Wenn Finaltickets einen Kleinwagen kosten

Der Schwarzmarkt blüht, obwohl Bayern München und Borussia Dortmund ihre Kontingente noch gar nicht verkauft haben. Die Uefa kündigt Kontrollen an.

Heimspiel in Wembley! Wenn am 25. Mai in London die derzeit besten deutschen Mannschaften den wichtigsten Fußball-Klubtitel der Welt unter sich ausspielen, werden deutsche Fans in Scharen in die englische Hauptstadt reisen. Längst nicht alle haben dann ein Ticket für das Champions-League-Finale in der Tasche, viele fahren in der Hoffnung, noch vor Ort auf dem Schwarzmarkt fündig zu werden.

86.000 Auserwählte wird es geben, die dieses rein deutsche Finale in Wembley erleben dürfen. Die Nachfrage übersteigt die schon gewaltige Stadionkapazität um ein Vielfaches. „Wir hatten bis eben 200.000 Ticketanfragen“, berichtete eine Mitarbeiterin in der Geschäftsstelle von Borussia Dortmund am Donnerstag. Nur eine Momentaufnahme – die Kartenwünsche prasseln weiter im Minutentakt auf die Finalisten ein. Die meisten davon: unerfüllbar. „Am Ende werden es 400.000 bis 500.000 Anfragen sein“, schätzte BVB-Chef Hans-Joachim Watzke. Ein guter Tipp: Exakt 502.567 Kartenwünsche gingen ein, meldete der Verein zu Wochenbeginn. Die Antragsfrist endete am 5. Mai.

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Jeweils knapp 25.000 Karten bekamen Borussia Dortmund und Bayern München von der Europäischen Fußball-Union (Uefa) überreicht. Um die heiße Ware so gerecht wie möglich unter den Tausenden Fans zu verteilen, lassen sich die Vereine vom Kollegen Zufall helfen: Beide Klubs werfen in dieser Woche die Lostrommel an, Mitglieder können jeweils bis zu zwei Tickets ergattern.

Einen freien stationären Vorverkauf soll es nach Worten von Geschäftsführer Watzke bei extrem nachgefragten Spielen nicht mehr geben. Auslöser des neuen strengen Kurses ist der aus dem Ruder gelaufene Vorverkauf für das Halbfinal-Heimspiel gegen Real Madrid. Dort war es im April zu Schlägereien und Tumulten unter den Wartenden gekommen war.

Finaltickets – ein Fall für den Notar

Nun beginnt die spannende Zuteilung: Der Rekordmeister aus München lost nach eigenen Angaben unter notarieller Aufsicht aus – allerdings nur unter Vereinsmitgliedern. „Nichtmitglieder können aufgrund der enormen Nachfrage nicht bedient werden“, heißt es auf der FCB-Homepage.

Welcher Anteil des Bayern-Kontingents tatsächlich bei den Mitgliedern landet, will der Verein nicht mitteilen. Eine Anfrage des Wall Street Journal Deutschland, etwa nach der Höhe der Berücksichtigung von Klub-Sponsoren, blieb unbeantwortet.

In dieser Hinsicht lässt sich der Finalist aus dem Ruhrgebiet genauer in Karten gucken: 80 Prozent der exakt 24.042 zur Verfügung stehenden BVB-Karten gehen an Mitglieder, Fanclubs und Dauerkarteninhaber, satte zehn Prozent an Sponsoren und Partner. Fünf Prozent sind für Vereinsmitarbeiter und den Fanreisenanbieter besttravel Dortmund GmbH reserviert. Immerhin 1.202 Karten – ebenfalls fünf Prozent – landen aus dem schwarz-gelben Kontingent auf dem freien Markt.

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Herr im Hause in der Champions League – und damit verantwortlich für das Ticketing – ist die Uefa. Das Finale der Fußball-Elite Europas ist auch ein Stelldichein der Reichen und Schönen, ein Schaulaufen von Promis aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie werden großzügig bedacht. 9000 Karten waren im öffentlichen Verkauf des Verbands – natürlich sind sie längst vergriffen.

Die dreifache Menge davon vergibt die Uefa an Funktionäre und Partner aus der Wirtschaft. Ganze 27.000 Tickets, fast ein Drittel der Gesamtkapazität, werden in Form von VIP-Paketen und Freikarten Werbepartnern und Fußball-Funktionären aus allen 53 Uefa-Mitgliedsverbänden sowie Angehörigen des Organisationskomitees ausgehändigt. Experten sagen, dass gerade Freikarten aus solchen Kontingenten regelwidrig weitergereicht werden könnten.

Was machen die Spanier mit ihren Karten?

Die Uefa als Ausrichter der Champions League hat ihre öffentliche Verteilung schon am 15. März abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt waren noch acht Teams im Rennen – neben dem deutschen Duo auch drei spanische Teams und jeweils eines aus Italien, Frankreich und der Türkei. „Es ist zu vermuten, dass jetzt gerade in Spanien, aber auch in England als Gastgeberland etliche dieser früh verkauften Karten im Umlauf sind“, sagt der Münchener Rechtsanwalt Felix Holzhäuser von der Kanzlei Lentze Stopper.

Für Fans von Real Madrid oder dem FC Barcelona hält sich der Reiz eines Wembley-Besuchs angesichts des Ausscheidens ihrer Mannschaften nun in Grenzen. „So könnte es sein, dass Fans ausgeschiedener Vereine den trotz aller Verbote blühenden Schwarzmarkt speisen“, sagt Holzhäuser.

