Drohen der Bundesliga spanische Verhältnisse?

Verbandsfunktionäre rühmen die Bundesliga als spannendste unter den europäischen Top-Ligen. In der Spitze könnte es damit auf absehbare Zeit vorbei sein.

Die Winterbilanz war makellos. Drei deutsche Vereine durften in der Champions League antreten, alle drei standen im Achtelfinale. Auch in der Europa League hatten alle vier deutschen Teams die Gruppenphase überlebt und freuten sich auf die K.O.-Runden. Es wurde ein kurzer Spaß. Im Viertelfinale der Europa League ist kein Bundesligist mehr vertreten. In der Champions League unterlag Schalke 04 mit Galatasaray Istanbul gerade einem der vermeintlich schwächeren Teilnehmer.

Quelle: PR

Wenn in der kommenden Woche das Viertelfinale der Königsklasse des europäischen Fußballs beginnt, sind noch zwei deutsche Klubs dabei. Neben dem designierten deutschen Meister Bayern München noch der amtierende Titelträger Borussia Dortmund (BVB). Die beiden belegen Platz eins und zwei der aktuellen Bundesligatabelle – und es hat den Anschein, dass sich das so bald auch nicht mehr ändern wird.

Dabei wird gerade die Bundesliga gerne von Verbandsfunktionären als besonders ausgeglichene und sogar als spannendste unter den europäischen Top-Ligen gerühmt. In der Spitze könnte es damit allerdings auf absehbare Zeit vorbei sein. Bayern und Dortmund schicken sich an, sich wirtschaftlich deutlich vom Rest der Liga abzusetzen. Sie schaffen damit die Basis für eine anhaltende sportliche Dominanz. Drohen dem deutschen Fußball Verhältnisse wie in Spanien, wo Real Madrid und der FC Barcelona die Titel unter sich ausspielen und auch in der Champions League quasi gesetzt sind?

Tendenz zum Monopol

„Im Fußball gibt es natürliche Monopolisierungstendenzen“, sagt Henning Vöpel, Professor und Leiter des Themenfelds Gesundheits- und Sportökonomik am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). „Wer erfolgreich ist, erzielt einen überproportionalen Anteil der Einnahmen. Dies ist ein Trend, der sich dann selbst weiter verstärkt.“ In Spanien wird das sogar noch begünstigt, denn die Klubs können ihre TV-Rechte einzeln anbieten. Dem FC Barcelona und Real Madrid gelingt es so, 50 Prozent der Gesamteinnahmen aus den Fernsehrechten für sich zu vereinnahmen.

Anders das Bild in der Bundesliga. Hier wird zentral vermarktet. Sportliche Erfolge oder die Markenkraft eines Vereins werden bei der Ausschüttung nur teilweise berücksichtigt. So soll vermieden werden, dass die Klubs beim Umsatz und damit auch sportlich zu stark auseinanderdriften.

In der abgelaufenen Saison erhielt Bayern München dennoch knapp 31 Millionen Euro an TV-Geld, der Aufsteiger FC Augsburg konnte nur 13,5 Millionen Euro verbuchen. Allerdings machen die Erlöse aus Fernsehrechten gerade bei Spitzenklubs im Gegensatz zu Spanien längst nicht mehr den Löwenanteil des Umsatzes aus – im Schnitt sind es 26 Prozent. „Es ist nicht mehr der richtige Stellhebel, um Monopolisierungstendenzen zu begegnen“, sagt Vöpel.

Einen viel größeren Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung innerhalb der einzelnen Länder hat die Champions League. Mit rund einer Milliarde Euro beglückte der europäische Fußballverband Uefa zuletzt die Teilnehmer. Hinzu kommen Zusatzeinnahmen etwa aus dem Verkauf von Eintrittskarten für die europäischen Begegnungen.

Champions-League-Geld als dominierender Faktor

© Dow Jones News GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

„Der Einzug in das Viertelfinale beschert dem FC Bayern München und Borussia Dortmund bereits Erträge von über 40 Millionen Euro“, sagt Marc Strauß, Diplom-Fußballmanager und Wissenschaftler am Centrum für Bilanzierung und Prüfung der Universität des Saarlandes. Dies sei fast so viel wie etwa der SC Freiburg oder Hannover 96 im zurückliegenden Geschäftsjahr insgesamt erwirtschaftet hätten. „Sie konnten knapp über 50 Millionen Euro verzeichnen“, sagt Strauß.

Quelle: PR

In ganz anderen Dimensionen bewegen sich hier die Münchener. Ihren Umsatzrekord von rund 373 Millionen Euro aus der letzten Saison werden sie laut Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge in diesem Jahr sogar überbieten. Gut elf Millionen Euro Gewinn standen zuletzt zu Buche. Gelingt es den Bayern und dem BVB, sich weiterhin international auf dem aktuellen sportlichen Niveau zu behaupten, ist laut Strauß „durchaus eine noch deutlichere wirtschaftliche und sportliche Dominanz dieser beiden Klubs denkbar“.

Auf Augenhöhe mit den Bayern – das gibt BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke als erklärtes Ziel vor. Mehrfach hat er angekündigt, dass er einen zweiten Leuchtturm des deutschen Fußballs neben dem FC Bayern errichten will. 250 Millionen Euro lautet das Umsatzziel, das Watzke jüngst ausgegeben hat – vor zwei Jahren waren es noch 100 Millionen weniger. Der einst hoch verschuldete Klub steht grundsolide da: 93 Millionen Euro an Eigenkapital konnte der BVB zuletzt ausweisen. Es geht rasant aufwärts, den Bayern hinterher.

