Das große Baggern im deutschen Fußball

Im deutschen Fußball steht der nächste Bauboom bevor: Dritt- und Viertligisten wollen in modernen Arenen spielen. Die klammen Kommunen spendieren das Baugeld.

Gerhard Neef träumt von ruhmreichen Zeiten. 1976 lockte sein FSV Zwickau noch 36.200 Zuschauer ins Fußballstadion – im Europapokal-Halbfinale ging es gegen Anderlecht. Doch der Vorstandssprecher des Regionalligisten, der gerade erst der 5. Liga entkommen ist, kennt auch die heutige Realität: Nur gut 2.000 Fans kommen zu den Spielen ins provisorische „Sportforum Sojus 31“.

Mit diesem Niveau will sich Neef nicht abfinden: „Wir müssen aufsteigen. Das alte Potenzial wollen wir heben“, fordert er. Dafür plant er einen wirtschaftlichen Kraftakt: Zwickau soll ein neues Stadion bekommen – finanziert aus der Stadtkasse, motiviert vom riskanten Prinzip Hoffnung.

Quelle: Michael Panse über Flickr.com (CC BY-ND 2.0)

Ob die Viertligisten FSV Zwickau, FC Carl Zeiss Jena, Lok Leipzig oder der Drittligist FC Chemnitz: Vereine aus den hinteren Reihen rufen nach modernen Arenen. Sie eifern dem Vorbild der 36 Bundesligisten nach, die in den letzten Jahren fast alle ein neues Stadion bekommen haben und dadurch mehr Erlöse erzielen konnten. In der dritten Liga planen nach einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young 80 Prozent der Vereine einen Neu- oder Umbau.

Der DFB verstärkt den Druck auf die Vereine

Deutschland gilt als das Land in Europa mit den modernsten Stadien. Die Heim-Weltmeisterschaft im Jahr 2006 hatte einen beispiellosen Bauboom entfacht. Unter den strengen Augen des Weltfußballverbandes Fifa entstanden moderne Multifunktionsarenen – und das nicht nur in den 12 Austragungsorten. Allein die Konkurrenz um die Kür zur WM-Stadt hatte im Vorfeld weit mehr Vereine und Kommunen angetrieben, in einer Kettenreaktion: So bauten auch Mönchengladbach und Düsseldorf, um Köln auszustechen. Bremen konkurrierte mit Hannover – und warf ebenso die Betonmischer an, um die WM-Offiziellen zu überzeugen.

Ein zweiter Effekt wirkte auch auf die Nicht-Austragungsorte: Jene Vereine mussten um ihre langfristige Wettbewerbsfähigkeit im Ligaalltag fürchten, die noch nicht mit schicken VIP-Zonen aufwarten konnten. Der WM-Boom trieb so indirekt die gesamte Stadionlandschaft auf Top-Niveau. Selbst Zweitligisten wie Köln, Berlin oder Kaiserslautern spielen heute in wahren Schmuckkästchen, die man beispielsweise in Italien vergeblich sucht.

Jetzt hat das Wettrüsten auch die unteren Ligen erreicht. Dort ist es zweischneidig – denn es geschieht aus der Not heraus und birgt langfristig hohe Risiken. „Die Vereine stecken in einer Zwickmühle: Um wettbewerbsfähig zu bleiben, brauchen sie eine moderne Arena, aber das Geld dafür haben sie nicht“, sagt Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School in Bochum.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erhöht mit seinen Statuten den finanziellen Druck auf die Vereine. Wer im Profifußball mitspielen will, muss aufrüsten: Das Stadionhandbuch des Verbands fordert für eine Drittliga-Arena mindestens 10.000 Plätze, doppelt so viel wie in der Regionalliga. Als Motiv für die Baupläne nennen zwar 91 Prozent der Klubverantwortlichen in der Ernst & Young-Studie die Hoffnung auf höhere Umsätze durch VIP-Sitze. Doch 68 Prozent geht es nach eigener Aussage auch um die Erfüllung der Lizenzierungsauflagen.

Da in den meisten Klub-Kassen Ebbe herrscht, suchen sich die Vereine Partner in der Lokalpolitik. Bei den Stadtparlamenten, die die Pläne absegnen müssen, rennen sie meist offene Türen ein. Gerade im Osten sind die Fußballklubs wichtige Ankerpunkte, die zumindest für regelmäßige Erwähnung in den bundesweiten Medien sorgen.

