Seatwave-Chef Joe Cohen: „Der HSV war nicht ganz aufrichtig“

Seatwave-Chef Joe Cohen kündigt im JP4-Interview mehr Wachstum an. Ein Gespräch über Ticketspekulation, Transparenz und die Konkurrenz zu Viagogo und Stubhub.

Quelle: Cohen

Das Oberlandesgericht Hamburg hat am 13.6. die Klage des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV gegen Seatwave abgewiesen. Im Interview mit JP4 äußert sich Joe Cohen, Gründer und Chairman der Online-Ticketbörse Seatwave, unmittelbar nach der Verkündung des Urteils zum Fall.

Herr Cohen, die Klage des HSV gegen Ihr Unternehmen ist abgewiesen worden. Welche Bedeutung hat das Urteil für Sie?

Es ist wichtig, weil es das Geschäftsmodell stärkt, das wir seit fünf bis sechs Jahren in Deutschland mit wachsendem Erfolg betreiben. Es ist noch zu früh, über die genauen Gründe des Gerichts zu sprechen. Aber es ist natürlich eine gute Nachricht, zumal der Klub nicht in Revision gehen kann.

Wie man liest, hat der zwischenzeitliche Vertragsabschluss des HSV mit Ihrem Konkurrenten Viagogo eine große Rolle für das Gericht gespielt. Der Verein hat seine eigenen Argumente wie den Erhalt eines sozialen Preisgefüges damit faktisch entkräftet. Sind Sie Viagogo dankbar?

Wir sind Viagogo extrem dankbar (lacht). Es war uns sehr klar, dass der HSV seine Position durch das eigene Verhalten kompromittiert hat. Wir glauben auch, dass der HSV nicht ganz aufrichtig war in seiner Argumentation. Der Verein hat den Wiederverkauf unterstützt, solange er ihm den Großteil des wirtschaftlichen Nutzens versprach.

Es wurde auch mit Sicherheitsbedenken gegen den Ticketweiterverkauf argumentiert. Die Karten könnten so in die Hände einschlägiger Fans kommen – und die beabsichtigte Trennung der Fangruppen würde unterlaufen. In England wird dieser Punkt so wichtig genommen, dass der Weiterverkauf bei Fußballspielen gesetzlich verboten ist. Ist an dem Argument nichts dran?

Ich denke, es gibt sicher bessere Wege, um gegen Fanrandale vorzugehen. Es gibt nach wie vor einen großen Schwarzmarkt in Großbritannien und anderen Ländern, wo niemand eine Ahnung hat, wer am Ende mit dem Ticket das Stadion betritt. Es gäbe Technologien, um Ticketverkäufe an eine Identifizierung zu koppeln. Wir denken, dass das Erlauben des Weiterverkaufs samt einer Personalisierung eine viel bessere Lösung wäre, um zu verhindern, dass die falschen Leute reinkommen. So wüsste man genau, wer wo sitzt. Es ist ein größeres Thema: Für Fußballklubs und Veranstalter insgesamt wäre es hilfreich, zu einem personalisierten Ticketmodell zu kommen, das auch beim Weiterverkauf gilt. Auch unter Marketinggesichtspunkten wäre es für Veranstalter sinnvoll.

Würde solche völlige Transparenz nicht den Ticketzweitmarkt verhindern? 

Nein, in Italien zum Beispiel teilen wir die Ausweisnummer des Ticketkäufers dem Fußballklub schon jetzt mit.

In Deutschland steht der Ticketzweitmarkt auch deshalb in der Kritik, weil angeblich viele gewerbsmäßige Verkäufer aktiv sind. Es gehe längst nicht mehr um den gelegentlichen Verkauf von Fan zu Fan. Ist der Ticketzweitmarkt ein ehrliches Geschäft?

Ich weiß nicht, ob es ein ehrliches Geschäft ist. Aber es ist eine legale Aktivität. Und in jedem Markt gibt es Spekulanten. Niemand mag die Spekulanten – bis zu dem Moment, wo man genau das haben möchte, was sie gerade vermarkten. Die Wahrheit ist: Auf Märkten sorgen die Spekulanten dafür, dass sie funktionieren. Sie sorgen für Liquidität und sie dienen der Preisfindung für den gesamten Markt. Quer durch die Bank reden alle gerne schlecht über Spekulanten, aber wir alle hängen von ihnen ab im täglichen Leben.

