London Calling

Englische Fans sind berühmt für ihre knackigen und zugleich feinsinnigen Gesänge. Vereinsbosse sollten genau hinhören – und handeln, bevor die Basis verstummt.

„Where were you when we were shite?“ –

mit dieser relativ klaren Fragestellung konfrontieren englische Hardcore-Fans oftmals die Schönwetter-Anhänger ihres Vereins, die sich nur in Zeiten sportlicher Erfolge zu ihrem Klub bekennen. Manchester City oder Chelsea lassen hier grüßen.

Eine pointierte Weiterentwicklung dieser Frage haben kürzlich im englischen Pokalwettbewerb die mitgereisten Fans des AFC Wimbledon den Anhängern der MK Dons um die Ohren gehauen: „Where were you when you were us?“ (Kurz für den Nicht-Engländer erklärt: Der ursprüngliche FC Wimbledon wurde in quasi amerikanischer Art zum Schrecken aller FC Wimbledon Fans in die neugegründete Retortenstadt Milton Keynes transferiert und in MK Dons umbenannt.)

Fangesänge in den Fußballstadien sind so alt wie der Fußball selbst. Nicht immer musikalische Meisterwerke und auch nicht immer politisch korrekt, bringen diese spontanen Choreinlagen nicht nur Stimmung in die Betonschalen der Vereine, sondern sind Ausdruck natürlichster menschlicher Stimmungen zwischen Frustration und Siegestaumel.

Das Beispiel der Wimbledon-Fans zeugt aber auch von der besonderen Fähigkeit, einen äußerst umstrittenen sportpolitischen Winkelzug mit einer kurzen und knackigen Textzeile der Lächerlichkeit preiszugeben. Diese feinsinnige Intuition der Fans von den Stehrängen sollte für alle Entscheidungsträger im Fußballgeschäft eine Mahnung sein, die wirkliche Basis des Profigeschäftes nicht zu vergessen. Denn es sind in erster Linie die treuen Anhänger aller Mannschaften, die dafür sorgen, dass im zweiten Schritt TV-Sender und Sponsoren hohe Summen in den Fußball investieren. Eine Abkehr der Fans von ihrem Lieblingssport mit in der Folge leeren Stadien und sinkenden Einschaltquoten würde auch schnell zu sinkenden Fernseheinnahmen und reduzierten Sponsorengeldern führen.

Das ist der Grund, warum Berichte über manipulierte Spielergebnisse und zweifelhafte Geschäftspraktiken in den Führungsebenen die Gefahr besitzen, den Profifußball in seinen Grundfesten zu erschüttern. Der Fußballfan verzeiht es, wenn seine Mannschaft aus sportlichen Gründen verliert, er wird sich aber abkehren, wenn er merkt, dass er von den Verantwortlichen betrogen und nicht ernst genommen wird.

Die Top-Player der Branche haben das längst erkannt und stellen die Bedürfnisse des eigenen Fananhangs in das Zentrum ihrer täglichen Arbeit. Dennoch gibt es genug Gegenbeispiele, bei denen Entscheidungen eher aus abgehobenen Eigeninteressen ohne Rücksicht auf die Anhänger gefällt werden.

Unaufrichtigkeit bekommt der Fan aber schnell mit und kommentiert das auf seine Weise. Als der schottische Nationaltorwart Andy Goram eine außereheliche Affäre mit einer milden Form von Schizophronie zu erklären versucht hat, schallte es am nächsten Tag tausendfach von den Rängen: „Two Andy Gorams, there’s only two Andy Gorams!“

Philipp Grothe ist CEO der Kentaro Group. Der Sportrechtevermarkter arbeitet und lebt in London.

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