Bilanzanalyse Hoffenheim: Keine Probleme mit Financial Fairplay

Bilanziell ist die TSG 1899 Hoffenheim in guter Verfassung. Das ergibt ein Check des Centrums für Bilanzierung und Prüfung an der Universität des Saarlandes.

Wie steht 1899 Hoffenheim finanziell wirklich da? JP4 hat Experten gebeten, die Bilanzen der TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH unter die Lupe zu nehmen. Das Centrum für Bilanzierung und Prüfung (CBP) an der Universität des Saarlandes ist tiefer eingestiegen. Marc Strauß, wissenschaftlicher Mitarbeiter am CBP, stellt die gewonnenen Erkenntnisse im Interview vor.

Herr Strauß, Fußball-Bundesligist 1899 Hoffenheim hat als Ziel ausgegeben, sich finanziell von Dietmar Hopp unabhängig zu machen. Kommt der Klub diesem Ziel vor dem Hintergrund der jüngsten Bilanz sowie aktueller Transfertätigkeiten näher?

Quelle: privat

Die TSG 1899 Hoffenheim Spielbetriebs GmbH hat seit 2007 insgesamt etwa 91,4 Millionen Euro Verlust gemacht, die fast vollständig durch den atypischen stillen Gesellschafter übernommen wurden. Wenn es dem Klub in der abgelaufenen Saison nun gelungen ist, mit einem Plus von rund 1,7 Millionen Euro ein positives Ergebnis zu erwirtschaften und dies auch in Zukunft erreicht werden kann, kommen sie dem Ziel dahingehend näher, dass keine Verluste mehr ausgeglichen werden müssen. Aufgrund der hohen Einlage des stillen Gesellschafters, die als Eigenkapital in der Bilanz ausgewiesen ist, hat die TSG 1899 Hoffenheim Spielbetriebs GmbH ohnehin bereits eine gute Basis für die Zukunft, selbst wenn zukünftig keine weiteren finanziellen Mittel durch Herrn Hopp bereitgestellt würden.

Anfang 2011 nannte Hopp 240 Millionen Euro in einem Interview als seinen Einsatz – lässt sich abschätzen, wie viel Geld er seitdem in den Klub investieren musste?

Da der letzte verfügbare Jahresabschluss vom 30.06.2011 datiert und ohnehin hin nicht sämtliche mögliche Investitionen aus den veröffentlichten Jahresabschlussdaten ersichtlich sind, kann man dies von außen nicht beurteilen. Zum 30.06.2011 betrug die Einlage im Rahmen der stillen Beteiligung 147, 2 Mio. Euro. Hinzu kommen unter anderem die Übernahmen der jährlichen Verluste, die sich seit 2007 auf etwa 93,1 Millionen Euro beliefen. Diese beiden Summen ergeben bereits einen Betrag von rund 240 Millionen Euro. Im Lagebericht heißt es: „[…] wurden zur Stärkung des Unternehmenskapitals atypisch stille Beteiligungen einschließlich Sondereinlagen in Höhe von derzeit 240,142 Millionen Euro in die Gesellschaft eingelegt“. Insgesamt erscheint die angegebene Zahl nicht unrealistisch, auch wenn dies – wie gesagt – von außen nicht abschließend beurteilt werden kann.

Ist die finanzielle Unterstützung, die Dietmar Hopp dem Klub finanziell gewährt hat, im Einklang mit den rechtlichen Vorgaben der der Uefa (Financial Fairplay), falls Hoffenheim künftig einen internationalen Wettbewerb erreichen sollte?

