Investoren übernehmen 2018 die Macht bei Hannover 96

Martin Kind hat die Tür aufgestoßen für Investoren im deutschen Fußball. Sein Plan: Er will Hannover 96 mit sechs Weggefährten vollständig übernehmen.

Quelle: Kind Hörgeräte

Martin Kind, der mächtige Mann bei Hannover 96, hat freie Bahn. Als Präsident übernahm der Hörgeräte-Unternehmer im September 1997 das Kommando – als Nachfolger des im Fußballgeschäft glücklosen Utz Claassen. Aus dem damals mit zehn Millionen Mark verschuldeten Regionalligisten hat Kind einen Fußball-Bundesligisten geformt, der sich bis heute seit elf Spielzeiten in der höchsten Spielklasse etablieren konnte. Ein Leitsatz bestimmt Kinds Handeln: „Fußballklubs auf diesem Niveau sind Wirtschaftsunternehmen und müssen auch so geführt werden.”

“96 ist ein Scheißverein gewesen”

Der 68-Jährige ist ein Machertyp. Seinen Blitzstart ins Fußballgeschäft beschrieb er unlängst auf einer Podiumsdiskussion in Köln sehr salopp: „96 erfüllte damals den Tatbestand der Insolvenz, dann haben sie bei 96 einen Doofen gesucht, der die Verantwortung übernimmt. Und den Doofen haben sie in mir gefunden. Zu dem Zeitpunkt war ich nicht mal Mitglied.” Noch auf der entscheidenden Mitgliederversammlung wurde die Satzung geändert, damit Kind sofort ans Ruder durfte. „Wenn man mit dem Rücken an der Wand steht, macht ein Verein viel”, sagt Kind. In der heimischen Arena, die in Kürze den Namen des Versicherers HDI tragen wird, ergänzte Kind in einem öffentlichen Gesprächskreis im April gut gelaunt: „96 ist ein Scheißverein gewesen, der in über 100 Jahren nichts geschafft hat.”

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Mit solch scheinbar unbekümmerter Provokation schafft er es spielend, die eigenen Fans in Lager zu spalten. Manche gestehen ihm die Rolle des visionären Retters zu, doch auch derbe Anti-Kind-Transparente zählen bei Heimspielen inzwischen zur Normalität. In Internetforen wird um den Einfluss Kinds heftig debattiert, zumal er nicht zögert, unpopuläre Personalentscheidungen zu fällen – Trainer und Sportdirektoren sahen die 96-Fans in Kinds Amtszeit viele kommen und gehen. Seine eigene Rolle spielt Kind dennoch gerne herunter: „Ich arbeite unentgeltlich, ehrenamtlich, damit andere Millionen verdienen. Da muss man ja auch ´ne Klatsche haben.”

Bei aller Koketterie um die eigene Bescheidenheit: Kind hat eine Mission, er betreibt mit Hannover 96 knallharte Standortpolitik. „Ich habe diese Vision entwickelt, dass man für diese Stadt, für diese Region mit Fußball etwas aufbauen kann. Und das Produkt, um dorthin zu kommen, ist 96. Ich wollte beweisen, dass man mit Struktur etwas hinbekommt. Das Produkt muss gut sein, wettbewerbsfähig und Perspektive bieten.”

Hannover soll eine nationale Marke werden

Die „frühere Chaotenmarke 96″, wie er sagt, will er salonfähig machen, zum Wohle der Niedersachsen. Regionale Wirtschaftspartner sollen helfen, die „Roten” zu einer nationalen Marke zu entwickeln, die auch regelmäßig wie zuletzt in europäischen Klubwettbewerben auftritt. Mit anderen Worten: Kind will aufrücken in die Riege von Renommierklubs wie HSV, Schalke und Stuttgart. Einige Schritte dorthin hat der Verein dank des sportlichen Erfolgs geschafft.

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Konsequent und mit Geduld baut Kind den Fußballklub um zu einem eigentümergeführten Wirtschaftsunternehmen. Anfangs war er alleine, inzwischen hat Kind sechs Kapitalgeber um sich geschart. „Ich bin Klinken putzen gegangen, habe vermögende Hannoveraner angesprochen”, sagt er. Mit deren Kapital hat er zunächst Verbindlichkeiten abgebaut, um handlungsfähig zu werden. Parallel modernisierte er Zug um Zug die Infrastruktur. „Ich habe immer allen gesagt: Es ist Risikokapital, und das wird es auch immer bleiben. Ihr müsst das Geld übrig haben, ihr solltet nicht auf Verzinsung hoffen oder auf Rückzahlung.”

Den ersten Baustein legte Kind am 8. Juli 1998 – mit der Gründung der „Hannover 96 Sales & Service GmbH & Co. KG, ursprünglich einer Sanierungsgesellschaft, in die die Hannoveraner Investoren einzahlten. Das Datum wird nun hochinteressant, denn es markiert den Beginn einer Haltefrist. Grund: Nach einem hartnäckig geführten juristischen Streit mit der Deutschen Fußball Liga und dem Deutschen Fußball-Bund räumte Kind den Weg frei, damit die Sales & Services zwanzig Jahre nach ihrer Gründung – also am 8. Juli 2018 – bei Hannover 96 das alleinige Sagen übernehmen kann. Die Geschäfte führt, nicht überraschend: Martin Kind.

