Der US-Rennsport muss sich einer neuen Sicherheitsdebatte stellen

Nach dem tödlichen Unfall eines Indycar-Fahrers wird die Kritik am hochriskanten Spektakel lauter. Europäische Schutzsysteme könnten Gefahren verringern.

Den Ernst der Lage erkannte der Fernsehkommentator zunächst nicht. „Here we go“, rief er in sein Mikrofon, als die Rennwagen auf dem Las Vegas Motor Speedway den Bodenkontakt verloren. Erst als der Sender Canal+ Sport2 wenige Sekunden später die brennenden und zerstörten Autos zeigte, verschlug es dem Reporter die Sprache.

Quelle: Bryce Womeldurf auf Flickr.com (CC BY-ND 2.0)

Unfälle gehören zum Alltag in der amerikanischen Indycar-Serie. Doch die Massenkarambolage mit 15 Fahrzeugen am vergangenen Sonntag, bei der der Fahrer Dan Wheldon ums Leben kam, hat die Renngemeinde schockiert. Nun wird öffentlich über die Sicherheit diskutiert. Gerade Indycar-Fahrer müssen sich hohen Risiken stellen. Die Liste der Unglücke ist lang. Zwei Tage vor der Katastrophe in Las Vegas war ein Wagen im Training gegen eine Wand geknallt und in Flammen aufgegangen. Nun will der Weltautomobilverband Fia sich in die Untersuchungen des Wheldon-Unfalls einschalten. Auch Sponsoren assoziieren sich nicht gerne mit potenziell tödlichen Events.

Kritik an den Veranstaltern

Seit 1996 starben vier Fahrer in der Indycar-Serie. „Sie ist die gefährlichste Form des Motorsports“, sagte der ehemalige Formel-1-Weltmeister Jody Scheckter in einem Radiointerview. Sein Sohn war auch in den Unfall in Las Vegas verwickelt. „Ich habe ihn immer wieder gebeten aufzuhören“, sagte Scheckter. „Das ist es einfach nicht wert.“ Nun wird auch Kritik an den Veranstaltern laut. Sie hätten die Fahrer etwa durch die Auswahl der Rennstrecke in Las Vegas unnötigen Risiken ausgesetzt. Angeheizt wurde das Rennen noch durch eine Extraprämie von fünf Millionen Dollar. Die sollte sich Wheldon mit einem Fan teilen, wäre er vom Ende des Feldes zum Sieg gefahren.

Anders als in der Formel 1 benutzen die Fahrer in der Indycar-Serie Einheitswagen. „Das Chassis ist gleich und der Motor in der Regel auch“, sagt Michael Kramp, Sprecher des Deutschen Motor Sport Bunds. „Die Autos sind deshalb gleich schnell.“ So liegen die Fahrer enger beieinander, versuchen sich im Windschatten anzupirschen und durch kleinste Lücken nach vorne zu stoßen. „In Europa sind Überholmanöver der Höhepunkt eines Rennens, in den USA kommen sie praktisch jede Minute vor“, sagt Kramp. „Dadurch steigt die Spannung, aber auch das Unfallrisiko.“ Die Strecken seien so konzipiert, dass drei oder vier Autos nebeneinander Platz haben. Die ovale Form des Parcours erlaube praktisch in jedem Moment Höchstgeschwindigkeit – die Autos fahren weit über 300 Stundenkilometer.

Mitte des Jahres wurden die ohnehin harten Bedingungen der Indycar-Serie weiter verschärft. Seit Mai starten die Autos nach einer Rennunterbrechung nicht mehr hintereinander, sondern in Zweierreihen. Viele Piloten machten sich damals öffentlich Sorgen um ihre Sicherheit.

Auch bei europäischen Rennen gibt es schwere Unfälle, wie etwa im Juni beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans, als zwei Audi-Piloten mit anderen Autos kollidierten. Die Wagen wurden zerstört, die Fahrer blieben nahezu unverletzt. Ein stabiler Käfig aus Kohlefaser, der mit dem Stahlgerüst des Fahrzeugs verbunden ist, schützte sie – er federt einen Großteil des Aufpralls ab. Ähnliche sogenannte Monocoques sind in der Formel 1 im Einsatz. Die Deutsche Tourenwagen Masters will beim Schutzsystem künftig auf Schrauben verzichten und es stattdessen verschweißen.

In Amerika sind solche Vorkehrungen nach Meinung von Experten weniger ausgereift. „Wir haben in Europa aus den vergangenen Unfällen gelernt“, sagt Michael Kremp.

David Meiländer für das Handelsblatt

Kommentar hinterlassen


7 + neun =

© 2012 Pressebüro JP4

Nach oben scrollen