In Indien soll für die Fifa die Rupie rollen

Mit einem Kraftakt will der Weltfußballverband Indien erobern. Es lockt ein Milliardenmarkt. Doch Experten bezweifeln einen raschen Erfolg.

Fans in Indien, Foto: Fifa

Sepp Blatters Geschenk erreicht die indische Provinz mit einiger Verspätung. Fünf Jahre sind vergangen seit der Präsident des Weltfußballverbandes Fifa mit großer Geste versprach, dem vom Chaos geplagten indischen Fußball zu unterstützen. Acht von der Fifa gesponserte Kunstrasenplätze sollten die Spiel- und Trainingsbedingungen in mehreren Städten verbessern. Auch das Khuman-Lampak-Stadion im nordöstlichen Bundesstaat Manipur bekam einen davon zugesprochen. Mitte September dieses Jahres vermeldeten die Betreiber die Fertigstellung des neuen Fußballfeldes. Doch gespielt werden kann darauf noch lange nicht: Erst soll der heruntergekomme Sportkomplex, der zwischenzeitlich als Parkplatz für Tanklaster und Lagerstelle für Wasserrohre diente, gründlich saniert werden. Wann das Projekt abgeschlossen sein soll, vermögen die Behörden des Bundesstaats nicht zu sagen. Zumindest in Manipur lässt die indische Fußballrevolution noch auf sich warten.  

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Jérôme Valcke ist der Mann, der das Mammutprojekt für den Weltverband vorantreiben soll. Der Generalsekretär der Fifa gilt hinter Sepp Blatter als der zweitmächtigste Mann des Weltfußballs. Seine Indienreise Anfang September gab den Anstoß für die ehrgeizige Mission, dem Sport neues Leben einzuhauchen. Der Besuch war Valckes erster Abstecher auf den Subkontinent als Fifa-Generalsekretär. Doch es war bestimmt nicht sein letzter, davon ist der hochrangige Fußballfunktionär überzeugt.

Er sieht in dem Land einen enormen Wachstumsmarkt. “In Indien leben 600 Millionen Menschen, die jünger als 25 Jahre sind. Vor allem in diesem Bevölkerungssegment wird Fußball immer beliebter”, sagt Valcke im Gespräch mit WSJ.de (siehe Interview). “Ich bin mir sicher, dass Fußball bei den jungen Indern innerhalb des nächsten Jahrzehnts zum beliebtesten Sport avancieren kann.” Langfristig soll sich das für die Fifa auch finanziell lohnen. Valcke verweist darauf, dass bereits heute drei der sechs Fifa-Topsponsoren, die pro Weltmeisterschaft jeweils mehr als 120 Millionen US-Dollar bezahlen, aus Asien stammen. “Natürlich hat da auch Indien ein großes Potenzial.”

Steigende TV-Einnahmen

Als drittgrößter Fernsehmarkt der Welt verspricht Indien auch bei den TV-Verträgen neue Einnahmequellen. Bereits jetzt zeigen sich hohe Steigerungsraten. 2002 erhielt die Fifa aus Indien für die Fernsehrechte drei Millionen US-Dollar, 2006 waren es schon neun und 2010 steigerte sich der Betrag schließlich auf 43 Millionen.

Gemeinsam mit dem nationalen Fußballverband, der All India Football Federation (AIFF), hat die Fifa einen Zehnjahresplan ausgearbeitet, wie das Land Anschluss an die restliche Fußball-Welt finden soll. Unter anderem gehört dazu, dass die Weltmeisterschaft der Unter-17-Jährigen im Jahr 2017 in Indien ausgetragen werden soll. Damit will die Fifa die indische Regierung dazu bringen, Stadien zu verbessern und den Nachwuchs stärker zu fördern. Bereits kommende Woche soll das Exekutivkomitee der Fifa die Entscheidung über die Turnieraustragung treffen – mit Generalsekretär Valcke als Befürworter hat Indien hervorragende Karten.

Das Turnier soll auch dazu dienen, die bisher unkoordinierte Arbeit der öffentlichen Verwaltung, Vereine und des nationalen Verbands zusammenzuführen und den Sport gemeinsam voranzubringen. Denn die Fifa war nicht immer zufrieden mit der Organisation der Inder: Erst im vergangenen Jahr beschwerte sich der für die Fußball-Entwicklung zuständige Fifa-Funktionär Thierry Regenass, dass Projekte in Indien immer wieder verschleppt würden – trotz Sonderbehandlung durch den Weltverband. „Die Fifa wird jetzt stärker ein Auge darauf haben, was der nationale Verband macht“, sagt Jaydeep Basu, ein landesweit bekannter Fußball-Journalist. Doch unter Experten herrscht Skepsis, ob die Markteroberung im Hauruckverfahren gelingen wird. „Es ist gut, dass sich etwas tut. Aber es wird vermutlich alles etwas länger dauern als geplant,“ sagt Neel Shah, Indien-Chef der Fußballagentur Libero.

Doch die Fifa und der nationale Verband AIFF wollen endlich Erfolge sehen: Das Ziel lautet: Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Bisher hatte die indische Nationalelf, die auf der Fifa-Weltrangliste derzeit auf Platz 169 zwischen Indonesion und Bangladesch rangiert, noch nie an der Endrunde einer Fußball-WM teilgenommen. 1950 hätte sie zwar die Chance dazu gehabt, der Verband lehnte jedoch ab, weil ihm die Anreise nach Brasilien zu teuer erschien.