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Kinds Investoren-Mannschaft steht, die Zusammensetzung solle sich bis 2018 nicht mehr verändern, sagt er: Das Gesellschaftskapital der S&S beträgt 25,3 Mio. Euro, den größten Anteil mit gut 27 Prozent hält Kinds Beteiligungsgesellschaft Marniccam, die aus Teilen der Namen seiner drei Enkel benannt ist. Überzeugen konnte er auch den öffentlichkeitsscheuen Multimillionär Detlev Meyer aus Neustadt am Rübenberge, der 96-Fan ist. Der Gründer der von ihm 2004 verkauften Modefirmen Street One und Cecil besitzt knapp 26 Prozent der S&S. Drittgrößter Geldgeber ist Dirk Roßmann aus Burgwedel, der Herr über tausende Drogeriemärkte, mit knapp 20 Prozent. Der Madsack Verlag hält knapp drei Prozent an der S&S. Der Rest verteilt sich auf vermögende Privatleute – ein zurzeit rein regionales Investorenmodell.

Viele der Beteiligten kennen sich nicht nur über den Fußball. Man begegnet sich auch auf Grillfesten und Society-Events, zu denen etwa in der Vergangenheit der ehemalige Chef des Finanzdienstleisters AWD, Carsten Maschmeyer, regelmäßig eingeladen hat.

“2017 werden wir spätestens den Antrag einreichen”

Der Plan: Die S&S soll zum schnellstmöglichen Zeitpunkt alle Anteile an der Kapitalgesellschaft übernehmen, in die der Lizenzspielerbereich aus dem Verein ausgegliedert wurde („Hannover 96 GmbH & Co. KGaA”). „Die Investoren werden 96 zu hundert Prozent übernehmen, das ist klar umschrieben”, sagt Kind. „Das Gründungsdatum der S&S ist ausschlaggebend”, bestätigt Kind gegenüber dem Wall Street Journal Deutschland seine Interpretation der 20-Jahresfrist. Derzeit hält die S&S 84,34 Prozent an der KGaA, der Rest liegt noch beim gemeinnützigen Hannoverschen Sportverein (HSV) von 1896 e. V. „Vereinbart ist, dass die S&S die restlichen Anteile des e.V. erwirbt. Ein Gutachten ist in Auftrag gegeben. Ein Verkauf ist sinnvoll”, sagt Kind dem Wall Street Journal Deutschland.

Damit verbunden: mehr Entscheidungsgewalt für die Geldgeber. Das gilt laut Kind insbesondere für drei Faktoren. „Die Gesellschafter wollen erstens entscheiden, wer Geschäftsführer wird in der Komplementär-GmbH. Sie wollen zweitens den Haushalt genehmigen. Das Dritte: Sie wollen die Investitionen in Infrastruktur, aber insbesondere im Transferbereich entscheiden”, so sagt es Kind. Wer die Musik bezahlt, soll auch bestimmen. Martin Kind hält das für eine Selbstverständlichkeit: „Als Eigentümer braucht man die Handlungsoptionen. Die Investoren machen es ja nicht, um ihr Geld zu vernichten.” Ins sportlich-operative Geschehen der Profimannschaft wolle man hingegen nicht hineinreden.

Eine große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sei bereits beauftragt, das Übernahmeszenario wasserdicht zu gestalten. Vor allem das mögliche Problem einer verdeckten Gewinnausschüttung beim Leistungsaustausch zwischen der KGaA und dem e.V. könne mit dem Verkauf ausgeschlossen werden, argumentiert Kind. „2017 werden wir spätestens den Antrag bei der DFL einreichen”, lässt er wissen. „Über den Inhalt kann ich aktuell keine Aussagen formulieren”, sagt er. Der Antrag sei „inhaltlich noch nicht ausgestaltet”.

Die DFL weiß offiziell nichts von den Hannoveraner Plänen. Motto: Kein Antrag, kein Kommentar. Dennoch wird die Frage, ob ein Investor auch die Anteilsmehrheit an der Fußball-Kapitalgesellschaft eines Bundesligisten übernehmen darf, definitiv auf den Vorstand des Ligaverbandes zukommen. Das Gremium, derzeit angeführt vom Dortmunder Präsidenten Reinhard Rauball, wird in einer pflichtgemäßen Ermessensentscheidung prüfen, ob das investierende Unternehmen 20 Jahre lang „den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert” hat – das ist die noch nicht weiter konkretisierte, aber gültige Phrase aus der Ligaverbands-Satzung.

