Fans stecken die Bundesliga in die Tasche

Kleines Geld, großes Kino: Noch nie war Fußball so günstig und einfach zu erleben. Die Medienkonzerne kontern sich aus – es profitiert der mobile Fan.

13 Millionen Fans können nicht irren: Sie machten in der letzten Saison 2012/13 vor, wie man die Fußball-Bundesliga man allerbesten erlebt: Live und im Stadion. 13.043.790 Menschen feierten oder litten mit ihren Klubs – oder plauschten in der VIP-Lounge. Authentischer jedenfalls geht es nicht.

Zugegeben: Nicht immer ist es drin, den Rasen zu riechen. Doch wer in der am 9. August angepfiffenen Saison nach Alternativen zum Stadionbesuch sucht, wird medial besser bedient denn je: Rund um die Bundesliga-Übertragung ist ein Rennen um Aufmerksamkeit ausgebrochen, das es so noch nie gegeben hat in der 50-jährigen Geschichte des Spektakels.

Vor allem der Pay-TV-Sender Sky Deutschland, daneben die ARD und neuerdings Axel Springer buhlen mit Bewegtbildern um Aufmerksamkeit. Der Neuzuschnitt der TV-Rechte, der die Rekordsumme von jährlich 628 Millionen Euro für die Klubs einspielt, beschert den Fans eine nie dagewesene Auswahl und Flexibilität, stets am Ball zu bleiben.

2013 ist das Jahr, in dem die Bundesliga laufen lernt: Über neue Internet- und Mobilfunk-Angebote lässt sich per Smartphone und Tablet inzwischen in annehmbarer Qualität Fußball gucken. Der Ausbau schneller Netze treibt die Entwicklung. Jene Sender und Verlage, die der Deutschen Fußball Liga die Rechtepakete abgekauft haben, grätschen schon vor dem Erstligastart um die Kundschaft. Folge: Preise sinken, starre Abo-Modelle bröckeln, der Nutzer wird mit dem Smartphone in der Hand zu seinem eigenen Programmdirektor.

Fans haben die Qual der Wahl

„Es gibt mehr und mehr Nutzer, für die der Big Screen nicht mehr die hohe Bedeutung hat. Das erkennen die Sender – und reagieren“, sagt Goldmedia-Berater Marcus Hochhaus. „Es zeichnet sich eine fragmentierte Mediennutzung ab. Leute gucken, hören oder lesen zunehmend ‚on demand‘ und die Situation entscheidet, was ihnen gerade angemessen erscheint“, sagt Hochhaus. Die Ironie: Die ab dieser Saison um gut 50 Prozent gestiegenen Rechtekosten sind bei solch hybridem Nutzerverhalten und wachsender Konkurrenz noch viel schwieriger einzuspielen. „Bundesligarechte sind immer ein strategisches Investment. Für den Lizenznehmer ist es kaum möglich, die Kosten mit Fußballinhalten zu refinanzieren“, sagt Hochhaus nüchtern.

Fans kann das egal sein – sie haben die Qual der Wahl. Das Wall Street Journal Deutschland vergleicht die Optionen.

Bundesliga, die Optionen (auf das Foto klicken)

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Samstag 15.30 Uhr, Anpfiff in den Stadien. Fußball-Enthusiasten, die nun wirklich nichts verpassen wollen, haben vermutlich ihren Receiver bei Sky schon bestellt. Unschlüssige bekommen an diesem Wochenende feuchte Hände, weil der Pay-Sender gerade mit einem perfiden Sekunden-Countdown sein Lockangebot im Netz bewirbt: 29,90 Euro im Monat kostet das Abo bis Sonntagabend. Danach wird es 34,90 teuer sein. Laufzeit: Stolze 24 Monate. Eine Investition in die Zukunft, Großaktionär Rupert Murdoch dankt.

Vorteil für die Sky-Kunden: Sie werden zu beliebten Gastgebern. Vielleicht kommen bald sogar einige Ex-Kneipengänger hinzu. Denn manche Gastwirte sind sauer, dass ihnen Sky die Abopreise erhöht hat – und könnten auf Livefußball verzichten. Zum Teil müssten Kneipiers mehrere Tausend Euro mehr pro Jahr für Sky bezahlen, sagte der Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, Stephan Büttner, der Wirtschaftswoche. Gerade kleinere Kneipen in den Bundesligastädten werden nach dem neuen Berechnungsmodell stärker belastet, andere sparen Geld, so der Sender. Ob wirklich viele Wirte abspringen, bleibt abzuwarten.

