Das zwielichtige Geschäft mit den Tickets

Auf der Straße und im Internet hat die Spekulation mit Tickets ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen. Die Klubs wollen sich wehren.

Ein Anruf auf dem Handy, die Mobilbox springt an – statt eines Namens hört man nur Atmen. Dann kann man sein Anliegen aufsprechen. Es geht um Tickets für das Champions-League-Halbfinale. Die heute wohl begehrtesten Stückchen Papier in der Stadt Dortmund. Kleine Wertpapiere in den Händen von echten Fans und echten Geschäftemachern.

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Der Rückruf kommt prompt, am Apparat der Dealer persönlich. „Welchen Block wollen Sie denn?“, fragt er. Es gibt Auswahl. „Gerade sind noch zwei Karten für die 86 reingekommen. Gute Plätze, Reihe 8, direkt neben der Südtribüne.“ 350 Euro für das Kartenpaar verlangt der Mann. Sein Nettogewinn: 250 Euro. Zum Zeitpunkt des Telefonat sind es noch zehn Stunden bis zum Anpfiff, Übergabe in Dortmund. Es seien garantiert echte Karten, der Mann nennt seinen Namen, er wirbt um Vertrauen, man könne sich gerne auch sein Kennzeichen notieren.

„Klar, es ist ein bisschen verboten“

Ein eher kleiner Fisch auf dem Markt der Ticketschieber. Einer, der wie er bei Ebay sogar seine Handynummer angibt, wirkt wie ein Anfänger. Auch wenn er behauptet, BVB-Tickets öfter zu handeln, auch im Auftrag von Freunden. Bereitwillig, fast naiv, gibt er Auskunft über sein einträgliches Geschäft mit den Tickets. „Klar, es ist ein bisschen verboten“, sagt er. In der Ticketschlange vor der Vereinsgeschäftsstelle, wo eingefleischte Fans sogar zwei Tage vor dem Verkaufsstart ihr Zelt aufgeschlagen haben, habe er nicht gestanden. Auch eine Dauerkarte des Klubs besitze er nicht. „Ich kaufe die Tickets auf von anderen – und verkaufe weiter.“ Ein Teil der Abzockerkette, die dem BVB ein Dorn im Auge ist.

Professionell sieht der Ticketzweitmarkt anders aus. Steve Roest vertritt das Unternehmen Viagogo als „European Business Development Director“ und reist von Klub zu Klub, um Partnerschaften für seinen Ticketmarktplatz abzuschließen. „Wir haben mehrere Tausend Tickets für die Halbfinalspiele der Champions League verkauft“, sagt Roest. Die Preise bei Viagogo übersteigen die des Straßenschwarzmarkts deutlich: So würde ein Kartenpaar in Block 86 sogar 2146,10 Euro kosten. Die teuerste Karte war am Mittwoch für mehr als 3400 Euro zu haben.

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„Wenn Leute Tickets bei Viagogo gefunden haben, ist das für sie eine unbezahlbare Erfahrung“, wirbt Roest – und meint das positiv. Noch rund 1000 Karten für das Spiel BVB-Real sind am Vormittag des Spieltages bei Viagogo gelistet. „Man kann bis zum Anpfiff noch kaufen“, sagt Roest. Viagogo sei nur Vermittler, nicht Verkäufer. Über die genauen Übergabemodalitäten will Roest im JP4-Interview nicht sprechen. Er verweist lediglich darauf, dass die gekauften Tickets „in der Nähe des Stadions“ abgeholt werden könnten. Auch nicht verrät Roest, warum Fans für das Dortmund-Spiel am Mittwoch wenige Stunden vor dem Anpfiff noch Karten kaufen konnten, das Procedere aber für das Bayernspiel am Vortag nicht möglich war.

Das Geschäftsmodell des Schweizer Unternehmens, das zentral aus London operiert, basiert auf dem freien Spiel der Kräfte. Wer eine Karte übrig hat, stellt sie bei Viagogo zu einem beliebigen Preis ein. Nach der Herkunft fragt niemand. Findet sich ein Abnehmer, sorgt Viagogo für die Abwicklung des Geschäfts – und kassiert 15 Prozent Gebühr vom Käufer sowie zehn Prozent vom Verkäufer. Kritiker behaupten: Es gelten die Gesetze des Schwarzmarkts, nur die Abwicklung erfolgt schick anonym und digital.

