„Der Aufsichtsrat überwacht sich selbst“

Der Aufsichtsrat des FC Bayern sei ein Wohlfühlgremium, sagt der Wirtschaftsethiker Matthias Fifka. Die Mitglieder agierten in der Hoeneß-Affäre zu zögerlich.

Das Kontrollgremium des FC Bayern München hat sich bislang mit Aussagen zum Fall Hoeneß zurückgehalten. Matthias Fifka, Inhaber des Dr. Jürgen Meyer Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Cologne Business School, erklärt im Interview, in welcher schwierigen Situation die Räte stecken.

Quelle: privat

Herr Fifka, die Steueraffäre um Uli Hoeneß geht nun in die dritte Woche. Am Montag tagt jetzt der Aufsichtsrat der FC Bayern München AG. Dessen Mitglieder haben sich bislang gar nicht öffentlich zum Thema geäußert. Kann das Gremium noch länger schweigen?

Ich bin der Meinung, dass der Aufsichtsrat Stellung beziehen sollte. Allerdings ist es seine primäre Aufgabe, den Vorstand zu überwachen – und dort ist Hoeneß nicht vertreten.

Aber Hoeneß ist Präsident des Vereins, dem Haupteigentümer der AG, die der Aufsichtsrat überwachen soll.

Und aufgrund der Satzung ist er durch dieses Amt selbst Teil des Aufsichtsrats, sogar als Vorsitzender. Da liegt die strukturelle Krux: Der Aufsichtsrat überwacht sich gewissermaßen selbst. Die anderen Mitglieder im Aufsichtsrat können Hoeneß nur mit Nachdruck nahelegen, sein Amt ruhen zu lassen oder niederzulegen. Entlassen können ihn nur die Vereinsmitglieder, die ihn auch ins Präsidentenamt gewählt haben. Wollte man es vor der nächsten Jahreshauptversammlung im November tun, müsste das durch eine außerordentliche Versammlung geschehen. Allerdings stehen die Mitglieder anscheinend hinter ihrem Präsidenten.

Dem Verein scheint die Affäre kaum zu schaden. Er steht im Champions-League-Finale, ist wirtschaftlich kerngesund. Bislang ist es nur die Affäre der Privatperson Hoeneß.

Das macht es für den Aufsichtsrat auch so schwierig, Stellung zu beziehen. Trotzdem muss man hinterfragen, ob jemand, der der oberste Kontrolleur sein soll und gleichzeitig mit einem derartigen Makel behaftet ist, das Amt noch glaubhaft ausführen kann. Ich denke, er kann es nicht mehr und deshalb sollte sich auch das Gremium äußern. Hoeneß hätte selbst handeln und zurückzutreten sollen.

Warum tut er es wohl nicht?

Er ist ja nicht der erste, der seinen Posten so lange wie möglich hält. Wir haben das bei Machtmenschen, wie Hoeneß sicher einer ist, in letzter Zeit häufig beobachten können: Sowohl der damalige Bundespräsident Christian Wulff, als auch die Minister Annette Schavan oder Karl-Theodor zu Guttenberg hatten das Maß verloren, einzuschätzen, wann es an der Zeit war, abzutreten. Sie hätten damit sich und ihren Ämtern einen Gefallen getan.

Wie schätzen sie die Zusammensetzung des Aufsichtsrats ein?

Wie viele Aufsichtsräte ist auch der des FC Bayern in erster Linie ein Wohlfühlgremium: Ein Klub von Männern, die sich schon sehr lange kennen und die gut miteinander können. Man geht sich nicht gegenseitig an. Außerdem hat Uli Hoeneß einen so herausragenden Status, dass die Mitglieder zögern, Stellung gegen ihn zu beziehen.

Immerhin sind aber auch die Vorstandsvorsitzenden von Audi, Adidas und VW Mitglieder des Aufsichtsrats. Müssten sie nicht auch deshalb handeln, damit die Affäre nicht auf ihre Unternehmen abfärbt?

Ein Imageschaden für die Unternehmen lässt sich meines Erachtens bislang nicht feststellen. Zum einen überschattet der sportliche Erfolg des FC Bayern vieles. Zum anderen ist derzeit nur Uli Hoeneß als Privatperson betroffen und nicht in seiner Funktion als Amtsträger – dieser Unterschied ist maßgeblich. Wie schnell Sponsoren aber reagieren können, sieht man bei Dopingverstößen. Im Fall Lance Armstrong waren nach kurzer Zeit die Sponsoren weg und fordern jetzt sogar ihr Geld zurück. Auch die Deutsche Telekom hat ihren Radrennstall nach dem Dopingskandal schnell fallen gelassen.

Quelle: Александр Корчик [CC-BY-SA-3.0] via Wikimedia Commons

Die Sponsoren haben sich allesamt strenge Compliance-Richtlinien gegeben. Danach ist oft schon eine Einladung vom Geschäftspartner zu einem Fußballspiel eine delikate Angelegenheit. Wie passt das mit dem Verhalten der Unternehmen in der aktuellen Situation zusammen?

Hoeneß ist kein Angestellter von Audi oder Adidas, er ist bei Bayern München beschäftigt. Die Regeln würden für ihn sowieso nicht gelten. Außerdem hätte er auch gegen keine verstoßen. Bislang dreht sich die Affäre um ihn persönlich, nicht um ihn in seiner Funktion. Mit einem unmittelbaren Verstoß gegen Compliance-Regeln lässt sich also nur schwer argumentieren. Allerdings wird das Thema Compliance bei den Sponsoren durch die Causa Hoeneß weniger glaubwürdig. Man könnte fragen: Worin liegt der Sinn von Compliance-Regeln für die eigenen Mitarbeiter, wenn ich eng mit einem Unternehmen zusammenarbeite, dessen Aufsichtsratsvorsitzender Steuern im großen Stil hinterzogen hat?

Hoeneß hat sich selbst wegen Steuerhinterziehung angezeigt und die mit ihm verbundenen Unternehmen, die sich nur zu gerne als gesellschaftlich verantwortungsvolle Konzerne darstellen, interessiert das bislang nicht. Wie passt das zusammen?

Das ist in der Tat ein Problem, aber in erster Linie ein gesellschaftliches. Es ist doch in gewisser Weise noch immer ein Volkssport, Steuern, wenn nicht zu hinterziehen, so doch zu umgehen, wo immer es möglich ist. Es wird honoriert, wenn es jemand schafft, seine Steuern durch irgendwelche Tricks zu minimieren. Solche Leute werden als kluge Köpfe anerkannt. Steuerflucht wird bei Weitem als nicht so dramatisch angesehen wie andere Verbrechen.

Malte Laub für Zeit Online.

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