Ihnen winken erhebliche Profite – allerdings auf dem Rücken anderer Fans, die bei der Verlosung kein Glück hatten. Diese Form der Spekulation ist auch dem Veranstalter, der Uefa, nicht entgangen. Doch eine wirksame Strategie des Verbands, gegen den Schwarzmarkt vorzugehen, ist bislang nicht erkennbar.

Die Uefa gibt sich fannah und verweist auf die ursprüngliche Preisgestaltung: „Die Festlegung der Ticketpreise für das diesjährige Endspiel erfolgte in Absprache mit dem unabhängigen Fannetzwerk Football Supporters Europe“, heißt es beim Verband. Bei umgerechnet 71 Euro (60 Pfund Sterling) liegen die preisgünstigsten Karten, die teuersten Kaufkarten für die Öffentlichkeit kosteten gut 391 Euro (330 Pfund Sterling).

Inflationäre Preise bei Viagogo

Screenshot: mx, Stand 7.5.2013

Auf dem Schwarzmarkt steigen derweil die Preise rasant. Die Plattform Viagogo, die sich selbst als weltweit führender Onlinemakler zwischen Ticketverkäufern und Ticketkäufern darstellt, mag als Gradmesser für die Lukrativität des Wiederverkaufs von Karten dienen. Auf der Internetseite von Viagogo steht das günstigste Ticket für das Finale derzeit bei 2.304 Euro. Schon seit Wochen werden auch VIP-Pakete in der digitalen Auslage offeriert, etwa ein „VIP Gold Hospitality Package“ für 31.427 Euro – der Wert eines Autos für ein einziges Ticket. Erstaunlich auch deshalb, weil die Uefa nicht mit Viagogo kooperiert und alleine den Verkauf der Hospitality-Pakete abwickelt.

Heimspiel in London, das gilt auch für Viagogo. Das Schweizer Unternehmen hat die operative Zentrale in die Londoner City verlegt. Steve Roest, European Business Development Director, spricht von einer stetig wachsenden Nachfrage aus Deutschland – jetzt, da der BVB auf Bayern München treffen wird.

Sicher ist: Die heiße Phase der Champions League schafft eine Sonderkonjunktur für die Ticketbörse. „Wir haben mehrere Tausend Tickets für die Halbfinalspiele der Champions League verkauft“, sagte Roest in einem Interview mit dem Sportbusiness-Portal JP4. Roest ist um Imagepflege bemüht, die Kartenbörse ist auch wegen der oft hohen Preise bei Fans in der Bundesliga umstritten.

Quelle: obs/viagogo

Üppige Sponsorings bei Bundesligisten sollen helfen, das Ansehen zu verbessern – doch der gegenteilige Effekt stellte sich bisweilen ein, etwa beim Kurzzeitpartner Hamburger Sportverein. Nach massiven Fanprotesten entschloss sich der HSV-Vorstand im Vorjahr zur außerplanmäßigen Kündigung.

Finalist Bayern München zählt zu den offiziellen Viagogo-Partnern – noch. „Wir werden den Vertrag mit Viagogo, der zum Ende der Saison 2013/14 ausläuft, nicht verlängern“, hatte Klubpräsident Uli Hoeneß dem Portal Merkur-Online gesagt. Ob Viagogo als „Classic Partner“, also Bayern-Sponsor in dritter Ebene, beim Wembley-Finale mit VIP-Karten vom Rekordmeister bedacht wird? Weder der Verein noch Viagogo wollten sich hierzu auf Anfrage äußern.

Ein Gesetz könnte den Klubs helfen

Der Ticketingleiter des BVB, Matthias Naversnik, ist ebenso wie Geschäftsführer Watzke schlecht auf Kartendealer zu sprechen. Sie seien in Dortmund schon zum Halbfinalspiel unangenehm in Erscheinung getreten, sagte Naversnik im Interview. Während der Ticketmarkt in einigen europäischen Ländern schon gesetzlich reguliert ist, agieren die Händler in Deutschland in einer noch großen juristischen Grauzone. „Einfacher für die Vereine wäre es, wenn das gewerbsmäßige Handeln auf Internetauktionsbörsen und Zweitmarktplattformen per Gesetz untersagt würde“, sagt Naversnik.

Sind Plattformen wie Ebay, Viagogo, Seatwave oder Straßenhändler eine Alternative für die Fans, die verzweifelt ein Finalticket suchen? Definitiv nicht, sagt die Uefa. „Wir raten, nicht der Versuchung zu erliegen, Tickets auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Dort werden oft exorbitante Preise verlangt und die angebotenen Karten sind häufig gefälscht“, teilte der Verband auf Anfrage mit. Selbst wer Originalkarten aus zweiter Hand kauft, läuft Gefahr, damit nicht ins Stadion zu kommen.

Scotland Yard fordert beim Champions-League-Finale eine elektronische Namensliste, die Uefa verlangt eine Personalisierung der Karten. Fest steht: Man sollte seinen Ausweis einstecken. Die Uefa kündigte gegenüber dem Wall Street Journal Deutschland Kontrollen für den 25. Mai an: „Alle Karten sind personalisiert, keine Karten werden über Agenturen oder Broker verkauft. Es wird Kontrollen an den Eingängen geben, und sollte die Karte von jemand anderem benutzt werden als dem ursprünglichen Besitzer, wird der Eintritt verweigert.“

Die Ankündigung könnte den Beginn einer härteren Gangart markieren. Wer aber den Gegenwert eines Kleinwagens in ein wertloses Stück Papier investiert hat, dürfte am Ausgang der Partie kein so großes Interesse mehr verspüren – Bayern hin, Dortmund her.

Thomas Mersch und Stefan Merx für Wall Street Journal Deutschland

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