Günther Koch: Ich hätte verhindern können, dass der Club absteigt

Der Hörfunkprofi über die Vorteile des Digitalradios 90elf, seine Rolle als parteiischer Reporter und seinen größten Fehler.

Er gilt als ein Urgestein unter den Rundfunkreportern in der Fußball-Bundesliga. Von 1977 bis 2011 berichtete Günther Koch live aus Bundesliga-Stadien. Heute wirkt der gelernte Lehrer als Vizechef im Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg.

Quelle: Koch, ISPD

Herr Koch, jahrelang saßen Sie vor dem Mikrofon, wie sieht heute Ihr Samstagsritual aus: Hören oder gucken Sie die Bundesliga?

Wenn ich im Stadion bin, höre ich DAB-Radio mit Ohrstecker und übertrage für meine um mich herum sitzenden Vorstandskollegen vom Club. Zuhause gucke ich die Konferenz bei Sky und höre parallel die Vollreportage beim Digitalradio 90elf sowie die ARD-Bundesligakonferenz. Für Außenstehende total verrückt, aber für mich überhaupt kein Problem, ich krieg alles mit. Während der Radioreportagen hatte ich ja auch oft jemanden, der mir was ins Ohr geflüstert hat.

Zuhause sitzen Sie alleine?

Ja, dann habe ich Kopfhörer auf und bin in meinem eigenen Stadion. Die Frau geht in ihre Werkstatt und töpfert, die will nix hören und nix sehen.

Warum so viele Kanäle simultan? Wollen Sie wissen, welcher Kollege die Reportage am besten hinbekommt? Oder empfinden Sie es als Bereicherung, das Spiel mit möglichst vielen Sinnen wahrzunehmen?

Eher ersteres, weil ich einige Reporter entdeckt und gefördert habe und deren Entwicklung beobachte. Und weil ich vergleichen will: ARD und 90elf.

Wie fällt Ihr Urteil aus – wer bietet die höhere Qualität für den Nutzer?

Beide sind gut. 90elf ist aber logistisch einen entscheidenden Tick weiter, weil es von Anpfiff an in allen Stadien am Ball ist. Keine gequälte Moderation, sie lassen nur den Ball sprechen. Das ist die Radioreportage in Perfektion. Und es gibt noch den Kultkanal, den ich mitgegründet habe. Dort geht der Reporter im Stadion auf Hörerreaktionen ein, die den Sender über Facebook erreichen. In der interaktiven Vollreportage liegt die Zukunft.

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Welches war das für Sie einprägsamste Bundesliga-Spiel?

Es sind drei: Erstes Aufstiegsspiel ´78, während der WM, die parallel lief in Argentinien. Dann mein Bundesliga-Abschiedsspiel Nürnberg gegen Hoffenheim im Dezember 2011 mit Manni Breuckmann. Das Schlimmste aber war das vierte Abstiegsspiel ´99. Da mache ich mir heute noch Vorwürfe, dass ich nicht verhindert habe, dass der Club absteigt.

Wie bitte? Hätten Sie eine reelle Chance gesehen – als Reporter?

Unbedingt. Damals konnte man sich schon mit Sender im Hosentascherl im ganzen Stadion bewegen. Doch ich habe in der Pause vergessen, mein Kabel auszustöpseln und mich im Ü-Wagen auf Drahtlos schalten zu lassen. Während der zweiten Halbzeit, als das Unheil seinen Lauf nahm und ich merkte, was läuft, wäre ich sonst über die Bande gegangen – in Nürnberg für mich kein Problem – und dann hätten die Spieler und die Verantwortlichen gemerkt, was sich in Frankfurt zusammenbraut. [Anmerkung: Frankfurt gewann 5:1 gegen Kaiserslautern, Nürnberg verlor 1:2 gegen Freiburg – und fiel so am letzten Spieltag vom 12. auf den 16. Rang]

Ich mache mir Vorwürfe, dass ich nicht verhindert habe, dass der Club absteigt. – Günther Koch

Wenn ich da runtergegangen wäre in den Innenraum, und die Spieler hätten gemerkt, der Koch dreht durch, da ist was faul, dann wären auch die Zuschauer wach geworden und hätten gewusst: Hey, wir steigen ab! Und so haben es die meisten erst nach dem Abpfiff erfahren. Die waren alle ahnungslos, denn in Nürnberg wurden ab der Halbzeit keine Zwischenresultate mehr durchgegeben, ein Skandal eigentlich.

