Viagogos zukünftige Ex-Freunde

Viagogo hat an Reputation eingebüßt. Eine Umfrage zeigt: Nach dem HSV und Schalke überdenken auch weitere Bundesligisten ihre Liaison mit der Ticketbörse.

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2012 war ein gutes Jahr für Steve Roest. Unermüdlich bereiste der Viagogo-Manager – offizieller Titel: European Business Development Director – ganz Deutschland, um mit Bundesliga-Klubs Partnerschaftsverträge abzuschließen. Sieben Vereine standen zwischen Januar und November 2012 in seinem Auftragsbuch. Gut gelaunt sagte Roest damals: „Es ist wahrscheinlich, dass in Zukunft die Vereine, die nicht mit uns arbeiten wollen, in der Minderzahl sein werden.“ Und forsch kündigte er an: „Wir streben eine Partnerschaft mit jedem an, auch mit dem DFB. Wir werden in der nächsten Zeit mit dem DFB sprechen und hoffen, dass der DFB einer unser Partner werden wird.“

Das Blatt hat sich gewendet. Mit dem plötzlichen Ausstieg von Schalke 04 nach nur neun Tagen Vertragslaufzeit hat die Expansionspolitik einen empfindlichen Dämpfer bekommen. Die Basis bröckelt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Unternehmen noch viele potenzielle Partner in der Bundesliga finden wird“, sagt Schalkes Marketingvorstand Alexander Jobst. Ende vergangenen Jahres hatte schon der Hamburger SV vorzeitig die Kooperation beendet.

Die Viagogo-Welt wird komplizierter. Es gibt nicht nur Freunde und Nicht-Freunde. Neu hinzugekommen sind die Kategorien verkrachte Ex-Freunde – wie Schalke oder der HSV – sowie die Kategorie zukünftige Ex-Freunde. Das Wall Street Journal Deutschland hat bei den Viagogo-Partnern in der ersten Bundesliga nachgefragt. Vieles spricht dafür, dass nach Ablauf der kommenden Saison bestenfalls vier der bestehenden Partnervereine übrig bleiben.

Die Treuen

Auf diese Klubs kann sich Viagogo verlassen – zumindest, wenn man den offiziellen Stellungnahmen Glauben schenkt.

1899 Hoffenheim

Die Partnerschaft mit 1899 Hoffenheim wird in der Saison 2013/14 fortgesetzt. „Grundsätzlich prüfen wir alle unsere Engagements sorgfältig. Wir haben bislang keine negativen Erfahrungen hinsichtlich unserer Partnerschaft mit Viagogo gemacht“, sagt Kommunikationsleiter Holger Tromp. „Das gilt für die Einhaltung der Vertragsinhalte genauso wie für die Reaktionen von außen.“ Was nach 2013/14 geschieht, ist nicht definiert.

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1899 Hoffenheim hat Viagogo sicher nicht aus Finanznot ins Boot geholt. Mit geschätzten 200.000 Euro Saisoneinnahmen für den Klub hat der Viagogo-Deal in Hoffenheim eher bescheidene Ausmaße. Hoffenheim wurde im November 2012 zum Partner – mitten in einer heißen Phase, als in Hamburg schon Fanproteste hochkochten. Der Schulterschluss hatte so für Viagogo einen hohen symbolischen Wert – während der Klub darin nach eigenen Angaben ein reines Servicethema für die Fans sah, die so bequem ungenutzte Dauerkarten weiterverkaufen konnten.

Viagogo darf zunächst weiter als exklusiver Zweitmarkt agieren, muss beim Weiterverkauf aber die Preis-Obergrenze von 100 Prozent über dem Nennwert beachten. Daneben belegt Viagogo Werbeplätze in der 3. Sponsorenebene und nimmt dem Klub ein Ticketkontingent für den Erstvertrieb in nicht genannter Höhe ab. Das ist ein eher mühsames Geschäft. Denn ausverkauft ist die Wirsol Rhein-Neckar-Arena nur bei wenigen Spitzenspielen. Von den 30.150 Plätzen waren im Schnitt in der vergangenen Saison knapp 25.000 belegt.

VfB Stuttgart

„Es gibt für uns derzeit keine Veranlassung, das bis zum 30.06.2014 laufende Vertragsverhältnis in Frage zu stellen“, sagt Ulrich Ruf, Finanzvorstand des VfB Stuttgart: „Wir pflegen generell ein gutes Verhältnis zu all unseren Vertragspartnern und werden nur dann aktiv, wenn ein Vertragsbruch vorliegt.“

Jedoch musste Viagogo offenbar erst lernen, sich an die Regeln zu halten. Zu Beginn des Vertragsverhältnisses habe es Fälle gegeben, „in denen laut Auskunft von Viagogo aufgrund eines Computerfehlers einzelne Karten zu Preisen angeboten wurden, die über den verabredeten Konditionen lagen“, teilt der Klub mit. „Dies wurde aber auf unsere Intervention umgehend geändert. In der Folge haben wir regelmäßig Prüfungen unternommen und es ist uns seither kein Fall mehr bekannt“, sagt Ruf.

