Der Fan ist eine Bank

Fußballanleihen versprechen hohe Renditen – aber auch das Risiko ist groß: Was zählt, ist auf dem Platz.

Der Hamburger Sport-Verein macht seine Fans zu Geld. Zum 125-jährigen Bestehen im September gab der Fußball-Bundesligist eine Anleihe heraus, Laufzeit sieben Jahre, sechs Prozent Zinsen. Keine 17 Tage dauerte es, da hatte der HSV den angepeilten Betrag, immerhin 12,5 Millionen Euro, bereits eingenommen.

Es ist die höchste Summe, die in Deutschland mit einer Fananleihe bislang eingespielt wurde. Die Nachfrage ist so groß, dass der HSV seine Fananleihe nun sogar um fünf Millionen Euro aufstocken will: Von Donnerstag, dem 15. November an, können die Anhänger ihr Geld wieder beim Nordklub anlegen.

Fananleihen

Fananleihen sind die verzinste Schuldverschreibung eines Sportvereins. Zielgruppe für den Kauf sind vor allem die Anhänger des Klubs. Oft werden die Papiere zu Beträgen ausgegeben, die an vereinshistorisch wichtige Daten erinnern, manchmal sind sie künstlerisch gestaltet (Schmuckanleihen). Die Laufzeit beträgt meist zwischen fünf und sieben Jahren, die Zinssätze liegen zwischen 5 und 6,5 Prozent.

Mit den Fananleihen haben die deutschen Fußballvereine im Jahr 2004 ein neues Mittel entdeckt, an Geld zu kommen. Damals legte Hertha BSC Berlin als erster Klub eine Fananleihe auf und nahm sechs Millionen Euro ein. Seit 2010 boomt das Geschäft. Insgesamt zehn deutsche Fußballvereine, darunter der 1. FC Nürnberg, St. Pauli und Schalke 04, haben von ihren Anhängern inzwischen mehr als 70 Millionen Euro zur Verfügung gestellt bekommen.

Fans geben gerne – aus treuer Verbundenheit

Vielen Fans erscheinen die Anleihen als doppelt guter Deal: Sie bekommen höhere Zinsen als bei vielen anderen Geldanlagen – und tun ihrem Verein gleichzeitig etwas Gutes. »Liebe verzinst sich« – so bewarb der 1. FC Köln seine Anleihe. Und tatsächlich scheint es vor allem die Verbundenheit mit dem Klub zu sein, die Fans dazu bringt, zu investieren: Bereits einige Tage vor Ablauf der Zeichnungsfrist am 31. Oktober hatte der Bundesligaabsteiger die geplante 10-Millionen-Euro-Marke trotz des mäßigen Saisonstarts erreicht.

Quelle: Stefan Merx

Doch die Liebe eines Fans kann für sein Erspartes gefährlich werden. Zwar locken die Klubs mit bis zu 6,5 Prozent Zinsen im Jahr, aber im Fußballgeschäft ist vieles unvorhersehbar: Verschossene Elfmeter oder Kreuzbandrisse wichtiger Spieler können zu Misserfolgen führen – mit Folgen für den Anleger.

»Die Risiken sind beträchtlich«, sagt Karlheinz Küting, Direktor des Centrums für Bilanzierung und Prüfung an der Universität des Saarlandes. »Ein Abstieg aus den Profiligen bedeutet oft den Verlust der Geschäftsgrundlage der Klubs und ist mit existenziellen Problemen für sie verbunden. «Zuschauer bleiben weg, die Ausschüttungen für die Fernsehrechte an den Spielen fallen niedriger aus, und auch die Sponsoren präsentieren sich am liebsten im Glanze der ersten Liga.

Schlimmstenfalls fehlt den Vereinen dann das Geld, um die Fananleihe zurückzuzahlen. »Im Falle einer Insolvenz des Klubs ist das in die Fananleihe investierte Geld in der Regel weg. Sicherheiten bei Fananleihen sind unüblich«, sagt Fabian Kirchmann, Vorstand der auf Finanzkommunikation spezialisierten Firma IR.on in Köln.

Fans stehen weit hinten in der Gläubigerkette

Selbst wenn aus der Insolvenzmasse eines Klubs eine Rückzahlung möglich wäre, bekämen die Fans wohl nur einen Bruchteil ihres Einsatzes wieder. Sie stünden relativ weit hinten in der Gläubigerkette: So würden etwa Banken, die abgesicherte Kredite vergeben haben, im Falle einer Insolvenz vorgezogen. Damit es dazu gar nicht erst kommt, nutzen Klubs wie der 1. FC Köln das Geld der Fans dazu, alte Kredite abzulösen und so ihre finanzielle Lage zu verbessern. Und HSV-Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow investiert in die Zukunft: Er plant, das Geld in ein neues Nachwuchszentrum zu stecken.

Einer Studie der Uni Duisburg-Essen zufolge ist das sinnvoll. Dank der Laufzeiten der Anleihen seien solche langfristigen Projekte gut zu finanzieren. Spielerkäufe hingegen sollten nicht mit Fangeldern gestemmt werden, heißt es dort weiter – denn den hohen Gehältern stünden meist keine vergleichbaren Einnahmen gegenüber; der finanzielle Nutzen von Spielertransfers sei also schwer abzusehen.