Fans befürchten Preistreiberei

Vereine, die mit Viagogo kooperieren, kassieren teils siebenstellige Sponsoringsummen und mitunter auch eine Beteiligung an den Verkaufsmehrerlösen. Im Gegenzug dürfen sie die Preise auf Viagogo bei eigenen Heimspielen deckeln. Schalke etwa begrenzt den maximalen Aufschlag auf 100 Prozent, bei Bayern München ist nur der Originalpreis zulässig. Dortmunds Vereinsboss Hans-Joachim Watzke erteilte dem Viagogo-Geschäftsmodell eine harsche Abfuhr: „Wir machen es nicht, es entspricht nicht unserer Philosophie”, sagte er in einem JP4-Interview.

Acht deutsche Erstligisten und zwei Zweitligisten sehen es anders: Sie unterschrieben den Vertrag mit Viagogo. Teilweise begleitet von heftigen Protesten zahlreicher Fans, die eine Preistreiberei befürchten. Je mehr Klubkooperationen Roest einsammelt, umso stärker stellt der Ticketmakler Viagogo die dann nichtautorisierten Weiterverkaufs-Plattformen wie Seatwave, Ebay oder Stubhub ins Abseits.

Watzke spricht von „organisierter Kriminalität“

Die Auswüchse der Kartenmaklerei erlebten die Dortmunder in der vergangenen Woche. Als am Dienstag der freie Vorverkauf begann, kam es sogar zu Prügeleien unter den Wartenden. „In dieser Form der organisierten Kriminalität – das ist es ja schon fast – haben wir das noch nicht erlebt“, sagt Watzke. Nach einem Bericht der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ) seien einige Schwarzhändler an den Vorverkaufsstellen äußerst aggressiv aufgetreten. Teilweise wurden Studenten beauftragt, um in der Schlange anzustehen – als Strohmänner für die Weiterverkäufer. Als Prämie für die Studenten, die per Mail angesprochen wurden, lobte der Dealer satte 150 Euro Honorar für ein gekauftes Kartenpaar aus, so der WAZ-Bericht.

„Das ist der klassische Fall von Schleichbezug“, sagt Jan Räker, Rechtsanwalt in der Hamburger Kanzlei Prinz Neidhardt Engelschall. „Viagogo ist das Unternehmen, das die Plattform bietet, über die solchermaßen erworbene Karten wieder verkauft werden.“ Räker hat als ehemaliger Justitiar beim Hamburger SV vieles unternommen, um den unerwünschten und per Ticket-AGB untersagten Weiterverkauf zu stoppen. Eine Maßnahme zur Abschreckung: „Wir haben Leuten, die online bei Dritten Karten gekauft haben, den Zutritt ins Stadion verweigert. Die waren entsetzt.“

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Auch Borussia Dortmund sieht den schwunghaften Handel über Ebay und andere Plattformen kritisch. Eine Konsequenz aus den Tumulten: Den freien Vorverkauf bei Problemspielen will Borussia Dortmund künftig komplett streichen. Zudem kündigte der Verein an, gegen den Schwarzmarkt härter vorgehen zu wollen. Per Twitter rief der Klub am 16. April sogar alle Follower auf, beim Ermittelnmitzuhelfen: „Bitte schickt uns Links zu etwaigen hochpreisigen Ticket-Angeboten auf eBay per Mail“, forderte der Klub zum Petzen auf.

Müssen manche Kartenbesitzer fürchten, heute Abend in Dortmund am Einlass gehindert zu werden? Der Verein lässt sich nicht in die Karten gucken: „Wir gehen im Rahmen unserer Möglichkeiten dagegen vor“, lautet der BVB-Standard-Tweet der letzten Tage.

Thomas Mersch und Stefan Merx für Handelsblatt Online

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