Gregor Reiter: DFB und DFL wollen keine Transparenz

Für den Spielervermittler-Cheflobbyisten sind die Klubs im Streit um das Transfersystem “Teil des Problems”. Ein Einschreiten der EU hält er für wahrscheinlich.

Quelle: DFVV

Der Duisburger Rechtsanwalt Gregor Reiter führt seit 2007 die Geschäfte der Deutschen Fußballspieler Vermittler-Vereinigung (DFVV). Seit 2008 ist er einer von zwei Justiziaren der European Football Agents Associations (EFAA), der europäischen Dachorganisation aller nationalen Fußballspieler-Vermittler Vereinigungen. Beim Frauenfußball-Bundesligisten FCR 2001 Duisburg fungiert der Insolvenzexperte seit Ende Februar als Vorstandsvorsitzender. 

Herr Reiter, die EU-Kommission will tätig werden gegen „überhöhte Ablösesummen im Fußball und ungerechte Wettbewerbsbedingungen“ – so heißt es in einem Report samt Maßnahmenkatalog, der am 9. April in Brüssel diskutiert werden wird. Die für Sport zuständige EU-Kommissarin Androulla Vassiliou schlägt unter anderem vor, die Umverteilung der Mittel von reicheren Vereinen zu weniger wohlhabenden zu verbessern. Eine zulässige Einmischung?

Die europäischen Fußballverbände müssen sich nicht wundern, wenn jetzt die Politik einschreitet. Die Diskussion um angeblich zu hohe Ablösesummen und Beraterhonorare haben die Verbandsvertreter selber losgetreten. Ich gehe davon aus, dass die EU-Kommission handeln wird im Sinne einer Umverteilung.

Die Vereine können mit den Beratern fertig werden – sie wollen es nicht. – Gregor Reiter

In der Kritik steht das Transfersystem. Es sei nicht transparent – auch die Marktmacht der Spielerberater sei zu hoch.

Spielerberater haben nur deshalb “Macht”, weil die Vereine sie ihnen gewähren. Wird der Verein mit einer unverschämten Forderung seitens eines Beraters konfrontiert, dann hat er die Wahl diese Forderung abzulehnen und auf den Spieler zu verzichten. Das Hauptinteresse der Vereine aber besteht noch immer darin, sich mit allen Mitteln einen Spieler sichern zu können. Es gibt in Deutschland einschließlich der 3. Liga 58 Profivereine und allein über 300 lizenzierte Spielervermittler. Wer hat also hier die Macht am Markt? Die Vereine können mit den Beratern fertig werden, sie wollen es nicht.

Die Deutsche Fußballspieler-Vermittler Vereinigung hätte also nichts einzuwenden gegen mehr Transparenz und strengere Zulassungsbedingungen für Ihren Berufsstand?

Im Gegenteil: Unser Vorschlag, ein Clearinghouse zur transparenten Abwicklung der Spielertransfers einzurichten, liegt DFB und DFL seit 2008 vor. Wir fordern das auch auf EU-Ebene. Die Transparenz der Finanzströme ist aus meiner Sicht das A und O, um den Beratermarkt zu regulieren. Das Problem: Die Verantwortlichen bei Vereinen und Verbänden wollen das nicht. Die Pläne für ein Clearinghouse liegen in der Schublade. Gemeinsam mit den Verbänden hätte die DFVV ein solches im Sommer stehen.

An der einen oder anderen Stelle wird von Einzelnen im Verein mitverdient. – Gregor Reiter

Wieso das Zögern?

Die Vereine sind Teil des Problems: Weil sie Spieler um jeden Preis wollen, weil sie ihre individuellen Interessen über die kollektiven Interesse aller Vereine stellen, sicher auch, weil an der ein oder anderen Stelle von Einzelnen im Verein mitverdient wird, wenn bei einem Transfer zehn Prozent Vermittlergebühr fließen. Übrigens könnte man auch die von der EU angestrebte Umverteilung im Rahmen eines europäischen Transfer-Clearinghouses abwickeln – etwa über Nutzungsgebühren in entsprechender Höhe.

Die EU-Kommission beklagt auch die absolute Höhe der Zahlungen. Die Ablösesummen seien um mehr als das Siebenfache gestiegen zwischen 1995 und 2011.

Die Höhe der Transfersummen sollten nicht Sache der Politik sein. Die EU regt sich auch nicht über die Preisentwicklung in anderen Branchen auf.

Ist es dem Gesamtinteresse dienlich, wenn ein Verein wie Bayern München künftig Solidaritätsabgaben leistet, wenn er einen teuren Spieler kauft?

Bayern München hat 40 Jahre lang gut gearbeitet, sie haben sich ihren finanziellen und sportlichen Vorsprung redlich verdient.

Ohne spannenden Wettbewerb bekommen auch die Bayern ihr Stadion nicht voll. – Gregor Reiter

Nach neuen Untersuchungen von Roland Berger und der Universität Tübingen ist aber die Dominanz weniger Top-Klubs auch ökonomisch ungünstig. In allen fünf Top-Fußballligen Europas nahm die Wettbewerbsintensität in den letzten sechs Jahren ab – auch in der Bundesliga. Einbußen an Spannung kosten langfristig Interesse bei Fans, Medien und Sponsoren – so die Überlegung.

Offen spricht es niemand aus. Aber betriebswirtschaftlich gesehen werden auch die Verantwortlichen des FC Bayern München nichts dagegen haben, wenn auch mal jemand anderes die Meisterschaft gewinnt. Die brauchen auch die anderen 17 Vereine. Ohne spannenden Wettbewerb bekommen auch die Bayern ihr Stadion nicht voll.

Ist das der Hintergrund, warum FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß schon in zehn bis fünfzehn Fällen andere Vereine aus einer finanziellen Schieflage rettete, wie er selbst sagte? Sogar der heute ärgste Widersacher Dortmund bekam ja in harten Zeiten eine Geldspritze aus München…

Bayern München hat 2003 dem damals hoch verschuldeten BVB die zwei Millionen Euro sicher nicht nur aus reiner Herzensgüte geliehen. Es ging auch darum, aus Eigennutz einen wichtigen Wettbewerber zu stützen.

Herr Reiter, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Stefan Merx für JP4

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