Hörfunkrechte-Auktion beschert der DFL keine Mehreinnahmen

Die DFL verliert das Webradio 90elf als Hörfunkpartner – und gewinnt Sport1. Spannend wird, wie Constantin Medien sein neues Digitalprodukt vermarkten will.

Im Wettbieten um die Bundesliga-Hörfunkrechte hat Sport1 für die größte Überraschung gesorgt: Gegen die Münchener hatte das Leipziger Webradio 90elf das Nachsehen. Weitersenden hingegen darf die ARD auf den UKW-Frequenzen. Dabei ist zu vermuten, dass hier der Zuschlag mangels Konkurrenz zu sogar günstigeren Konditionen als bisher gegeben wurde.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat mit der erstmaligen Ausschreibung der Audioverwertungsrechte insgesamt vermutlich keine Mehreinnahmen erzielen können. Die erzielte Gesamtsumme dürfte sich nach JP4-Informationen erneut bei rund 6,8 Millionen Euro über alle Rechtepakete pro Jahr einpegeln. Marktkenner waren in den Jahren zuvor von einer Gesamtsumme in gleicher Höhe ausgegangen, die auf Basis bilateraler Verhandlungen erzielt wurde.

Nun verschieben sich die Einnahmebestandteile: Das Paket „Audio Broadcast“ verbilligt sich nach unbestätigten Angaben für die ARD um rund eine Million Euro auf 5,5 Millionen Euro, während die Mobil- und Internetradiorechte („Netcast“) deutlich teurer werden als bisher. Die Rede ist in Bieterkreisen von einem hohen sechsstelligen Betrag, den Sport1 zahlt.

90elf vor ungewisser Zukunft

Quelle: Stefan Merx

Eine Steigerung der Einnahmen war allerdings auch nicht das vordergründige Ziel. Es ging um eine erhöhte Transparenz bei der Rechtevergabe und die Öffnung des Marktes auch für neue potenzielle Wettbewerber, hatten die DFL-Direktoren Jan Lehmann und Holger Blask bei der Vorstellung der Ausschreibung im Dezember 2012 erklärt.

Nach der Bekanntgabe der DFL-Entscheidung am heutigen Dienstag herrschte Enttäuschung vor allem beim Leipzger Unternehmen Regiocast Digital, das vor fünf Jahren das Bundesligaradio 90elf kreiert hatte: „Wir haben den davor kaum wahrgenommenen Audio-Rechten erst einen Wert verliehen. Das nennt man wohl Ironie des Schicksals“, kommentierte Regiocast-Geschäftsführer Florian Fritsche. Sein digitales Produkt habe „wirtschaftlich auf gesunden Beinen“ gestanden.  „Auf dieser Grundlage und unserer inzwischen umfangreichen Erfahrung haben wir ein echtes Geschäftsmodell entwickelt. Wir wissen sehr genau, welche Summen refinanzierbar sind und ab wann es nur noch strategische Gebote sind“, erklärt Fritsche.

Die Zukunft des Fußball-Webradios, das stark auf den DAB-Standard gesetzt hat, ist mit der Entscheidung offen. „90elf ist eine starke Marke mit einem großen Wert, auch ohne die Bundesliga-Live-Rechte“, so Fritsche. Erst gegen Ende der Woche sei mit weiteren Stellungnahmen zu rechnen, sagte ein Unternehmenssprecher.

Freude beim Radioneuling Sport1

Neu im Webradio-Geschäft ist nun – offenbar nach einem beherzten Gebot in der zweiten Runde – die Sport1 GmbH aus Ismaning. Denkbar wäre, dass Sport1 eine hohe sechsstellige Summe pro Spielzeit für das Recht ausgibt – weit mehr zumindest als 90elf in den Jahren zuvor. Für den Chefredakteur und Programmchef Olaf Schröder ist das neue Premiumrecht im Portfolio eine sinnvolle Ergänzung: „Ab der neuen Saison erreichen wir unsere Zuschauer und User auch über Radio – neben Free- und Pay-TV, Online und Mobile.“

Quelle: PR

Schröder sieht in den erworbenen Rechten die Chance, neue Nutzer für Sport1 zu gewinnen – und eventuell vom bisherigen Umsonstmodell des Senders abzuweichen: „Für uns steht die Forcierung unserer Multimedia-Strategie und damit verbunden der weitere Ausbau der Marke Sport1 im Fokus unserer Aktivitäten. Damit verbunden ist auch die konsequente Entwicklung bzw. Weiterentwicklung neuer Geschäftsmodelle über den klassischen Free-TV- und Online-Bereich hinaus.“

Zu konkreten Konzepten der Refinanzierung, zu Verbreitungswegen und auch möglichen Sublizenzierungen hält sich der Sender, der zu 100 Prozent zur Constantin Medien AG gehört, noch bedeckt. Alle Spiele der ersten und zweiten Bundesliga sollen live und in Konferenz gecovert werden – wie bei 90elf. Zumindest denkbar wäre, dass Sport1 bei der Produktion auch Synergien sucht, etwa mit der Constantin-Tochter Plazamedia, die ab der kommenden Saison auch die Highlightberichte von „Bild“ produziert. Noch in dieser Spielzeit tritt Plazamedia als Produzent der Fußball-Show der Deutschen Telekom über die IPTV-Plattform „Entertain“ auf. Eine Kooperation von Sport 1 mit dem reichweitenstarken Springer-Konzern auch beim Audio-Produkt wäre nicht ausgeschlossen. Spekulationen in diese Richtungen wollte der Sender aber nicht kommentieren.

ARD bleibt bis 2016/17 live am Ball

Die ARD geht als ein souveräner Gewinner der Auktion hervor. Das UKW-Paket berechtigt die ARD-Sender weiterhin, die etablierte Bundesliga-Konferenz auszustrahlen. Zwischenzeitlich hatte es auch seitens der DFL geheißen, die ARD könne mit ernsthafter Konkurrenz rechnen. Ein solcher Mitbieter scheint sich zuletzt nicht mehr gefunden zu haben. In Bieterkreisen wird vermutet, die ARD habe das leicht beschnittene Rechtepaket nun für einen Preis von rund 5,5 Millionen Euro erstehen können. Zuvor hatte die ARD nach unbestätigten Angaben rund 6,5 Millionen zahlen müssen. „Gut, dass wir im Interesse unseres großen Publikums die bewährte Zusammenarbeit mit der Liga fortsetzen können“, sagte WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz, der die Verhandlungen für die ARD führte.

Die Verbilligung der ARD-Rechte erfolgen analog zur Verknappung des künftig möglichen Berichterstattungsumfangs. Für die Hörer der ARD-Bundesligakonferenz wird sich die Verknappung der ARD-Möglichkeiten nicht spürbar auswirken. Die Rechte zur Liveberichterstattung – etwa im Rahmen der ARD-Bundesligakonferenz – wurden nach JP4-Informationen auf 20 Minuten pro Spiel und 220 Minuten pro Spieltag limitiert. Zuvor waren nach dem Vernehmen nach 300 Minuten Sendezeit pro Spieltag vereinbart. In diesem Maß wurde bisher tatsächlich aber nicht gesendet.

Noch nicht final ausverhandelt sind die 39 Einzelvereinbarungen mit privaten, regionalen Sendern. Klubsender haben auch weiterhin die Möglichkeit von Liveberichten.

Stefan Merx für JP4

Dieser Beitrag wurde am 20.3.13 um 9.50 in einigen Teilen korrigiert und inhaltlich ergänzt. mx

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