Beispiel Zwickau: Das alte Stadion – genannt „die Halde“ – war weit davon entfernt, die DFB-Auflagen für die anvisierte dritte Liga zu erfüllen. Eine Sanierung wäre unwirtschaftlich. Der Neubau auf der grünen Wiese wird 18 Millionen Euro Baukosten verschlingen und jährliche Betriebskosten von bis zu 600.000 Euro verursachen.

Für den FSV ist das fernab seiner Möglichkeiten. „Wir als Verein können da gar nichts machen“, winkt Klubchef Neef ab. Noch im März 2010 hatte der FSV einen Insolvenzantrag gestellt und entging nur knapp der Pleite. Investoren sind in der strukturschwachen sächsischen Region auch nicht in Sicht. Bleiben nur öffentliche Gelder. Und die fließen: Am 25. Oktober wird der Stadtrat den Bau aller Voraussicht nach beschließen. Die Stadt wird über Töchterunternehmen dann als Bauherr und Betreiber auftreten.

In der Regionalliga Ost, einer Liga, die im Durchschnitt 2.500 Zuschauer je Spiel anlockt, wird besonders deutlich, wie die öffentliche Hand das Fußball-Vergnügen subventioniert. Auch der 1.FC Lok Leipzig, in der Tabelle derzeit weit von einem Aufstiegsplatz entfernt, trachtet nach einem neuen Stadion in bislang unbekannter Größe. Die Leipziger Klubspitze befindet sich nach Medienberichten in ersten Gesprächen mit einem Sponsor.

In Jena ist man schon einen großen Schritt weiter. Finanzdezernent Frank Jauch hat beim Land bereits eine Förderung über 30 Millionen Euro beantragt. Damit und mit fünf Millionen aus der eigenen Kasse will die Stadt dem FC Carl Zeiss eine neue Heimstatt für rund 20.000 Zuschauer bauen.

Einnahmen unabhängig vom Fußball

„Mit einem neuen Stadion könnten wir pro Spiel 1.000 bis 2.000 Zuschauer mehr anlocken. Außerdem lassen sich die Sponsoringeinnahmen um fast ein Drittel steigern“, sagt Klub-Geschäftsführer Roy Stapelfeld. Die Logik: Ein angenehmeres Ambiente und mehr Werbeflächen stimulieren die Nachfrage von alleine. Von der Qualität des dargebotenen Fußballs will sich ein cleverer Klubmanager am liebsten so unabhängig wie möglich machen.

Wie das neue Stadion von der Stadt Jena halbwegs kostendeckend zu betreiben wäre, hat die Wirtschaftsberatung Wibera ausgerechnet. Eine gute Million Euro müsste die städtische Betreibergesellschaft kassieren, um eine schwarze Null zu erzielen. Der FC Carl Zeiss soll laut Wibera-Plan für seine rund 20 Auftritte in der Saison 300.000 Euro zahlen. Hinzu sollen 379.000 Euro für die sogenannte Drittnutzung in die Kassen fließen.

Eine allzu optimistische Rechnung, heißt es in Rathauskreisen: Fast hundert weitere Veranstaltungen wie Firmentagungen oder Kulturevents müssten in der neuen Arena stattfinden – so viel wie in manchem Bundesliga-Stadion. Auch der Jenenser Finanzdezernent Frank Jauch räumt Risiken ein: „Die Investition rechnet sich nur, wenn der FC Carl Zeiss in der zweiten Liga spielt. Ansonsten wird die Stadt wesentlich mehr für den Betrieb Stadions ausgeben als heute.“

Der große Haken: Alle spekulieren auf den sportlichen Erfolg, doch aufsteigen kann bestenfalls einer. Doch erst zu bauen, wenn der Aufstieg feststeht – dafür würde freilich die Zeit nicht reichen. Derzeit liegt der vom Getränkehersteller Red Bull massiv unterstütze Verein RasenBallsport Leipzig mit Abstand vorne. Für Zwickau, Jena und Lok ist die dritte Liga noch nicht wirklich in Reichweite, von der zweiten Liga ganz zu schweigen.

Die Kommunen schreckt das nicht ab. Auf eine zweitligataugliche Arena mit 15.000 Plätzen darf sich jetzt auch der Drittligist Chemnitzer FC freuen. Noch im vergangenen Jahr hatte die Landesdirektion Sachsen das Vorhaben gekippt. Sie hatte die Befangenheit zweier Ratsmitglieder kritisiert, die zugleich im Aufsichtsrat des FC saßen. Jetzt scheinen die Bedenken ausgeräumt: Die ambitionierte Stadt nimmt für das Stadion Darlehen in Höhe von 25 Millionen Euro auf – trotz eines Schuldenstands von 258 Millionen Euro. Die Zustimmung des Stadtrats im November gilt als sicher.