Die Regelungen der Uefa im Rahmen des Financial Fairplay und dabei konkret die zentrale sogenannte „Break-Even-Rule“ sehen vor, dass in Zukunft die „relevanten Ausgaben“ die „relevanten Einnahmen“ der Klubs nicht mehr übersteigen dürfen. Es darf in dieser Hinsicht grundsätzlich nur ein begrenztes Defizit in Höhe von fünf Millionen Euro über drei Jahre – zu Beginn über zwei Jahre – ausgewiesen werden. Beiträge von Anteilseignern oder verbundenen Personen werden dabei nicht den „relevanten Einnahmen“ subsumiert. Dies bedeutet, dass die Übernahme der Verluste wie im Fall Hoffenheim nicht einbezogen werden können, um die Break-Even-Rule zu erfüllen. Einerseits ist allerdings in einer Übergangsphase ein Defizit bis zu 45 Millionen Euro „annehmbar“, wenn die Überschreitung vollständig durch Beiträge von Anteilseignern und beziehungsweise oder verbundenen Parteien gedeckt ist. Andererseits hat die TSG 1899 Hoffenheim Spielbetriebs GmbH in dem ersten für die Break-Even-Rule relevanten Zeitraum, dem Geschäftsjahr 2011/2012, eigenen Angaben zufolge, einen Gewinn in Höhe von 1,73 Mio. Euro ausgewiesen. Unter der Annahme, dass dieser Gewinn auch dem Break-Even-Ergebnis des Jahres entspräche, könnte sich 1899 Hoffenheim für die laufende Spielzeit 2012/13 ein Break-Even-Defizit in Höhe von etwa 3,3 Millionen Euro beziehungsweise von bis zu 43,3 Millionen Euro bei Deckung des Defizits durch verbundene Parteien erlauben und würde immer noch diese Anforderung zur Teilnahme an den internationalen Wettbewerben erfüllen.

Wie ist die Lage hinsichtlich der Regeln und Vorgaben des Deutschen Fußball-Bunds und der Deutschen Fußball Liga?

Problematisch hinsichtlich der Vorgaben ist das finanzielle Engagement von Investoren zunächst nur bezüglich der „50+1-Regel“. Die 50+1-Regel der DFB-Satzung und der Satzung des Ligaverbands besagt, dass der Mutterverein im Besitz von mindestens 50 Prozent plus einen Stimmenanteil in der Versammlung der Anteilseigner einer ausgegliederten Kapitalgesellschaft sein muss. Ziel der Regelung ist es, den Einfluss von potenziellen Investoren auf die Fußballklubs einzuschränken und somit die Integrität des Wettbewerbs zu schützen. Da die 50+1-Regel lediglich auf die Stimmrechtsmehrheit abstellt und diese nach wie vor beim Mutterverein TSG 1899 Hoffenheim e.V. liegt und lediglich eine Kapitalanteilsmehrheit vorliegt, ist die Struktur aus Sicht des Regelwerks der DFL rein formell nicht zu beanstanden. Vielmehr ist es kritisch zu hinterfragen, ob die 50+1-Regel in ihrer derzeitigen Ausgestaltung dazu geeignet ist, ihren Zweck zu erfüllen. Ein beherrschender Einfluss eines externen Dritten auf die Klubs – beziehungsweise eine „Fremdbestimmung“ wie es vom DFB benannt wurde – kann nicht nur durch die im Rahmen der 50+1-Regel ausgeschlossene Stimmrechtsmehrheit erreicht, sondern auch durch eine Mehrzahl anderer Sachverhalte hervorgerufen werden. So beispielsweise durch vertragliche Einflussnahmemöglichkeiten oder auch durch wirtschaftliche Abhängigkeiten.

Lässt sich abschätzen, welche finanziellen Folgen ein Abstieg für Hoffenheim hätte – kann der Klub dies möglicherweise mit dem Investor Dietmar Hopp im Rücken leichter verkraften?

Aus finanzieller Sicht geht mit einem Abstieg aus der Bundesliga immer ein enormer Rückgang der Erträge einher. Während laut DFL-Report in der Bundesliga in der Spielzeit 2011/2012 durchschnittlich Erträge in Höhe von 115,6 Millionen Euro pro Lizenznehmer erwirtschaftet wurden, beliefen sich diese in der zweiten Bundesliga im Schnitt lediglich auf 21,4 Millionen Euro pro Klub. Da oftmals die Aufwendungen im Falle eines Abstiegs nicht in gleichem Maße umgehend reduziert werden können, entstehen zunächst häufig große Verluste bei den Absteigern. Hoffenheim könnte dies durch den Investor in der Tat leichter verkraften, da aufgrund der stillen Beteiligung ein vergleichsweise sehr hohes Eigenkapital zur Verfügung steht, das es ermöglicht, auftretende Verluste zu kompensieren ohne eine bilanzielle Überschuldung nach sich zu ziehen. Ferner weist die Bilanz zum 30.06.2011 auch einen hohen Bestand an liquiden Mitteln aus, wodurch auch keine unmittelbaren Liquiditätsprobleme zu erwarten wären. Darüber hinaus besteht nach wie vor auch noch die Möglichkeit, dass der Investor – wie in der Vergangenheit – entstehende Verluste ausgleicht.

