EU will die Macht von Europas Topklubs brechen

Die EU-Kommission erwägt eine Umverteilung im europäischen Top-Fußball. Michel Platini, eigentlich selbst Reformer, wird zum Getriebenen.

Quelle: Klearchos Kapoutsis auf Flickr.com (CC BY-SA 2.0)

Ein Viertelfinale im DFB-Pokal, eigentlich zählt das nicht zu den Pflichtterminen von Michel Platini. Doch den zur Machtprobe stilisierten 1:0-Sieg des Rekordmeisters Bayern München gegen den Noch-Meister Borussia Dortmund ließ sich der Präsident der Europäischen Fußball-Union Uefa nicht entgehen. Platini ging am Mittwoch erst fein essen mit dem Top-Management des FC Bayern – und wurde dann Zeuge, wie der rote Goliath erwartungsgemäß den gelb-schwarzen David besiegte. Spannender geht es momentan nicht im deutschen Spitzenfußball.

Für Bayern-Präsident Uli Hoeneß war die Welt nach Abpfiff in Ordnung: „Mit diesem Spiel haben wir die Vorherrschaft im deutschen Fußball zurückerobert, die Verhältnisse sind für dieses Jahr geklärt”, sagte er. Bayern München ist auch dank Spielerkäufen in neuen deutschen Rekorddimensionen zurückgeklettert auf den nationalen Fußball-Thron. Könnte Hoeneß, der Herzblut-Fan, seinen Klub dort oben festtackern, er würde es fraglos tun. Zum Pokalsieg fehlen zwei Siege, die deutsche Meisterschaft mit 17 Punkten Vorsprung ist so gut wie gesichert – selbst Platinis Champions-League-Trophäe könnte man im Mai kassieren.

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Der FC Bayern München, vom Umsatz her viertgrößter Klub der Welt, spielt in Deutschland in einer eigenen Welt. Und das in Zukunft wohl deutlicher als je zuvor. Die Verpflichtung von Startrainer Pep Guardiola, die Möglichkeit, auch mal 40 Millionen Euro für einen Spieler auszugeben – und die Perspektive, mit einem in wenigen Jahren abbezahlten Stadion über zusätzliche 20 bis 25 Millionen Euro Liquidität pro Saison zu verfügen: Alles spricht für ein Zementieren der sportlichen Vormachtstellung der Bayern.

Eine gute Nachricht? Für manchen Fan sicher. Nicht aber für die Bundesliga. Und auch nicht für Uli Hoeneß, den gewieften Geschäftsmann.

Frankreich im Spannungs-Ranking vorn 

Spannung – das ist zunächst einmal ein Gefühl. Aber es ist auch ein Wirtschaftsgut. Eines, das im Fußball von nicht zu überschätzender Bedeutung ist. „Spannung ist ein wichtiger Faktor für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung einer Liga. Nur hohe Spannung erhält das Interesse der Fans”, sagt Valerius Braun, Sportwirtschaftsexperte der Strategieberatung Roland Berger. Er hat mit Kollegen und dem Tübinger Sportökonomen Tim Pawlowski die Bedeutung der Wettbewerbsintensität der europäischen Topligen untersucht. Die Experten warnen vor allzu klaren Verhältnissen: „Die Ligachefs sollten verhindern, dass wenige Fußballunternehmen allzu mächtig werden. Das würde den sportlichen Reiz und damit auch das wirtschaftliche Potenzial einer Liga verringern”, sagt Braun.

Quelle: Roland Berger Strategy Consultants

„Es gibt zu denken, dass die Wettbewerbsintensität in der Bundesliga abgenommen hat – wenn auch nicht so kräftig wie in England oder Spanien”, sagt Braun. Die Studie sieht die Bundesliga noch an zweiter Position, was das Niveau der Wettbewerbsintensität angeht. Auch Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball Liga, zitiert gerne Spannung als kerniges Verkaufsargument, etwa bei Präsentationen vor ausländischen Sendern. Braun: „Den DFL-Chefs ist bewusst, dass eine relativ ausgeglichene und spannende Liga im Sinne aller Vereine ist. Die Attraktivität einer Liga für Sponsoren und Medien hängt direkt damit zusammen, ob sie auch für die Fans spannend ist. Das heißt: Spannung ist Geld wert.”