Heimische Liga liegt am Boden

Die Zeiten haben sich geändert – Investitionen in den Fußball erscheinen heute auch den indischen Funktionären lohnenswert. Die Ausgangsbedingungen sind gut: Fußball elektrisiert vor allem in den gehobenen Schichten bereits große Teile der Bevölkerung. Laut der Marktforschungsagentur Yougov verfolgte rund die Hälfte der männlichen Stadtbevölkerung die vergangene Weltmeisterschaft. Die englische Premiere League begeistert bereits jeden Dritten in den Städten.

Doch der heimische Fußball profitiert kaum von dem wachsenden Interesse. “Der indischen Profi-Liga gelingt es nicht, landesweit eine starke Fanbasis aufzubauen”, sagt Marcel Schmid, Geschäftsführer von International Football Arena. Sein Unternehmen veranstaltete im September dieses Jahres bereits zum dritten Mal eine hochrangig besetzte Fußball-Konferenz in Neu Delhi, bei der sich Sportfunktionäre hinter verschlossenen Türen über Entwicklungsmöglichkeiten des indischen Marktes austauschten. Schmids These lautet: Fußball in Indien kann erst dann nachhaltig zu einem geschäftlichen Erfolg werden, wenn sowohl die Nachwuchsarbeit vorankomme, als auch die in Indien beheimateten Klubs über bessere Infrastrukturen verfügen.

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Bislang ist die nationale Top-Liga, die I-League, weder bei Einschaltquoten noch bei Ticketverkäufen international konkurrenzfähig. Zu manchen Spielen erscheinen nur ein paar hundert Fans, der Zuschauerschnitt der unbeliebten Vereine liegt bei etwa 2000. Einzige Top-Events sind die Lokalderbys der Stadtvereine von Kalkutta, bei  denen bis zu 100.000 Fußballfans ihre Teams anfeuern. „Das sind die einzigen Klubs, die eine richtige Fankultur haben und eine jahrzehntelange Tradition. Die anderen Teams wirken alle künstlich – und versuchen das auch nicht abzustreifen“, sagt Sportjournalist Basu. Abgesehen von den Bürgern Kalkuttas interessieren sich die Inder kaum für den heimischen Fußball. „Wenn ich nicht in Kalkutta aufgewachsen wäre, dann wäre ich jetzt kein Fußballfan.”

Finanziell möglich wäre eine intensivere Fanarbeit und besseres Marketing, denn arm sind die Klubs nicht. Laut Sport-Berater Shah liegen die Spielergehälter im Vergleich zu anderen asiatischen Ligen auf einem ähnlichen Niveau. Doch die Löhne zehren die Budgets der Klubs auf. „Indische Klubs geben häufig rund 90 Prozent ihres Budgets für Spielergehälter aus. Kaum etwas fließt in die Nachwuchsförderung, das Marketing oder Fanprojekte“, sagt Berater Shah, „so entstehen keine nachhaltigen Strukturen.“ Hinter fast allen Vereinen der I-League stehen große Unternehmen, wie beispielsweise der Carrier Air India. „Sie sind denken oft noch zu kurzfristig.“

Kein einziger indischer Top-Klub besitzt außerdem ein eigenes Stadion. Die Vereine haben deswegen häufig Schwierigkeiten einen geeigneten Spieltermin zu finden. Die Zeitfenster verkleinern sich zusätzlich, da nur zwei der großen Fußballstadien mit Flutlicht ausgestattet sind. So wird oft unter der Woche nachmittags gespielt – bei brütender Hitze und wenn die Leute arbeiten müssen. Außerdem ist erst ein Bruchteil der Stadien mit Kunstrasen ausgestattet. Bei dem extremen Klima in Indien sind Platzbedingungen entsprechend dürftig.

Schon für die Profis sind Umstände schwierig. Bei den Hobbykickern sieht die Lage aber noch schlechter aus. Laut der indischen Regierung haben nur 50 Millionen der 770 Millionen unter 35-Jährigen in Indien, überhaupt die Möglichkeit ausgebaute Sportstätten zu nutzen. Entsprechend wenig Inder schnüren sich selbst die Fußball-Schuhe an. In ganz Indien existieren bisher laut der britischen Sportberatung Sports Path nur rund 12.000 Teams von Vereinen, Universitäten und Mannschaften. Entsprechend unterstellen die Berater dem indischen Fußball auch, den Amateur- und Hobbybereich viel zu sehr zu vernachlässigen.

Die Fifa möchte diesen Missstand endlich beheben. Doch angesichts der desolaten Lage wirken die Bemühungen winzig: Rund acht Millionen Dollar hat der Verband investiert, um damit Entwicklungszentren und die neue Kunstrasen-Plätze zu errichten. Gemeinsam mit der AIFF möchte der Weltverband außerdem bis zu zehn Fußballakademien aufbauen. Zu wenig, sagen Experten. “Die Fifa hat acht Plätze gebaut und will jetzt ein paar neue bauen. Ich sage, wir brauchen achttausend“, sagt Basu. Damit der nationale Fußball endlich aufblüht, müssten außerdem viel mehr Trainer professionell ausgebildet werden.

Die indischen Jugendlichen, die keinen Fußballplatz in der Nähe haben, können seit diesem Herbst zumindest im Wohnzimmer für den nationalen Erfolg trainieren: In der diesen Herbst erscheinenden Version der berühmten Computerspiel-Serie „Fifa“ ist das indische Team zum ersten Mal seit 1998 wieder dabei. So können die Inder auch ohne bessere Trainer Weltmeister werden. Bolzplätze braucht man auch nicht.

Frederic Spohr und Mathias Peer für das Wall Street Journal Deutschland

 

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