Sky plant Strategiewechsel

Sky-Abonnenten haben – ohne Mehrkosten – eine weitere Option: Sie dürfen auf das Bundesliga-Vollprogramm über die mobile Anwendung „Sky Go“ zugreifen. Wer also ein Smartphone oder einen Tablet-Computer besitzt und mindestens eine 3G-Mobilfunkverbindung aufbauen kann oder gar WLAN-Zugang hat, nimmt seine Sky-Berichterstattung einfach mit. An den Baggersee, zu Omas Geburtstag oder zur Grillparty: Alle Tore, Einzelspiele oder die Konferenzschaltung, alles live.

Laut Unternehmenssprecher Ralph Fürther wird Sky Go immer wichtiger: „Die mobile Nutzung der Sky-Programme erfreut sich bei unseren Abonnenten überaus großer Beliebtheit. Wir versuchen, unser bestehendes Angebot noch weiter auszubauen.“ Im Jahr 2012 sei die Anzahl der Kunden-Logins um 335 Prozent auf 33,3 Millionen angestiegen.

Noch gibt es Sky Go nicht separat, doch es ist wohl nur eine Frage der Zeit. Sky plant nach Informationen des Wall Street Journal Deutschland einen Strategiewechsel – und will „Sky Go“ separat buchbar machen: „Dies ist geplant. Einen genauen Zeitpunkt für den Launch kann ich Ihnen allerdings noch nicht nennen“, sagt Fürther auf Anfrage.

Eine interessante Alternative bietet die Deutsche Telekom. Die Bonner unterlagen zwar im Rechtepoker im April 2012, schlossen aber umfangreiche Kooperationen mit Sky, um den Stammkunden über „Entertain“ weiterhin die Bundesliga zu präsentieren. Spannend ist vor allem die Telekom-App „Mobile TV“. Jeder Smartphone-Nutzer mit einem Telekom-Tarif kann sie kostenlos laden und anschließend diverse Fußball-Pakete buchen. Darunter: das Sky-Bundesliga-Paket für 12,95 Euro im Monat.

Über diesen Telekom-Umweg, der jedoch nicht im Ausland und nicht per WLAN funktioniert, lassen sich erheblich günstiger die Sky-Liveberichte der Fußball-Bundesligen und Konferenzschaltungen auf Smartphones und Tablets zaubern. Das Datenvolumen, das über 3G oder 4G für das Streaming genutzt wird, knabbert nicht am Inklusivvolumnen des Mobilfunktarifs. Weiterer Pluspunkt: Man kommt zu jedem Monatsende wieder aus dem Deal heraus.

Radio bleibt reizvolle Option

Der Preispunkt von 12,95 dürfte ein Indiz sein, in welchen Dimensionen ein abgekoppeltes Sky-Go-Produkt landen könnte. Noch in der vergangenen Saison bot die Telekom ein vergleichbares Mobilfunk-Angebot für fünf Euro weniger an. Es ist davon auszugehen, dass die Preisanhebung auch im Zuge der Kooperationsverhandlungen mit Sky besprochen worden ist. Telekom und Sky könnten sich auf diesem Gebiet schließlich bald Konkurrenz machen.

Eine weitere reizvolle Live-Option, die immer geht: Radio. Zum einen ist die legendäre UKW-Bundesligakonferenzschaltung der ARD-Funkhäuser am Start – und über diverse Streaming-Apps ist sie auch auf dem Smartphone zu hören. Doch eine für Hörfunk-Fans wohl noch attraktivere Option bietet der neue Münchner Digitalsender Sport1.fm, der zu Constantin Medien gehört.