Einige der Risiken, die Fußballanleihen bergen, listen die Klubs in ihren Anleihe-Prospekten auf. Sie warnen etwa vor den Mindereinnahmen, die ihnen durch verlorene Spiele oder einen Abstieg drohen. Und davor, dass die Popularität des Fußballs in Deutschland generell abnehmen könnte, wodurch weniger Menschen in die Stadien strömen könnten, Fernsehen und Sponsoren ihr Interesse verlieren könnten – was sich natürlich ebenfalls finanziell negativ auf die Finanzen der Fußballvereine auswirken würde.

Eher die schwachen Vereine bauen auf das Fangeld

Auch auf Schulden weisen die Klubs hin. Bislang sind es ausgerechnet eher die wirtschaftlich angeschlagenen Vereine, die Anleihen ausgeben. »Zum Zeitpunkt der Emission weisen die Klubs oft nur wenig oder sogar negatives Eigenkapital aus und sind damit bilanziell überschuldet«, sagt Bilanzexperte Küting.

Wir haben noch hohe Verpflichtungen in Verbindung mit dem Bau unseres Stadions –
HSV-Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow

Die Fans stecken ihr Geld also oft in angeschlagene Unternehmen – und legen sich jahrelang fest. Das Geld vor Laufzeitende zurückzubekommen, ist nicht möglich. Im jüngsten Konzernabschluss des HSV finden sich Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten in Höhe von gut 40 Millionen Euro.

Das ist nicht gerade Werbung für die Investoren. »Es ist bekannt, dass wir noch bis 2015 hohe Verpflichtungen in Verbindung mit dem Bau unseres Stadions haben«, sagt HSV-Chef Jarchow. »Dafür ist es anschließend unser bezahltes Eigentum.« Und mit dem lässt sich durch Vermietung, Ticket- und Gastronomieeinnahmen wieder Geld verdienen. Ein generelles Problem der Vereine ist allerdings, dass praktisch all ihre Einnahmen vom sportlichen Erfolg abhängen. Bleibt er aus, können sie das nirgends abfedern.

Ein Hochrisiko-Investment 

»Im Gegensatz zu den meisten Industrieunternehmen besteht bei Fußballunternehmen nicht die Möglichkeit eines Risikoausgleichs zwischen verschiedenen Sparten, Produkten oder Segmenten«, sagt Küting. Auch beim Verhältnis von Risiko und Rendite schneiden Fußballanleihen nicht besonders gut ab: »Sie wären bisher allesamt im Hochrisikobereich anzusiedeln, wenn sie das auf dem Kapitalmarkt übliche Rating hätten«, sagt Kirchmann, der zahlreiche Mittelständler bei Anleiheemissionen begleitet hat.

In Ratings bewerten spezialisierte Agenturen die Bonität eines Schuldners und damit die Gefahr eines Zahlungsausfalles. Bei Fananleihen wird das nicht gemacht, bei Mittelstandsanleihen, die sich an professionelle Investoren richten, hingegen schon.Die Unternehmen zahlen höhere Zinsen, obwohl ihre Anleihen als sicherer gelten. Meist bieten sie zwischen sieben und neun Prozent.

Hoffen auf die öffentliche Hand

Zum Ausfall einer Fananleihe ist es bislang noch nicht gekommen – auch nicht bei Klubs in wirtschaftlicher Notlage. Zwar mussten die Fans der heutigen Drittligisten Alemannia Aachen und Hansa Rostock schon um ihr investiertes Geld zittern, doch in beiden Fällen sprangen rechtzeitig Stadt oder private Geldgeber ein. »Die Vereine werden als unverzichtbar für die Stadt und das Image betrachtet und deshalb im Zweifel von der öffentlichen Hand gerettet«, sagt Kirchmann. »Das senkt wiederum das Risiko für Anleger.«

Die Urkunden und Zinscoupons hängen in den Wohnzimmern – als Fanartikel –
Bilanzexperte Karlheinz Küting

Einigen Fans ist der Anlageaspekt aber ohnehin zweitrangig. Statt die Anleihen im Depot aufzubewahren, reicht ihnen eine Schmuckurkunde. In Köln etwa werden sie auf Wunsch gerahmt und im Beisein eines Spielers übergeben. Mögliche Nennbeträge: 100, 1000 oder 1948 Euro, nach dem Gründungsjahr des Vereins. »Die Urkunden und Zinscoupons werden eher als Fanartikel angesehen und hängen in den Wohnzimmern der Fans«, sagt Bilanzexperte Küting.

Um den Einsatz am Ende der Laufzeit zurückzubekommen, muss die Schmuckurkunde zurückgegeben werden. Zinsen kassiert nur, wer die Coupons von der Anleihe abtrennt und innerhalb eines Jahres einlöst. Um den Wandschmuck wäre es damit geschehen. Also entscheiden sich viele Fans von Anfang an dafür, dem Klub das Geld zu schenken. »Wir wissen, dass das häufig passiert«, sagt HSV-Vorstandschef Jarchow. »In der Planung gehen wir aber davon aus, dass wir den gesamten Betrag zurückzahlen müssen.«

Malte Laub und Thomas Mersch für DIE ZEIT

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