Viagogo erhält in Stuttgart für alle Heimspiele ein Kontingent in Höhe von 1.000 Tickets, die laut Ruf auf Provisionsbasis verkauft werden dürfen. Aufschläge auf den Nennwert sind dagegen nicht erlaubt. „Tickets aus diesem Kontingent dürfen nur zum VfB-Endkundenabgabepreis des Tickets exklusive Gebühren und Versandgebühren verkauft werden.“ Ein offenbar schwieriges Geschäft für Viagogo – nur zwei Mal habe die Online-Ticketbörse das maximale Kontingent abgerufen.

Andere Regeln gelten, wenn Viagogo als Ticketbörse für Tages- und Dauerkartenbesitzer tätig wird. 100 Prozent Aufschlag – exklusive Gebühren und Versandgebühren – sind dann nach dem VfB-Vertrag erlaubt. Freilich fällt es auch in Stuttgart schwer, Aufschläge zu erzielen. Grund: Nur bei den beiden Ligaspielen gegen die Bayern und gegen Dortmund war die Mercedes-Benz-Arena in der vergangenen Saison ausverkauft. Und selbst da habe es laut Ruf die Möglichkeit gegeben, „am Spieltag noch Karten zu den üblichen Preisen beim Verein zu kaufen“.

1. FC Nürnberg

„Die Zusammenarbeit mit Viagogo ist für den 1. FC Nürnberg nicht nachteilig“, sagt Klubsprecherin Luana Valentini. „Die Vertragsinhalte werden beidseitig erfüllt.“ Der Zweijahresvertrag der Franken läuft noch ein Jahr. Ob es weitergeht, lässt Valentini offen: „Eine Verlängerung der Zusammenarbeit wurde beidseitig bisher weder angesprochen, noch steht sie derzeit im Raum.“

Es habe „mitunter kritische Fanreaktionen“ gegeben, sagt Valentini. Das Problem der Preistreiberei, die Fans anderer Vereine Viagogo immer wieder vorwerfen, scheint sich aber nicht zu stellen – oder, wie es die Sprecherin ausdrückt: „Bei einer Stadionauslastung von 85 Prozent in der Saison 2012/13 war und ist nach heutigem Stand die Kritik im Sinne der Vorurteile beim 1. FC Nürnberg nicht gegeben.“

Viagogo ist in Nürnberg nur Ticketbörse und erhält nach Angaben des Klubs kein Kartenkontingent für den Erstverkauf. Der Aufschlag sei auf maximal 100 Prozent des eigentlichen Ticketpreises gedeckelt. Es kann jedoch auch weniger sein: „Die Deckelung ist in Absprache mit uns dynamisch anwendbar“, sagt Valentini. Ein Durchschnittswert für die vergangene Saison sei nicht ermittelt worden.

Die Aussteiger

VfL Wolfsburg

Von einer echten Partnerschaft wie bei den anderen Klubs der Bundesliga, die sich mit Viagogo zusammengetan haben, kann beim VfL Wolfsburg eigentlich nicht die Rede sein. Zwar finden sich die Niedersachsen in der Viagogo-Eigenwerbung in einer Reihe mit den restlichen Kooperationspartnern. Doch Viagogo ist in Wolfsburg weder offizielle Ticketbörse noch erhält das Unternehmen ein Kartenkontingent.

„Es wurde während der vergangenen Saison nur in unserem Stadion Bandenwerbung gebucht. Allein darauf bezog sich die Zusammenarbeit“, sagt VfL-Geschäftsführer Thomas Röttgermann. Nun trennen sich die Wege – allerdings geräuschloser als auf Schalke oder in Hamburg. „Eine Verlängerung wäre für Viagogo nur infrage gekommen, wenn wir auch Kartenkontingente zur Verfügung gestellt hätten. Das aber wollten wir nicht“, sagt Röttgermann im Interview.

Bundesliga-Vereine gehen auf Zweitmarkt eigene Wege

Wolfsburg geht nun eigene Wege: „Wir arbeiten an einer eigenen Tauschbörse, die wir in Eigenregie betreiben werden“, sagt der VfL-Geschäftsführer. Die Gebühren sollen „geringfügig“ ausfallen. Zielgruppe seien vor allem Dauerkartenbesitzer. Möglicherweise würden sich auch andere Vereine beteiligen. Namen nennt Röttgermann nicht.