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In Führung liegt laut Spannungs-Ranking Frankreich. Italien ist Dritter, am schlechtesten schnitten rein statistisch England und Spanien ab. Berücksichtigt wurden die Spielzeiten 1991/92 bis 2011/12. Die Analyse umfasste langfristige Faktoren (mehrere Spielzeiten), mittelfristige Indikatoren (Meisterschaftskampf, das Rennen um die Champions-League-Startplätze, Abstiegskampf) und auch kurzfristige Faktoren (Vorhersagbarkeit einzelner Partien laut Wettquoten).

Über die Jahre sank das Spannungsniveau auch in Deutschland. „Spitzenteams setzen sich von den kleinen Vereinen teils deutlich ab. Das liegt vor allem an den hohen Prämien der Uefa Champions League”, sagt Roland-Berger-Partner Björn Bloching.

Finanzieller Teufelskreis

Gerade Spanien dient als abschreckendes Beispiel: Alles dreht sich um die Seriensieger Real Madrid und FC Barcelona, die auch dank der TV-Einzelvermarktung ihren Sonderstatus fortschreiben. „Die Dominanz der beiden prämien- und schuldenfinanzierten Starensembles macht einen echten Wettbewerb unmöglich”, sagt Berater Bloching.

Mehr öde Spiele bedeuten: schlecht gefüllte Stadien. In Spanien und Italien sei das Problem bereits erkannt, sagt Braun. Mit Blick auf die sechs Spielzeiten vor der aktuellen Saison zeigt die Roland-Berger-Analyse: In der Bundesliga war an 64 Prozent aller Spiele mindestens ein Team beteiligt, das noch Chancen auf den Meistertitel hatte. Anders in England und Italien, wo dies nur für 57 Prozent der Spiele galt. In Spanien stand nur in knapp 51 Prozent aller Spiele ein theoretischer Meisterschaftsaspirant auf dem Platz – tendenziell sinkt dieser schwache Wert weiterhin.

Es ist ein Teufelskreis: Sprudeln bei einem Klub, etwa durch Finanzspritzen reicher Gönner oder sonstige Begünstigungen, die Einnahmen, werden in schöner Regelmäßigkeiten die Spielerkader massiv verstärkt. Die Ballung des Talents in wenigen Klubs führt nur diese Vereine zum Erfolg – die Finanzkraft steigt dank millionenschwerer Uefa-Prämien weiter.

Nicht nur Michel Platini ist ein kritischer Beobachter dieser Konzentration, die sich im europäischen Spitzenfußball vollzieht. Mit Regeln zum Financial Fairplay will der Franzose die Spitzenklubs in Europa zum soliden Wirtschaften erziehen. Wer dauerhaft seine Ausgaben nicht mit den operativen Einnahmen decken kann, soll an den einträglichen Uefa-Wettbewerben nicht mehr teilnehmen dürfen. Schon die vergangene Saison wird dabei berücksichtigt – allerdings werden zunächst noch höhere Defizite toleriert. Jetzt wird Platini, der sich als großer Reformer sieht, selber angeschubst – und zwar von der EU-Kommission.

Die zypriotische EU-Kommissarin für Sport, Androulla Vassiliou, stößt eine für Platini heikle Debatte um Verteilungsgerechtigkeit an. „Rote Karte für überhöhte Ablösesummen im Fußball und ungerechte Wettbewerbsbedingungen” – so präsentierte Vassiliou krachend ein von ihr beauftragtes Gutachten, 346 Seiten lang. Die Juristin sieht Handlungsbedarf bei den Spielertransfers, die nach ihren Zahlen im Jahr schon einen Wert von drei Milliarden Euro ausmachen. Um das Siebenfache seien die von den Vereinen gezahlten Ablösesummen zwischen 1995 und 2011 gestiegen. „Der größte Teil dieses Geldes konzentriert sich auf einige wenige Vereine mit den höchsten Einnahmen oder finanzkräftigen Investoren im Hintergrund”, heißt es im Kommissions-Papier.

Fairplay-Gebühr auf Ablösesummen? 

Die EU-Kommissarin will Uefa-Chef Platini und den nationalen Fußballverbänden ihre Hoheit, die Transfers zu regeln, nicht streitig machen, sagt sie. „Unsere Studie zeigt jedoch, dass diese Regeln im Fußball derzeit nicht für ein angemessenes Gleichgewicht oder gerechte Ausgangsbedingungen in den Liga- oder Pokalwettbewerben sorgen. Wir brauchen ein Transfersystem, das zur Entwicklung aller Vereine beiträgt”, sagt die liberale Sport-Kommissarin. Es geht um nicht weniger, als darum „die Umverteilung der Mittel von reicheren Vereinen zu weniger wohlhabenden Klubs zu verbessern”. Ein mögliches Vehikel sei „die Einführung einer Fairplay-Gebühr auf Ablösesummen”. Sie solle in Richtung ärmerer Klubs fließen, wenn die Ablösen einen bestimmten, von den Sportverbänden und Vereinen noch zu vereinbarenden Betrag übersteigen.

