Viagogo schiebt dem FC Bayern eine App ins Haus

Der Ticketzweitmarkt erreicht das Smartphone: Mit einer App wirbt Viagogo um die Dauerkartenbesitzer des FC Bayern München. Der Klub zeigt sich irritiert.

Quelle: Screenshot mx

Am 6. März nahm Viagogo das Programm nach einer Woche Laufzeit wieder aus dem App-Store. Die Dokumentation einer Posse.

Der Ticketmarktplatz Viagogo will groß einsteigen in den Fußball-Kartenhandel per Handy. Der Plan: Bequem vom Sofa aus sollen künftig die bei vielen Fußballfans umstrittenen Ticketdeals auf dem sogenannten Zweitmarkt laufen – und das mit dem Segen einiger Top-Klubs Europas. Winken heute die Ticketwiederverkäufer verstohlen am U-Bahnschacht, so tippen die Dealer in der Viagogo-Welt nur lässig auf dem Smartphone.

Viagogo-Manager Steve Roest kam ins Schwärmen, als er bei Mitte Februar auf einem Kongress das Szenario des mobilen Zweitmarktes erklärte: „Diese mobile App ist die einzige in der Welt, die es Dauerkarteninhabern ermöglicht, ihr Ticket mit einem Fingerwisch zu verkaufen – nur Minuten, bevor das Spiel angepfiffen wird.“ Wenn die Frau zum Beispiel ihrem Mann den Stadionbesuch verbiete, weil er die Kinder hüten müsse, genüge ein Griff zum Smartphone: „Schnapp Dir Dein Handy und verkauf die Karte, kein Problem“, so Roest gutgelaunt.

Blitzstart und hastiger Rückzug

Doch der Start ins kinderleichte Ticketgeschiebe rumpelt gewaltig: Offenbar im Alleingang hat Viagogo eine App für Dauerkarteninhaber des FC Bayern München programmieren lassen – und vor acht Tagen in Apples App Store bereitgestellt. Überrascht vom digitalen Projekt zeigten sich jetzt Verantwortliche des Münchener Klubs. Das Programm sei ohne Wissen des Vereins programmiert und veröffentlicht worden, hieß es auf WSJ-Anfrage.

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Am heutigen Mittwoch, während der laufenden WSJ-Recherchen zum Zustandekommen des vermeintlichen Prestigevorhabens, ergab sich eine überraschende Wendung: Viagogo zog die App in den Mittagsstunden wortlos wieder zurück. Auf Anfrage ruderte Viagogo zurück: „Sie wurde wieder entfernt, weil sie sich zur Zeit in der Testphase befindet. Die App wurde bisher noch nicht auf den Markt gebracht. Das Bayern München-Logo wurde lediglich zur Illustration benutzt“, ließ man in London wissen, sichtlich bemüht um Schadensbegrenzung.

Die wahren Gründe des Rückzugs bleiben unbeantwortet. „Wir planen, diese App in naher Zukunft offiziell auf den Markt zu bringen. Wir werden selbstverständlich mit all unseren Partnern darüber sprechen.“ Alle bisherigen Namensnennungen – „nur zu Illustrationszwecken“. Warum man zu „Illustrationszwecken“ für ein paar Tage den FC Bayern München im Apple-Kosmos ausstellt, wird vermutlich auch Klubpräsident Uli Hoeneß interessieren.

Die Posse begann am 26. Februar erstaunlich geräuschlos: Ganz plötzlich stand die mobile Verkaufshilfe im App Store von Apple gratis zum Download bereit. Keine Pressemitteilung – eigentlich ungewöhnlich für Viagogo, das sich derzeit einem Trommelfeuer der Kritik von empörten Fans und auch Vereinsbossen gegenübersieht. Der Vorwurf: Preistreiberei. Erst heute berichtete die „Bild“-Zeitung, Bayer 04 Leverkusen erwäge eine Klage gegen den Schweizer Zweitmarktanbieter, der von London aus operiert.

Sogar die eigene PR-Agentur wurde überrascht

Gute Nachrichten, etwa neue Vereinskooperationen, werden in diesem verminten Umfeld  von Viagogo in der Regel öffentlichkeitswirksam zelebriert. Doch mit dem App-Kickstart hat Viagogo sogar seine in Deutschland zuständige PR-Agentur Straub & Linardatos überrascht. Acht Tage nach dem Launch der App war das Geschehen auch für die Hamburger Profi-Kommunikatoren brandneu.

Als Entwickler des Handyprogramms war im Store die “viagogo AG” genannt. Titel und Optik suggerierten ein Mitwirken des Rekordmeisters: “FC Bayern viagogo Ticketbörse” – so hieß das Programm. Im Beschreibungstext wurde klargestellt, es handele sich um die „offizielle“ Ticketbörse.

Ahnungslosigkeit dagegen in München: „Wir machen keine App“, hieß es noch gestern beim  Verein – dabei stand das Programm bereits eine Woche zur Nutzung bereit.