„Bewusster Verzicht auf Transfereinnahmen“

Schon beim zuletzt schärfsten Verfolger, dem FC Schalke 04, sieht die Lage ganz anders aus: 14 Prozent weniger Umsatz wies der Klub in seiner jüngsten Bilanz aus – 172,6 Millionen Euro kamen zusammen. Einen „bewussten Verzicht auf Transfereinnahmen“ nennt die Klubführung als eine Ursache. Rund 4,6 Millionen Euro Verlust gab es in Gelsenkirchen. Die Planungen für die Zukunft seien „von kaufmännischer Vorsicht geprägt“, ein erneuter Verlust für 2013 sei nicht auszuschließen. Das Eigenkapital der Gelsenkirchener ist laut Strauß negativ – der Klub habe mit einer bilanziellen Überschuldung zu kämpfen. Zudem müssen die Schalker als aktuell Tabellenfünfter der Bundesliga um die lukrative Champions-League-Teilnahme fürchten.

Auch andere Konkurrenten um die Spitzenpositionen schwächeln. Seit vier Jahren sinkt der Umsatz beim Hamburger SV stetig – von gut 161 auf zuletzt 115 Millionen Euro. Zudem schreibt der bilanziell überschuldete Klub Verluste. Beim VfB Stuttgart, deutscher Meister des Jahres 2007, droht Medienberichten zufolge im vergangenen Geschäftsjahr 2012 ein Minus von zehn Millionen Euro. Werder Bremen, deutscher Meister 2004, musste in der vergangenen Saison einen Verlust von 13,9 Millionen Euro hinnehmen. „Wir werden auch dieses Jahr kein positives Geschäftsergebnis ausweisen“, sagte Werder-Chef Klaus Filbry gerade in einem Interview.

Finanziell robust aufgestellt sind zwar die beiden sportlich ambitionierten Werksklubs Leverkusen und Wolfsburg als Töchter der Dax-Konzerne Bayer und Volkswagen. Doch auch sie müssen zuschauen, wie Dortmund und Bayern davonziehen. Im Gegensatz zu den Traditionsvereinen fehlt die breite Anhängerschaft, die ins Stadion strömt oder Fanartikel kauft. Bayern und Dortmund dagegen seien dank ihrer Erfolge auch in der Lage, mehr Fans anzulocken und so die Merchandisingerlöse spürbar zu steigern, sagt Marc Strauß. Zudem seien Sponsoren bereit, mehr für Partnerschaften auszugeben.

Drei Champions-League-Teilnehmer darf die Bundesliga stellen. Der Viertplatzierte der Saison kann hoffen, über ein Qualifikationsspiel den Sprung in die Königsklasse zu schaffen. Falls Bayern und Dortmund sich in den nächsten Jahren an der Spitze festsetzen, bleiben für den Rest der Liga damit noch ein bis zwei der profitablen Startplätze. Ein Quell des Leichtsinns: „Vereine müssen sehr stark ins Risiko gehen, um die Fleischtöpfe der Uefa zu erreichen“, sagt HWWI-Wissenschaftler Vöpel. „Das kann aber nicht allen gelingen.“ Und wer allein in der Hoffnung auf Champions-League-Millionen über das Limit geht, riskiert eine wirtschaftliche Schieflage, wenn das Unterfangen misslingt.

Umverteilung der Uefa-Prämien wäre ein Weg

Lässt sich überhaupt noch verhindern, dass die Bundesliga dauerhaft zum Schauplatz eines Zweikampfs zwischen Dortmund und Bayern wird? Henning Vöpel sieht vor allem die Uefa in der Verantwortung. „Sie könnte die Prämien aus den internationalen Wettbewerben stärker umverteilen“, sagt er. Etwa zugunsten der deutlich geringer dotieren Europa League. Jedoch sei ein Schritt in diese Richtung nicht erkennbar.

Angesichts der Untätigkeit des Verbands schaltet sich nun die Europäische Union ein. Sie hat jüngst eine stärkere Umverteilung zwischen großen und kleinen Klubs angemahnt, um den Wettbewerb auf internationaler Ebene in der Balance zu halten. Ansatzpunkt dafür sind die Transfergeschäfte, bei denen Klubs gerne mal höhere zweistellige Millionensummen auf den Tisch legen. Diskutiert wird offenbar eine Fairplay-Gebühr, die künftig abgeführt werden soll. Wie viel Prozent einer Ablösesumme die Klubs abgeben sollen, steht nicht fest.

Ob sich die EU mit ihren Plänen einen Gefallen tut, ist unsicher. Schon die Frage, wer überhaupt in den Genuss solcher Fairplay-Zahlungen kommen soll, dürfte für massive Kontroversen sorgen. „In offenen Ligen, bei denen es Auf- und Abstieg gibt, sind Umverteilungsfragen sehr komplex“, sagt Vöpel. Werden nur die Klubs der ersten Liga begünstigt – oder auch die der zweiten oder gar dritten Liga?

Verteilt würde in jedem Fall mit der Gießkanne. Um die Bayern und den BVB wieder einzufangen, dürften die Summen aber kaum reichen.

Thomas Mersch und Stefan Merx für Wall Street Journal Deutschland

Kommentar hinterlassen


neun − = 7

© 2012 Pressebüro JP4

Nach oben scrollen