Spielerisch zum Sieg

Erfolg im Motorsport entscheidet sich immer öfter am Computer.Bei der Entwicklung neuer Formel-1-Autos sind Rennsimulationen unverzichtbar.

Die Phrasen in „GT Academy“ erinnern an RTLs Casting-Ikone Dieter Bohlen. „Den Willen hat er. Die Frage ist, ob er auch das nötige Talent mitbringt“, sagt der Chefjuror, der Ex-Formel-1-Fahrer Eddie Irvine, während die Kandidaten schwitzend auf die Entscheidung warten, wer es in die nächste Runde schafft.

Quelle: eu.gran-turismo.com

Bei der 20-teiligen Sendung von Eurosport und dem Automobilhersteller Nissan geht es nicht um die Wahl eines neuen Popstars, sondern um die Ausbildung von Rennfahrern. Die besten Spieler des Computerspiels „Gran Turismo“ treten hier in echten Autos gegeneinander an. Der Sieger darf in einem Profi-Rennstall mitfahren – und auf eine Motorsportkarriere hoffen, die nicht nur auf dem PC-Bildschirm, sondern auf echten Rennstrecken stattfindet. Das Fernsehformat zeigt: Virtuelle Welten verzahnen sich zunehmend mit dem realen Rennsport. Weil Computersimulationen aufgrund steigender Rechnerkapazitäten immer realitätsnäher geworden sind, eignen sie sich nicht nur als Talentschmiede für ambitionierte Nachwuchsrennfahrer. Besonders in der Formel 1 hängt die sportliche Wettbewerbsfähigkeit eines Teams immer stärker von leistungsfähigen Simulationstechnologien ab.

Quelle: Peter Zoon auf Flickr.com (CC BY 2.0)