Quelle: Sport 1

Alle Spiele in einer Vollreportage oder wahlweise auch Konferenzschaltung lassen sich hier gratis verfolgen. Eine Smartphone-App erlaubt bequemes Manövrieren. Sport1 tritt in dieser Saison die Nachfolge des beliebten Webradios 90elf aus Leipzig an, das das Format entwickelt hat, aber in der Hörfunkrechteauktion den Münchenern unterlag. Vorteil für Fans: Im Gegensatz zu 90elf ist sport1.fm in dieser Saison über alle Verbreitungswege kostenlos zu empfangen. Auch zehn Moderatoren und Kommentatoren von 90elf sind zu sport1.fm gewechselt. Wer sich auf den DAB-Standard eingeschossen hat, findet die sport1-Berichte der Erst- und Zweitligaspiele an jedem Spieltag auch im Programm von Energy DAB+ im Konferenzmodus.

Nach Abpfiff haben Fans neuerdings eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die Zeit bis zu den ersten Gratis-Berichten der ARD-Sportschau (ab 18.30 Uhr) zu überbrücken. Die Sportschau lockt mit ihren sechs- bis 15-minütigen Spielzusammenfassungen regelmäßig fünf bis sechs Millionen Zuschauer.

Diverse Klub-TV-Sender, BildPlus und – wie gestern bekannt wurde – auch „Sky Sport News HD“ bieten sich bereits vor 18.30 Uhr an. Hier wird es spannend zu beobachten sein, welche Konzepte ziehen und welche nicht. Ihnen ist gemeinsam: Eine mehr oder weniger kleine Bezahlschranke gibt es überall, so will es die DFL.

Springer betritt die Bundesliga-Bühne

Direkt nach Abpfiff haben die Klubs das Recht, ihre gerade beendete Partie im sogenannten „Re-Live“ ins Netz zu stellen. Die 90 Minuten starten „on demand“ von vorne, während die Spieler noch unter der Dusche stehen. Der Klub-TV-Service ist je nach Verein unterschiedlich. Häufig kostet er um die fünf Euro im Monat (bei längeren Laufzeiten meist weniger) und richtet sich freilich vor allem an die eigenen Anhänger. Einen kompletten Überblick über das Spieltagsgeschehen bietet ein Klubsender nicht. Auch die Deutsche Telekom, die zehn Klubs technisch und werblich unterstützt, darf aufgrund eines Bündelungsverbots der DFL nicht mehr als zwei Vereine auf ihren TV-Plattformen präsentieren. Die Wahl fiel auf die Sender „BVB Total“ und „HSV Total“ – sie sind entsprechend auch per Mobile TV für 4,95 im Monat zu empfangen.

Axel Springer betritt am 5. August die Bundesliga-Bühne – der Launch des Digitalprojektes „Bundesliga bei Bild“ soll die Massen ans Kassenhäuschen gewöhnen. Für unbestätigte 20 Millionen Euro erwarb der Verlag das Recht, bis zu sechsminütige Spielzusammenfassungen ab 18.20 Uhr zu zeigen, also immerhin kurz, bevor die Sportschau beginnt. Jedes internetfähige Gerät kann bespielt werden, das Motto bewirbt Springer plakativ: „Nur die Spiele und Tore, die du sehen willst – wann, wo und so oft du willst“. 7,98 Euro kostet es im Monat, den Ball hinter Springers Bezahlschranke rollen zu sehen. 2,99 für den Zutritt in den Bundesliga-Bereich und mindestens 4,99 für das obligatorische Bildplus-Abo.

Quelle: Axel Springer

„Die Bundesligarechte sind ein wichtiger Baustein in unserer Strategie, attraktive Paid-Content-Modelle zu etablieren“, sagt Jan Wachtel, Mitglied der Geschäftsleitung bei Bild Digital. „Wir sind kein Fernsehsender, wir machen Internetberichterstattung, bei der jetzt Bewegtbilder unsere Inhalte ergänzen.“ Schon während des Spiels sollen Nutzer in der Bild-Bundesliga-Welt surfen: „Wir probieren, die Leute auch schon ´live´ während der Spiele abzuholen – etwa über Abstimmungen während des Spiels, den Live-Ticker, Tweeds der Vereine oder der Bild-Reporter sowie aktuellen Spielfotos“, sagt Wachtel. „Es ist ein großes Experiment.“