Der Bericht, erstellt von der Brüsseler Beratung KEA und dem Think Tank CDES der Universität Limoges, birgt somit erhebliches Angriffspotenzial auf die autonomen Regeln der europäischen Fußball-Verbände. Am 9. April kommt es zur Brüssel zur Erörterung. Die Beteiligten ziehen sich derzeit zurück – brüten über dem Papier und schweigen. „Alles blanke Theorie”, heißt es bei der DFL. Auch die ECA, die Europäische Klubvereinigung, die vom FC Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge angeführt wird, hält sich bei offiziellen Einschätzungen noch bedeckt. Die Studie werde gerade „im Detail analysiert und vom ECA-Vorstand Mitte März diskutiert”, sagt ein Sprecher.

Zwar taucht auch der „Fairplay”-Begriff in den Brüsseler Plänen auf. Doch es geht anders als bei der Uefa um mehr als nur Stabilität der Klubs: Als oberstes Ziel definiert der Report „die Verbesserung eines fairen und ausgeglichenen Wettbewerbs durch eine erhöhte Umverteilung zwischen den Vereinen sowie mehr Kontrolle über die Geldflüsse in Zusammenhang mit Transfers”. Es gibt 21 Einzelvorschläge, um die „monopolistischen Strukturen im oberen Segment” zu brechen. Dort träfen bisher „eine begrenzte Anzahl von Superstars auf eine begrenzte Anzahl von Klubs” – beinahe ein geschlossener Kreis der mächtigen Klubs. „Die geltenden Transferregeln reichen nicht aus, um effektiv gegen die Unausgewogenheit des Wettbewerbs vorzugehen”, heißt es im Report.

Das brisante Papier wird hinter verschlossenen Türen diskutiert. Solch ein Eingriff in den Wettbewerb würde weit über Platinis Pläne hinausgehen. Das bestätigt auch Roland-Berger-Experte Braun: „Die Uefa hat sich nicht das Ziel gesetzt, durch das Financial Fairplay die Wettbewerbsintensität der Ligen zu erhöhen. Doch das wäre ein positiver Nebeneffekt – vorausgesetzt die Regeln werden konsequent umgesetzt.”

„Die Vereine sind nicht nur Opfer, sondern auch Täter”

Inhaltlich teilt Berater Braun die Kritik: „Die Vorschläge der EU-Kommission, durch Ausgleichszahlungen die Wettbewerbsintensität zu erhöhen, sind gute Denkanstöße. Noch ist unklar, wie die Uefa offiziell darauf reagiert und ob sie umsetzbar sind.” Eine Luftnummer sei es jedoch nicht: „Einzelfälle wie das Bosman-Urteil und die folgende Liberalisierung des Transfermarktes zeigen, dass die Politik durchaus eingreifen kann.”

Quelle: DFVV

Eine Berufsgruppe, die ebenfalls mit am Brüsseler Tisch sitzen wird, sind die Spielerberater. Kommt es zu einer Transfer-Regulierung durch die EU, wären sie unmittelbar betroffen. Rechtsanwalt Gregor Reiter, Vorstand der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung, erstaunt es nicht, dass die Debatte hochkocht. „Die europäischen Fußballverbände müssen sich nicht wundern, wenn jetzt die Politik einschreitet. Die Diskussion um angeblich zu hohe Ablösesummen und Beraterhonorare haben die Verbandsvertreter selber losgetreten. Ich gehe davon aus, dass die EU-Kommission handeln wird im Sinne einer Umverteilung.”

Schwarze Schafe in der Beraterbranche gebe es durchaus, sagt Reiter. Er sei dafür, den Berufsstand stärker zu professionalisieren und mehr Transparenz in die Abwicklung von Spielerverkäufen zu bringen. Doch seine Vorschläge, ein Clearinghaus zur Transferabwicklung einzurichten, seien beim DFB und der DFL über Jahre nicht beachtet worden. Reiter hat nur eine Erklärung: „Die Vereine sind nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Solange sie nicht umdenken, wird sich das Transfersystem nicht ändern. Deren Hauptinteresse besteht noch immer darin, sich mit allen Mitteln einen Spieler sichern zu können – und ihn so anderen Vereinen wegzuschnappen.”

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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