Eine unwiderstehliche Versuchung

Die Uefa will Klubs zu wirtschaftlicher Vernunft zwingen. Gleichzeitig setzt die lukrative Champions League einen starken Anreiz zum Schuldenmachen.

Uefa-Präsident Michel Platini macht Ernst. Ein bisschen zumindest. Letzte Woche verhängte der europäische Fußballverband Sanktionen gegen 23 Klubs. Sie sollen gegen die Financial-Fair-Play-Regeln verstoßen haben. Nun werden Prämien für die Teilnahme an den europäischen Klubwettbewerben eingefroren. Der Vorwurf: Zahlungen an andere Vereine, Mitarbeiter oder Steuerbehörden seien nicht geleistet worden. Auch Europa-League-Gewinner Atletico Madrid muss auf sein Geld warten

Logo der UEFA Champions League, Quelle: Yumi Kimura auf Flickr.com (CC BY-SA 2.0)

Aus Deutschland kommt Applaus. „Die Uefa zeigt, dass es ihr ernst ist“, sagte Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL) dem Sender „Sky“. Er erwartet, dass der Verband den Kurs hält. „Manchester City oder auch Paris St. Germain sind zwei Kandidaten, die mit einem Anruf der Uefa rechnen dürfen.“ Eigentümer aus Abu Dhabi und Katar pumpen dreistellige Millionensummen in die Klubs. Beim Champions-League-Sieger Chelsea hat der russische Oligarch Roman Abramowitsch das Sagen – in den letzten zehn Jahren investierte er eine Milliarde Euro.

Financial Fair Play sollte ein solches Finanzgebaren unterbinden. Danach dürfen Investoren Verluste ihrer Klubs nur stark begrenzt ausgleichen. Sonst drohen Sanktionen bis hin zum Ausschluss bei europäischen Wettbewerben.

Freilich verleitet die Uefa mit der hochdotierten Champions League selbst zum Schuldenmachen. In dieser Saison schüttet sie 910 Millionen Euro Prämien aus – das ist Rekord. „Es existiert ein Teufelskreis für die Klubs“, sagt Philipp Grothe, Chef der Sportmarketingagentur Kentaro. „Mit massiven Investitionen in Spieler möchten sie die Teilnahme erreichen. Dann aber sind sie aus finanziellen Gründen auch zwingend darauf angewiesen, regelmäßig in der Champions League zu spielen.“

Sportlichen Misserfolg können sich diese Vereine nicht leisten – ein einmal hochgeschraubter Spieleretat lässt sich nicht so rasch wieder reduzieren. Und selbst die Qualifikation für die Europa League kann das nicht kompensieren.

„Der finanzielle Unterschied zwischen einer Teilnahme in der Champions und der Europa League ist gewaltig“, sagt Grothe. In der Königsklasse seien die Prämien sieben- bis zehnmal so hoch. Das hat sogar Folgen für den Ligabetrieb: „Regelmäßige Teilnehmer erhalten so hohe Summen, dass sie der nationalen Konkurrenz wirtschaftlich enteilen“, sagt Grothe. „Damit werden Strukturen wie in Spanien mit den beiden einzigen ernsthaften Meisterschaftskandidaten Barcelona und Real Madrid gefestigt.“ Wobei das Duo auch davon profitiert, dass es TV-Rechte in Eigenregie verkauft.

Klubs gehen an ihre Grenzen

In allen anderen großen Ligen wird zentral vermarktet. Die TV-Einnahmen sind auf Jahre festgelegt und werden vergleichsweise gerecht aufgeteilt. Entscheidende Finanzspritzen verspricht die Königsklasse. „Es besteht ein Anreiz für die Klubs, ein hohes wirtschaftliches Risiko dahingehend einzugehen, dass im Vorfeld enorme Ausgaben getätigt werden“, sagt Karlheinz Küting, Direktor des Centrums für Bilanzierung an der Universität des Saarlands.

Im Jahr 2010 erhöhten Europas Klubs ihre Verluste um 36 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro – trotz steigender Umsätze. Es regiere die Hoffnung, die Defizite durch künftige Teilnahmen an der Champions League zu decken, beobachtet auch Küting.

Mit dem Financial Fair Play will die Uefa die Klubs zur Vernunft zwingen. Ob dies gelingt, ist längst nicht klar. Die im Juni veröffentlichte Studie „The Curse of Regulation“ der Universität Mainz diagnostiziert ein Gefangenendilemma. Die Forscher haben die Regeln spieltheoretisch untersucht. Ergebnis: „Die Klubs haben einen starken Anreiz, die neuen Regulierungen zu umgehen.“ Bei großen Vereinen weite das Financial Fair Play gar die Möglichkeiten für „Finanz-Doping“ aus, das bekämpft werden soll. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird damit größer.

Auch Küting sieht Anreize, die Regeln zu umgehen. So könnten Einnahmen eingerechnet werden, die im Sinne der Break-even-Rule als nicht relevant gelten. Diese Regel gibt vor, wie groß das Defizit der Klubs sein darf. „Solche Zahlungen könnten etwa durch überhöhte Sponsorenleistungen in die Berechnung eingebracht werden“, sagt Küting.

Um Finanz-Fouls weniger attraktiv zu machen, könnte die Uefa Prämien aus der Königsklasse in die Europa League umleiten. „Das würde die Breite an der Spitze der nationalen Ligen vergrößern“, sagt Kentaro-Chef Grothe. Das aber ist nicht im Sinne der Platzhirsche: „Es würde Widerstand von den großen Klubs geben.“

Die Gruppenphase

Champions League Zum Auftakt spielt Meister Borussia Dortmund heute gegen Ajax Amsterdam. Weitere Gegner sind Real Madrid und Manchester City. Ebenfalls heute tritt Schalke bei Piräus an, es folgen Montpellier und Arsenal London. Bayern München startet morgen gegen Valencia. Später geht es gegen Lille und Baryssau.

Europa League Borussia Mönchengladbach ist als Vierter der vergangenen Bundesligasaison in der Champions-League-Qualifikation an Dynamo Kiew gescheitert und tritt nun in der Europa League an. Am Donnerstag geht es beim ersten Gruppenspiel auf Zypern gegen Limassol. Weitere deutsche Teilnehmer: Hannover, Leverkusen, Stuttgart.

Stefan Merx und Thomas Mersch für das Handelsblatt

 

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edwin.11

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