Das Schweigen der Räte

Sponsoren, Anteilseigner und Aufsichtsräte des FC Bayern halten sich in der Causa Hoeneß zurück. Sie fürchten, die Affäre könnte bald zur eigenen werden.

Die Szene wirkte allzu normal. Als die Fernsehkameras am Dienstagabend die Logenplätze der Allianz Arena abfilmten, saß da freudig erregt Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München. Er hatte seinen rot-weiß gestreiften Schal wie immer um den Hals gelegt. Helmut Markwort, Herausgeber des „Focus, schwang jubelnd seinen roten Schal ein paar Plätze tiefer.

Das vertraute Bild trog. Den 4:0-Sieg der Bayern über den FC Barcelona im Halbfinale der Champions League sah Hoeneß als ein Mann, der nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ nur gegen eine Kautionszahlung von fünf Millionen Euro auf freiem Fuß war. Und Logengast Markwort gibt das Magazin heraus, das vier Tage vor dem Spiel in einer Exklusivgeschichte Hoeneß als Steuerflüchtling demaskierte.

Quelle: Wiki-observer [CC-BY-SA-2.0-de] via Wikimedia Commons

Markwort ist nicht nur Fan. Er ist auch Mitglied im Aufsichtsrat der FC Bayern München AG, dem Konzern hinter dem Verein. Kumpanei kann man ihm nicht vorwerfen, ein Vertuschen vereinsrelevanter Fehltritte wäre seinem Amt auch nicht angemessen. Doch nicht nur Markwort ist in dieser Lage – alle Aufsichtsräte stehen in der Pflicht und vor einem Problem: Durch die Steueraffäre des Präsidenten ist aus dem Amt mit bequemem Logenplatz ein Posten auf dem heißen Stuhl geworden.

Laissez-faire wird es auf Dauer nicht geben

Es ist eine illustre Runde, die regelmäßig im Vereinsinteresse zusammentritt. Kein Wunder: Der Rekordmeister ist ein Wirtschaftsunternehmen, dessen professionelle und auf Nachhaltigkeit angelegte Führung gerade Hoeneß mit Stolz als Alleinstellungsmerkmal ausgab. Der Adidas-Vorstandsvorsitzende Herbert Hainer ist ebenso dabei wie Audi-Chef Rupert Stadler. Beide Unternehmen verbindet eine Besonderheit: Sie sind mit jeweils 9,1 Prozent an der FC Bayern München AG beteiligt. Ebenso der Hauptsponsor, die Deutsche Telekom, hat einen großkalibrigen Aufseher abgestellt: Finanzvorstand Timotheus Höttges. Auch VW-Chef Martin Winterkorn und der bayerische Exministerpräsident Edmund Stoiber sind dabei, wenn das Gremium zusammenkommt – unter Vorsitz von Uli Hoeneß.

Die Frage, die nun zu klären ist, lautet: Ist die Steueraffäre Hoeneß vollkommen zu isolieren vom Unternehmen FC Bayern? Es wäre eine antiseptische Operation mit Seltenheitswert in Politik und Wirtschaft. Gelingt das nicht, könnten sich auch die Geschäftspartner infizieren. Hinter den Kulissen arbeiten die Compliance-Stäbe an Szenarien. In einer Zeit, wo die Hausjuristen schon staatsanwaltliche Ermittlungen befürchten, wenn der Vorstand Geschäftsfreunde zum Fußball einlädt, ist ein Laissez-faire in der Causa Hoeneß auf Dauer unvorstellbar. „Eigene Compliance-Regeln hat die FC Bayern München AG nicht ausformuliert“, sagt Mediendirektor Markus Hörwick. Die Mitarbeiter wüssten, wie sie sich korrekt zu verhalten haben.

Sponsoren äußern sich nicht

Noch werden Fragen nach den Auswirkungen der Affäre auf das eigene Unternehmen beziehungsweise auf die FC Bayern München AG von den verbandelten Konzernen stereotyp abgebügelt. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir mit Blick auf ein laufendes Ermittlungsverfahren keinen Kommentar zu diesem Sachverhalt abgeben können“, teilt Audi mit. Adidas-Sprecher Oliver Brüggen antwortet: „Wir bitten um Verständnis, dass wir diese Fragen überhaupt nicht kommentieren.“ Die Telekom verweist darauf, dass es sich bei den Ermittlungen gegen Hoeneß um eine Privatangelegenheit handele, die er konsequent aufklären werde. „Von diesem Sachverhalt getrennt sehen wir unser Sponsoring-Engagement“, heißt es aus Bonn. Die Aufsichtsratsangelegenheiten des Klubs unterlägen der Vertraulichkeit.