Die 50+1-Regel im deutschen Fußball

Im deutschen Profifußball ist die Mehrheitsbeteiligung kommerzieller Investoren grundsätzlich verboten. Die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) etablierte 50+1-Regel sorgt dafür, dass der Mutterverein bei ausgegliederten Lizenzspielergesellschaften (in Form von GmbH, AG oder GmbH & Co. KGaA) stets mehrheitlich beteiligt ist. Ein Ziel von 50+1 ist es, die Chancengleichheit der Klubs zu bewahren. Ein DFB-Paragraph hatte jedoch 1999 für den VfL Wolfsburg (100-prozentige VW-Tochter) und Bayer 04 Leverkusen (100-prozentige Bayer-Tochter) Ausnahmen geschaffen. Damals wurde einem Investor nur dann eine Mehrheitsbeteiligung zugestanden, wenn dieser bereits 20 Jahre lang ununterbrochen im Klub aktiv war – dies allerdings vor dem 1.1.1999.

Die neue Stichtagsregelung

Diese Stichtagsregelung („Lex Leverkusen und Wolfsburg”) führte zu jahrelangen Konflikten zwischen dem Ligaverband und dem Präsidenten von Hannover 96, Martin Kind, der darin eine Ungleichbehandlung der Konkurrenz sah. Kind erreichte 2011 nach einem von ihm angestrengten Schiedsgerichtsverfahren die Abschaffung der Stichtagsregel. Die 50+1-Regel bleibt im Kern aber erhalten. Nun ist es also jedem Klub erlaubt, die Anteilsmehrheit an einen Investor zu verkaufen, sofern dieser zuvor 20 Jahre lang in erheblichem Maße engagiert war – der Startpunkt der Liaison ist unerheblich. Eine Konkretisierung der Neuerungen in der Satzung des Liga-Verbandes steht allerdings noch immer aus.

 

Ein Konsenspapier zur Definition dieser „erheblichen Förderung”, das die Bundesligisten noch verabschieden müssen, lässt noch auf sich warten. „Ich fürchte, dieser Prozess der Ausgestaltung wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen”, sagt Kind. Er wünscht sich, die DFL würde jetzt die Meinungsführerschaft übernehmen, um ein Papier vorzubereiten und zur Abstimmung zu bringen. „Da müssen Summen und Haltefristen drin stehen, zum Beispiel zehn Jahre”, sagt Kind. So könne man jeden Einwand, es gehe um spekulative Absichten, deutlich entkräften. „Wir werden eine relativ hohe Regelungstiefe bekommen, damit die in Deutschland gefürchtete Spekulation nicht eintritt.”

“Es ist ein Umgehungstatbestand”

Um das Szenario eines schwunghaften Handels mit den Anteilen zu unterbinden, darf das investierende Unternehmen laut Ligaverbandssatzung „Anteile an der Kapitalgesellschaft nicht weiterveräußern bzw. nur an den Mutterverein kostenlos rückübereignen”. Ansonsten werde der Kapitalgesellschaft die Lizenz entzogen. Doch es gibt Lücken – trotz dieser scheinbar klaren Worte.

Die Hannoveraner S&S ist kein klassisches Unternehmen wie etwa Adidas oder Audi. Diese Konzerne zum Beispiel sind bei der FC Bayern München AG schon heute mit jeweils knapp zehn Prozent beteiligt. S&S, dem Wesen nach eine Holding, hat als Konstrukt zwar im Jahr 2018 die erforderlichen 20 Jahre Bestand, doch maßgebliche Anteilseigner wie Meyer und Roßmann kamen erst 2012 an Bord. Gretchenfrage: Ist der Bestand einer Holding tatsächlich ausreichend für den Nachweis des Engagements über zwei Jahrzehnte?

Quelle: Hannover 96

Vermutlich ja. Doch der Hamburger Rechtsanwalt Jan Räker von der Kanzlei Prinz Neidhardt Engelschall sieht in einer Holding-Konstruktion nach dem Hannoveraner Muster „die ganz große Lücke, die DFB und DFL auch kennen und sehen, aber nicht geschlossen haben”. Für ihn steht fest: „Es ist ein Umgehungstatbestand: Eine Holding wie die S&S wird von den Regularien von DFB und DFL nicht erfasst”, sagt Räker. Anteile an der Holding-Gesellschaft könnten sehr wohl verkauft werden – so könnte der Verein in andere Hände gelangen. Denn der Holding gehört ja die Fußball-Lizenzspielerabteilung in Gestalt der KGaA. Nach Einschätzung Räkers werde der Ligaverband Kinds geplanten Antrag nicht ablehnen können. Kind wird sich durchsetzen.

Der kantige Hannoveraner will aber gar keine Bedenken aufkommen lassen, dass er und seine Mitstreiter möglicherweise die Lust verlieren könnten. „Wer sich zwanzig Jahre engagiert, der ist seriös, der identifiziert sich, der will auch nicht mit der Marke handeln”, wiegelt Kind Bedenken ab. Für ihn ist es ganz einfach: Er vertraut seinen Mitstreitern auf persönlicher Ebene. „Wir bei 96 haben es so geregelt: Wenn jemand Anteile abgeben will, haben Altgesellschafter immer zum Nominalwert ein Vorkaufsrecht.” Es sei am Ende nur eine Frage von Verantwortungsbewusstsein. „Die bösen Investoren fallen nicht vom Himmel, einer muss ihnen die Anteile ja verkaufen. Wer verkauft, steht in der Verantwortung. Der muss eben überlegen, an wen er verkauft.”

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland.

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