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Im Prinzip sollte alles nur einfacher werden: Wer als Dauerkarteninhaber ein bestimmtes Heimspiel des FC Bayern nicht wahrnehmen will oder kann und bei der App mit seiner Mitgliedsnummer registriert ist, stellt per Handy seine Karte zum Verkauf. Die Dauerkarte werde für das betreffende Spiel deaktiviert, “und der Käufer erhält ein entsprechendes Einzelticket”, so die Beschreibung. Über die näheren Umstände der Übergabe gibt es keine Angaben. Laut Viagogo-Manager Steve Roest sei die Transaktion aber “noch Minuten vor dem Spiel” möglich. Der Verkäufer erhält den regulären Tageskartenpreis dann “am Spieltag direkt auf das Konto überwiesen”, so das Versprechen von Viagogo.

Pikant ist der Vorstoß vor allem deshalb, weil sich der FC Bayern München zuletzt von seinem bei Fans umstrittenen Partner Viagogo öffentlich distanziert hatte. Klub-Präsident Uli Hoeneß hat laut einem Medienbericht von “Merkur Online” angekündigt, den bis 2013/14 laufenden Vertrag nicht zu verlängern. Eine aktuelle Stellungnahme zum Noch-Partner gibt der Verein nicht ab. Viagogo ist „Classic Partner”, das entspricht der dritten Ebene in der Bayern-Sponsoringpyramide.

Der FC Bayern München poliert Viagogos Image

Während der Rekordmeister bereits über neue, möglicherweise eigene Lösungen für den Ticketzweitmarkt nachdenkt, nutzt Viagogo offensiv die PR-Chancen, die ihnen der imageträchtige Deal mit dem Rekordmeister noch bietet. In diesem Fall war das Vorgehen womöglich eine Spur zu kühn.

Inhaltlich ist die 2006 geschlossene Partnerschaft mit dem FC Bayern München nach Einschätzung von Experten die in Deutschland am wenigsten anstößige. Grund: Die Tickets werden hier nur zum Originalpreis gehandelt, während andere Bundesligisten wie der HSV oder Schalke 04 beim Abschluss ihrer Verträge Preisaufschläge beim privaten Weiterverkauf von 100 Prozent zugelassen haben. In der Regel verdienen die Partner-Vereine an diesen Geschäften mit – über großzügig bemessene Garantiesummen, prozentuale Beteiligungen oder Sponsoringpakete. Der Hamburger SV hat sich nach massiven Fanprotesten wieder von Viagogo getrennt, auch auf Schalke und in Stuttgart protestieren etliche Fans.

Quelle: PR

Die App-Posse, die selbst die eigenen Partner und Dienstleister überraschte, war eine mit Ansage: Der Londoner Viagogo-Manager Steve Roest hatte am 19. Februar bei einem Auftritt auf dem Düsseldorfer Spobis-Kongress bereits Screenshots gezeigt – und die Applikation als “weltweit einzigartig” angepriesen. Im Raum waren auch zahlreiche Manager von Fußballbundesligisten, etwa aus Augsburg und Nürnberg. Bis zum FC Bayern hatte sich die eigene Weltneuheit aber offenbar nicht herumgesprochen.

Die App passt perfekt zur Viagogo-Strategie, denn je intensiver der Kartenumschlag läuft, desto mehr verdient der Plattformbetreiber: Viagogo kassiert bei jeder Transaktion Gebühren in Höhe von 25 Prozent des jeweiligen Verkaufspreises. Auch für die Klubs, die schon wegen der Stimmung und der Cateringumsätze immer ein Interesse an gefüllten Sitzschalen haben, bietet die App Vorteile: Je bequemer die Transaktion dem Dauerkarteninhaber gemacht wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass keine freien Plätze im Stadion bleiben.

Auch der Dauerkarteninhaber verliert den Grund, sein Stadionabonnement zu kündigen – wenn er seine nicht benötigten Karten per Fingerschnipp wieder los wird. “Die App macht es verlockender, die Dauerkarte zu verlängern”, sagt Roest. Er versucht, mit zahlreichen persönlichen Gesprächen bei Bundesligisten die Viagogo-Expansion gegen alle Widerstände zu voranzutreiben. “Für uns ist es sehr wichtig, sehr persönlich und eng mit den Rechteinhabern zusammenzuarbeiten. Darin besteht meine Arbeit zu hundert Prozent”, sagt Roest.

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Einige Merkwürdigkeiten begleiteten den hastig anmutenden Start der App, die ihre Nutzer in munterem Wechsel duzt und siezt: So wurden fünf überaus positive ”Bewertungen” in der App-Beschreibung gelistet, bevor überhaupt eine Kundenrezension eingetroffen war. Mit Sätzen wie “Abwicklung war perfekt!”, “Klappt alles professionell und reibungslos”, ließen sich die Entwickler vom Start weg feiern.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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