Schalke setzt Viagogo vor die Tür

Nach dem HSV springt nun auch Schalke 04 überraschend als Viagogo-Partner ab. Die Expansionsstrategie des umstrittenen Ticketmaklers gerät ins Stocken.

Quelle: Schalke 04

Schalke 04 hat im Kampf gegen den Schwarzhandel eine Kehrtwende hingelegt – und nach neun Tagen Vertragslaufzeit die Partnerschaft mit dem Ticketzweitmarkt Viagogo gekündigt. Als Grund für die nach Schalke-Darstellung „fristlose Kündigung“ gibt der Klub ein vertragswidriges Verhalten des Dienstleisters an. Viagogo steht bei Tausenden Fans der Bundesliga im Ruf, der Preistreiberei Vorschub zu leisten und die Ticketspekulation aus kommerziellen Motiven anzuheizen.

Schalke will ab sofort nun nicht mehr gemeinsame Sache machen. Das von London aus operierende Unternehmen Viagogo habe „von Beginn an vertragliche Regelungen trotz mehrfacher Aufforderungen nicht eingehalten“, heißt es in einer Erklärung des Vereins am heutigen Dienstag. „Nach erfolglosen Abmahnungen haben die Königsblauen daraus die einzig mögliche Konsequenz gezogen: Der FC Schalke 04 hat den Vertrag mit Viagogo fristlos gekündigt.“

Zu den Umständen der überraschenden Scheidung gibt es derzeit nur schriftliche Stellungnahmen beider Parteien. Der Schalker Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies, der noch auf der Jahreshauptversammlung am 29. Juni für den umstrittenen Ticket-Vertrag von vielen Rednern heftig kritisiert wurde, ließ über die Vereinshomepage wissen: „Verträge sind dazu da, um eingehalten zu werden – das gilt immer für beide Vertragspartner. Viagogo hat durch sein Verhalten gezeigt, dass ihnen dazu der Wille fehlt.“

Viagogo ließ über eine PR-Agentur ausrichten: „Wir haben alle Aspekte unseres Vertrags erfüllt. Die Ankündigung, dass Schalke 04 die Partnerschaft mit uns nach nur einer Woche lösen will, hat uns daher sehr überrascht.“

Zweite große Kündigung nach Hamburger SV

Viagogo steht nun am Scheideweg, denn bereits der Hamburger SV hatte Ende 2012 nach nur wenigen Wochen den Viagogo-Vertrag gekündigt. Noch sieben Fußball-Bundesligisten haben gültige Viagogo-Verträge, das große Zugpferd jedoch fehlt.

Der Vertrag in Gelsenkirchen sah über drei Jahre eine Sponsoringsumme in Höhe von 3,6 Millionen Euro vor. Dafür durfte Viagogo mit der Klubpartnerschaft werben – eine erhebliche Marketinginvestition ins angekratzte Image. Eine weitere Gegenleistung im verhandelten Paket: Viagogo hätte pro Saison jeweils 300 Karten für zehn Partien für den Direktverkauf bekommen sollen.

Der maximal zulässige Preisaufschlag von Schalke-Tickets, die über Viagogo gehandelt werden sollten, hätte bei Schalke-Heimspielen 100 Prozent betragen sollen. Generell kassiert Viagogo nach dem offiziell kommunizierten Geschäftsmodell 25 Prozent Provision bei Tickettransaktionen.

Nach Tönnies Worten habe man „mit Argusaugen auf die Einhaltung des vereinbarten Regelwerkes“ geachtet. Um welche Regelverstöße es genau ging, sagte der Schalke-Boss nicht. Marketingvorstand Alexander Jobst sprach von „mehrfacher Intervention sowie anschließenden Abmahnungen“ ab dem 1. Juli.

„Vianogo“ lieferte dem Verein Indizien

Die Gegner des Deals in Gelsenkirchen, die sich unter anderem in der Initiative „Vianogo“ zusammengeschlossen haben, hatten in den vergangenen Tagen Indizien für mögliches Fehlverhalten Viagogos zusammengetragen und in einem offenen Brief an Jobst gemeldet. Auffällig war laut www.vianogo.de, dass für zwölf Heimspiele „jeweils insgesamt zwischen 74 und 77 Tickets für die Blöcke U, 51 und 9 angeboten“ worden seien. Zu diesem Zeitpunkt hätten Privatverkäufer noch gar keine Tickets einstellen können. Die Aktivisten schlussfolgern, „dass die angebotenen Tickets allesamt aus dem S04-Kontingent stammen“. Ob dem so ist, bleibt Spekulation.

Quelle: Verein

Vorstand Jobst bedankte sich zumindest öffentlich für die Hinweise: „Mein Dank gilt allen Schalkerinnen und Schalkern, die uns auf konstruktive Weise auf das Fehlverhalten von Viagogo aufmerksam gemacht haben.“ Schalke 04 hat die frühere Tauschbörse „Fansale“, auf der Tickets vor der Viagogo-Ära zum aufgedruckten Preis weiterverkauft werden durften, am 30. Juni abgeschaltet. Gut möglich, dass Jobst bald wieder mit dem Fansale-Betreiber Eventim reden muss.

Jobst versuchte, den Schlingerkurs in Sachen Viagogo mit einer Lernkurve zu begründen: „Grundsätzlich müssen gescheiterte Verträge unbedingt eine Ausnahme in unserem Handeln bleiben. Wir haben damals die Möglichkeit gesehen, den Schwarzmarkt einzudämmen und zudem einen wirtschaftlichen Vorteil zu erzielen. Wir mussten nun einsehen, dass das mit diesem Partner nicht möglich ist.“

Viagogo will sich von dem herben Rückschlag nicht schrecken lassen, heißt es in der PR-Mitteilung: „Wir sind nicht auf eine Partnerschaft mit den Fußballclubs angewiesen, um einen transparenten Marktplatz anzubieten. Wir sind in Deutschland weiter auf Wachstumskurs.“ In der Tat stellt Viagogo ungebremst auch Tickets von Heimspielen solcher Klubs ein, die zum Teil erklärte Gegner des Geschäftsmodells sind – wie etwa Borussia Dortmund. In diesen Fällen sind die Preise auch ungedeckelt, die Preistreiberei finde zum Teil noch exzessiver statt, bemängeln Fans.

Die Ticketübergaben laufen zum Teil unter zwielichtigen Umständen ab, wie ein Test von jp4sport.biz in Dortmund belegt. Die Übergabe von Dauerkarten erfolgte in einem Hotelzimmer in Stadionnähe, begleitet von Strafandrohungen.

In Gelsenkirchen wird sich Viagogo nun wohl auch ein Hotel suchen müssen.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

 

Kommentare (2)

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    Carsten

    Toll,dass ich jetzt keinen Weg mehr habe, meine Karten legal an dritte z u verkaufen. Für mich war Fansale eine super Sache, jetzt geht nichts mehr, nur wegen der falschen Gier des Vereins….

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