Wie bewerten Sie die finanzielle Situation von 1899 Hoffenheim im Vergleich zu den anderen Bundesligaklubs wie dem HSV und Schalke 04, die beide verschuldet sind?

Die finanzielle Situation von 1899 Hoffenheim stellt sich völlig anders dar, als beim HSV und bei Schalke 04. Einerseits konnten – betrachtet man jeweils die letzten vier Geschäftsjahre kumuliert – der HSV und Schalke 04 einen wesentlich geringeren Verlust (Schalke in den Geschäftsjahren 2010 und 2011 sogar einen deutlichen Gewinn) ausweisen als 1899 Hoffenheim. Aufgrund der Verlustübernahmen sowie der hohen stillen Beteiligung, die bei Hoffenheim als Eigenkapital bilanziert ist, steht Hoffenheim bilanziell völlig anders da als die anderen beiden Clubs. Hoffenheim konnte zum 30.06.2011 ein Eigenkapital von rund 145 Millionen Euro ausweisen. Dies entspricht einer Eigenkapitalquote (Verhältnis Eigenkapital zu Bilanzsumme) von 89 Prozent und einem Verschuldungsgrad (Verhältnis Fremd- zu Eigenkapital) von lediglich 12,3 Prozent. Ganz anders stellt sich die bilanzielle Situation beim HSV und bei Schalke 04 dar. Bei beiden Klubs ist das Eigenkapital im Konzernabschluss des e.V. aufgebraucht und ins Negative gekehrt. Es besteht damit eine bilanzielle Überschuldung. Das Eigenkapital beim HSV lag zum 30.06.2012 bei minus 8,7 Millionen Euro, das von Schalke 04 zum gleichen Zeitpunkt bei minus 88,41 Millionen Euro. Die Verbindlichkeiten zum 30.06.2012 beliefen sich beim HSV auf rund 84 Millionen Euro, bei Schalke 04 auf circa 237 Millionen Euro. Bei 1899 Hoffenheim standen zum 30.06.2011 hingegen nur 11,5 Millionen Euro Verbindlichkeiten zu Buche. Lapidar könnte man sagen, dass Hoffenheim durch die Hilfe von Dietmar Hopp sich die erwirtschafteten Verluste der letzten Jahre schlichtweg leisten konnte, während die anderen beiden Klubs sich bereits einer bilanziellen Überschuldung gegenübersehen.

Thomas Mersch für JP4

Kommentare (2)

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    Marco

    Hallo Herr Mersch,

    ein sehr interessanter Artikel. Besonders sind hier die Eigenkapitalwerte von HSV & Schalke in Vergleich zu Hoffenheim zu nennen. Bedenkt man allerdings, dass Hoffenheim diese gewaltige Eigenkapitalquote von ca. 90 % aufgrund der stillen Einlage Dietmar Hops hält, wird schnell deutlich wie wertvoll ein solch langfristiges Engagement für einen Fußballclub seien kann, der in relativ kurzer Zeit den Wandel vom Fußballverein zum Fußballunternehmen geschafft hat. Allerdings wird auch das Mächteverhältnis bei der TSG ersichtlich und auch die Abhängigkeit des Clubs gegenüber seines „Gönners“. Jedoch wäre die TSG ohne Hopp nicht dort wo sie aktuell steht.

    Als besonders vorbildich, nicht nur national sondern auch international ist die Eigenkapitalquote des Mutterunternehmens FC Bayern München (AG) zu nennen, die in der Saison 2010/11 bei 74% lag. Der Konzern weist zwar eine eine geringere Quote mit 46 % aus, jedoch ist dies meines Erachtens hauptsächlich auf die Finanzierung der Allianz Arena zurück zuführen. Nicht umsonst dient dieser Superclub als Vorbild für viele andere europäische Topclubs, insbesondere den AC Mailand.

    Ferner finde ich das in Frage stellen der beabsichtigten Zielsetzung der 50+1 Regel durch Herrn Strauß sehr interessant. Der Hinweis das die sog. „Fremdbestimmung“ nicht alleine aus der Stimmrechteverteilung resultiere, sondern auch etwaige Vertragsgestaltungen sehe ich als sehr wertvoll an.

    Ein super Artikel.

    Beste Grüße aus München

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