Aachen als warnendes Beispiel

Quelle: Peter Köves über Flickr.com (CC BY 2.0)

Wie gefährlich die Wette auf den sportlichen Höhenflug sein kann, zeigt das Beispiel Alemannia Aachen. Als Bundesligaabsteiger hatte sich der Verein in den Kopf gesetzt, sein neues Tivoli-Stadion für 33.000 Zuschauer beispielhaft ohne einen Cent an öffentlichen Geldern zu errichten – und baute dabei im Jahr 2008 auf Sand: Die Schuldenlast des 50-Millionen-Projektes erdrückte den Verein. Zinsen in Millionenhöhen brachten den Klubs zwei Mal an den Rand der Pleite. Zuletzt musste doch noch die Stadt ran. Im März löste sie ein Bankdarlehen der Alemannia ab und lieh dem Klub zu besseren Konditionen langfristig knapp 19 Millionen Euro. Ob das die Gelbschwarzen rettet, ist fraglich. Weil in diesen Jahren kein Geld da war, um die Mannschaft zu verstärken, kämpft der Verein mittlerweile gegen den Abstieg aus Liga drei.

Alleingänge sind beim Stadionbau nicht gefragt. „Man muss Betroffene zu Beteiligten machen. Stadt, Bürger und Verein müssen an einen Tisch“, rät Experte Günter Vornholz. In Braunschweig ist das geschehen. Als Drittligist begann Braunschweig mit den Planungen: Im Februar 2011 hat die Stadt ihre Bürger befragt, ob sie dem 14,5 Millionen Euro teuren Umbau des Eintracht-Stadions zustimmen. „Seit damals gut 60 Prozent für den Umbau stimmten, haben wir aus der Bevölkerung nie wieder Gegenwind verspürt“, sagt Soeren Oliver Voigt, Geschäftsführer des Vereins, der als aktueller Zweitliga-Tabellenführer vom Aufstieg träumen darf.

Ruhe herrscht wohl auch deshalb, weil sich der Klub finanziell am Neubau beteiligt. Eintracht Braunschweig bezahlt das Verwaltungsgebäude unmittelbar vor dem Stadion mit drei Millionen Euro selbst. Außerdem übernimmt die Eintracht 430.000 Euro der Kosten für die Installation von Business-Seats, die durch den Aufstieg in die Zweite Liga im Sommer 2011 nötig geworden waren.

Run auf die Logen

Die Investitionen scheinen sich für den Klub auszuzahlen, die im Bau befindlichen Logen reichen schon jetzt nicht: „Wir haben für unsere 20 neuen Logen 60 ernsthafte Interessenten“, sagt Voigt.

Mittlere fünfstellige Beträge pro Saison rufen Zweitligisten in aller Regel für ihre Logen auf. Die Stadionpacht von einer halben Million Euro, die die Eintracht an die Stadt zahlt, könnte sich schnell amortisieren.

Geht es um die Rentabilität neuer Arenen, landet man stets bei den Logen. Sie entscheiden über Erfolg oder Misserfolg eines Stadionbaus. Bei den Klubs, die bereits über moderne Sportarenen verfügen, liegen die durch Hospitality – also den Verkauf von Luxussitzen und Bewirtung – erwirtschaftete Anteil bei rund 50 Prozent der Sponsoringeinnahmen, heißt es in der Ernst & Young-Studie.

Allerdings ist ein kleines Stadion ist schwieriger gewinnbringend zu betreiben als ein großes. In kleinen Arenen ist das große Geschäft mit den Logen nicht zu erwarten – es fehlt schlicht an Strahlkraft. „Große Arenen haben bei der Vermarktung ihrer Flächen durch einen Repräsentationsfaktor gegenüber kleinen einen Vorteil“, sagt Christoph Seyler, Stadionexperte bei Ernst & Young.

Auch in Halle muss man das akzeptieren: „Es hat lange gedauert, bis wir alle acht Logen vermietet hatten“, sagt Michael Schädlich, Präsident beim Halleschen FC. Der Drittligist ist im vergangenen Jahr in seine neue 17 Millionen teure Arena eingezogen. Ob sich der Bau jemals rechnet, ist fraglich. Zwar sind die Zuschauerzahlen seit dem Umzug deutlich gestiegen. Aber der ganz große Run ist ausgeblieben: Im Schnitt kommen pro Spiel rund 8.000 Zuschauer, reinpassen würden 15.000.

Andreas Schulte für Wall Street Journal Deutschland

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