Das gilt umso mehr, als jetzt Sky mit einer neuen App – günstiger und früher als Bild – auf den Plan tritt. Schon ab 17.20 Uhr können die Höhepunkte der gerade beendeten Partien auf dem iPhone oder iPad angeschaut werden: Erstmals braucht man dafür kein reguläres Abo, sondern nur ein Apple-Konto. Das gestern im App Store gelaunchte Angebot „Sky Sport News HD“ bietet für 4,49 Euro im Monat den Zugriff auf den Livestream des Sportnachrichtensenders. Darin seien „bereits unmittelbar nach Abpfiff alle Tore des aktuellen Bundesligaspieltags zu sehen“, sagt Senderchef Roman Steuer. Gleiches gelte für den DFB-Pokal und Spiele der Champions League.

Bild-Clips am Montag gratis

Nicht möglich ist es jedoch, mit der App wie beim Bild-Angebot bestimmte Spiele gezielt anzusteuern. Es handelt sich um ein lineares Programm, wobei die Tore auch zu späteren Zeitpunkten wiederholt werden, wie ein Sky-Sprecher bestätigt. Ein Angriff auf Bild ist die Sky-Offerte allemal.

DFL: Sky-App wirft Fragen auf

Die DLF sieht sich nach der Veröffentlichung der App „Sky Sport News HD“ in Erklärungsnot. Die Frage, ob Sky mit der Veröffentlichung, die bereits vor Monaten angekündigt war, den Springer Verlag unzulässig stark beeinträchtigt, wird hinter den Kulissen heftig diskutiert. Am 1. August entschloss sich die DFL, eine beschwichtigende Pressemitteilung herauszugeben: „Die jeweiligen Berechtigungen sind in den unterschiedlichen Rechtepaketen klar geregelt. Es gibt keine vertragliche Grundlage, auf deren Basis Sky vor oder nach Axel Springer ein identisches Produkt – on demand einzeln abrufbare Pay-Highlight-Clips der Spiele der Bundesliga und 2. Bundesliga anbieten könnte.“ Im Umkehrschluss: Solange keine Bezahlclips einzeln abrufbar sind, ist alles ok. Da die Sky-App nur einen linearen Livestream abspielt, dürfte sich nach dieser Lesart niemand beschweren.

Tags darauf, am 2. August, schoss die DFL eine zweite Mitteilung hinterher. Sie klang weniger entspannt. „Die Medienpartner der Bundesliga haben im Rahmen der Ausschreibung klar definierte Rechte erworben. Dies gilt auch für das exklusive Recht von Axel Springer. Alle Pakete enthalten bestimmte Berechtigungen, aber auch Grenzen, die die jeweiligen Exklusivitäten sicherstellen sollen. Diese Grenzen sind von allen Rechte-Inhabern einzuhalten. Das Angebot einer separat buchbaren App, die möglicherweise unmittelbar nach Abpfiff alle Tore des aktuellen Spieltags beinhaltet, wirft in dieser Hinsicht einige Fragen auf. Die DFL wird in dieser Angelegenheit kurzfristig im Dialog mit den Beteiligten eine Klärung herbeiführen.“ Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung stellt sich die Frage, ob Sky überhaupt Rechte besitzt, die Tore in seinem Nachrichtenkanal direkt nach Abpfiff zu zeigen.

Sky ist als Erwerber der Live-Rechte der wichtigste Geldgeber der Liga und zahlt rund 97 Mal mehr für seine Rechte (laut Sky 485,7 Mio. Euro pro Saison) als der Axel Springer Verlag (geschätzt 5 Mio. Euro pro Saison).

Wer die Tore nun immer noch nicht gesehen hat, die Sportschau schwänzt, das ZDF-Sportstudio verschläft und am Sonntagmorgen um 9.30 Uhr zu Zeiten des Sport1-Torfestivals „Bundesliga Pur“ lieber joggt, dem kann geholfen werden: Die Bild-Highlight-Clips rutschen am Montag Punkt Mitternacht in den Gratisbereich.

Spätestens also im Büro am Montagmorgen – oder auf der Fahrt dorthin – kann man seine Wochenend-Favoriten noch einmal jubeln oder untergehen sehen. Sollte das bundesweit zur Routine werden, käme Springer vielleicht über Werbeeinnahmen auf seine Kosten.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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