London Calling

Es herrscht Einigkeit: Oligarchen sind unfaire Spielverderber. Oder? Vielleicht hat ja auch UEFA-Chef Michel Platini nur ein wenig zu hoch gepokert.

„Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los!“ Goethes Ballade vom Zauberlehrling illustriert, wohin Überheblichkeit, Wichtigtuerei und Machtrausch führen. Damals waren es nur Besen, die außer Kontrolle gerieten.

UEFA-Präsident Michel Platini sollte Goethe lesen. Der Vergleich mit den Auswüchsen im europäischen Vereinsfußball drängt sich geradezu auf: Immer mehr Wasser (Geld) strömt ins (Fußball-)Haus, bis nur noch der verzweifelte Hilfeschrei nach dem Hexenmeister die Katastrophe aufhalten kann.

Die Fakten: In den letzten 20 Jahren haben sich die Gesamteinnahmen der Champions League, dem Flaggschiff des europäischen Vereinsfußballs, fast verzwanzigfacht. Jährliche Einnahmen von rund 1,5 Milliarden Euro machen die Teilnehmer und den Veranstalter UEFA reich und mächtig. Aus ehemals traditionell geführten Sportvereinen sind in wenigen Jahren global agierende Unterhaltungsunternehmen geworden.

Die Klubs zwingt das in einen Teufelskreis: Teure Stars ermöglichen die Champions-League-Teilnahme. Diese garantiert hohe Einnahmen für noch teurere Stars, die eine erneute Qualifikation erforderlich machen. So entstehen Abhängigkeiten. Königsklasse als „must have“.

Zugleich treten Milliardäre auf den Plan – mit dem nötigen Spielgeld, aber auch eigenen Begehrlichkeiten. Sie könnten ja genauso gut Yachten kaufen oder Rennpferde. Doch einen Fußballklub zu besitzen und zu führen, das reizt.

Platinis Champions League schillert, auch dank der Oligarchen, Scheichs und Selfmade-Millionäre. Noch pumpen sie ihr Geld ohne Murren in ihre Vereine. Zu groß ist ihr Drang nach dem Glanz des Erfolges und auch ihre Liebe zum Sport mit dem runden Leder – eigentlich ein Glücksfall für den Fußball.

Und doch steht Krach ins Haus: Das Gerangel um das von der UEFA initiierte Fair-Play-System und die sich abzeichnenden Ideen, die vereinbarten Regeln zu umgehen, zeigen, wo in Zukunft die Konfliktlinien im europäischen Fußball verlaufen werden.

Als Kontrahenten positionieren sich auf der einen Seite professionell geführte und global agierende Großvereine. Sie befinden sich wie der FC Chelsea oder Man City im Besitz von wirtschaftlich unabhängigen Investoren. Immer häufiger schielen diese Klubs und ihre Eigner bereits auf einen geschlossenen Kreis einer europäischen Superliga nach NFL-Vorbild.

Auf der anderen Seite agieren die Fußballverbände, meist noch traditionell organisiert und viel zu oft mit sich selbst beschäftigt. Sie haben Wachstum gesät, sind mit dem Boom aber offenbar überfordert. Spätestens beim Ausbruchsversuch der Top-Klubs hört für die klassischen Hüter des Spielbetriebs der Spaß auf.

Die Steigerungsraten der jüngsten TV-Verträge der Premier League, Bundesliga und Champions League zeigen, dass die Kommerzialisierung des Profifußballs ungebrochen vorangeht. Umso wichtiger ist es, dass sich die Spitzenverbände und ihre Vertreter entsprechend professionell aufstellen. In den Toppositionen des Profifußballs braucht es auch Topleute! Nur so lassen sich die Fliehkräfte beherrschen.

Was den Vergleich zu Goethe angeht: Es gibt eben doch noch zu viele Zauberlehrlinge und zu wenige Hexenmeister!

Philipp Grothe ist CEO der Kentaro Group. Der Sportrechtevermarkter arbeitet und lebt in London.

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