Oliver Kaiser zum Radsport: „Die jungen Fahrer tragen ein schweres Erbe“

Zum Auftakt der Tour de France erklärt der Faspo-Präsident, was passieren muss, damit Radsport in Deutschland wieder attraktiv für Sponsoren werden kann.

Foto: Faspo

Oliver Kaiser ist Präsident des Fachverbandes für Sponsoring und Sonderwerbeformen (Faspo). Der Verband sieht sich als zentrale Interessenvertretung der Sponsoring-Dienstleister im deutschsprachigen Raum.

Herr Kaiser, nach Umfragen Ihres Verbandes haben sich 2004 noch 17 Prozent der Unternehmen in Deutschland im Radsport engagiert – im vergangenen Jahr waren es nur sechs Prozent. Welche Rolle hat der Radsport noch als Plattform für Sponsoren?

Der Radsport hat aufgrund der immer wiederkehrenden Doping-Fälle und-Diskussionen massiv an medialer Bedeutung verloren, vor allem im Fernsehen. Dies ist aber vor allem auch ein verstärkt deutsches Phänomen, da in anderen Ländern weiterhin substanziell über die Tour de France berichtet wird. Auch die hohen Vor-Ort-Zuschauerzahlen in Frankreich belegen das noch weiterhin vorhandene hohe Grundinteresse an dem sportlichen Highlight.

Gibt es denn erste Anzeichen für einen Wandel?

In Deutschland gibt es mit Fahrern wie Tony Martin, John Degenkolb oder André Greipel eine junge und erfolgreiche Generation von Radprofis, die dieses schwere Erbe nun tragen müssen und nur über die Zeit wieder den erhofften Aufschwung geben können – solange sie nicht selber betroffen sind.

Was muss passieren, damit das gelingt?

Ein wichtiger Punkt für den Aufbau von Glaubwürdigkeit ist Stringenz in der Umsetzung. Und genau hier hat der Radsport ein Problem: es sind immer noch zu viele ehemalige und teilweise geständige Doper im direkten oder indirekten Umfeld des Profiradsports aktiv, sei es als Team-Manager, Sportlicher Leiter, oder ähnliches.

Wie ist die aktuelle Situation in Deutschland genau?

Der Blick auf die Sponsorenlandschaft zeigt, dass es momentan kein großes, deutsches Profiradsport-Team gibt, welches einen großen deutschen Sponsor aufweisen kann und zugleich bei den Rennen der UCI ProTour gesetzt ist. Auch der nationale Verband trägt mit JA Solar kein deutsches Unternehmen, sondern einen aus Asien stammenden Hersteller von Hochleistungs-Solarprodukten auf der Brust.

Und weltweit ist weiterhin alles in bester Ordnung?

Nein. Was mit der Telekom begann, setzt sich weiter fort. Im letzten Jahr hat sich Rabobank, einer der langjährigsten und größten Sponsoren des Radsports, nicht zuletzt aufgrund der hohen Anzahl an Dopingfällen aus dem Radsport verabschiedet. Mit der Folge, dass selbst große Teams immer schwerer adäquate Hauptsponsoren finden, wenn auch ein Radsport-Engagement aus Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten grundsätzlich attraktiv wäre.

Hat mit den Beichten der ehemaligen Superstars nicht die Bereinigung begonnen?

Die aktuellen Dopinggeständnisse von Lance Armstrong und Jan Ullrich kamen nicht überraschend, aber verdeutlichen, wie tief systematisches Doping in der Profi-Radsportwelt verankert war und gegebenenfalls noch ist. Dabei ist der Radsport in vielen Bereichen der Anti-Dopingbemühung führend und aktiv, was sich unter anderem an den vielfältigen Aufdeckungen ableiten lässt. Letztendlich wird die fehlende Integrität des Radsports auch zukünftig eine der Hauptbaustellen bleiben ­ und es bleibt abzuwarten, ob die 100. Tour de France zum Jubiläum ohne Dopingskandal auskommen wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Manuel Heckel für JP4

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