Aus journalistischer Sicht wäre ein solcher Eingriff pikant gewesen. Sie sind bekennender Nürnberg-Fan, ist Parteilichkeit eine positive Voraussetzung?

Ja, und das versteht jeder wahre Fußballfan. Ich glaube, ich übertrug immer zweistimmig: Was ich sagte, war die Wahrheit auf dem Platz, nicht geschönt. Ich war vielleicht sogar objektiver als die anderen. Aber meine Stimme klang parteilich und war es auch. Das hat vor mir und nach mir so eindeutig keiner gemacht. Es ist ehrlicher, als wenn jemand so pseudoneutral überträgt. Das klingt dann so apothekenmäßig, so steril.

Quelle: Gerhard Strunz

Was macht einen guten Fußballreporter aus?

Er braucht eine angenehme, stabile Stimme, eine sichere, variantenreiche Sprache. Und er muss sportliche Kompetenz sowie Ehrlichkeit mitbringen – und eine gute Atemtechnik haben. Und er muss selber Fußball spielen, auch im Alter. Der Radioreporter malt Bilder, mit der Stimme übermittelt er Stimmung – ohne darauf hinzuweisen. Der schlimmste Satz, den ein Radioreporter sagen kann: „Oh, ist das hier spannend.“ Dann hat er schon verloren bei mir. Das darf er nicht sagen, das muss man hören. Als guter Radioreporter weiß man hinterher nicht mehr, wie man heißt. Weil man sich voll verausgabt.

Ein Hörfunkreporter will immer die Vollreportage machen. Stimmt´s?

Ja. Das ist das Höchste. Man muss nicht auf die Uhr gucken, man kann alles entwickeln wie einen eigenen Kosmos. Jedes Spiel hat seine eigene Geschichte, man führt selbst Regie. Und es entgeht einem nichts. Keine aufgewärmten O-Töne, die man abspielt, während in München ein Tor fällt.

Wie hat sich die Arbeit auf der Pressetribüne verändert über die Jahre?

Gewaltig. Viele Zeitungen sind mit drei oder vier Mann vertreten, alles wird immer enger. Und der Nahkampf um Stimmen nach dem Spiel grenzt an Wegelagerei und O-Ton-Bettelei. Früher war ich der einzige, in den 70er- und 80er-Jahren, da haben die Spieler schon geschaut: „Oh, kommt der Koch heute zu mir zum Interview? Toll.“ Die Spieler haben sich gefönt und sind schnell aus der Kabine raus, um die ersten zu sein. Heute ist dieser Konkurrenzkampf mit Radio Pipifax und Radio Gockel ganz schlimm.

Wie sehen Sie den wachsenden Einfluss des Fernsehens?

Fernsehen ist leichter und deshalb schwerer. Beim Fernsehen muss man eigentlich darauf achten, möglichst oft die Klappe zu halten, denn die anderen sehen es ja selber. Es braucht keinen Kommentator, also Störer. Stattdessen könnte man auch Musik spielen. Auf den Gag warte ich noch heute. 2010 habe ich im Fußball-Musical „Die Abseitsfalle“ den rasenden Reporter gespielt. Bei der Generalprobe schaute auch Andreas Rettig zu, damals noch bei Augsburg [heute: Geschäftsführer DFL]. Nach der Aufführung begrüßte er mich mit mehreren Original-Sätzen und Reportage-Fetzen aus meiner Abstiegsreportage von 1999, das haben die im Ohr. Von Radioreportern. Nicht von Fernsehkommentatoren.

Stefan Merx für HORIZONT / JP4

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