführt und vor knapp zwei Wochen vor fast ausverkauften Rängen am Sachsenring bejubelt wurde.

Um auch in Zukunft deutsche Stars als Zugpferd zu haben, investiert die ADAC Stiftung Sport. 29 Motorsporttalente werden in diesem Jahr finanziell und ideell – etwa mit Medien- und Marketingtraining – unterstützt.

Mittelfristig bleibt aus Sicht des ADAC nur der Rallye-Sport ein Sorgenkind. Zwar werden Anfang August 200 000 Zuschauer zu drei Etappen rund um Trier erwartet. Der „National Hero“, der Massen bewegt und Sponsoren aufmerksam macht, fehle aber, bedauert Soutschka: „Seit Walter Röhrl hat es da keinen richtigen deutschen Star mehr gegeben.“

Die Rennstrecken

Wechselspiel Bislang wird der Große Preis von Deutschland im jährlichen Wechsel mit dem Nürburgring ausgetragen. Der Hockenheimring hat als Formel-1-Strecke einen Vertrag bis zum Jahr 2018.

Unsicherheit Am Nürburgring ist der Start ungewiss. Der Vertrag für 2013 ist noch nicht geschlossen. Die Presseagentur „dapd“ meldete gestern, dass die landeseigene Betreibergesellschaft in die Insolvenz geht, weil die EU-Kommission Rettungsbeihilfen nicht vor Ende Juli genehmigt.

Manuel Heckel und Thomas Mersch für das Handelsblatt

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