Bild: Александр Корчик [CC-BY-SA-3.0] via Wikimedia Commons

Das vorsichtige Taktieren ist verständlich. „Die Sponsoren und Anteilseigner sind derzeit gut beraten, sich nicht zu äußern, auch wenn das vielleicht nach außen unglücklich wirkt“, sagt Henning Herzog, Vorstand des Bundesverbands Compliance und Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre und Governance, Risk & Compliance an der Quadriga Hochschule Berlin. Das habe vor allem einen juristischen Grund: Bislang ist unklar, was es mit dem Kredit auf sich hat, den der ehemalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus Hoeneß laut Berichten der „Süddeutschen Zeitung“ zur Jahrtausendwende gewährt hat. Spekuliert wird derzeit darüber, ob das millionenschwere Darlehen eine reine Privatangelegenheit war. Oder ob es eben doch einen geschäftlichen Bezug zum FC Bayern gab.

Presseberichten zufolge hatte Louis-Dreyfus Hoeneß im Jahr 2000 einen Millionenbetrag für Börsenspekulationen zur Verfügung gestellt. Im Jahr darauf unterzeichnete der FC Bayern einen Ausrüstervertrag mit Adidas, obwohl mehrere Konkurrenten ein höher dotiertes Angebot vorlegten – das hatte Hoeneß damals der „Süddeutschen Zeitung“ bestätigt. Er präferiere die Zusammenarbeit mit einem deutschen Unternehmen.

Rund ein halbes Jahr später stieg der Sportkonzern aus Herzogenaurach auch als Anteilseigner der FC Bayern München AG ein. In einer Stellungnahme teilte Adidas nun mit, dass „Robert Louis-Dreyfus nicht in die Verhandlungen über eine strategische Partnerschaft mit dem FC Bayern München involviert war“. Bereits zum 1. Januar 2000 habe Louis-Dreyfus das operative Geschäft an seinen damaligen Stellvertreter, den jetzigen Vorstandsvorsitzenden Herbert Hainer, übergeben.

Auch Audi, Telekom & Co. zieht die aktuelle Debatte in Mitleidenschaft. „Der Imageschaden, der jetzt entsteht, tut den Sponsoren weh, auch wenn es bislang nur Vorwürfe gegen Hoeneß gibt“, sagt Herzog. Fraglich sei, ob der Skandal noch weitere Kreise zieht. „Durch die unklare Situation, die durch die Berichterstattung über den Kredit entstanden ist, müssen die Unternehmen derzeit davon ausgehen, dass auch gegen sie ermittelt werden könnte.“ Schweigen aus Selbstschutz also.

Schwierige Doppelfunktion

Als problematisch könnte sich zudem erweisen, dass Hoeneß dem Aufsichtsrat der FC Bayern München AG vorsitzt. Das Gremium soll per Definition die Geschäftsführung – im Falle des FC Bayerns also den Vorstand um Karl-Heinz Rummenigge – überwachen. Fraglich ist, ob Hoeneß der Aufgabe angesichts der Vorwürfe noch nachkommen kann. Das Gremium muss also zumindest darüber diskutieren, Hoeneß im Interesse des Vereins von seinem Posten zu entbinden.

Audi

Die Entscheidungsfindung aber ist nicht leicht. „Es könnten Interessenkonflikte im Aufsichtsrat vorliegen“, sagt Compliance-Experte Herzog. Einige Mitglieder sind mit ihren Unternehmen auch Geschäftspartner der Bayern. Die Sportausrüstung kommt von Adidas, die Dienstfahrzeuge liefert Premium-Partner Audi. Die Deutsche Telekom ist seit Jahren Hauptsponsor. Dieter Rampl ist Verwaltungsratsvorsitzender der UniCredit Group, zu der mit der HypoVereinsbank ein weiterer Premium-Partner der Bayern gehört. Dazu kommt mit Martin Winterkorn der Konzernchef von Volkswagen, dem Mutterkonzern von Audi.

Im Falle des ehemaligen Postchefs Klaus Zumwinkel ging es schnell. Wenige Tage nachdem seine Steueraffäre im Februar 2008 publik wurde, setzte der Aufsichtsrat des Unternehmens Frank Appel als neuen Vorstandsvorsitzenden ein. Zumwinkel wurde damals vorgeworfen, eine Million Euro an Steuern hinterzogen zu haben. Bei Hoeneß soll es sich Medienberichten zufolge um ein Mehrfaches dessen handeln.

Compliance-Experte Herzog rät dem Präsidenten und Aufsichtsratschef des FC Bayern München, sich vorerst zurückzuziehen. „Hoeneß sollte aus Eigeninteresse seine Funktionen ruhen lassen“, so der BWL-Professor. Es sei sinnvoll, externe Prüfer zu engagieren, die Transparenz schaffen und vor allem die Umstände des Kreditgeschäfts untersuchen. So könne Hoeneß dabei helfen, Schaden vom Verein abzuwenden.

Zum Treffen mit den Aufsichtsratskollegen könnte es am Montagabend kommen. Laut „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ist für dann eine Sitzung anberaumt. Bayern-Sprecher Markus Hörwick dementierte dies gegenüber „Zeit Online“. Die Termine würden grundsätzlich nicht kommuniziert. Wann auch immer die Sitzung stattfindet: Es könnte die wichtigste der Vereinsgeschichte werden.

Malte Laub für Zeit Online

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