Die Rückzieher von Schalke und dem HSV kommen für Röttgermann wenig überraschend. Er hält die Fanproteste für ausschlaggebend: „Es wurde offenbar unterschätzt, dass Fans sensibel sind hinsichtlich der Frage, ob ihr Klub einen kommerziellen Weiterverkauf der Tickets mit zum Teil beträchtlichen Preisaufschlägen unterstützt.“

Bayern München

Quelle: PR

Noch darf Viagogo-Manager Steve Roest mit dem deutschen Rekordmeister und Triple-Sieger Bayern München werben. Das dürfte bald vorbei sein. Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat bereits im letzten Jahr angekündigt, dass die Partnerschaft nicht verlängert werde – Medienberichten zufolge ärgerte er sich darüber, dass beim letztjährigen Champions-League-Finale in der Münchener Allianz Arena Karten zu horrenden Preisen bei Viagogo zu finden waren.

Der Fan-Widerstand hält sich in München in Grenzen. Denn die Karten dürfen nur ohne Aufschlag zum Originalpreis verkauft werden. Auch erhält Viagogo kein eigenes Kontingent. Eine Smartphone-App, die Viagogo in diesem Frühjahr konzipierte und eigenmächtig mit Bayern-Branding auf den Markt brachte, dürfte die Stimmung nicht gerade verbessert haben.

Aktuell äußern sich die Bayern zu ihrem Ticketpartner nicht mehr, die App wurde nach wenigen Tagen wieder einkassiert. Wie in Wolfsburg gibt es offenbar Überlegungen, eine Tauschbörse in Eigenregie aufzubauen.

Die Zweifler

FC Augsburg

Der FC Augsburg war für Viagogo immer eine Bank. Wenn sich Widerstand regte, war Finanzgeschäftsführer Peter Bircks stets zur Stelle, um gegenzuhalten. Die Argumentation der Klubführung: Wie soll man den Klub finanziell stabil und sportlich konkurrenzfähig halten, wenn man nicht einmal legitime Geldquellen wie Viagogo nutzen darf? Den Gegnern wirft Klubchef Walther Seinsch „dogmatische Gründe“ vor – sie seien ohnehin in der Minderheit, sagte er der „Augsburger Allgemeinen“.

Ganz so unbedeutend ist die Gruppe derjenigen offenbar nicht, die den Ausstieg fordern. Die Klubführung musste einwilligen, am 8. August eine außerordentliche Mitgliederversammlung abzuhalten, die sich mit dem Thema Viagogo beschäftigt. 1.000 Stimmen wurden dafür unter den Mitgliedern gesammelt. Am Ende soll über die Fortführung der Kooperation abgestimmt werden. Wegen der Brisanz könnte die Presse bei der Versammlung ausgeschlossen sein, teilte der Klub dem Wall Street Journal Deutschland mit.

Augsburg überlässt Viagogo bei Heimspielen ein Kartenkontingent in dreistelliger Höhe. Tickets dürfen mit einem Preisaufschlag von bis zu 100 Prozent gehandelt werden – der Klub wird daran und auch an den Gebühren prozentual beteiligt. Das Geld solle dazu beitragen, die Nachwuchsarbeit zu finanzieren.

Trotz des hehren Ziels wackelt die Partnerschaft. Die Chefetage teilt zwar mit, „dass die Mitgliederversammlung kein Weisungsrecht gegenüber dem Vorstand hat, sodass eine mögliche Abstimmung zu diesem Thema als Empfehlung zu sehen, daher aber nicht bindend ist“. Gleichwohl werden schon Vorbereitungen getroffen für einen Abschied: „Bereits im Vorfeld der außerordentlichen Mitgliederversammlung haben beide Seiten in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe begonnen, mögliche adäquate Alternativen zu entwickeln.“

Hannover 96

In Hannover kochten die Fanproteste nicht ganz so hoch wie auf Schalke und in Hamburg, waren aber dennoch spürbar. Auch bei Hannover 96 ist ein Preislimit vereinbart worden, das 100 Prozent über dem Normalpreis liegt. „Bei uns war es keine wirtschaftliche Frage, die Partnerschaft einzugehen. Es ging und es geht um die Bekämpfung des Schwarzmarktes“, sagt Klubpräsident und 96-Geschäftsführer Martin Kind.

Ein Jahr des über zwei Jahre laufenden Vertrages ist vorüber, nun beginnt die zweite Halbzeit. Und allem Anschein nach hat Viagogo wenig Aussichten auf eine Fortsetzung der Partnerschaft. „Ob Viagogo der richtige Partner ist, kann man diskutieren. Eine mögliche Vertragsverlängerung ist im nächsten Jahr zu entscheiden. Unsere Grundhaltung ist jedoch deutlich defensiv“, sagt Kind dem Wall Street Journal Deutschland.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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