Der Trend wird sich in der kommenden Saison weiter verstärken: Um Kosten zu sparen, haben sich die Rennställe bereits in den vergangenen Jahren auf eine Begrenzung der Testfahrten geeinigt. Vor wenigen Wochen beschlossen sie eine weitere Reduzierung der Winter-Testtage von bislang 15 auf nur noch zwölf. „In der Vorbereitung auf eine neue Saison kann es sich deshalb kein Team mehr leisten, auf Simulationstechnik zu verzichten“, sagt Frank Kalff, kaufmännischer Leiter des niederländischen Technologieunternehmens Cruden, das nach eigenen Angaben Weltmarktführer auf dem Gebiet von Motorsportsimulatoren für Profi-Anwender ist und mehrere Rennställe in der Formel 1 beliefert. Wichtiges Entwicklungsfeld Doch nicht jedes Motorsportteam macht von den virtuellen Trainingsmöglichkeiten in gleichem Maße Gebrauch: „Wir beobachten in der Formel 1, dass diejenigen Teams, die Simulatoren am stärksten in die Entwicklungsarbeit integrieren, auch den größten sportlichen Erfolg erzielen können“, sagt Kalff. Besonders vorbildhaft gilt in der Branche der Rennsimulator von Konstrukteursweltmeister Red Bull Racing. In seiner Rennwagenfabrik im englischen Milton Keynes hat Teamchef Christian Horner einen zweistelligen Millionenbetrag investiert, um sämtliche Einstellungen am Boliden jederzeit testen zu können. Gerade 50 Quadratmeter groß ist der Raum, in dem die Red-Bull-Fahrer Mark Webber und Weltmeister Sebastian Vettel die meisten Kilometer ihrer Testfahrten zurücklegen. Vor ihnen werfen mehrere Projektoren ein 180-Grad-Panoramabild auf eine riesige Leinwand, die den Eindruck eines echten Formel-1-Parcours vermitteln soll. Die Tester sitzen in dem Cockpit eines RB1, den das Team in der Saison 2005 im Einsatz hatte. Doch das Fahrzeug verhält sich exakt wie der aktuelle Rennwagen: Die Fahreigenschaften bestimmt allein die Software im Hintergrund. Mit nur wenigen Klicks können die Ingenieure den Heckflügel verändern, das Getriebe austauschen oder dem digitalen Red Bull einen neuen Motor verpassen. Der Testfahrer bekommt daraufhin sofort zu spüren, wie sich Aerodynamik, Ideallinie und vor allem die Geschwindigkeit des Wagens verändern. Sechs bewegliche Hydraulik-Stelzen sorgen sogar dafür, dass Vettel & Co. ordentlich durchgeschüttelt werden, wenn sie ihr Auto versehentlich ins Kiesbett steuern. Trotz der beeindruckenden technischen Finessen der aktuellen Simulatorengeneration sehen deren Entwickler weiterhin Spielraum nach oben: „Es gibt noch immer etliche Bereiche, in denen es uns nicht gelingt, die Realität exakt nachzubilden“, sagt Cruden-Manager Kalff. „Es ist zum Beispiel äußerst schwierig zu berechnen, wie der Reifenverschleiß bei bestimmten Temperatur- und Streckenbedingungen abläuft.“ Auch in Zukunft werde sich die Simulationstechnik bestenfalls weiter an die Realität annähern, aber Testfahrten auf echten Rennstrecken niemals komplett ersetzen können. „Dafür ist die Materie einfach zu komplex.“ Bei ihrer Arbeit lassen sich die Simulationsexperten auch von den Trends der Spieleindustrie inspirieren. So soll in künftigen Produkten etwa die 3-D-Technologie von der Entertainmentbranche auf den realen Motorsport überschwappen. Die Fortschritte der Spielehersteller würden deren Produkte sogar für Profis nutzbar machen, sagt Kalff: „Wenn ein Fahrer eine neue Strecke lediglich kennenlernen möchte, ist eine Playstation mittlerweile völlig ausreichend dafür.“ Ritterschlag für Hobby-Fahrer Wie gut Simulationsspiele auf den Rennfahreralltag vorbereiten, zeigen auch die Erfolge der Sieger von Eurosports Casting-Show. Bei der ersten Staffel war das Lucas Ordóñez, der derzeit immer besser auf Touren kommt. In diesem Jahr durfte er in einem Nissan-Team im Intercontinental Le Mans Cup mitfahren – und das gewann vor kurzem die Serie in der Fahrzeugklasse LMP2. Den Ritterschlag erhielt Ordóñez aber im Juni: Er startete beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans – der vielleicht wichtigsten Wettfahrt der Welt. „Vor drei Jahren hat niemand geglaubt, dass Nissan aus einem Gamer einen Rennfahrer machen könnte“, sagt Laurent de la Cotardière, Vizepräsident Marketing bei Nissan Europa. „Das Programm zeigt, dass dieser Traum wahr werden kann.“ Wenn Ordóñez heute Interviews gibt, wirkt er wie ein wahrer Profi: Der Spanier spricht nicht nur über Drehzahlen, Kurven-Scheitelpunkte und durchdrehende Reifen, sondern er bricht auch eine Lanze für die Computerspieler: „Viele Leute denken, Playstation zu spielen sei nicht mehr als ein Freizeitspaß. Aber man muss fit sein, eine professionelle Einstellung an den Tag legen und ein kommunikativer Mensch sein, der im Team arbeiten kann“, sagt er. „Alles Dinge, die man braucht, um ein Rennfahrer zu sein.“

VIDEOSPIELE

Neuheiten Der Dreikampf der Rennspielklassiker geht im Herbst in die nächste Runde. Mit „Forza Motorsport 4“ und „Need for Speed: The Run“ schicken die Hersteller Turn 10 und Electronic Arts (EA) Neuauflagen ihrer Videospielserien ins Rennen gegen den bereits 2010 veröffentlichten Kassenschlager „Gran Turismo5“ von Polyphony Digital. Konflikte Bereits im Vorfeld wurden Scharmützel der Kontrahenten bekannt: So darf Turn 10 in „Forza“ erstmals keine Porsche-Autos zeigen, weil die Lizenz dafür bei EA liegt und man sich nicht einig wurde. „Für die Fans tut uns das sehr leid“, sagte Kreativdirektor Dan Greenawalt.

Ingmar Höhmann und Mathias Peer für das Handelsblatt

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