Wenn aber Ticketplattformen wie Seatwave oder Viagogo selber über spekulative Käufe ins Geschäft eingreifen: Wäre es dann illegal?

Ich weiß nicht, ob es illegal ist. Wir waren immer der Auffassung, dass wir keine Teilnehmer des Marktes sein sollten, sondern den Marktplatz für andere bereitstellen. Wir dachten immer, es wäre ein Konflikt mit unseren Kunden, wenn wir auf dem Markt mitmischen würden, den wir bereitstellen. Nicht jeder denkt so. Es scheint mir aber keine Frage der Legalität zu sein.

Können Sie ausschließen, dass Seatwave mit Tickets spekuliert?

Ja, ich bin sicher, dass wir nicht mit Tickets spekulieren.

In Deutschland hat sich Viagogo zuletzt eine starke Position geschaffen – über Kooperationsverträge mit zehn Vereinen in der ersten und zweiten Bundesliga. Wie sehen Ihre Pläne in Deutschland aus?

In allen unseren Märkten haben wir nie die Strategie gewählt, Kooperationen mit Vereinen zu schließen. Wir denken, es ist besser, Partner der Fans zu sein. Wir wollen unser Marketingbudget so investieren, dass wir direkt mit den Kunden, die zu den Events gehen, sprechen können. Und sie nicht über die Vereine ansprechen – es ist ein anderer Ansatz.

Der Viagogo-Ansatz scheint kostenintensiv zu sein. Die Klubsponsorings lässt sich Viagogo teils sechs- oder siebenstellige Summen kosten. Glauben Sie, dass Viagogo auf dem deutschen Fußballmarkt insgesamt Geld verbrennt?

Nach allem, was wir wissen, ist es sehr schwer, über diese Deals noch Geld zu verdienen. Die Fußballklubs sind es gewohnt, Millionen über Bandenwerbung einzunehmen und dort aus ihren Sponsoren alles rauszuholen. Wenn man auf Reichweite aus ist, gibt es bessere Wege, als eine Partnerschaft mit einem Fußballklub einzugehen. Ich weiß aber nicht, wie Viagogo das betrachtet.

Seatwave behauptet „Europas Ticketbörse Nr. 1“ zu sein, auch Viagogo nimmt den Titel „Europas größte Ticketbörse“ in Anspruch. Wer hat Recht?

Ich denke, es geht nicht um die Größe, sondern darum, wer die Kunden am besten behandelt. Wenn man die Bewertungsseiten ansieht, liegt Seatwave immer vorne, was die Kundenzufriedenheit angeht.

Haben Sie Erkenntnisse, warum Alex Zivoder nicht mehr Managing Director Europe bei Viagogo ist?

Ich habe da keine Einblicke. Ich denke, Alex hat einen sehr guten Job gemacht. Ich vermute also, dass er auf eigenen Wunsch gegangen ist.

Werden wir mehr Seatwave in Deutschland sehen in der kommenden Saison?

Ja, bestimmt. Auf keinen Fall weniger.

Wie sehen Sie die Rolle der Ebay-Tochter Stubhub? Drängt das US-Unternehmen jetzt massiv auf den europäischen Ticketzweitmarkt?

Sie sind sehr engagiert. Als jemand, der auch ein US-Geschäft in Europa aufgebaut hat, weiß ich, vor welchen Herausforderungen sie stehen. Sie sind entschlossen, es richtig anzugehen. Es wird eine Weile dauern, aber sie werden sich weiter verbessern. Das Wachstum von Stubhub hilft, noch mehr Leute mit dem Businessmodell vertraut zu machen und Aufmerksamkeit zu schaffen für den Zweitmarkt.

Der Markt für die Ticketverkäufe ist also nicht zu klein, geht es nicht schon um Verdrängung?

In drei oder vier Jahren wäre es vielleicht so. Aber ich glaube, das Auftreten von Stubhub hilft dem Markt heute noch sehr.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Stefan Merx für JP4

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